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Überlegenheit und Fragilität: Komponistin im Fokus: Lili Boulanger

© Wikimedia Commons / Henri Manuel
Camilla Nylund eröffnet am 1. Oktober den vielschichten Programmschwerpunkt, den der Musikverein der außergewöhnlichen Komponistin Lili Boulanger widmet. In mehreren Konzerten entfaltet sich das eindrucksvolle Œuvre der früh verstorbenen französischen Musikerin, die mit nur 24 Jahren ein Werk hinterließ, das durch emotionale Tiefe, klangliche Raffinesse und spirituelle Intensität beeindruckt.

Von Karin Frey

17.09.2025

Ein Frühlingstag des Jahres 1913: In den ehrwürdigen Hallen der Pariser Académie des Beaux-Arts herrscht gespannte Erwartung. Die Jury des renommierten Prix de Rome hat sich zur Beratung zurückgezogen. Unter den fast ausschließlich männlichen Bewerbern sticht eine junge Frau hervor: Lili Boulanger. Im Jahr zuvor hat sie den Wettbewerb krankheitsbedingt frühzeitig abbrechen müssen. Nun ist sie aufsehenerregend zurück: Als erste Frau überhaupt gewinnt sie den renommierten Kompositionspreis. Damit tritt die erst 19-jährige Komponistin in eine Reihe berühmter Preisträger ein – darunter Hector Berlioz, Georges Bizet, Charles Gounod, Jules Massenet und Claude Debussy.
Die Souveränität, mit der Lili Boulanger den Wettbewerb für sich entschied, glich einer Sensation. Die junge Komponistin wurde über Nacht eine internationale Berühmtheit. Die „New York Times“ widmete ihr einen umfangreichen Artikel, und der Verleger Ricordi nahm sie exklusiv unter Vertrag. In der Zeitschrift „Musica“ war zu lesen: „Fräulein Lili Boulanger hat soeben über alle ihre männlichen Konkurrenten gesiegt und den großen ersten Preis mit einer Überlegenheit, Leichtigkeit und Geschwindigkeit davongetragen, die die anderen Kandidaten ernstlich verstören musste.“ Die Zahlen sprachen für sich: 31 von 36 Stimmen erhielt ihre Kantate „Faust et Hélène“ – ein mehr als eindeutiges Votum von einer ebenso strengen wie für ihre Frauenfeindlichkeit berüchtigten Jury, die Lili Boulangers außergewöhnliche Begabung trotz aller Vorbehalte anerkennen musste. In ihrer offiziellen Begründung hob sie die „intelligente Behandlung des Gegenstands“, die „Korrektheit der Deklamation“, „Sensibilität und Wärme“, „poetisches Gefühl“ sowie die „kluge und farbenreiche Orchestrierung“ hervor. Fünf knapp und sachlich formulierte Punkte, die zugleich als große Respektbekundung und Würdigung gegenüber einer Komponistin gelesen werden können, die bereits in jungen Jahren bemerkenswerte künstlerische Reife erlangte – eine Ausnahmeerscheinung, deren viel zu kurzer und brüchiger Lebensweg unausweichlich für die Musik bestimmt war.

Lili Boulanger wuchs in einer Musikerdynastie auf. Ihr Großvater war Cellist, ihre Großmutter eine gefeierte Sopranistin, ihr Vater Komponist und Gesangsprofessor am Pariser Konservatorium, ihre Mutter Sängerin. Nadia, ihre ältere Schwester, sollte später zu einer der einflussreichsten Musikpädagoginnen des 20. Jahrhunderts werden. Und Lili? Sie schien nicht von dieser Welt zu sein. Zart und zerbrechlich, so lautet die gängige Beschreibung, einem ätherischen Wesen gleich, das zwischen Leben und Tod in einem Zwischenreich zu schweben schien, fragil, aber voller Scharfsinn, Witz und Herzlichkeit, in einem tief verwurzelten Glauben ruhend und getragen von einer immensen Willenskraft. Eine Stärke, die sich das kränkelnde Mädchen wohl zum Überleben aneignen musste, nachdem sie im frühen Kindesalter eine Bronchopneumonie erlitten hatte und sich davon zeitlebens, gegen jegliche Infektionen anfällig, nicht mehr erholte. Das Spielen mit anderen Kindern war lebensgefährlich, ein regulärer Schulbesuch unmöglich, Sanatoriumsaufenthalte waren täglich Brot. Die Folge: permanente Isolation.

Was blieb? Musik. Schon als Kleinkind sang sie, mit fünf Jahren trug sie Lieder vor, begleitet von Gabriel Fauré. Fasziniert lauschte sie dem Musikunterricht ihrer Schwester, improvisierte, lernte Harmonielehre, Orgel, Klavier, Cello und Harfe, später studierte sie am Pariser Konservatorium bei Paul Vidal. Erste Kompositionsversuche vernichtete sie jedoch, darunter das Lied „La Lettre de mort“, in dem sie den überraschenden Tod ihres geliebten Vaters verarbeitete und möglicherweise bereits ihr eigenes Schicksal vorausahnte. Der Tod schien zeitlebens ihr Leitmotiv, gegen das sie mit bewundernswerter Kraft anschrieb – als hätte sie gewusst, dass ihr nicht viel Zeit bleiben würde.
Umso verständlicher erscheint ihre tiefe Verbundenheit mit der Heldin aus Francis Jammes’ Gedichtband „Tristesse“ – einem rätselhaften Mädchen, das spurlos verschwindet. Aus dieser poetischen Melancholie heraus schuf Lili Boulanger ihren Liedzyklus „Clairières dans le ciel“. In dreizehn fein nuancierten Liedern entwirft sie eine impressionistisch schimmernde Klangwelt – zart, durchlässig und voller poetischer Leuchtkraft. Während diese Musik eine beinahe schwerelose Leichtigkeit verströmt, wurde der Alltag für Lili Boulanger zunehmend von Krankheit überschattet. Das Komponieren, das ihr so selbstverständlich von der Hand ging, wurde mit der Zeit immer beschwerlicher.

Lili Boulanger war 22 Jahre alt, als ihr die Ärzte mitteilten, dass sie nichts mehr für sie tun könnten. Ihr sollten noch zwei Jahre zum Leben bleiben. In dem Bewusstsein, dass ihre Zeit begrenzt war, setzte sie alles daran, ihre begonnenen Werke zu vollenden. Rund um die Ereignisse des Ersten Weltkriegs entstanden die ergreifenden Vertonungen der Psalmen 24, 129 und 130 – Werke, die die Musikwissenschaftlerin Annegret Fauser als drei „Gebete für den Frieden“ bezeichnet hat. Besonders herausragend ist der epische Psalm 130, „Du fond de l’abîme“, für Alt, Chor, Orgel und Orchester. Lili Boulanger widmete dieses Meisterwerk ihrem verstorbenen Vater. Die Musik ist klanglich dicht und ausdrucksstark, voller Spannungen zwischen düsteren Dissonanzen und ruhigen, hoffnungsvollen Passagen. Dass sie dieses komplexe Werk mit nur 22 Jahren vollendete, zeigt eindrucksvoll ihre künstlerische Reife, wie sie andere erst nach Jahrzehnten schöpferischer Arbeit erreichen.

Gedanken über Frieden und Erlösung prägen Lili Boulangers spätes Schaffen und finden in „Vieille prière bouddhique“ besonders berührenden Ausdruck. Der zugrunde liegende Text – ein buddhistisches Gebet, das sie seit Kindertagen kannte – begleitete sie Zeit ihres Lebens. Ein Jahr vor ihrem Tod setzte sie diesen Text schließlich in Musik – als stille, fast meditative Komposition für Tenor, Chor und Orchester und zugleich als eindringliches Plädoyer für Mitgefühl und Toleranz. Diese Botschaft spiegelt sich auch in der musikalischen Gestaltung wider: Aus schwebenden Harmonien entwickelt sich ein sanfter, fließender Klangraum, der am Ende eine beinahe entrückte, hypnotische Wirkung entfaltet.
Bis zuletzt arbeitete Lili Boulanger unermüdlich weiter, selbst als sie körperlich kaum noch in der Lage war. Vom Krankenbett aus diktierte sie ihrer Schwester Nadia ihre letzten Kompositionen. Eine davon ist „D’un soir triste“, ein dunkles, von tiefer Melancholie durchzogenes Orchesterstück. Schon die ersten Takte führen in eine klagende, beklemmende Klangwelt, vielschichtig, ohne klare Richtung, suchend. Immer wieder brechen Wellen aus dem Grundrhythmus hervor, bis ein Schlag des Tamtams wie ein Schmerzensschrei alles in eisige Stille taucht.

Als Lili Boulanger mit nur 24 Jahren starb, hinterließ sie rund 50 Werke – darunter Orchester- und Chorwerke, Vertonungen von Psalmen, Kammermusik, Lieder und geistliche Kompositionen. Ihre Musik trägt eine unverkennbare Handschrift, die weit über die Einflüsse des Impressionismus und der Spätromantik hinausgeht. Sie offenbart ein außergewöhnlich feines Gespür für Atmosphäre, geprägt von subtilen Klangfarben, modaler Harmonik, ausgeklügelter Rhythmik, großer emotionaler Intensität und spiritueller Tiefe. Als würde sie mit Tönen zaubern und Klänge voller Poesie malen, die leuchten – und zugleich unschuldig in den Abgrund blicken.

 

Einen Überblick über die Konzerte im Programmschwerpunkt Komponistin im Fokus: Lili Boulanger finden Sie hier.

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