„Ich umarme mit der größtmöglichen Innigkeit alles Weibliche in mir“ – Verena Altenberger im Gespräch
Von Andrea Schurian
09.02.2026
Eloquent, lebensklug, belesen, liebenswürdig, humorbegabt und betörend schön: Ja, Verena Altenberger ist eine wahrlich umwerfende Frau. Die künstlerische Bandbreite von Verena Altenbergers feinziselierten Rollengestaltungen auf Theaterbühnen, in Kinofilmen und TV-Serien ist beachtlich, noch beachtlicher ist freilich die Anzahl internationaler Auszeichnungen und Preise für ihre hohe Schauspielkunst. Allein für die emotionale Wucht, mit der sie in Adrian Goigingers autobiographisch inspiriertem Filmdrama „Die beste aller Welten“ eine heroinabhängige Alleinerzieherin spielt, die ihre Drogensucht aus Liebe zu ihrem kleinen Sohn bekämpft, wurde Altenberger in den Jahren 2017/18 zwölf Mal als beste Schauspielerin ausgezeichnet, zweimal wurde sie für eine Würdigung nominiert. Eitel hat sie das nicht gemacht. Groß darüber reden will sie sowieso nicht. Altenberger, Jahrgang 1987, aufgewachsen im Salzburger Land mit viel Sport und wenig Hochkultur, wollte schon als kleines Mädchen Schauspielerin werden, nachzulesen im Tagebuch ihrer Mutter. 1990, die kleine Tochter war gerade einmal vier Jahre alt, notierte die Bäuerin und Direktorin einer landwirtschaftlichen Schule: „Verena sagt, sie wird Schauspielerin.“
Und nun also wird die Theater- und Filmschauspielerin gemeinsam mit ihren Freundinnen, der Schauspielerin Mavie Hörbiger und der Musikerin Clara Frühstück, im Musikverein „Den Göttern in die Seele blicken“.
„Den Göttern in die Seele blicken“ ist ein ambitionierter Titel. Aber sind es nicht eigentlich Göttinnen, denen Sie in die Seele blicken?
Verena Altenberger: Na ja, Wotan ist doch auch mit von der Partie … Außerdem verwenden wir das generische Maskulinum, das der Österreicher ja so liebt.
Wie hat dieses Dreiergespann aus Ihnen, Mavie Hörbiger und Clara Frühstück zusammengefunden?
Die Freundschaft zwischen Mavie und mir rührt vor allem aus der Zeit des „Jedermann“. Natürlich kannten wir einander schon vorher, aber bei den Salzburger Festspielen wurde aus unserer losen Bekanntschaft eine wirklich schöne Freundschaft. Clara Frühstück kenne ich von „Sad Sad Songs“, einem Anti-Silvester-Event am Burgtheater, wir redeten über lauter traurige Sachen, um gereinigt und fröhlich ins neue Jahr zu gehen. Mich begeistert, was sie mit dem Klavier anstellt. Sie haut und setzt sich drauf, wenn sie könnte, würde sie den Flügel vermutlich durch den Saal schmeißen. Clara spielt auf zwei Flügeln gleichzeitig, einer heißt Pony, der andere Hengst. Hengst klingt satt und voll und schön, Pony präpariert sie vor der Vorstellung mit Nägeln, Schrauben, Gummi. Das klingt kaputt und schmerzhaft und irgendwie falsch und dadurch auch wieder richtig. Claras Musik ist immer präsent, mal tritt sie in den Vordergrund und überwältigt uns. Mal gibt sie uns ganz subtil vor, in welche Richtung wir fühlen könnten.
Sie haben einmal gesagt, sie hätten vor jedem Auftritt Angst, nur diesmal nicht. Warum?
Das liegt sicher daran, dass meine zwei Mitspielerinnen engste Verbündete und Vertraute sind. Mit diesen beiden Frauen fühle ich mich sicher. Ich hab’ zum Beispiel immer eine diffuse Angst, auf der Bühne in Ohnmacht zu fallen. Das ist nie passiert. Aber ganz ehrlich: Was wäre denn so schlimm dabei? Nun weiß ich genau, fiele ich in Ohnmacht, würde Mavie einen Witz machen. Und Clara würde mir aufhelfen und mir Luft zufächeln. Es ist ein besonderer Abend, ich fühle mich so frei! Und dann hat meine Angstfreiheit auch damit zu tun, dass ich den Abend maßgeblich gestaltet habe. Ich weiß bei jedem Wort und bei jedem Ton, was ich damit sagen will.
Wer ist für die Textauswahl verantwortlich?
Ich wurde vor drei Jahren vom Linzer Posthof wegen einer Lesung gefragt. Ich wollte schon fast absagen, weil ich gerade kein spezifisches Verlangen nach einem Text verspürt habe. Aber die Leute vom Posthof haben mich ermuntert und gesagt, ich könne ja auch verschiedene Texte zusammenfügen, auch wenn sie nichts miteinander zu tun hätten. Das klang spannend. Tatsächlich begleitet mich Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ schon sehr lange. Es ist, wenn Sie so wollen, mein Text. Also habe ich Bachmann und Necati Öziris „Ring“ kombiniert. Und bin draufgekommen, wie viel die beiden miteinander und auch mit Virginie Despentes zu tun haben. Jeroen Versteele, Dramaturg am Burgtheater, hat mich auf Despentes aufmerksam gemacht. Es ist so faszinierend: Man steht vor einem Bild, liest ein Buch und denkt sich: Das ist für mich gemalt, für mich geschrieben. So geht es Mavie und mir mit den Despentes-Texten. Ich habe das Gefühl, „Liebes Arschloch“ hat sie für mich geschrieben, Mavie hat das gleiche Gefühl bei der „King Kong Theorie“.

Die Texte, die Sie ausgewählt haben, handeln von Frauen, die gehen, die aufhören, die nicht mehr mitspielen. Trifft das auf alle Figuren zu?
Ja, sogar auf den Göttervater. Wotan wird gegangen. Und ärgert sich furchtbar darüber. Ingeborg Bachmann erzählt in „Undine geht“ von einem Wasserwesen, das an der Liebe scheitert und gezwungen ist zu gehen, ohne es zu wollen. Kriemhild wiederum ist die Frau, die am bewusstesten geht. Und die französische Schriftstellerin und Filmemacherin Virginie Despentes haut uns mit ihrer feministischen „King Kong Theorie“ und dem Roman „Liebes Arschloch“ eine rein. Die größte Weisheit liegt für mich im letzten Text, den wir lesen. Wotans jüngste Tochter ist die Frau, die bewusst geht. Sie steigt auf eine gesunde Art aus dem System aus, nicht aus Verzweiflung, nicht mit gebrochenem Herzen, nicht als betrogene Frau, sondern aus Schwesternschaft. Sie schafft es, weil sie Frauensolidarität empfindet und einfordert. Ich denke, Gegenrede von Frauen ist immer politisch, weil sie das laufende System in Frage stellt. Das tun auch alle diese Texte, alle auf ganz unterschiedliche Art. Die einen machen’s sanft, da hört man fast die Trauer heraus. Die anderen machen’s ganz hart. Und die dritten machen es klug.
Kann man nicht hart und klug gleichzeitig sein?
Ja, das stimmt. Undine ist vielleicht der Männerliebling, da denkt sich ein Mann vielleicht, ach ja, die ist ja nur arm. Aber sie trifft dieselbe Aussage wie die Frauen in den anderen Texten. Frauen versuchen auf unterschiedliche Weise zu erklären, dass es so nicht weitergehen kann. Und da noch ein kleiner Schlenker zu Wotan, das Patriachat selbst kommt durch ihn auch zu Wort. Er hat, wie ich finde, nachvollziehbare Argumente, macht Hass und Wut verständlich. Ich mag die Stellen, wo Wotan sagt: „Wir dachten ja auch, wir machen’s besser. Auch uns hat es Mühe bereitet. Wir haben nicht alles nur aus Gaudi gemacht, sondern weil wir dachten, das für alle beste System zu bauen.“
Sie lesen Fragmente aus „Der Ring des Nibelungen“ in einer Bearbeitung des Philosophen und Theaterautors Necati Öziri. Gelingt ihm ein von Rassismus befreiter „Ring“?
Ja, das gelingt ihm auf faszinierendste Art und Weise. Er hat ja gesagt, er mache Wagners „Ring“, aber nur, wenn kein originales Wort darin vorkommt. Daran hat er sich gehalten. Ich habe zuerst gar nicht fassen können, dass diesen „Ring“ ein Mann geschrieben hat. Durch Öziris empathische Innensicht der Figuren verstand ich plötzlich das Patriarchat und seine Argumente.
In ihrem autobiographischen Essay zählt die französische Feministin Virginie Despentes auf, für wen sie ihre „King Kong Theorie“ geschrieben hat, nämlich für benachteiligte, missachtete, diskriminierte, unbefriedigte Frauen, für Frauen, die in keine Schublade passen. Auch sich selbst rechnet sie dazu, sie wurde mit siebzehn Jahren vergewaltigt und dann mit ihren Traumata sich selbst überlassen.
Aber niemand ist in „Liebes Arschloch“ ein empathieloses Arschloch! Keine Frau sagt: Ich scheiß auf Gefühle, scheiß auf Männer, deshalb gehe ich. Sondern sie geht aus tiefer Verzweiflung und jahrelanger Nicht-Erfülltheit. Despentes’ Texte berühren mich. Instinktiv und tief drinnen verstehe ich, warum ihre Frauen so handeln, wie sie handeln, so sprechen, wie sie sprechen. Dazu muss ich nicht immer die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Aber es muss ein tiefes Verständnis für die Figuren da sein, damit mein künstlerisches Ich anspringt.
Despentes sagt, sie sei eher King Kong als Kate Moss. Und Sie?
Bei der Auswahl bin auch ich eher King Kong. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass Despentes sich mit ihrer „King Kong Theorie“ und auch mit diesem Satz ein gewisses Maß an Weiblichkeit abspricht. Sie sagt ja auch, sie schreibe für Frauen, die lieber ein Mann wären. Da gehöre ich nicht dazu. Ich umarme mit der größtmöglichen Innigkeit alles Weibliche in mir. Aber wenn’s um Kate Moss oder King Kong geht, dann bin auch ich eher King Kong.
Und sie beschreibt sich als Frau, die immer zu laut ist, zu grob, zu zerzaust, zu männlich.
Ich glaube, es ist möglich, sich aus diesen Zuschreibungen zu befreien. Doch das System und die Gesellschaft tun alles, um das zu erschweren. Alles! Ich hatte vor ein paar Wochen ein Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den ich wirklich sehr schätze. In diesem Interview ging es allerdings im Grunde genommen nur um und über Männer. Muss ich alles, was ich tue, sage, fühle, in Abgrenzung oder in Bestätigung des Männlichen tun? Um immer „zu was auch immer“ sein zu können, bin ich Schauspielerin geworden. Da sagen dann die Leute zwar noch immer: Die ist zu laut oder zu schlecht drauf oder zu „so“ angezogen. Aber im nächsten Satz sagen sie dann: Aber mei, sie ist halt eine Künstlerin.
Wenn Sie nun also den Göttern in die Seele blicken: Welcher Figur fühlen Sie sich am anverwandtesten?
Das ist von der Tagesform abhängig … Oder vielleicht nicht von der Tages-, sondern von der Monatsform. Sie wohnen alle in mir, mal bin ich die, mal die.
Sonntag, 8. März 2026
Verena Altenberger I Rezitation
Mavie Hörbiger I Rezitation
Clara Frühstück I Klavier
Den Göttern in die Seele blicken
Virginie Despentes
King Kong Theorie
Liebes Arschloch
Ingeborg Bachmann
Undine geht
Necati Öziri
Der Ring des Nibelungen
Kompositionen von Clara Frühstück