Wilde Motorik und Kantabilität – Yuja Wang spielt Samuel Barbers Klavierkonzert
Von Daniel Ender
29.07.2026
Sommernachtskonzert 2019: Gustavo Dudamel dirigiert die Wiener Philharmoniker im Schlosspart Schönbrunn bei einem Best of Classics mit amerikanischem Schwerpunkt und Musik unter anderem von Leonard Bernstein, George Gershwin und Samuel Barber. Fulminante Solistin ist Yuja Wang, die ein besonderes Faible für die neue Welt besitzt, nicht nur, weil sie dort studiert hat und bis heute in New York lebt. An diesem Abend spielt sie Gershwins Rhapsody in Blue, von Barber erklingt sein „Adagio for Strings“, ein Dauerbrenner in den Klassik-Playlists und nicht nur sein meistgespieltes Stück, sondern sein einziges, das es weltweit zu breiterer Bekanntheit gebracht hat. Dabei gibt es von ihm auch manch anderes Entdeckenswertes. Dass Yuja Wang sich seiner Musik nahe fühlt, zeigte sich zuletzt bei der Gesellschaft der Musikfreunde, als sie im Juni 2024 Barbers Klaviersonate in es-Moll, op. 26, aufs Programm setzte. Der „Kurier“ schwärmte damals von einem „Feuerwerk funkelnder Virtuosität“. 2026 hat sie auch sein Klavierkonzert in ihr Repertoire aufgenommen – Grund genug, einen genaueren Blick auf diesen bekannten Unbekannten zu werfen, der verblüffende Beziehungen auch nach Wien zutage fördert.
Samuel Barber war der Inbegriff eines amerikanischen Komponisten, schrieb Musik von emotionaler Unmittelbarkeit, die modern genug für das 20. Jahrhundert wirkte – aber gleichzeitig traditionell und eingängig genug für breite Rezeption: kommunikativ, tonal orientiert, dabei reizvoll und abwechslungsreich. Hochgebildet, erfolgreich und gleichzeitig publikumsnah, verkörperte er den Typus eines kultivierten, nicht elitären Künstlers. Sein „Adagio for Strings“ wurde zu einem der weltweit meistgespielten Stücke der „klassischen“ Moderne – und in den Vereinigten Staaten zu einer nationalen kollektiven Trauermusik, die seit den Trauerfeierlichkeiten nach der Ermordung John F. Kennedys bei zahlreichen anderen nationalen Anlässen gespielt wurde und dadurch seit Langem einen festen Teil des kulturellen Gedächtnisses der USA bildet.
Gleichzeitig jedoch war Samuel Barber (1910–1981) tief in der europäischen Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwurzelt – besonders in jener von Johannes Brahms, Gustav Mahler, Jean Sibelius und Giacomo Puccini. Und auch biographisch waren seine Verbindungen zu Europa denkbar eng: Sein Lebensgefährte, der Opernkomponist Gian Carlo Menotti, stammte aus der Lombardei, und Barbers so „amerikanisches“ „Adagio“ entstand 1936 ausgerechnet am Wolfgangsee im Salzkammergut! Ein Jahr später erklang Barbers Erste Symphonie in einem Satz unter dem Dirigat von Artur Rodziński bei den Salzburger Festspielen.


Das Klavierkonzert von Samuel Barber scheint wie geschaffen für Yuja Wang.
Davor hatten den jungen Musiker, der auch eine Zeit lang als Sänger aktiv war, bereits mehrere Reisen nach Europa geführt, insbesondere nach Italien, aber auch immer wieder nach Wien. Hier lebten Barber und Menotti im Winter 1933/34 im Haus von Henriette von Motesiczky am Brahms-Platz im vierten Bezirk und befanden sich mitten in einer bis dahin lebendigen kulturellen Tradition. Henriettes Vater hatte tatsächlich noch gemeinsam mit Johannes Brahms musiziert, ihre Tochter Marie-Louise von Motesiczky war eine erfolgreiche bildende Künstlerin und porträtierte die beiden Gäste. Barber hielt den herzlichen Kontakt zur Familie auch nach ihrer Emigration nach London aufrecht.
Doch bereits in frühen Jahren in der amerikanischen Heimat ergaben sich vielfältige Verbindungen zu „Good Old Europe“. Das Wunderkind Samuel Barber, das bereits im Alter von sieben Jahren komponierte, studierte ab 1924 – also seit dem Alter von 14 Jahren – am Curtis Institute of Music in Philadelphia Klavier bei Isabelle Vengerova und Komposition bei Rosario Scalero, einem gebürtigen Italiener, der bei Eusebius Mandyczewski, dem Brahms-Freund sowie Lehrer und Archivar bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, studiert hatte. Auch Isabelle Vengerova hatte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde studiert – bei Josef Dachs –, außerdem privat bei Theodor Leschetizky. In Wien war sie mit Arthur Schnitzler befreundet, in Philadelphia gehörte sie zu den Mitbegründer:innen des Curtis Institute, an dem beispielsweise auch Leonard Bernstein studierte.
Ein Menschenleben später kam eine junge chinesischstämmige Musikerin, die zunächst das Musikkonservatorium in Peking besucht hatte und ein Jahr lang am Mount Royal College im kanadischen Calgary ausgebildet worden war, ans Curtis Institute: die fünfzehnjährige Yuja Wang. Ihr dortiger Lehrer war Gary Graffman, der einst selbst an derselben Schule gelernt hatte, an der er im Jahr 1936 als Siebenjähriger aufgenommen worden war. Seine Lehrerin war Isabelle Vengerova.
„Ein überschwänglich romantisches, durch und durch klavierorientiertes Werk, das in einer tonal zentrierten Sprache mit peripheren Tonalitätsbereichen angesiedelt ist, mit thematischen Phrasen, die sich in einer diachromatischen Modalität entfalten und kadenzartig in Dreiklangformationen auflösen.“ So beschrieb Nicolas Slonimsky in seinem Kompendium „Music Since 1900“ Samuel Barbers Klavierkonzert, das am 24. September 1962 während der Eröffnung des Lincoln Center New York uraufgeführt wurde. Dirigent war der gebürtige Wiener Erich Leinsdorf, Solist der Amerikaner John Browning.
Der erfolgsverwöhnte Komponist erhielt für sein Werk einen Pulitzerpreis, der Pianist bekam dann drei Jahrzehnte später einen Grammy für seine zweite Einspielung des Klavierkonzerts und einen weiteren für eine Aufnahme von Barbers Soloklavierwerken. Browning war es auch, der das Stück am 20. Februar 1968 erstmals im Musikverein vorstellte, als Josef Krips die Wiener Symphoniker dirigierte. Wenn Yuja Wang im Oktober das Podium des Großen Musikvereinssaals betritt, erklingt Barbers Konzert hier seither wieder zum ersten Mal!
Die wilde Motorik, die spielerische Lust am Durcheinanderwirbeln der Einfälle, die Vielfalt der Charaktere und nicht zuletzt die Kantabilität: All dies scheint wie geschaffen für Yuja Wang, deren Wege sie zum Glück des Publikums unter anderem auch immer wieder nach Wien führen.
Wiener Symphoniker
Petr Popelka | Dirigent
Yuja Wang | Klavier
Ernst von Dohnányi
Symphonische Minuten, op. 36
Samuel Barber
Konzert für Klavier und Orchester, op. 38
Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur, op. 61