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Vom Feiern der Begegnung mit dem Publikum – Das Black Page Orchestra und God’s Entertainment mit einem musikalischen Bankett

© Igor Ripak
Wenn Musik, Performance und Raum sich nicht mehr als getrennte Sphären verstehen, sondern als gemeinschaftliches Ereignis, entsteht ein Moment des Dazwischen – ein offenes Feld für Hören, Sehen und Mitwirken. Genau hier setzen das Black Page Orchestra und God’s Entertainment mit ihrem gemeinsamen musikalischen Bankett im Musikverein an.

Von Angela Heide

28.04.2026

Am 19. Juni laden das Künstler:innenkollektiv God’s Entertainment und das Black Page Orchestra zu einem musikalischen Dinner in den Gläsernen Saal des Musikvereins ein. So schlicht der Titel gewählt ist – „Black Page Orchestra feat. God’s Entertainment“ –, so dicht sind die künstlerischen wie gesellschaftspolitischen Fragestellungen, die die beiden renommierten österreichischen Gruppen aus den Bereichen Neue Musik und Performance dabei aufwerfen. Bereits der Begriff des „Dinners“ oder „Banketts“ ist als Statement zu werten. „Für unsere Arbeit ist der Raum bzw. die Gestaltung des Settings von großer Bedeutung“, erläutern Maja Degirmendzic und Boris Ceko von God’s Entertainment. „Was passiert, wenn ein Orchester nicht in die übliche klassische Ordnung, sondern genauso wie das Publikum gesetzt wird? Verändern sich dadurch das Hören, Erfahren, Spielen? Wer sitzt wo und warum?“
„Es geht in der Neuen Musik immer auch um das Thema Vermittlung“, weiß auch Matthias Kranebitter. Der künstlerische Leiter des Black Page Orchestra und Gründer des Unsafe+Sounds Festivals setzt sich seit Langem mit der Frage auseinander, wie Künstler:innen und Besucher:innen auch in klassischen Konzerträumen zu neuen Formen der Begegnung finden. Was ihn interessiert, ist „das Setting“, in dem Kunst gemeinschaftlich gelebt und empfunden wird. Ähnlich formulieren es auch God’s Entertainment: „Ein Tisch ist ein Objekt, ein Möbelstück, das zum gemeinsamen Sitzen einlädt. Ein Tisch ist also irgendwie die materielle Voraussetzung für eine Gemeinschaft. Es gibt Tische in verschiedenen Größen und Funktionen, die Menschen in unterschiedlichen Topologien organisieren können. Ein Tisch kann also auch die Art der Interaktion bestimmen bzw. beeinflussen.“ Wie können folglich Begegnungsräume geschaffen werden, in denen sich künstlerische Prozesse und ihre Protagonist:innen mit den anwesenden Rezipient:innen als teilnehmende wie teilhabende Miterzähler:innen eines konkreten Ereignisses verbinden? Mit ihrem „durchinszenierten Konzert-, Performance- und Fluxusabend“ versuchen die beiden erfolgreichen Formationen genau das: Sie stellen sich und einander vor, bewegen sich im Raum und feiern die Begegnung mit dem Publikum – musikalisch, inszenatorisch, räumlich und damit konsequenterweise auch gesellschaftspolitisch tagesaktuell.

„Es sind der feinsinnige Humor sowie die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, die uns verbinden“, beschreiben God’s Entertainment ihre vor bald einer Dekade begonnene regelmäßige Zusammenarbeit mit Matthias Kranebitter und dem Black Page Orchestra. 2017 wurde die erste Kooperation in den ehemaligen Gösserhallen realisiert: Im „Performeum“, dem zwei Jahre lang im Rahmen der Wiener Festwochen bestehenden temporären „Museum für performative Künste“, wurde bei „This is not Soap Opera?“ zu Alexander Mosolovs „Die Eisengießerei“ dann auch gleich ordentlich feuchter Schaum ins Auditorium geblasen. Mit „Tarzan“ folgte 2018 die nächste Koproduktion, dieses Mal auf Einladung von ImPulsTanz und mit einer Art „Teezeremonie“ zu Beginn der Performance, bei der das Publikum „dirigiert“ wurde, „wie es Löffel und Tasse zu bewegen hat“, erinnert sich Kranebitter. Im selben Jahr entstand „This is not Streichquartett?“, 2021 „Ein Piano für den Gemeindebau“, bei dem, so God’s Entertainment, „trotz der Mauer, der Wand, die trennt, Möglichkeiten gesucht wurden, um gemeinsam zu spielen“. Bei „Bodyorgel“ fungierte Kranebitter wiederum als eine von mehreren „menschlichen Orgelpfeifen“, die mit Eiswürfeln zum „Singen“ gebracht wurden. Im Spätsommer 2025 schließlich wurde das bislang größte Gemeinschaftsprojekt umgesetzt: „OCT.opus 25“. Bei der im Rahmen von „Johann Strauss 2025“ einen Monat lang interdisziplinär bespielten Installation auf dem Wiener Karlsplatz standen, erzählen God’s Entertainment, „nicht-hierarchische Intelligenz, Verbundenheit und Berührung“ im Zentrum – in Form gegossen als riesiger Open-Air-Oktopus, der an Donna Haraways Konzept des „tentakulären Denkens“ erinnerte. Unter den präsentierten Stücken fand sich auch eine Neuüberschreibung von „Freut euch des Lebens“ durch Matthias Kranebitter, bei deren Aufführung ein Performer das gleichnamige Gedicht tauchend im See vor der Karlskirche rezitierte.

© Igor Ripak

„Ist ein Pianino für die Gemeindewohnung zu groß, oder ist die Gemeindewohnung für das Pianino zu klein?“ God´s Entertainment

Dass der Auswahlprozess der Musikstücke ein langer und organisatorisch herausfordernder war, wird schon allein durch das vielschichtige Konzept deutlich. Neben bereits aufgeführten kürzeren Stücken wie Luxa M. Schüttlers „schöner leben 4 (sumo D.D.)“ für Harfe und Zuspielungen von 2008 und Alex Paxtons „Justgum Friends“ aus seinem 2025 erschienenen Album „Delicious“ für Duo-Keyboard und Schlagwerk stehen zwei rund 15-minütige Uraufführungen von Kasho Chualan und Sebastian Meyer in größerer Besetzung – Flöte, Saxophon, zwei Violinen, Viola, Violoncello, Harfe, Klavier/Keyboard, Schlagwerk und E-Gitarre – auf dem Programm. „Kasho Chualan habe ich über God’s Entertainment kennengelernt, 2024 war die in Wien lebende Musikerin auch beim Festival Unsafe+Sounds zu Gast“, erzählt der vielfach, darunter mit dem Erste Bank Kompositionspreis 2020 sowie dem Ernst-Krenek-Preis 2022, ausgezeichnete Komponist und Kurator Matthias Kranebitter. Ein weiteres geplantes Stück stammt vom US-amerikanischen Klangkünstler Alvin Lucier. „Lucier hat seine Werke oft als Text notiert, eine Art Anleitung, die eine sehr eigenständige Interpretation erlaubt“, erläutert Kranebitter, für den die nach Resonanz suchende Musik des 2021 verstorbenen Komponisten, in der Klang „objekthaft gedacht“ wird, ideal in das performative Konzept passt. „Was mir wichtig ist“, betont Kranebitter, „ist, dass wir den Raum anders bespielen, als man es von einem klassischen Konzert gewohnt ist, und dass man in ein Setting kommt, das keine Guckkastensituation hat.“ „Black Page Orchestra feat. God’s Entertainment“ wird so auf mehreren Ebenen ein besonderer Abend der Begegnungen und des Austauschs. „Es soll wie ein Dinner sein, bei dem das Menü aus Konzerten, Objektarbeiten und Performances zubereitet wird“, wünschen sich God’s Entertainment. „Wir überlegen gerade, wie man für diesen Abend den Tisch einladend decken kann, damit er dann auch der Musik wohlgesonnen ist.“ Und ganz im Sinne von Fluxus als einer Kunst des Im-Moment-Seins schließt Matthias Kranebitter: „Was im Detail passiert, wissen wir selbst noch nicht.“

Freitag, 19. Juni 2026

Black Page Orchestra feat. God’s Entertainment

Ein durchinszenierter Konzert-, Performance- und Fluxusabend mit Musik von Kasho Chualan (UA), Sebastian Meyer (UA), Luxa M. Schüttler, Alex Paxton, Alvin Lucier u. a.

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