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Die Kunst des Zuhörens – Das West-Eastern Divan Orchestra im Porträt

© Manuel Vaca
Zubin Mehta dirigiert kurz vor seinem 90. Geburtstag im Musikverein das West-Eastern Divan Orchestra, das vor einem Vierteljahrhundert im Zeichen der Völkerverständigung gegründet wurde. Christiane Peitz über ein Ensemble, das angesichts der aktuellen Zuspitzungen im Nahen Osten mehr denn je um seinen Auftrag, seine Arbeitsweise und seinen inneren Zusammenhalt ringt.

Von Christiane Peitz

19.01.2026

Zuhören können, das klingt so einfach. Dem anderen ungeteilte Aufmerksamkeit widmen, ohne gleich zu erwidern, und die eigene Stimme dann nicht über die Maßen erheben – es ist eine hohe Kunst.
Kaum ein Ensemble pflegt diese Kunst so sehr wie das West-Eastern Divan Orchestra. Gegründet wurde es 1999 von Daniel Barenboim und seinem Freund Edward W. Said. Der argentinisch-israelische Pianist und Dirigent und der palästinensische Intellektuelle, der bis zu seinem Tod 2003 nicht müde wurde, gleiche Rechte für Israelis und Palästinenser zu fordern – sie teilten eine Utopie. Nicht dass Musik den Nahostkonflikt beenden könnte, aber dass Musizieren eine bessere Verständigung ermöglicht.
Zuhören als Anfang vom Ende des Kriegs, Musik als gemeinsame Basis: Beim West-Eastern Divan Orchestra teilen sich israelische, palästinensische und andere arabische Musikerinnen und Musiker die Pulte. Junge Menschen aus Israel, Palästina, Syrien, Libanon, Iran, Jordanien, Ägypten – oft sind es verfeindete Länder.
Auch „große Musik ist das Ergebnis intensiven Zuhörens“, sagte Maestro Barenboim einmal.  Ja, große Musik. Der künstlerische Anspruch ist ebenso hoch wie die menschliche Herausforderung. Ob sie Beethoven spielen, Schubert oder Tschaikowskij, immer ist da dieses utopische Moment, eine besondere Empathie, die den Klangkörper zusammenhält. Sie speist sich aus der schier verzweifelten Hoffnung, dass der Friede in Nahost nicht in immer weitere Ferne rückt.
Die Energie, die von Barenboim seit einem Vierteljahrhundert angefachte Passion, ist dabei mit Händen zu greifen, sei es bei dem allen politischen Widrigkeiten abgetrotzten Konzert 2005 in Ramallah, sei es bei den zahllosen Auftritten in internationalen Konzerthäusern. Das Orchester spielte auch in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, bei den Vereinten Nationen, in Doha oder Abu Dhabi.

Angefangen hatte es als Experiment. Als Workshop in Weimar, nach einer Anregung von Bernd Kauffmann, dem Programmverantwortlichen für die Europäische Kulturhauptstadt 1999. Der Dichterfürst Goethe und das KZ Buchenwald, die Kulturnation und die deutsche Barbarei liegen in Weimar dicht beieinander. Das brachte Barenboim auf die Workshop-Idee – und trug dem Orchester seinen Namen ein, nach Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Die Teilnehmenden waren um die 20 Jahre alt, sie stammten aus der gleichen Konfliktregion, mit unterschiedlichen Biographien und Traumata. Gemeinsam besuchten sie Buchenwald.
Seitdem trifft man sich mindestens einmal im Jahr zu Proben, geht auf Tournee und spielt im Sommer in der Berliner Waldbühne. „Wir nennen uns Musiker, nicht Mitglieder, da unsere Besetzung von Tour zu Tour wechselt und wir aus einem Pool zahlreicher Musiker schöpfen, ohne zwischen ‚Mitgliedern‘ und ‚Nicht-Mitgliedern‘ unterscheiden zu wollen“, erklärt die israelische Bratscherin Tal Riva Theodorou im Gespräch. Ihr Kollege, der palästinensische Klarinettist Jussef Eisa, fügt hinzu, dass das Ensemble sich professionalisiert hat. Anfangs gab es intensivere Probenphasen, „aber am Geist und den Zielen hat sich nichts geändert“.
Das Altersspektrum ist größer geworden. Und es gibt mehr Herkunftsländer. So sind etwa Spanier dabei, seit das Orchester einige Jahre seinen Sitz in Sevilla hatte. Nicht von ungefähr, denn in Andalusien lebten Juden, Christen und Muslime einst halbwegs friedlich zusammen. Heute hat das Orchester an der Barenboim-Said Akademie eine Heimat in Berlin. Die Studierenden aus dem Nahen Osten und Nordafrika können sich fürs Vorspiel bewerben, ebenso wie andere junge Anwärter aus der Region.
Theodorou, seit 2004 dabei, gehört zur ersten Divan-Generation. Sie lebt in Berlin, wo sie bereits studierte. Ihr Großvater überlebte den Holocaust, ihre Eltern sind in Aschkelon zuhause, unweit von Gaza. Eisa, Sohn eines Palästinensers und einer Deutschen, nimmt seit 2009 teil, er ist Mitglied der NDR Radiophilharmonie, hat zahlreiche Verwandte im Westjordanland. Beide gehören dem im Juni gewählten siebenköpfigen Orchesterkomitee an, das unter anderem „Principles“ formuliert hat, eine Art moralischen Kompass.

© Manuel Vaca

Schon der Dialog kann eine Form von Mut sein, heißt es darin. Neben dem Wunsch, bei der Gestaltung des Projekts aktiver mitzuwirken, nennt Jussef Eisa den 7. Oktober 2023 als Auslöser für die Gründung des Komitees. Das Massaker der Hamas und der Krieg in Gaza bedeuteten eine zusätzliche Zerreißprobe. Seitdem versuchen sie, besonders vorsichtig miteinander umzugehen. Workshops zur gewaltfreien Kommunikation helfen dabei sowie Vorträge und Diskussionen.
„Viele von uns trauern um Menschen oder sorgen sich um Familien und Freunde. Deshalb ist es umso wichtiger geworden, dass wir einen sicheren Raum haben, in dem wir unseren Schmerz teilen, zusammen lachen, weinen – oder auch mal streiten können“, sagt Jussef Eisa. Manch einer wolle einfach nur musizieren, andere wollten unbedingt reden. Die Trainings zur gewaltfreien Kommunikation helfen auch dabei, mit solch unterschiedlichen Bedürfnissen umzugehen.
Der in einem intensiven Lernprozess entwickelte ethische Code basiere auf den Ideen von Barenboim und Said, betont Theodorou. Nachzulesen ist der Code auf der Webseite des Orchesters. In Prinzip Nr. 1 ist vom Recht auf Selbstbestimmung die Rede, für Israelis und Palästinenser gleichermaßen, Voraussetzung dafür sei ein Ende der Besatzung.  Auch Barenboim glaubt nicht an eine militärische Lösung des Nahostkonflikts: Die Überzeugung gehört zur DNA des Orchesters. Prinzip Nr. 5 feiert „den Reichtum der vielfältigen kulturellen Hintergründe und Identitäten unserer Mitglieder“.  Das letzte Prinzip: „Wir glauben, dass menschliches Engagement die Welt zu einem besseren Ort machen kann.“ Deshalb hofft das Orchester, dass die musikalische Energie sich auf sein Publikum überträgt. „Wir sind der Beweis dafür, dass verschiedene Wahrheiten, Perspektiven und Narrative nebeneinander bestehen können, sie aber nicht dazu führen müssen, dass wir uns gegenseitig canceln“, sagt Tal Theodorou.
Offene Ohren kann man trainieren, auch im Konzertsaal. Die Erfahrung der Spannung, die sich in Harmonie auflöst, kann helfen, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden. Antisemitische Parolen hier, Islamfeindlichkeit da: Das West-Eastern Divan Orchestra setzt der Lagerbildung die tiefe Verbindung beim Musizieren entgegen. „Wenn Jussef ein Solo auf der Klarinette spielt“, so die Bratscherin Theodorou, „unterstützen wir ihn nach Kräften und wollen, dass er sein Bestes gibt – ganz gleich, ob wir uns in anderen Dingen einmal uneinig sind.“
Das neue Komitee blickt auch in die Zukunft. Barenboim ist 83, kürzlich machte er seine Parkinson-Erkrankung publik. Bei der Tournee im Februar steht sein Freund Zubin Mehta am Pult. Perspektivisch wollen die Musiker das Projekt mitgestalten, auch bei musikalischen Entscheidungen mitreden. „Andere Generationen sollen erleben, was wir erleben“, hofft Tal Riva Theodorou. Die Orchesterarbeit soll weitergehen, „zumindest so lange, bis wir problemlos in allen Herkunftsländern der Divan-Musiker:innen auftreten können“. Ein Traum, den Barenboim und Said von Anfang an träumten.

„Viele von uns trauern um Menschen oder sorgen sich um Familien und Freunde. Deshalb ist es umso wichtiger geworden, dass wir einen sicheren Raum haben,
in dem wir unseren Schmerz teilen, zusammen lachen, weinen – oder auch mal streiten können.“
Jussef Eisa, Mitglied des Orchesterkomitees

Zum Tournee-Abschluss in Wien steht auch Richard Wagners „Rienzi“-Ouvertüre auf dem Programm. Die Nazis hatten sie für ihre Propagandazwecke missbraucht, geht es doch eigentlich um den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. Barenboim hatte 2001 mit dem Tabu gebrochen und den wegen seiner antisemitischen Schriften umstrittenen Komponisten erstmals in Israel gespielt. Auch das West-Eastern Divan Orchestra hat Wagner im Repertoire: noch ein musikalisches Spannungsfeld, dem das Ensemble sich unerschrocken stellt.

Sonntag, 22. Februar 2026

West-Eastern Divan Orchestra
Zubin Mehta
I Dirigent

Richard Wagner
Ouvertüre zur Oper „Rienzi“
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 8 F-Dur, op. 93
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 4 f-Moll, op. 36

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