Ein gewisses Understatement – Ein Bratschenmonolog von Tamara Štajner
Von Tamara Štajner
27.03.2026
Ich trat schon immer mit einem gewissen Understatement auf. Mich aufdrängen? Nicht meine Sache. Und selbst wenn ich’s täte – es würde nach hinten losgehen. Eine Lächerlichkeit wäre das. So was schickt sich nicht. So was will, so was brauche ich nicht. Man hört doch ohnehin sofort, dachte ich, das, was in mir steckt. Was es aus mir herauszuholen gilt. So man will! Oder besser: kann!
So taub kann keiner sein. So taub, dass er diese Galaxis überhört, kann keiner sein! Ein paar Töne würden reichen, davon war ich überzeugt. Ja, selbst die leeren Saiten, c – g – d1 – a1, wie das Pizzicato zu Beginn der Sonate für Viola und Klavier von Schostakowitsch (op. 147): Diese gezupften, freischwingenden Saiten würden das Publikum schon ahnen lassen, was in mir schlummert!
Umhüllend, samtdunkel – so ist meine Stimme oder in György Ligetis Worten: „Einzigartig herb, kompakt, etwas heiser, mit dem Rauchgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure.“
Aber nicht nur meine Stimme verblüfft, auch mein Korpus: diese üppige Konstruktion! Nicht kleinwüchsig und kurzhalsig wie die Geige, sondern satt, solide, mit einer Hüfte, die etwas verträgt und hergibt!
Man würde es sofort begreifen, dachte ich. Doch das war ein Irrtum! Das Gegenteil ist passiert. Über Jahrhunderte hat man mich, die Bratsche, verkannt. Ich sei weder Fisch noch Fleisch, tuschelte es hinter meinem Rücken.
Wie so was passieren konnte, fragen Sie? Nun ja, zu lange war ich primär für die sogenannte Mittelstimme zuständig, also die Füll- und Begleitstimme. Eine Lückenbüßerin. Ja, ich glänzte nicht mit melodiösen Hauptpartien. Vielmehr glänzte das gesamte Orchester, mir zu Dank! Denken Sie nur an den zweiten Satz in Beethovens Fünfter Symphonie. Was wäre dieser Satz ohne mich bzw. uns, die Bratschen? Ein Unsinn wäre das! Das ganze Orchester hätte einpacken können! Die Segel streichen! Auf ewig verstummen! Und Beethoven, ja? Beethoven hat das genau gewusst! Er hat die Bratsche schließlich auch selbst gespielt! Beherrscht hat er sie! Wie alle, die „wirklich“ was können! Beethoven hat das gewusst! Und Mozart auch! Ganz richtig: Ich bin die eigentliche Fuge im Kachelwerk des Orchesters. Ich bin das Scharnier zwischen Sopran und Bass, die Sehne, die Naht. Ich bin das Rückgrat, das eigentliche Nervenzentrum, in dem sich alles abspielt, in dem all das, was von oben und unten daherkommt, getragen und zur tatsächlichen Musik gemacht wird.
Ohne mich, die stabile Mitte, fiele alles – ich kann es nicht anders sagen – plump auseinander. Alle wissen das. Vor allem aber der Geiger weiß es! Dieser Usurpator. Der Geiger weiß genau, was in dem Bratschisten steckt, deswegen versucht er ihn ja auch kleinzureden, mit seinen Bratschenwitzen. Der Geiger will das Publikum von der schöpfungsgegebenen Macht des Bratschisten ablenken. Diese schamlose Geiger-Propaganda vermaledeite das edelste Gehör! Bratschenwitze! „Wie heißt die Endrunde im Bratschenwettbewerb?“, witzelt der Geiger. „Achtelfinale!“
Was glauben Sie denn, warum Bratschen im Orchester so unvorteilhaft positioniert sind? Entweder zwischen die zweiten Geigen und Celli gequetscht oder am Rande, quasi gegenüber dem Konzertmeister. Was man ja auf den ersten Blick, so aus dem Publikum heraus, als eine starke Position deuten könnte. Davon kann aber nicht die Rede sein! Denn dieser Winkel von 180 Grad, der verursacht nämlich, dass die ersten Geigen ins Publikum spielen und wir, vis-à-vis, ins Orchester hineinspielen, sodass Sie fünfzig Prozent des Klangs gleich vergessen können.
Aber nein, wir lassen uns die Laune nicht verderben. Bei uns Bratschen herrscht der letzte demokratische Geist, der sich tollkühn auf den Barrikaden des Konzertsaals behauptet. Liberté, Égalité, Fraternité! Der Bratschist und die Bratschistin sind von Natur aus die gutmütigsten und auch die großzügigsten Musiker von allen. Erkrankt die Solobratsche, so wird sicher kein Kollege eigennützig ihren Platz stehlen. Sicher nicht! Stattdessen stöhnt es aus der Gruppe: „Na geh bitte, mach du, Otti, na lieber du, Babsi!“ Ja, der Stuhl der Solobratsche bleibt bis zum allerletzten Moment vakant, sogar eine gewisse Nervosität breitet sich aus. Stellen Sie sich nur vor, was das hingegen für ein Gemetzel bei den Violinen wäre!

Es ist eine merkwürdige Konstante, dass sich vor allem schlechte bis mittelprächtige Geiger einbilden, der Bratsche gewachsen zu sein. Ein wirklich guter Geiger tut das nicht. Er kennt nämlich seine Grenzen. Nein, es ist so furchtbar, wenn ein Geiger nach mir greift und mit dem Bogen so hektisch hin und her wischt. Das kann man sich auf der Geige ja leisten, wo die Saiten doch viel kürzer sind! Aber in meine Saiten muss man reingehen, ich bedarf mehr Kraft, mehr Kontakt, mehr Zeit. Man muss den Klang aus mir herauslocken, herausarbeiten, nicht wie ein Trottel darüberwischen.
Ich bin, was man ein Charakterinstrument nennt.
Das wusste Dmitrij Schostakowitsch mit seiner Sonate für Viola und Klavier, und auch Béla Bartók wusste es, als er sein Konzert für Viola und Orchester notierte. Es ist kein Zufall, dass beide Werke ihre letzten Kompositionen waren: Sie haben sich an mir nicht ausprobiert, ich war kein Testballon. Sie haben mich für den Schluss aufgehoben – als ihre große Tat, die Kür. Gibt es was Ergreifenderes als jenen inneren Monolog, den Schostakowitsch im dritten Satz seiner Sonate für mich schrieb? Zwischen Verstummen und Aufschrei und darin das Echo von Beethovens „Mondscheinsonate“? Die Zeit dehnt sich, wird porös – bricht. Bartók hingegen lässt mich aufbrausen, stürmisch, archaisch, jeder Ton pulsierend bis zu Ekstase und Himmelssturz.
Aber auch „Harold in Italien“, diese Symphonie in vier Sätzen von Hector Berlioz, ist ein Werk, das mich erkennt. 1834 trat Niccolò Paganini, im Besitz einer Stradivari-Bratsche, an Berlioz heran und ersuchte ihn um ein Werk, in dem er die Bratsche als Virtuose präsentieren könnte. Berlioz allerdings schuf eine Musik, in der er seine Erfahrungen aus Italien mit der literarischen Figur des Harold aus Lord Byrons „Childe Harolds Pilgerfahrt“ verband: „Ich wollte aus der Bratsche eine Art melancholischen Träumer schaffen“, schrieb Berlioz, „in dem ich sie in den Mittelpunkt poetischer Erinnerungen stellte, die meine Wanderungen in den Abruzzen bei mir hinterlassen hatten. Paganini verlangte, dass die Bratsche unaufhörlich spiele. Ich aber wollte sie bald schweigen lassen, um ihr Gewicht zu erhöhen, wenn sie wieder eintritt.“ Als Paganini es später hörte, war er zutiefst von seiner Schönheit erschüttert.
Solisten auf der Geige gibt es – das ist eine Tatsache – wie Sand am Meer. Während ein Solist auf der Bratsche etwas Überwältigendes ist. Etwas, das sich nur selten ereignet, wie zum Beispiel die totale Sonnenfinsternis. Der Bratschist ist von Natur aus ein Ekliptiker. Er bewohnt die Grenze von Licht und Verdunkelung. Das ist derart rar, da muss so viel zusammenkommen, damit er, der Bratschensolist, aus der Menge heraus- und auf die Bühne hinauftritt! Es ist ein Ereignis von kosmischer Tragweite!
Und ein ebensolches Ereignis kündigt sich in diesem Frühling gleich dreimal an: am 25. und 26. April sowie am 1. Mai. Da betritt der mit höchsten Auszeichnungen geehrte Franzose Antoine Tamestit die Bühnen des Musikvereins und wird die oben genannten Werke mit den Wiener Symphonikern und der litauischen Dirigentin Giedrė Šlekytė sowie in einem Rezital mit dem französischen Pianisten Bertrand Chamayou präsentieren. Und er tut das mit einer exquisiten Bratsche, der ältesten von den nur zehn original erhaltenen Bratschen aus dem Hause Stradivari: die Stradivari „Gustav Mahler“ aus dem Jahr 1672. Eine Bratsche, wie man zu Recht sagt, von altem Holz.
Samstag, 25. April 2026
Sonntag, 26. April 2026
Wiener Symphoniker
Giedrė Šlekytė I Dirigentin
Antoine Tamestit I Viola
John Adams
Short Ride in a Fast Machine
Béla Bartók
Konzert für Viola und Orchester
Hector Berlioz
Symphonie fantastique, op. 14, „Episode de la vie d’un artiste“
Antoine Tamestit I Viola
Bertrand Chamayou I Klavier
Hector Berlioz
Harold in Italien. Symphonie, op. 16; bearbeitet für Viola und Klavier von Franz Liszt
Franz Liszt
„Romance oubilée“ für Viola und Klavier, S 132
Dmitrij Schostakowitsch
Sonate für Viola und Klavier C-Dur, op. 147