Mit Eleganz und Souveränität – Tugan Sokhiev
Von Ljubiša Tošić
01.07.2026
Generationswechsel und spektakuläre Rochaden wirken im internationalen Dirigierkosmos wie ein steter langsamer Prozess. In den vergangenen Jahren haben personelle Umbrüche rund um den Globus jedoch heftiger Fahrt aufgenommen. Auch bei den Wiener Philharmonikern, die traditionell ohne Chefdirigenten auskommen und daher stets auf der Suche nach interessanten Partnerschaften sind, hat nach dem Abschied prägender Persönlichkeiten ein Prozess der Neuorientierung stattgefunden. Pierre Boulez, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Mariss Jansons, Georges Prêtre und Claudio Abbado: Das waren essenzielle Partnerschaften, wiewohl – siehe Abbado – mitunter nicht konfliktfrei. Nun spielen jedoch einige der jüngeren Namen eine wichtige Rolle, zu denen Klaus Mäkelä, Jakub Hrůša, Mirga Gražinytė-Tyla und Lorenzo Viotti zu zählen sind.
Inzwischen gehört auch Tugan Sokhiev zu diesem Kreis besonders gern Engagierter: Er dirigierte im vergangenen Jahr das Sommernachtskonzert der Philharmoniker und stand bereits an der Wiener Staatsoper am Pult bei der Premiere von „Iolanta“. Da zeigte Sokhiev, wie man ohne Forcierung eine romantische Klangwelt vor allzu großer Süße bewahren kann, ohne ihren emotionalen Gehalt zu verlieren. Aufgrund seiner hohen Akzeptanz beim Kollektiv und wohl auch wegen seines Stils wurde er zum Dirigenten des Neujahrskonzerts 2027 ernannt.
Zuvor und auch danach wird im Musikverein Spezielles stattfinden: Zur Saisoneröffnung im Musikverein am 13. September setzt Tugan Sokhiev mit den Wiener Philharmonikern Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, Mozarts Symphonie g-Moll, KV 183, sowie „Romeo und Julia“ von Sergej Prokofjew um. Im Mai 2027 präsentiert er dann im Großen Saal mit The Philharmonic Brass Modest Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“ in einer Bearbeitung für Blechbläser. Eine besondere Fusion: Blechbläser der Berliner und der Wiener Philharmoniker sowie befreundeter Orchester bringen als Philharmonic Brass ihre markanten Klangqualitäten zusammen.
Tugan Sokhiev ist ein besonderer „Fall“. Der Russe hat – im Gegensatz zu seinen bereits genannten jüngeren Kolleg:innen – derzeit keinen Chefposten. Dies hat letztlich politische Gründe, die mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zusammenhängen. Als der Krieg 2022 begann, legte Sokhiev nämlich seine beiden Positionen nieder. Er war Chefdirigent am Bolschoi Theater ebenso wie Musikdirektor der Oper in Toulouse und fühlte sich vor eine unmögliche Wahl gestellt. „Ich habe niemals Konflikte unterstützt und werde immer gegen jede Form von Konflikt sein“, erklärte er damals. Er könne insofern „nicht akzeptieren, vor die unmögliche Wahl gestellt zu werden, zwischen meinen geliebten russischen und meinen geliebten französischen Musikern wählen zu müssen“. Also entschied er sich nicht für „entweder oder“, sondern konsequent für „weder noch“.


Tugan Sokhiev versteht es, einen warmen, „atmenden“ Orchesterklang zu erzeugen, der subtile Nuancen nicht vernachlässigt.
Der Nebeneffekt bestand wohl darin, dass er plötzlich – auch für die Philharmoniker – gleichsam greifbarer wurde. Ohnehin stimmte die Chemie mit den Wienern. Wichtig: Tugan Sokhiev arbeitet aus einer Haltung heraus, die sich von jener Form des demonstrativen Dirigierens unterscheidet, in der das Sichtbare wichtiger wird als das Hörbare. Seine Ansicht zur Interpretation kreist um das Ziel, selbst die komplizierteste Musik leicht und schwebend erscheinen zu lassen. Gelingt dies, sei ein ästhetisches Maximum erreicht, so der Dirigent. Sobald die Mühe offensichtlich wird, gehe ein Teil des Zaubers verloren.
Dazu gehört wohl auch, seine persönlichen Grundvorstellungen von Musik dem Orchester nicht einfach aufzuzwingen, vielmehr elastisch zu bleiben im Sinne der Balance. Gerade darin liegt für ihn das Essenzielle des Berufs: konsequent zu bleiben und zugleich offen für den Moment, also Konsequenz und Flexibilität zu vereinen. Man könne eine noch so genaue Vorstellung davon haben, wie ein bestimmtes instrumentales Solo klingen soll. Wenn die Musizierenden es dann anders, aber wunderschön spielen, würde man niemandem einen Gefallen tun, stur an der eigenen Vorstellung festzuhalten, verdeutlicht Sokhiev seine Offenheit.
Tugan Sokhiev versteht Musizieren grundsätzlich als Mischung aus Handwerk und innerer Notwendigkeit, als Energieübertragung mit kommunikativen Mitteln. Dies mag auch den Einfluss seines Lehrers Ilja Musin spiegeln, der einmal sagte: „Das Dirigieren besteht aus zwei Komponenten: Ausdruckskraft und Genauigkeit.“ Technik ist also nur ein Faktor. Und ja: Manchmal reicht ein Blick, um einer Instrumentengruppe Entscheidendes zu vermitteln. Wenn man sich als Dirigent das „Instrumentarium“ einmal angeeignet hat, so Sokhiev, spüre man intuitiv, was zu tun ist – gleichsam wie ein Maler, der genau weiß, welche Pinselstärke er braucht, um einen bestimmten Effekt zu erzielen.
Allzu große Gesten helfen nicht unbedingt. Und: Wichtig sei zu wissen, wann die Musiker den Dirigenten brauchen, etwa bei Übergängen, plötzlichen Tempowechseln oder wenn etwas nicht gut zusammenspielt. Notizen in der Partitur? Zu viele davon vermeidet Sokhiev. Sie können die Arbeit erschweren; es gehe eher darum, sich die Musik innerlich einzuprägen, statt alles hineinzuschreiben. Damit wird klar: Ein Kontrollfreak ist der 1977 in Ordschonikidse, Nordossetien, Geborene, nicht. Präzision ja. In der Zusammenarbeit zwischen Dirigent und Orchester spielt gegenseitiges Vertrauen wohl aber auch eine Schlüsselrolle.
Tugan Sokhievs Stil ließe sich insofern als Mischung aus technischer Präzision und klanglicher Sinnlichkeit beschreiben. Er versteht es, einen warmen, „atmenden“ Orchesterklang zu erzeugen, der subtile Nuancen nicht vernachlässigt. Diese Fähigkeit ließ ihn bei Spitzenorchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Chicago Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig als Gastdirigent reüssieren. Er sprang bereits 2009 kurzfristig bei einer Asien-Tournee der Wiener Philharmoniker für Valery Gergiev ein. Sokhiev bewältigte all das mit Eleganz und Souveränität. Die harte Arbeit blieb dabei unsichtbar im Hintergrund, während die Musik jene Leichtigkeit ausstrahlte, die man sich für den Saisonbeginn im Musikverein und für das Neujahrskonzert 2027 erhoffen darf.
Sonntag, 13. September 2026
Wiener Philharmoniker
Tugan Sokhiev | Dirigent
Ludwig van Beethoven
Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, op. 72b
Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie g-Moll, KV 183
Sergej Prokofjew
Romeo und Julia, op. 64 (Suite aus der Ballettmusik)