Glück im Klang – Die Wien-Gastspiele der Berliner Philharmoniker aus der Sicht eines Musikers
Von Klaus Wallendorf
09.04.2026
Als während einer öffentlichen Fördererprobe bei den Salzburger Osterfestspielen in den 1990er Jahren Claudio Abbado die Behauptung aufstellte, das (Berliner Philharmonische) Orchester werde immer besser, sorgte diese an sich erfreuliche Bewertung bei uns Älteren für Irritation, denn sie war uns Jahrzehnte zuvor bei Dienstantritt von den damals Älteren auch schon eingeschärft worden, sodass wir uns bange fragten: Wohin soll diese Entwicklung noch führen? In einer durch 144 Jahre von sieben Chefdirigenten verantworteten, unaufhörlichen Qualitätssteigerung sind die Berliner Philharmoniker nun unter Kirill Petrenko und seinem Stab zu einer Bestform gelangt, die sogar weitere Auftritte im Wiener Musikverein ermöglichen, wie das bevorstehende Konzert am 2. Mai 2026 neuerlich beweist. Um den unzählbaren seit 1925 hier hinterlassenen ernsten und erhabenen Noten eine heitere hinzuzufügen, darf ich um Aufmerksamkeit für folgende Notizen bitten:
„Muss ein Berliner Hornist sein Instrument vor einem Gastspiel im Musikverein ‚wienern‘?“, lautet die erste Frage, die mir eine Eintragung in meinen 47 Jahre alten philharmonischen Terminkalender wert war und nun als Sottise in den vorliegenden Textbeitrag geraten ist.
Am 2. Mai 1982 – zwei Jahre nach meinem Orchestereintritt – steht vermerkt, dass mich R. in Schwechat abholte, wir den späten Vormittag in der Wohnung des russischen Ikonenrestaurators Д. und die restlichen Stunden vor der Orchesterprobe zusammen mit M., Burgbesitzer und Linguist aus der Wollzeile, im Café Diglas verbrachten.
Nach flüchtiger Durchsicht aller Terminbüchlein lässt sich bereits feststellen, dass gastronomische Treffpunkte weitaus häufiger als andere Kultstätten darin Erwähnung finden. So durchplauderten wir auch den Nachmittag des 3. Mai im erwähnten Kaffeehaus und wechselten nach der Aufführung von Mahlers Neunter Symphonie im Musikvereinssaal zu „Oswald und Kalb“ in die Bäckerstraße, vielleicht um nachzusehen, ob Helmut Qualtinger sich dort von seinen Gastspielen in Berlin erholte. Denn auch da gibt es liebenswerte Cafés, Restaurants und Kneipen, man muss sie nur gründlicher suchen als in Wien, um nicht an Gastronomen zu geraten, die nach dem Prinzip bewirten: „Es ist alles da, es muss ja nicht auch noch schmecken.“
„Vorherrschender Eindruck bleibt ein überwältigender Spielgenuss in jenem märchenhaften Schuhkarton, der dank seines akustischen Wohlverhaltens die Entstehung von Sternstunden fördert.“
Der Wiener Schriftsteller Egon Friedell schrieb einst: „In Wien bekommt man, genau genommen, in allen Restaurants nur Gulasch zu essen, aber es schmeckt immer anders. In Berlin bekommt man alles, was es gibt: Austernpastete, warme Hummer, Ananascreme, gebratene Trüffel – aber es schmeckt alles wie Sülzkotelett.“
Egon Friedell war – bekanntlich? – zu seiner Zeit einer der angesehensten Wiener Kulturphilosophen und wie so viele seiner Zunftgenossen häufig unterwegs zwischen den beiden Hauptstädten, auf einer auch heute wieder vielbefahrenen Ameisenstraße der Kunst- und Geisteswelt.
Obwohl als Musiker angereist, notierte ich jahrzehntelang kaum etwas darüber, wie es sich im Goldenen Saal des Musikvereins musizieren lässt, weiß aber noch sehr gut, dass sich infolge chronischer Glückseligkeit meine Ohren selten so wohl und heimisch gefühlt haben wie in dieser „Herzkammer abendländischer Symphonik“, glaube mich aber zu erinnern, dass Herbert von Karajan uns bei unverminderter Klangintensität zu einer gebäudeschonenden Musizierweise anhielt. Vorherrschender Eindruck bleibt ein überwältigender Spielgenuss in jenem märchenhaften Schuhkarton, der dank seines akustischen Wohlverhaltens die Entstehung von Sternstunden fördert und selbst unsere Hornkickser mit der Aura der Einmaligkeit adelt.
Anstelle ausufernder Schwärmereien kritzelte ich damals lieber kryptische Bemerkungen wie „OK“ oder „O weh“ als Konzertkommentare in mein Büchlein und vermerkte dafür rätselhafte Details wie „Lammkeule“, „Sprache der Hopi“ oder „Phonologenabend, unverständlich“.
„Die Sprache der Hopi“ – die anscheinend zu den seltsamsten der Welt gehört – hat mit unseren Wien-Gastspielen weiß Gott nichts zu tun, geriet aber genau aus diesem Grunde in meine Aufzeichnungen, da mich gerade auf Gastspielreisen Begegnungen mit außermusikalischen Zunftvertretern durchweg mehr interessierten als die oft ermüdend eindimensionalen, kollegialen Fachsimpeleien über Bogenstriche oder gar das Charisma Claudio Abbados, nach dessen Amtsantritt Ende 1989 auch die Welt außerhalb der Konzertsäle eine andere geworden war. Im ehemaligen Niemandsland um die Berliner Philharmonie herum wuchsen die Baukräne; Claudio – der geduzt werden wollte – war angetreten, Karajans gestalterisches Vermächtnis auf der Grundlage eigener Vorstellungen in eine philharmonische Neuzeit zu überführen und beispielsweise die Anzahl der Streicher bei Beethovens Symphonien zu verringern. Durch die Verschlankung der Besetzungen konnten nun mehr Mitgereiste als früher ihren touristischen Neigungen nachgehen. Ich selbst erweiterte meine Besuchsziele um die Orte Pitten oder Edlitz/Grimmenstein und feierte unsere anhaltenden Triumphe nun auch im Gmoakeller, im Mnozil oder im Café Engländer.

Hier lernte ich – ganz im Geiste des englischsprachigen Vokabulars, das mit Beginn der Ägide Simon Rattle um sich griff – den Begriff „hurricane“ als Lernhilfe zur wienerischen Aussprache des Wortes „Heurigen“, das uns Edelpiefkes ebenso ergötzte wie H. C. Artmanns Schreibweise „Fahrradlberg“ – dessen korrekt österreichische Aussprache das Land Vorarlberg zum Fahrschein … nein, zum Vorschein brachte.
Die meiner Einschätzung nach entbehrliche Frage, welches unserer beiden Orchester das bessere sei und ob wir diese nachvollziehbare Rivalität als bedrohlich oder eher als bereichernd empfinden, spielt angesichts des überwiegend freundschaftlich-kollegialen Austausches wohl keine Rolle, führte aber zu einer Anzahl von Ensemblegründungen nach dem Grundsatz „Wenn du deine Konkurrenten nicht bezwingen kannst, musst du dich mit ihnen zusammenschließen“. Die Erfolgsgeschichte des „Ensemble Wien–Berlin“, der „Philharmonix“ oder der Formation „The Philharmonic Brass“ dürfte die Tragfähigkeit dieser These untermauern. Auch wir Hornisten wären eine gesuchte Mischformation, wenn die Dienstpläne mehr Zeit für die Akquise ließen. Hervorheben möchte ich noch die „Wiener Virtuosen“, in deren inzwischen geschlossenen Reihen ich während der Proben zu ihren Faschingskonzerten hinter die Geheimnisse des Wiener Nachschlags zu kommen versuchte. Dieser Nachschlag ist – als rhythmisches Gestaltungselement, das man jenseits der Wiener Stadtgrenzen nicht erlernen kann – unverzichtbarer Bestandteil der völkerverbindenden Theorie, wonach in den ehemaligen Kronländern in jeder musikbegeisterten Familie neben der Mama, dem Papa, dem Opapa und der Omama noch ein quasi Musikbeauftragter saß, das war der „Umpapa“.
Nachschläge füllen die Lücken im Walzertakt, und lückenhaft muss auch diese kleine philharmonische Kaminplauderei bleiben, die wir mit einem Mundartgedicht aus der 1970 erschienenen Sammlung „Wiener Panoptikum“ des Wiener Schriftstellers Ernst Kein ausklingen lassen:
fois se a fremda san
und noch wean kuman
daun schdeigns glei
aum schdefansduam auffe
und schauns owe aum grom
aufs rodhaus und
auf di wotiefkiachn
und dauun ume zum koenbeag
zua daunau und zum risnral
und wauns des dau haum
schdeigns owa fon schdefansduam
und foans gschwind
wiida ham
Berliner Orchesterwart: „Dit könnte euch so passn, wir komm’ wieda!“ (Alle ab)
Samstag, 2. Mai 2026
Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko I Dirigent
Gautier Capuçon I Violoncello
Igor Strawinsky
Pulcinella. Suite für Orchester
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester, op. 33
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 2 D-Dur, op. 36