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Vom Abenteuer der Ausgewogenheit ‒ Fünf Hashtags zu Anne-Sophie Mutter und Tschaikowskijs Violinkonzert

© Andreas Ortner
Anne-Sophie Mutter, Ende Februar im Musikverein mit Tschaikowskijs Violinkonzert zu erleben, hat durch ihre Kunst und ihre Persönlichkeit ein Ansehen in der Gesellschaft erlangt, das seinesgleichen sucht. Woran das liegt? Georg-Albrecht Eckle bemüht sich in fünf Hashtags um Antworten.

Von Georg-Albrecht Eckle

01.02.2026

#Vorbildwirkung
Anne-Sophie Mutters Persönlichkeit und Spiel haben sie zu einer unverwechselbaren Künstlerin gemacht, die auch von nichtklassikaffinen Menschen verehrt wird; in sich ruhend, mit sich und ihrer Kunst im Reinen und im Gleichgewicht. Sie kennt durchaus die Extreme, kann und will sie auch bedienen, findet jedoch immer wieder zu Ausgleich und Ausgewogenheit. Ausbalanciert ist auch ihr Repertoire, sind jene Werke, die man von ihr hören will und die sie auch weltweit zu hören gibt. Und doch ist sie stets bereit für Neues und vermittelt sich und uns eine Art klassischer Moderne, lässt das Pendel ausschlagen in verwegene Richtungen, kehrt jedoch zu ihrer unbedrohbaren Mitte zurück wie in einem perfekten Rubato, das ebenso viel nimmt, wie es gibt: Ob Lutosławski, Penderecki, ja John Williams oder André Previn – sie alle schrieben für sie neue Musik. Noch ausdrücklicher „für Anne-Sophie“ ist das Zweite Violinkonzert von Sofia Gubaidulina erdacht, das „in tempus praesens“ benannt ist und in seinem humanen Anspruch nicht zuletzt aus der Aura der Geigerin entwickelt sein dürfte; denn ihr Wirken hat, zumal im Blick auf die Zukunft der jungen Generation, vorbildliche Qualität: Sie ist nicht nur Geigerin, sondern durch ihre Stiftungen, ihre soziale und karitative Aktivität Brückenbauerin besonderer Art.

#WienerSchicksale
Nach Wien kommt Anne-Sophie Mutter nun mit Tschaikowskijs Violinkonzert, und das ist nicht von ungefähr, sondern hat Geschichte zumal im Goldenen Saal. Sie wird gewiss zunächst alle Erwartungen dadurch übertreffen, dass sie dieselben perfekt erfüllt. Ihre berühmten Aufnahmen gerade dieses Werkes aus verschiedenen Lebensphasen sind uns im Ohr: aus ihren Zwanzigern das Glanzstück der Deutschen Grammophon Gesellschaft unter Leitung ihres Genius Karajan, sodann die Aufnahme der Vierzigjährigen mit den Wiener Philharmonikern live aus ebendiesem Goldenen Saal‚ dirigiert von ihrem damaligen Gatten André Previn. Die Worte der Interpreten zum Werk, die das Beiheft der Wiener Aufnahme von 2003 dokumentiert, betonen den damaligen Zugriff auf Tschaikowskijs Werk als vor allem „schön und extrovertiert“. Heißt: Das Werk wird hier nicht auf die tragische Dimension hin gedeutet, die seine Entstehung aus tiefer Krise des Komponisten vermuten lässt, sondern in seiner scheinbar objektiven Schönheit belassen.

#Zeitenspiegel
Anne-Sophie Mutter, nun knapp im siebten Lebensjahrzehnt, kommt diesmal mit dem London Philharmonic Orchestra unter Leitung der US-amerikanischen Dirigentin und, wohlgemerkt, Geigerin Karina Canellakis zurück an den Ort ihres Erfolges, aber auch der fatalen Niederlage, die Tschaikowskijs Meisterwerk bei seiner Uraufführung 1881 hier erleben musste: ein schlimmer Misserfolg damals, den nicht zuletzt Brahms-Freund Eduard Hanslick mit seinem sprichwörtlich gewordenen Verriss provozierte und die Wirkung des Werkes beschädigt haben dürfte, wenn er schreibt, das sei „eine Musik, die man stinken hört“. Besondere Spannung legt sich nun über Anne-Sophie Mutters heutige Interpretation, und wir dürfen vielleicht erleben, wie das Werk in ihr Geschichte gemacht hat, zumal es Abgründe birgt, die wir zugunsten besagter Eingängigkeit der melodischen Erfindung wie stupenden Virtuosität gern überhören. Wie prägen Zeit und Geschichte aktuell die vollendete Balance dieser Künstlerin in ihrem Zugriff auf das wohlbekannte Material? Das Werk trägt seine Schmerzen in sich, versteckt sie jedoch unter Glanz und Brillanz …

#Doppelnatur
Thomas Kohlhase, der Tschaikowskij-Kenner, hat die Doppelnatur dieses Werkes, das so glücklich sein will, identifiziert. Man bedenke, dass es wie kaum ein anderes versucht, die Lebenskrise seines Schöpfers im Jahre 1877, nicht zuletzt bedingt durch Tschaikowskijs fatale Scheinehe, mit aller Gewalt zu überwinden, wozu ihm seine Gönnerin Nadeschda von Meck verhalf, indem sie ihn aus Russland entfernte und nach Italien wie in die Schweiz versetzte. Erfolg war ein Schaffensrausch, Glück, Befreiung. Symbol das Violinkonzert, das in Clarens am Genfer See im März und April 1878 entstanden ist. Dies geschah übrigens im Beisein von Tschaikowskijs Geigerfreund und Schüler Joseph Kotek, der das Entstandene sogleich praktisch umsetzen konnte – eine ideale Situation; denn Tschaikowskij war Pianist! Trotz allen Glücks sind die Narben der Krise in dieser Musik anwesend, auch wenn magische Lyrik, symphonischer Anspruch, virtuoses Feuerwerk alle Wünsche an ein ideales Solokonzert erfüllen. Das Ureigene Tschaikowskijs aber wird es dadurch, dass er die virtuose Figuration mehr oder minder bewusst an die Grenzen des Machbaren treibt und sie damit dämonisiert. Das war den Geigern der Zeit zu viel. Der berühmte Leopold Auer, dem das Werk zugedacht war, lehnte es ebenso ab wie die Spitze der russischen Virtuosen, und selbst Freund Kotek, der einspringen sollte, verließ der Mut. Tschaikowskij war verzweifelt. Erst als der Geiger Adolf Brodsky das Werk zum Dirigenten Hans Richter nach Wien brachte, kam es zur Uraufführung und – zum besagten Wiener Desaster. Der Fluch lag gleichsam auf ihm. 1882 konnte man es endlich, wieder mit Brodsky, in Russland hören. Dann begann sein Siegeszug rund um den Globus.

Anne-Sophie Mutter kommt an den Ort ihres frühen Tschaikowskij-Erfolges zurück – aber auch der fatalen Niederlage, die Tschaikowskijs Meisterwerk bei seiner Uraufführung 1881 im Musikverein erleben musste.

#Dämonisch
Es ist nicht nur die Dialektik zwischen Lyrik und Virtuosität mit dämonischer Rückseite im Kopfsatz, die das Konzert so eigen macht. Im zweiten Satz, der „Canzonetta“, legt sich der Schleier der Melancholie so verzehrend auf die Lyrik, dass Tschaikowskij ihn schließlich hochdramatisch zerreißen lässt und „attacca subito“ ausbrechen in ein verzweifelt-irres Finale, das rauschenden Frohsinn gleichsam erzwingt. Diesen Dämon gerade nicht artistisch wegzuspielen, sondern zu realisieren, wagten nur wenige Solisten: Bronislaw Huberman in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lieferte ein sprechendes Dokument davon. Und es war der große Jascha Heifetz, der dann diese Dimension mit der Schönheit zu vermitteln wusste, wenn er die Außenschale ebenso bewahrt, wie er deren Glanz hinterfragt. Heifetz war wohl auch für Anne-Sophie Mutter stete Inspiration. Ihr Konzert im Februar dürfte also ihr und unser Abenteuer werden.

Samstag, 28. Februar 2026

London Philharmonic Orchestra
Karina Canellakis I Dirigentin
Anne-Sophie Mutter I Violine

Jean Sibelius
Pohjolas Tochter. Symphonische Phantasie, op. 49
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 35
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 7 A-Dur, op. 92

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