Vorglühen im Künstlerzimmer
Von Markus Siber
21.11.2025
Andsnes: Guten Morgen, schön, dass wir uns endlich persönlich kennen lernen, meine Kolleginnen und Kollegen sprechen in den höchsten Tönen von Ihnen …
Canellakis: Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Für mich wird, das sage ich ganz offen, ein Traum wahr. Ich wollte schon immer mit Ihnen zusammenarbeiten – dass dies nun ausgerechnet in Wien mit Brahms passiert, betrachte ich als großes Glück.
Andsnes: Der Musikverein hat ja ohnehin etwas Magisches. Schon wenn man den Saal betritt, hat man das Gefühl, die ersten Takte von Brahms’ Musik liegen schon in der Luft.
Canellakis: Da geht es mir ähnlich. Wie wollen wir denn beginnen? Die Bitte an uns war ja, dass wir die Leser:innen der „Musikfreunde“ für eine Art Verständigungsprobe ins Künstlerzimmer blicken lassen …
Andsnes: Vielleicht stellen wir uns vor, dass ich – vom Stiegensteigen etwas außer Atem – an der Tür des Künstlerzimmers klopfe?
Canellakis: Das ist eine gute Idee. Dann rufe ich gleich mal kräftig: „Herein!“
Andsnes: Spaß beiseite. Ich finde es sehr schön, dass wir uns bereits mit einem größeren Vorlauf als üblich über das Konzert austauschen können. Ich habe dieses gigantische Stück vor kurzem zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder einmal gespielt …
Canellakis: War die Pause eine bewusste Entscheidung?
Andsnes: Ich hatte immer schon großen Respekt vor diesem Stück und lange gezögert, es überhaupt ins Repertoire zu nehmen. Dann hatte ich es eine Zeit lang recht intensiv gespielt, bevor ich bewusst eine Pause einlegte. Bei großen Werken mache ich das manchmal. Irgendwann zieht es einen wieder zurück, und diesmal war der Moment gekommen.
Canellakis: Und wie war es, nach so langer Zeit wieder in diesen Kosmos einzutauchen?


Andsnes: Es war fast wie eine neue Begegnung. Ich staune immer wieder, wie monumental dieses Stück ist – pianistisch, musikalisch, emotional. Es ist bestimmt eine größere Herausforderung als das Erste Konzert von Brahms, das ich am Anfang meiner Karriere sehr viel gespielt habe.
Canellakis: Für mich ist es fast eine Symphonie, nur dass ein Klavier im Zentrum steht. Es steckt so vieles darin: Kammermusik, Symphonik, Solistentum.
Andsnes: Manchmal fühlen sich die Sätze wie vier verschiedene Welten an, die Brahms miteinander verknüpft. Im Grunde erleben wir das auch in seinen Symphonien – da ist von intimen Momenten bis zur ganz großen Geste auch alles dabei. Ein besonderes Merkmal des Zweiten Klavierkonzerts ist natürlich das Dialogische, das das gesamte Werk durchzieht. Da sollten wir uns gut abstimmen.
Canellakis: Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir uns vor der ersten gemeinsamen Probe nochmals mit der Partitur zusammensetzen. Es wäre wohl hilfreich, wenn der Solocellist auch zu uns stoßen würde, damit wir ein gemeinsames Verständnis vom dritten Satz finden, bevor wir es dann mit dem Orchester spielen.
Andsnes: Ja, das ist eine gute Idee. Gleichzeitig sollten wir bis zuletzt flexibel bleiben. Denn für mich ist es wichtig zu sehen, wie Sie mit dem Orchester arbeiten. Darauf würde ich gerne eingehen. Denn gerade ein Orchester wie die Wiener Symphoniker hat ja eine unglaubliche Brahms-Tradition, da würde ich mich – selbst wenn wir unterschiedliche Zugänge hätten – nicht aus Prinzip dagegen auflehnen wollen.
Canellakis: Schön, dass Sie das sagen. Denn mir geht es da sehr ähnlich. Ich lasse mich gerne auf den Moment ein, auf den Raum sowie auf die Musikerinnen und Musiker im Orchester. Da kann etwas entstehen, das in dieser Form vielleicht zunächst nicht abgesprochen war, aber darüber hinausweist. Für mich ist dieses Brahms-Konzert übrigens eines der romantischsten Werke, die je geschrieben wurden. Als ich studierte, sagte man mir immer, dass Brahms ein klassischer Komponist wäre. Ich hatte deshalb viele Jahre Angst vor diesem Komponisten, weil sich seine Musik für mich einfach anders anfühlt.
Andsnes: Seine Musik trägt Offenheit in sich: Sie bietet genug Freiheit, um in jedem Konzert neu entstehen zu können.
Canellakis: Offenheit prägt ja schon den Beginn des ersten Satzes – dieses Hornsolo, dann das Klavier – das ist wie eine Einladung in eine andere Welt.
Andsnes: Es tut sich eine unglaubliche Weite auf, fast wie eine Landschaft. Für mich ist der erste Satz vielleicht der komplexeste: technisch, aber auch in der Architektur. Brahms gibt ein Tempo an, das eigentlich recht flott ist. Aber natürlich weiß man, was er selbst über Metronomzahlen gesagt hat: dass sie nur ein Hinweis sind. Es geht um den Fluss, nicht um das starre Zählen.
Canellakis: Und trotzdem gibt es da diese „Ebbe und Flut“-Bewegung, bei der man aufpassen muss, dass man als Dirigentin nicht zu sehr drängt oder bremst. Sonst gerät man auseinander. Der zweite Satz hat wiederum andere Herausforderungen. Für mich wirkt er fast wie eine heroische Symphonie in sich.
Andsnes: Er ist unglaublich kraftvoll, aber auch rhythmisch trickreich. Diese Zwei-gegen-Drei-Passagen sind typisch Brahms – voller Spannung. Pianistisch ist es einer der anspruchsvollsten Sätze, die es überhaupt gibt.
Canellakis: Und doch braucht er Klarheit. Ich finde, wenn er zu schwer gerät, verliert er seinen Atem.
Andsnes: Absolut. Es muss monumental klingen, aber gleichzeitig flexibel bleiben – wie ein Sturm, der sich bewegt und nicht erstarrt.
Canellakis: Der dritte Satz ist für mich der emotionalste. Dieses Più Adagio, das Cello, die Oboe – das ist Musik, die einem den Atem nimmt.
Andsnes: Ja, das ist einer der Höhepunkte. Ich finde es wunderbar, dass Brahms dem Solocello so eine wichtige Rolle einräumt. Eigentlich ist es ein Duett, kein Monolog des Klaviers.
Canellakis: Deshalb möchte ich unbedingt den Solocellisten schon vorab einbeziehen. Diese Dialogstellen brauchen Vertrauen und gemeinsames Atmen.
Andsnes: Dieser Satz sollte nicht zu sentimental klingen. Er ist schon von sich aus so berührend. Wenn man übertreibt, verliert er seinen Zauber.
Canellakis: Und dann das Finale – plötzlich ist da diese Leichtigkeit, fast tänzerisch.
Andsnes: Ja, eine ganz andere Welt. Plötzlich ist man in einem ungarischen Café, voller Schwung, voller Spielfreude. Für mich ist das Finale wie eine Befreiung nach all der Schwere zuvor.
Canellakis: Und doch bleibt es Brahms – selbst in dieser Leichtigkeit steckt Tiefe.
Andsnes: Das ist das Geniale: Er verbindet Gegensätze, ohne dass etwas auseinanderfällt. Wissen Sie übrigens schon, welche Aufstellung das Orchester haben wird und wo der Solocellist sitzen wird?
Canellakis: Das hängt, muss ich gestehen, meistens von den Werken ab, die in der zweiten Hälfte gespielt werden, in diesem Fall „Tod und Verklärung“ von Strauss und „Die Mittagshexe“ von Dvořák. Bei Brahms ist es manchmal schön, wenn sich die Violinen gegenübersitzen, weil er, glaube ich, oft mit diesem Gedanken im Hinterkopf komponiert hat. Dann könnte das Solocello gleich neben den ersten Geigen sitzen. Aber das müssten wir noch mit dem Orchester besprechen.
Andsnes: Solange der Cellist nicht hinter dem Klavierdeckel versteckt ist, bin ich mit allem einverstanden …
Canellakis: Am Ende bleibt für mich die Frage: Wie erzählt man dieses Werk?
Andsnes: Für mich ist es wie eine Reise durch die Extreme des Pianistendaseins. Aber das Schönste ist: Es ist immer ein Dialog aller Beteiligten inklusive des Publikums.
Canellakis: Dann lassen Sie uns diesen Dialog in Wien fortsetzen. Ich freue mich sehr darauf.
Andsnes: Mitte Dezember ist es endlich so weit!
Mittwoch, 17. Dezember 2025
Freitag, 19. Dezember 2025
Wiener Symphoniker
Karina Canellakis I Dirigentin
Leif Ove Andsnes I Klavier
Johannes Brahms
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur, op. 83
Richard Strauss
Tod und Verklärung. Tondichtung, op. 24
Antonín Dvořák
Die Mittagshexe. Symphonische Dichtung, op. 108