Auf der Suche nach Klangfarben – Die Cellistin Valerie Fritz
Von Ulrike Lampert
16.01.2026
Der Anruf aus der „Musikfreunde“-Redaktion im Oktober erreicht Valerie Fritz in Karlsruhe, wo gerade die letzten Vorbereitungen für ein Tanzprojekt laufen, für das sie im Trio mit einem Pianisten und einem Akkordeonisten die Musik spielt. Karlsruhe ist – wie sich im Gespräch herausstellt – ein durchaus bedeutender Ort in der Laufbahn der jungen Cellistin. 2019 nahm die damals 22-Jährige hier als Gast des Studios für elektronische Musik der Universität Mozarteum Salzburg an einem „Elektroniker“-Treffen teil und stellte eine eigene Komposition vor. Dieses Stück, „Additional Value“ für Violoncellobogen und Live-Elektronik, stand ein Jahr später auch auf ihrem Programm, mit dem sie den Berlin Prize for Young Artists gewann. Und daraufhin wurde sie von der Elbphilharmonie Hamburg für die Konzertreihe „Rising Stars“ der European Concert Hall Organisation (ECHO) nominiert.
„Ich finde, in einem Konzert darf auch einmal gelacht werden.“
Was aber macht eine Cellistin in klassischer Ausbildung im Studio für elektronische Musik? Diese Geschichte beginnt in einem Dorf nahe Innsbruck, wo Valerie Fritz in einer musikalischen Großfamilie aufwuchs. Sie stammt aus der „Engel-Familie aus Tirol“, die einige Jahrzehnte lang bis Anfang der 1980er Jahre singend und musizierend durch die Welt zog. In ihrem Elternhaus – der Vater ist Geiger, die Mutter Cellistin – wurde viel gesungen, alle fünf Kinder lernten (zumindest) ein Instrument. Valerie Fritz selbst begann im frühen Kindesalter mit dem Hackbrett, und als sie sechs, sieben Jahre alt war, kam das Violoncello hinzu. Hier war ihre Mutter die erste Lehrerin, die für sie schon bald ein Stück mit dem Titel „Geisterstunde“ komponierte, durch das Valerie erstmals mit den verschiedenen Spieltechniken zeitgenössischer Musik in Berührung kam. Später, am Konservatorium in Innsbruck, weckten die Neue-Musik-Projekte der Geigerin Ivana Pristašová, Mitglied im Ensemble Phace, das Interesse der heranwachsenden Violoncelloschülerin.
Als Valerie Fritz nach dem Pre-College an der Universität Mozarteum Salzburg inklusive eines parallelen Semesters Philosophie das Violoncello-Konzertfachstudium bei Giovanni Gnocchi und Clemens Hagen aufnahm und sich voll und ganz darauf einließ, gelangte sie bald zur Erkenntnis: „Irgendwie passt das für mich nicht. Ich fühle mich so unfrei, so unkreativ im Standardrepertoire.“ Und sie fragte sich: „Wo ist da Platz für mich und für die Klänge, die mich interessieren? Und für den Austausch darüber?“ Mit solchen Gedanken machte sie sich auf die Suche – und wurde „im vierten Stock“ des Mozarteums fündig: im Studio für elektronische Musik. „Über die Jahre hinweg“, erzählt sie, „habe ich alle Kurse belegt, die es dort gab. Ich habe nicht nur unheimlich viel gelernt, sondern mich auch menschlich total wohlgefühlt. Hier habe ich Menschen gefunden, die ähnliche Gedanken hatten wie ich. Das war identitätsstiftend. Aber ohne mir sicher zu sein, ob ich das Richtige tue. Ich habe mir während meines Studiums oft gedacht, ich interessiere mich für die falschen Dinge, und wirklich Cello spielen kann man nur, wenn man gut Klassik spielen kann.“
Nicht zuletzt deshalb wählte sie nach dem Bachelor für den Master nicht eine Spezialisierung auf Neue Musik, sondern blieb beim klassischen Studium, das sie 2024 bei Clemens Hagen abschloss. „Ich hatte einfach das Gefühl, am wichtigsten ist die solide Basis – und dann kann ich mir aussuchen, was ich spiele“, sagt sie in der Rückschau. Und heute weiß sie: „Ich hätte gar nicht anders gekonnt, als die Dinge so zu machen, wie ich sie gemacht habe, weil ich ganz klar gespürt habe, ich muss dem nachgehen, was mich interessiert. Ich kann mich nicht verbiegen.“
Die Interessen, die hier mitschwingen, sind vielfältiger Natur. Sie selbst habe „nie Grenzen gezogen zwischen den verschiedenen Musikgenres. Musik und Musikmachen waren für mich immer eines. Am Ende geht es um die Suche nach Klangfarben – und da ist meine Herangehensweise immer die gleiche, egal ob in der der klassischen oder der Neuen Musik.“
Das Standardrepertoire überlässt Valerie Fritz mittlerweile gerne anderen. Es habe sie immer schon fasziniert, ungewöhnliche Klänge zu erzeugen, sagt sie. „Das Cello bietet einfach unglaublich viele Möglichkeiten, und ich bin immer noch dabei, sie auszuloten, zu erforschen und mit ihnen zu experimentieren. Und vor allem hatte ich immer das Gefühl, dass mich die Neue Musik mehr in einen Diskurs der Gegenwart einbindet: durch den Austausch mit Komponist:innen und die Möglichkeit, dadurch auch selbständig kreativ zu sein, also etwas von mir selbst in die Komposition einzubringen.“
Der Konzertkalender von Valerie Fritz füllt sich zuletzt mehr und mehr mit internationalen Auftritten. Kurz nach ihrem Gespräch mit den „Musikfreunden“ steht für sie ihr Debüt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie auf dem Programm – mit „Segue“ für Violoncello und Orchester ihres Tiroler Landsmanns Johannes Maria Staud.

Für ihr Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hat Valerie Fritz eine Komposition eines weiteren bedeutenden Österreichers gewählt: „,Hochwald‘ für singende, sprechende und flüsternde Cellistin“ von Georg Friedrich Haas mit Ausschnitten aus Adalbert Stifters Erzählung „Der Hochwald“. Haas hat ihr das Werk 2023 auf den Leib geschrieben, die Uraufführung spielte sie im Jahr darauf beim Festival Listening Closely in Innsbruck, eine weitere Aufführung in der Konzertreihe Musica Viva des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal München steht zum Zeitpunkt des Gesprächs kurz bevor. „Für mich ist es das Schönste, wenn ich nicht nur Cello spielen soll, sondern noch etwas machen kann, was über das Cellospielen hinausgeht“, sagt sie. „Hochwald“ verlangt ihr viel ab. „Haas war sich natürlich bewusst, dass ich keine Sängerin bin. Und das ist für ihn ein essenzieller Teil des Ganzen, dass das Stück eine Art Zerbrechlichkeit oder Verletzlichkeit bekommt – weil ich mich da sehr stark außerhalb meiner Komfortzone bewege.“
Mit dem ersten Programmteil möchte sie dramaturgisch wohldurchdacht auf das Haas-Werk hinführen, „also das Publikum mit meinen Interessen vertraut machen, das Sprechen vorstellen – und immer wieder auflockernde Momente und Kontraste schaffen“. Der Abend im Brahms-Saal, dies lässt sich schon erahnen, wird ein Gesamtkunstwerk. Vor ihrem geistigen Auge sieht sich Valerie Fritz im Dunkeln beginnen – mit einem Stück von Georges Aperghis, das ohne Bogen, mit reinem Tapping und flüsternder Stimme zu interpretieren ist. Hell wird es dann zu einer Solo-Suite von Bach. Für die angesprochene Auflockerung sorgt die Auftragskomposition der Britin Jennifer Walshe, „The Sheer Task of being alive“. „Das ist ein total humoristisches Stück“, verrät Valerie Fritz. „Ich finde, in einem Konzert darf auch einmal gelacht werden.“
Dienstag, 27. Jänner 2026
Valerie Fritz | Violoncello
Thomas Wegner | Sound
Werke von
Georges Aperghis
Johann Sebastian Bach
Jennifer Walshe
Benjamin Britten
George Crumb
Peter Eötvös
Birgitta von Schweden
Arturo Fuentes
Georg Friedrich Haas