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Reduktion auf den Ton gebracht – Thomas Adès dirigiert György Kurtág

© Akos Stiller
Im Februar vollendete György Kurtág sein 100. Lebensjahr. Thomas Adès erweist dem großen ungarischen Komponisten im Mai am Pult des ORF RSO Wien mit einer Aufführung seines Doppelkonzerts für Klavier, Violoncello und zwei Kammerensembles Reverenz.

Von Christian Heindl

22.04.2026

Ob man da nicht manche Musikfreunde zum Schwitzen bringen könnte, wenn man unerwartet die Frage in den Raum wirft, was denn die Komponisten Irving Berlin und Elliott Carter verbindet? Wenn man dann auch noch diese Gemeinsamkeit auf  Namen wie Jenö Takács, Grete von Zieritz, Walter Arlen, İlhan Usmanbaş und Mykola Kolessa erstreckt, wird die Verwirrung wohl perfekt. Womit schnell die Antwort nachgeliefert sei: Es gab und gibt doch eine ganze Reihe an Komponistinnen und Komponisten, die das eigentlich real für die Welt wenig bedeutende und doch so magische und menschlich berührende Jubiläum des 100. Geburtstages erreichten und überschritten. Den diesbezüglichen Rekord hält vermutlich die Italienerin Cecilia Seghizzi mit 111 Jahren. Der hiesige Meister der Moderne Friedrich Cerha hat diese Marke leider knapp nicht erreicht. Zwei Tage nachdem Cerha seinen Ehrentag feiern hätte können, realisierte am 19. Februar dieses Jahres sein ungarischer Jahrgangskollege György Kurtág den „100er“. Feiern gab es dazu in aller Welt, naturgemäß in hohem Maß in unserem Nachbarland, wo man wohl auch deshalb einen geradezu nationalen Stolz auf den greisen Landsmann entwickelte, da dieser nach vielen längeren Auslandsaufenthalten wieder dauerhaft in Ungarn lebt. Mit seiner Frau Márta, mit der er bis zu ihrem Tod 72 Jahre lang verheiratet war und eine wahrhaft ideal erscheinende Künstlerehe führte, bezog er 2015 eine Wohnung im Budapester Musikzentrum. Für eine große Zahl weltberühmter ebenso wie ganz junger Musikerinnen und Musiker aus aller Welt ist ein Besuch an der dortigen Adresse seither zur wunderbaren Erfahrung geworden.

In Wien fielen und fallen die Aufführungen zum Kurtág-Fest etwas reduzierter aus, was fast einen Symbolcharakter für die oft so sparsame, eben auf den ganz konkreten Punkt gebrachte Musik des Komponisten hat, deren Entstehung der letztlichen Dauer so manchen Stücks oft entgegengesetzt extrem lange Zeiträume durchmaß. Gelegentlich waren Veranstalter da schon an den Rand ihrer nervlichen Belastbarkeit gebracht, wenn man den Uraufführungstermin schlichtweg nicht einhalten konnte. Ein markantes Beispiel für Kurtágs Arbeitsweise sah man vor einigen Jahren anhand seiner bis dahin einzigen Oper, „Fin de partie“ nach Samuel Beckett. Mancher mochte gar nicht mehr auf ihre Fertigstellung gehofft haben, und doch kam es im November 2018 an der Mailänder Scala zur Uraufführung des über einen Zeitraum von acht Jahren erarbeiteten abendfüllenden Werks, das den Komponisten fesselte, seit er es 1957 in der Dramafassung in Paris gesehen hatte.

Mit der späten Premiere zog ihr greiser Autor einmal mehr die Aufmerksamkeit der internationalen Musikwelt schlagartig auf sich. Die erste Inszenierung der Oper wurde anschließend in Amsterdam und in Paris gezeigt. In Budapest, Antwerpen, Köln, Hamburg und London erklang sie konzertant, und weitere Produktionen erfolgten zwischenzeitlich in Dortmund, Berlin und im Herbst 2024 auch an der Wiener Staatsoper. Sollte man mit Superlativen zurückhaltend sein, so könnte man in diesem Zusammenhang schon von einer gewissen Sensation sprechen, bedenkt man, wie selten neue Werke zu einer zweiten Inszenierung kommen. Welches Aussehen die Nachwelt einmal von diesem möglichen Opus summum überliefert bekommt, ist offen, denn von Anfang an – das ist nun gar nicht so überraschend bei Kurtág – meinte der damals 92-Jährige, dass es sich um eine „nicht endgültige Version“ handle. Mittlerweile hat er auch schon eine zweite Oper, das Monodram „Die Stechardin“ hinzugefügt, die am Abend nach dem 100. Geburtstag in Budapest uraufgeführt wurde.

© Raphael Mittendorfer

Von wahren Kennern interpretiert: Kurtágs großbesetztes Doppelkonzert op. 27/2 im Musikverein.

Seit Jahrzehnten gilt György Kurtág als einer der bedeutendsten ungarischen Komponisten, der zudem auch ein wahrer Kosmopolit ist (hinzugefügt sei, dass dieses in unserem Sprachraum generell sehr positiv im Sinn von liberaler Weltoffenheit zu verstehende Wort von manchen Ungarinnen und Ungarn heute noch gegenteilig gesehen wird, da es zu Zeiten der kommunistischen Volksrepublik als Verrat an der eigenen staatlich verordneten ideologischen Begrenztheit angesehen wurde). Der Lebensweg erklärt manches an dieser engen Verknüpfung von nationaler Identität und internationaler Präsenz des Menschen und seiner Musik. 1926 im rumänischen Banat geboren, übersiedelte Kurtág 1946 nach Budapest, wo er seine Ausbildung an der Franz-Liszt-Musikakademie erhielt. Zu seinen renommierten Lehrern gehörten im Bereich der Komposition Sándor Veress, Pál Járdányi und Ferenc Farkas, für Klavier Pál Kadosa sowie Léo Weiner in der Kammermusik – allein das schon eine Liste der dort Allerbesten ihrer Zeit. Schon seit damals verband ihn eine enge Freundschaft mit seinem nur wenig älteren Kollegen György Ligeti, die bis zu dessen Tod 2006 bestand. Die 1956 vorübergehend politisch gelockerten Verhältnisse im kommunistisch regierten Ungarn nutzte Kurtág, um sich einen Reisepass zu beschaffen und sich ab dieser Zeit immer wieder in Frankreich aufzuhalten, wo er seine Studien bei Max Deutsch, Darius Milhaud und Olivier Messiaen fortsetzen konnte.
Prägend war damals für ihn die Begegnung mit der Musik der Wiener Schule, vor allem Schönberg und Webern, und den Arbeiten von Pierre Boulez, deren Aufführung unter der restriktiven Kulturpolitik in Ungarn verboten war. Auch Werke von Karlheinz Stockhausen und des nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes nach Österreich emigrierten Ligeti konnte er während einer Reise nach Köln kennenlernen. Nichtsdestotrotz kehrte er immer wieder nach Budapest zurück, wo er in der Folge längeren beruflichen Tätigkeiten nachging. So war er etwa ab 1960 Korrepetitor der Budapester Philharmoniker und ab 1967 Professor für Klavier bzw. Kammermusik an der Budapester Akademie, wo u. a. András Schiff und Zoltán Kocsis zu seinen Schülern zählten. In seiner Musik stilistisch beeinflusst von Komponisten wie Bartók bis Webern, um nur zwei besonders wichtige unter vielen mehr zu nennen, ist das zuallererst Auffällige ihre häufige Kürze und Prägnanz, worin sich das tatsächliche mühevolle Ringen um jeden einzelnen Ton spiegelt. Als zentrales Werk und vielleicht sogar wichtigstes Beispiel seines Œuvres kann der 1973 begonnene und bis in die neuere Zeit fortgesetzte Zyklus der Klavierstücke „Játékok“ gelten, eine Art Fortschreibung von Bartóks „Für Kinder“ und „Mikrokosmos“.

Das Kurtág-Jahr 2026, ja, man darf es ruhig so nennen, bringt Würdigungen in vielen Ländern, wobei das vom Musikzentrum Budapest und Kurtágs Verlagen zusammengestellte Kalendarium äußerst eindrucksvoll ausfällt und darauf hindeutet, dass Kurtágs Werke längst im Repertoire angekommen sind; implizierend, dass ein Werk nur dann lebendig bleibt, wenn man es nicht als unantastbar behandelt, sondern dauerhaft kritisch rezipiert. Man darf und soll über diese Musik also durchaus diskutieren. Und es ist kein Geheimnis, dass der Meister selbst schon so manche Interpretinnen und Interpreten durch divergierende Auffassungen zur Darstellung seiner Stücke an den Rand der Verzweiflung brachte.

Im Musikverein wird Kurtágs Jubiläum mit einer Aufführung eines seiner gar nicht so vielen groß besetzten Werke gefeiert, in dem mit Nicolas Altstaedt ein wahrer Kurtág-Kenner und mit Dénes Várjon sogar ein einstiger Kurtág-Schüler zu erleben sind. Das Doppelkonzert op. 27/2 von 1989/90 zeigt Kurtág beim Ausloten einer seltenen Solistenkombination im Wechsel und Zusammenspiel mit Ensemblegruppen. Solistische Linien werden entwickelt und in ein kontrastvolles Geflecht aus expressiven Verdichtungen und lyrischen Momenten gewebt. Am Schluss bleibt ein langer Nachhall wie eine Verneigung vor den gerade verklungenen Tönen.

Für Kurtág sind es in diesen Wochen Ehrerbietung und Sympathie, die bleiben. Und wenn dann die körperliche Verfassung auch noch mitspielt, gibt es noch so manche zusätzliche äußerliche Anerkennung. Die Liste der erhaltenen Auszeichnungen und Preise würde hier den Rahmen sprengen. Kurz vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe wurde György Kurtág am 6. Februar 2026 von der Budapester Franz-Liszt-Musikakademie die Ehrendoktorwürde verliehen. Weitere Überraschungen rund um den 100-jährigen Dr. Kurtág sind nicht ausgeschlossen.

Freitag, 22. Mai 2026

ORF RSO Wien
Thomas Adès
I Dirigent
Dénes Várjon I Klavier
Nicolas Altstaedt I Violoncello

Charles Ives
The Unanswered Question
György Kurtág
Doppelkonzert für Klavier, Violoncello und zwei Kammerensembles, op. 27/2
Thomas Adès
Lieux Retrouves (Fassung für Violoncello und Orchester)
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Francesca da Rimini. Symphonische Dichtung, op. 32

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