Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

„Es geht immer darum, das Erleben von Musik zu intensivieren“

© Julia Wesely
Intendant Stephan Pauly über das Programm der Saison 2026/27

Von Daniel Ender

22.03.2026

Wie entsteht ein Saisonprogramm im Musikverein? Welche Ideen, Gespräche und Visionen führen zu jenem komplexen Gefüge, das sich in 73 Abonnementzyklen entfaltet? Im Gespräch gibt Intendant Stephan Pauly Einblick in die Leitgedanken der Programmplanung, spricht über neue Konzertformate, künstlerische Schwerpunkte und darüber, wie Tradition, Entdeckung und Publikumsvielfalt zusammenfinden.

Jedes Saisonprogramm der Gesellschaft der Musikfreunde ist ein komplexes, wohlüberlegtes Gefüge aus Elementen, die sich in vielfältiger Weise aufeinander beziehen. Wie entsteht eigentlich so ein Plan in seinen Grundlinien und in seinen Details, bis jeweils die neue Broschüre erscheint?
Wir verfolgen bei der Programmierung drei Kerngedanken: erstens die großartige, wunderbare Tradition dieses Hauses lebendig zu halten und stets aufs Neue zu befeuern. Zweitens wollen wir aber auch sehr kreative Programme anbieten und Entdeckungen abseits des Mainstreams ermöglichen. Und drittens möchten wir immer wieder ein neues Publikum gewinnen. Diese drei Punkte sind unsere drei Leitsterne. Mit diesen Zielen führen wir das ganze Jahr über zahlreiche Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Managern, Dramaturgen, befreundeten Orchestern und Festivals und so weiter – und natürlich vor allem mit dem tollen Team, mit dem ich zusammenarbeiten und nachdenken darf. Meistens haben wir zwei bis zweieinhalb Saisonen gleichzeitig im Blick und entwickeln die Planungen parallel. Daraus entstehen bestimmte Programmschwerpunkte, und wir denken auch stark in Serien: Zum Beispiel wollen wir jedes Jahr eine historische und eine zeitgenössische Komponistin in den Mittelpunkt stellen oder unsere Fokuskünstlerinnen und -künstler präsentierten. In der kommenden Saison sind das Yuja Wang, Anne-Sophie Mutter, Maxime Pascal und Franz Welser-Möst. Unsere Festivals stehen immer im Zusammenhang mit einem Objekt aus unserer berühmten Musiksammlung. Wir denken mit Kooperationspartnern wie Wien Modern über Programme nach und entwickeln gemeinsam Projekte wie die Musikverein Perspektiven. So kommt aus den verschiedensten Ideen ein derartiges Programmgeflecht zustande.

Ihre dramaturgische Handschrift erscheint besonders geprägt vom Finden und Erfinden neuer Formate, die sich ohne Bruch, ohne Gewalt, mit Flexibilität und Kreativität in das Programm eingliedern – mit immer wieder neuen, überraschenden Akzenten, die neugierig machen, und auch mit einer Portion Mut.
Wenn es so wäre, wie Sie sagen, würde mich das wahnsinnig freuen, weil die Entwicklung von neuen Formaten ja kein Selbstzweck sein darf. Neue Konzertformen und neue Konzertideen entwickeln wir, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die vielleicht sonst weniger in klassische Konzerte gehen würden, um mit Künstlern und Künstlerinnen neue Möglichkeiten für musikalische Erlebnisse zu finden, und um Musik, und ganz bewusst auch neue Musik, in Situationen aufführen zu können, in denen man sie sonst nicht so oft hört. Bereits seit dieser Saison gibt es in Kooperation mit den Wiener Symphonikern das Format „Hör-Bar“ mit Petr Popelka mit der Möglichkeit, Stücke für Kammerensembles zu spielen, die in Orchesterkonzerten nicht machbar wären – und ihn auch als Kontrabassisten, Pianisten und Moderator kennen zu lernen. Beim neuen Format „Poschners Meilensteine“ wird der neue Chefdirigent des ORF RSO Wien, Markus Poschner, über Werke sprechen, die für ihn besondere Bedeutung haben, mit dem ganzen Orchester auf der Bühne. In „Auszeit“ spielen Top-Solistinnen und -Solisten, die bei uns in Orchesterkonzerten auftreten, auch im Rahmen dieses Relax-Formats, bei dem man in sehr entspannter Atmosphäre zuhören kann. Bei „night flowers“ mit Marino Formenti kann man zeitgenössische Musik in Late-Night-Konzerten erleben, die sich stark auf die Programme des Musikverein Festivals beziehen. Und es wird neue Lunch-Konzerte im Brahms-Saal geben und „Orgelnachklänge“, in denen man unsere Orgel in Kurzkonzerten erleben kann. All das verbindet sich mit einem Programm, das vertraut erscheint, aber es sind eben neue Formate, die darin integriert sind.

Inwieweit kommen mit der dramaturgischen Öffnung auch neue Publikumsschichten ins Haus?
Natürlich machen unsere Abonnentinnen und Abonnenten, unsere Mitglieder als langjähriges Stammpublikum den allergrößten Teil unserer Gäste aus. Das ist auch deshalb wunderbar, weil wir so viele Konzerte mit den besten Orchestern der Welt, mit den besten Dirigentinnen und Dirigenten, mit den tollsten Solistinnen und Solisten im Haus haben. Das ist es, was uns im Kern ausmacht. In der Saison 2026/27 seien neben den Konzerten der Wiener Klangkörper und der vielen Gastorchester, die man Jahr für Jahr bei uns erleben kann, als beispielhafte Höhepunkte genannt: das New York Philharmonic mit Gustavo Dudamel, das Cleveland Orchestra – natürlich mit Franz Welser-Möst –, das Chicago Symphony Orchestra mit Klaus Mäkelä und viele andere mehr.
Aber auch über unser Stammpublikum hinaus finden viele andere Menschen zu uns, etwa durch unser U30-Programm, das wir kürzlich zu sehr günstigen Preisen neu aufgelegt haben. Da gibt es einen enormen Zulauf. Und natürlich spielt, wie seit vielen Jahren, unser Kinder- und Familienprogramm eine entscheidende Rolle, mit Konzerten für alle Altersstufen, das fast immer ausverkauft ist.

© Julia Wesely
© Julia Wesely

In der Reihe „Musikverein Perspektiven“ bringen Sie Persönlichkeiten außerhalb der eigentlichen Musikszene mit ihren persönlichen Sichtweisen und Zugängen, mit ihren musikalischen Vorlieben herein. Haben diese Impulse, ebenso wie die von Ihnen initiierten neuen Gesprächsformate, mit veränderten Hörgewohnheiten zu tun?
Im Kern sind wir dafür da, Musik erlebbar zu machen. Und Menschen einzuladen, klassische Musik live von den tollsten Künstlerinnen und Künstlern zu erleben. Dieses Erleben steht immer im Vordergrund. Aber es ist natürlich auch bereichernd, über Musik zu sprechen. Und zwar nicht im didaktischen Sinne. Wir wollen niemandem etwas beibringen, sondern auch durch das Sprechen über Musik das Erleben intensivieren. Darum geht es immer! Mehr Wissen macht mehr Lust, und unser Publikum mag diese Veranstaltungen, insbesondere die Reihe „Auf ein Glas mit …“, sehr.
Die „Musikverein Perspektiven“ der nächsten Saison sind Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und ihrer Passion für die Musik gewidmet. Das Programm, das Bernhard Günther von Wien Modern, der Dramaturg Claus Philipp und ich gemeinsam kuratiert haben, dreht sich ganz um die Musik und um Elfriede Jelinek – mit Konzerten, Text-Musik-Performances, Lied, Orgel, Ensemblemusik, einer musikalischen Installation, Filmen und Gesprächen. Mit Jelineks musikalischen Fixsternen, mit Musik zu Texten von Elfriede Jelinek, mit einer Jahrzehnte umfassenden Reihe musikalischer und filmischer Werke von Olga Neuwirth, die sich mit Jelinek beschäftigen, und nicht zuletzt mit aktuellen Texten von Elfriede Jelinek, die an mehreren Abenden erstmals öffentlich gelesen werden.

Wie Sie schon erwähnt haben, werden auch wieder zwei Komponistinnen Porträts gewidmet, deren Namen manche vielleicht zum ersten Mal hören.
Ja, es handelt sich dabei immer um eine zeitgenössische Komponistin und um eine Komponistin aus der Musikgeschichte. Die Zeitgenossin ist Francesca Verunelli, die heute eine zentrale Position in der zeitgenössischen Musik mit einer sehr eigenen Ausdrucksweise hat. Als historischer Figur begegnen wir Emilie Mayer, einer Zeitgenossin Richard Wagners, die auch einige Zeit in Wien verbracht hat und dabei in Kontakt mit unserer Gesellschaft war. Sie taucht in der letzten Zeit glücklicherweise vermehrt in Konzertprogrammen auf. Wir können ein weit gespanntes Porträt von ihr mit Orchesterwerken, einem Liederabend, Kammermusik und auch zwei Kinderprogrammen präsentieren, die sich mit ihr beschäftigen.

Am 26. März 2027 wird auch des 200. Todestags Ludwig van Beethovens gedacht …
Und wir haben drei Projekte dazu. Genau an diesem Tag dirigiert Franz Welser-Möst die „Missa solemnis“ mit den Wiener Philharmonikern und dem Singverein zu diesem Anlass. Die Staatskapelle Dresden mit Daniele Gatti wird alle neun Symphonien Beethovens aufführen in einem Zyklus, der durchsetzt ist mit Uraufführungen und zeitgenössischen Kompositionen, die sich auf die Symphonien beziehen. Außerdem spielt Igor Levit an acht Abenden sämtliche Klaviersonaten. Er selbst sagt nach wie vor, Beethoven sei für ihn der Kern seiner künstlerischen Existenz. Auf diese Abende freue ich mich besonders.

Auch das Musikverein Festival kreist um ein Beethoven-Objekt, und zwar den Schlüssel zu seinem Sarg. Was hat es damit auf sich?
Dieser Sargschlüssel ist tatsächlich ein besonderes Objekt, das eine spannende Geschichte erzählt. Als Beethoven zu Grabe getragen wurde, waren Tausende Wienerinnen und Wiener auf den Beinen, die ihn unglaublich verehrten. Es war ein wahrer Kult um ihn – ganze drei Mal wurde er in Wien beerdigt – ein Ausdruck der Verehrung, die die Wiener:innen ihren Komponisten zuteil werden ließen. Am Wiener Zentralfriedhof wurde beim dritten Begräbnis der Metallsarg mit einem Schlüssel verschlossen, der der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien überreicht wurde. Dieser Schlüssel ist für uns ein Symbol für diese glühende Liebe, für die Verehrung, für den Kult um Komponisten und für die Liebe zur Musik. Und so dreht es sich in unserem Festival, ausgehend vom Kult um Beethoven, um die Verehrung von Komponisten, über das Nacheifern, über das Dankbarsein für das, was Komponisten einem geschenkt haben. Wir spielen Stücke von Komponisten, die über andere Komponisten schreiben, die Komponisten zitieren, die ihren Vorgängern musikalische Denkmäler setzen, Hommagen schreiben, Musik der Vergangenheit verarbeiten. Da wird es zum Beispiel Musik von Mozart geben, die sich Händel widmet, Musik von Schumann, die sich auf Beethoven bezieht, Musik von Brahms, die auf Haydn zurückgreift, von Rachmaninow, der Tschaikowskij huldigt, und auch Klassiker der Moderne wie zum Beispiel „Sinfonia“ von Luciano Berio, in der er sich auf Gustav Mahler und insgesamt auf etliche Komponisten aus der Geschichte bezieht. Ein fantastisches Werk, das gar nicht so oft aufgeführt wird, weil es ziemlich aufwendig ist.
Kurz: Werke, in denen ein liebender und verehrender Umgang mit Musik stattfindet, wie er im Grunde auch unsere gesamte Arbeit jeden Tag in jeder Saison prägt.

Weitere Artikel

0%