Wenn Strauß-Melodien neue Blüten treiben: Zwei frische Blicke auf Johann Strauß Sohn
Von Christoph Irrgeher
01.10.2025
Die einen katapultiert die Popmusik von ABBA gedanklich in die eigene Jugend zurück, andere die Neue Deutsche Welle oder der Eurodance. Für Georg Breinschmid dürfte die Musik von Johann Strauß Sohn eine solche Wirkung haben. Immerhin waren es die Ohrwürmer des Walzerkönigs, mit denen sich der angehende Kontrabassist einst sein Jugendkonto aufbesserte: „Als ich 16 war, bin ich im Kursalon Hübner für 350 Schilling aufgetreten. Das war für mich unglaublich lehrreich, die ganzen Polkas, Märsche und Walzer zu spielen.“
Auch in Studienzeiten hat sich Breinschmid dann immer wieder für ein touristisches Publikum verdingt. Zugegeben: So mancher Auftritt in Kommerz-Kombos mag, wie er selbst sagt, „fürchterlich“ geklungen haben. Dafür lernte der gebürtige Amstettner dabei die Wiener Tanzmusik von Grund auf kennen und lieben. Und: Es hat ihn wohl auch auf seinen diesbezüglich gediegensten Auftritt vorbereitet. Am 1. Jänner 1998 – Breinschmid war mittlerweile in die Reihen der Wiener Philharmoniker vorgedrungen – nahm er am Neujahrskonzert unter der Leitung von Zubin Mehta teil. Wenig später dann aber ein überraschender Schritt: Der Kontrabassist schlug eine gesicherte Existenz als Orchestermusiker aus – und brach stattdessen ins lockende Neuland des Jazz auf.
Rasch avancierte er danach zu einem gefragten Partner für Genregrößen. An der Seite des Vienna Art Orchestra, aber auch von Legenden wie Archie Shepp oder Jasper van’t Hof erspielte sich Breinschmid einen Ruf als fulminanter Bassist. Schon bald stellte er sich aber auch als Kompositionstalent vor, das für Auftritte unter eigenem Namen griffige Jazz-Grooves und vertrackte Balkan-Rhythmen schrieb, humorige Wienerlieder und elegante Kammermusik. Am Notensetzen hat Breinschmid dann mehr und mehr Gefallen gefunden – und über die Jahre für ganz unterschiedliche Ensembles komponiert, auch solche ohne Improvisationsanteil. Auf diese Art ist er schließlich wieder in der Klassikszene gelandet, nun in der Rolle eines Komponisten. „Die Besetzungen wurden Schritt für Schritt größer“, erinnert sich Breinschmid. „Seit 2020 ist es jetzt so, dass jedes Jahr etliche Aufträge reinkommen.“ Etwa ein Violinkonzert für Benjamin Schmid, das noch heuer in einer Einspielung mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien erscheinen soll.
Dieser Tage huldigt Breinschmid nun wieder Johann Strauß – jedoch ohne dafür auf einer Bühne zum Kontrabass zu greifen: Der Niederösterreicher hat vom Strauß-Gedenkjahr der Stadt Wien einen Kompositionsauftrag erhalten, und zwar für einen denkbar prestigeträchtigen Termin. Wenn die Wiener Philharmoniker am 25. und 26. Oktober im Großen Musikvereinssaal Strauß’ 200. Geburtstag zelebrieren, wird zwischen den Originalen aus der Feder des Jubilars eine Uraufführung von Breinschmid erklingen. Der ist für den Auftrag entsprechend dankbar: „Für mich ist das wahnsinnig schön – nicht nur, weil es die Wiener Philharmoniker sind, für die ich schreibe. Das sind auch meine Ex-Kollegen – 27 Jahre nachdem ich das Orchester verlassen habe.“

Wie sich seine musikalische Verneigung vor Strauß anhören wird? Nicht nach Swing-Jazz, versichert der humorbegabte Komponist, auch nicht nach einer tönenden Pointenfolge. Und auch nicht nach der „Kopie eines Strauß-Walzers“, wiewohl der Tonfall des Jahresjubilars in dem Stück immer wieder aufblitze: „Ich fühle mich seiner Musik verbunden, auf der anderen Seite lebe ich 200 Jahre später und mache mein eigenes Ding.“ Typisch Breinschmid etwa, dass er wieder einmal ein Herz für ungerade Taktarten beweist – etwa mit einem Beginn im 5/4-Metrum. In den 15 Musikminuten tauchen aber auch Walzerpassagen in einer schmalen, fast heurigenhaften Besetzung auf. „Ich komponiere sehr intuitiv, schreibe das, was mir im Moment richtig erscheint.“ Das führt zu unverhofften Ergebnissen – auch für den Tonsetzer selbst, der sich einem melodiösen Stil verpflichtet fühlt: „Es ist ein unglaublicher Trip, so ein Stück zu schreiben. Du kommst ganz woanders raus, als du geglaubt hast.“ Breinschmids Stück endet übrigens ganz anders als die Nummern des legendären Stehgeigers – nämlich still und leise, „fast im Pianissimo. Es ist so ziemlich das Gegenteil eines auftrumpfenden Applaustreibers.“
Sanfte Töne kennt man auch von Simone Kopmajer: Die steirische Jazz-Sängerin, die mit ihrer samtigen Stimme neben heimischen Konzertsälen auch Hallen in Amerika und Fernost beschallt, widmet Johann Strauß im Musikverein ebenfalls eine Hommage und verpflanzt die Evergreens des Jubilars dabei in einen swingenden Kontext. Wie das klingt? Auf Youtube macht Kopmajer bereits seit geraumer Zeit mit dem Song „Birthday Roses“ Appetit auf das Programm, einer Adaption des Konzertwalzers „Rosen aus dem Süden“. Die Neufassung hat die Vorlage in einen leichtfüßigen Jazz-Waltz verwandelt und mit einem Text versehen, der von Blumen, nächtlichen Telefonaten und der Sehnsucht nach Zweisamkeit erzählt.
Kopmajer: „Die Idee zu einem Strauß-Projekt ist schon vor zwei Jahren geboren worden, wir wollten aber das Jubiläumsjahr zum Anlass nehmen und veröffentlichen die Lieder heuer nach und nach.“ Wie die swingenden Fassungen entstanden sind? Der versierte Pianist und Arrangeur Geri Schuller hat die Originale in neue Harmonien und Rhythmen gehüllt; die Melodien sind dabei unverändert geblieben, werden nun aber von Kopmajer angestimmt. Zu diesem Zweck hat die Geigerin Emily Stewart englische Songtexte geschrieben: „Diese Worte beziehen sich inhaltlich auf die Vorlage, erzählen aber zugleich eine neue Geschichte“, sagt Kopmajer, die das Miteinander von Strauß und Swing als höchst stimmig empfindet.
Des Kaiserwalzers neue Kleider: Simone Kopmajer huldigt Strauß.
Einerseits sei eine Verwandtschaft zwischen der Operette und den frühen US-Musicals nicht zu leugnen – jenen Shows also, aus denen etliche Jazz-Standards stammen. Andererseits ortet Kopmajer gewisse harmonische Gemeinsamkeiten zwischen den Hits von Johann Strauß und dem „Great American Songbook“. Für den Auftritt im Musikverein sind unter anderem die „Geschichten aus dem Wienerwald“, die „Annen-Polka“ und der „Kaiserwalzer“ einem musikalischen Relaunch unterzogen worden, dazu mischen sich Operettenmelodien wie „Glücklich ist, wer vergisst“ (aus der „Fledermaus“) und „Wir alle wollen lustig sein“ (aus dem „Zigeunerbaron“). Zur höheren Ehre des Walzerkönigs mischen bei dem Konzert zudem zwei Stargäste mit, nämlich Norbert Schneider und Marika Lichter.
Damit ist die Strauß-Affäre für Kopmajer aber noch nicht vorbei: Nächstes Jahr will sie mit dem tänzerischen Repertoire Asien bereisen – einen Kontinent, auf dem ihr das Publikum seit langem gewogen ist. Vor allem in Japan: Dort hatte die Steirerin schon an ihrem Karrierebeginn für ein lokales Label gearbeitet und landete im Vorjahr mit dem Album „Hope“ abermals einen Erfolg. Entsprechend neugierig ist Kopmajer, wie das Projekt „in Asien angenommen wird, wo meine größte Fanbase ist“. Die Chancen dürften denkbar gut stehen – fliegen dem Weltstar Strauß doch auch in Fernost die Herzen zu.
Samstag, 25. Oktober 2025
Sonntag, 26. Oktober 2025
Wiener Philharmoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Tugan Sokhiev | Dirigent
Nikola Hillebrand | Sopran
Barbara Laister-Ebner | Zither
Johann Strauß Sohn
Ouvertüre zur Operette „Indigo und die vierzig Räuber“
Künstlerleben. Walzer, op. 316
Lob der Frauen. Polka Mazur, op. 315
G’schichten aus dem Wienerwald. Walzer, op. 325
Wein, Weib und Gesang. Walzer, op. 333
Fest-Quadrille, op. 44
Frühlingsstimmen. Walzer, op. 410
Perpetuum mobile. Musikalischer Scherz, op. 257
An der schönen blauen Donau. Walzer, op. 314
Georg Breinschmid
Schani 200. Hommage an Johann Strauß Sohn
In Kooperation mit Johann Strauss 2025 Wien
Simone Kopmajer | Vocals
Geri Schuller | Piano und Keyboard
Reinhardt Winkler | Schlagzeug
Harald Putz | Kontrabass
Emily Stewart | Violine
Dominik Fuss | Trompete
Special Guests:
Marika Lichter | Vocals
Norbert Schneider | Gitarre und Vocals
Birthday Roses
Jazz meets Strauß