Die Kraft der Zwischenräume – Sophie Abraham
Von Lukas Meschik
25.04.2026
Sophie Abraham als Grenzgängerin zu bezeichnen, ist keine Floskel, es unterstreicht vielmehr ihre Wandlungsfähigkeit als Künstlerin – wobei die Beschreibung als Überwinderin und Auflöserin vermeintlicher Grenzen wohl noch treffender wäre. Grenzen überschritt sie auch rein geographisch. Geboren in Groningen und zunächst in den Niederlanden aufgewachsen, übersiedelte sie im Teenager-Alter mit ihrer Familie nach Österreich. Ihre ursprüngliche Herkunft würde man hier nicht erahnen, und umgekehrt in Groningen vermutlich nicht ihre neue Heimat. Das „Dazwischen“ scheint bei Sophie Abraham von Haus aus Programm zu sein – und führt unwillkürlich zur titelgebenden „Schönheit dazwischen“ ihres neuen Programms.
Bei einer Musikerin wie Sophie Abraham, die Virtuosität mit Kreativität verbindet, die sich in Klassik, Jazz, Klangexperiment und allem dazwischen zu Hause fühlt, ist die Herkunft freilich nicht das ausschlaggebende Merkmal. Bei ihr steht die Musik im Vordergrund, erst dann wird interessant, welche Identität der Nährboden für ausgedrückte Inhalte ist. Solche Schichten freizulegen, hat durchaus einen zusätzlichen Mehrwert. Ihre Kunst geht nah, weil sie persönlich wird; sie berührt, weil die Künstlerin sich verwundbar macht.
Sophie Abraham ist klassisch ausgebildete Cellistin. Sie studierte Konzertfach an der Kunstuniversität Graz bei Rudolf Leopold und an der Musikuniversität Wien bei Reinhard Latzko. Hier erhielt sie das nötige Rüstzeug, die Klangmöglichkeiten des Cellos auf eigene Faust zu erweitern. Seitdem spielt sie in diversen Ensembles, in denen sie jetzt „weiter lernt“, wie sie es formuliert. Was beim Hören ihres vielbeachteten ersten Soloalbums „Brothers“ besonders beeindruckt, ist der Facettenreichtum. Mal streicht der Bogen über die Saiten, wie man es gemeinhin von einem Cello erwartet, und es entstehen dichte Klangflächen. Mal wird es perkussiv, im federleichten Pizzicato erinnert das Cello an eine Gitarre. Ein Stück wie „Weight of Snow“ beruht auf nachvollziehbaren Patterns, hat beinah Songstruktur. Wo sie ihre Stimme als zusätzliches Instrument einsetzt, englische Texte singt, entstehen tatsächlich eingängige Songs.
Bei ihrem neuen Programm und Album „The Beauty in Between“ macht Sophie Abraham genau dort weiter, wo sie beim ersten aufgehört hat, und setzt ihre Auslotung der Klangmöglichkeiten fort. Im Gespräch betont sie die Vielseitigkeit des Cellos: „Es kann solistisch spielen, aber auch im Streichquartett die Bassfunktion übernehmen.“ Auch Melodie oder Harmonie steuere das Cello verlässlich bei. Es sei erfüllend, das klangliche Vokabular ihres Instruments zu erweitern und zu verfeinern, die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Gespannt darf man sein, was die Einbeziehung elektronischer Musik angeht. „In Zusammenarbeit mit verschiedenen Produzenten“, so Abraham, „erklingt das Cello, eingebettet in elektronische Grooves und Klangflächen, ganz neu.“
Wie schon „Brothers“, entstand auch „The Beauty in Between“ weitgehend im Alleingang, diesmal im bei einer Bekannten eingerichteten Heimstudio. Gesellschaft leistet Sophie Abraham bei der Arbeit nur die junge Hündin Tosca, die beim Aufnehmen selbst andächtig zuhört, beim nachträglichen Bearbeiten allerdings unruhig wird. Das Editieren übernimmt Abraham ebenfalls selbst, nur beim Mixing holt sie sich Unterstützung. So geht auch hier eines ins andere über: Komponieren, Aufnehmen, Improvisieren – die Prozesse überlagern sich.
Was in Sophie Abrahams kreativer Arbeit entsteht, ist technisch vollendete, immer aufs Neue überraschende Musik, die bei aller Komplexität tief berührt.
Auch bei ihrem Konzert im Gläsernen Saal wird Sophie Abraham ganz auf sich gestellt sein, und das Publikum wird Augen, ja, Ohren machen, welch dichte Klanglandschaften eine einzelne Künstlerin aufbauen kann. Und doch werden andere Menschen anwesend sein, auf andere Art. Es gibt eine Gegenwart der Abwesenden, wo sie durch Musik angerufen werden. Sophie Abrahams Kunst ist nicht nur unerschrocken persönlich, sie wird zur Familienangelegenheit: „Brothers“ beschäftigte sich mit dem Unfalltod ihrer zwei Brüder, eine berührende, dabei in allem berechtigten Pathos völlig subtile Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit, Verlust und Trauer. Das gelingt eben, weil das musikalische Talent im Vordergrund steht und nirgendwo von einem Thema oder einer Interpretation erdrückt wird. Das Stück „Bettina“ auf dem neuen Album entstand in Zusammenarbeit mit ihrer Schwester, ebenfalls Musikerin, die aufgrund einer schweren Erkrankung nicht mehr in der Lage ist, Geige zu spielen – für Sophie Abraham Anlass, eine Form des gemeinsamen Musizierens zu finden, bei der ein Körper dem anderen sozusagen die Hand borgt, um Töne zu produzieren. Abraham: „Ich war am Cello ihre Finger. Sie hat dazu gesungen. Aus unseren gemeinsamen Ideen ist das Stück entstanden.“ So ist es nur stimmig, dass ihr Neffe, der angehende Produzent Milan van Luyn, zum Album einen Remix beisteuert. Es bleibt in der Familie.
Sophie Abraham trägt ihre Identität nicht wie einen Bauchladen vor sich her – verschweigt sie aber auch nicht. Nur durch Zufall stößt man bei Recherchen zu ihrer Person darauf, dass sie gemeinsam mit einer Frau eine Familie gegründet hat. Eine Nebensächlichkeit – und eben doch keine Selbstverständlichkeit, dass dies als völlig normal anerkannt wird.
Dass ihr Musikvereinskonzert in Kooperation mit der Vienna Pride stattfindet, ist also nicht nur deshalb stimmig, weil Sophie Abrahams Arbeit als Musikerin die Vielfalt zelebriert, sondern auch, weil ihre private Lebensweise von vielen infrage gestellt wird. Bei Veranstaltungen wie der Pride geht es im Kern um das Ausleben persönlicher Freiheiten – von dem die Gesellschaft wiederum profitiert. Weltkonzerne setzen schließlich nicht auf Diversität, weil sie altruistisch veranlagt sind, sondern weil eine Buntheit der Belegschaft sich in Ideenreichtum und originellen Herangehensweisen äußert. Auch die Hörerschaft profitiert von Musik, die Schubladen auflöst und im Vermischen entsteht.
Sophie Abraham lebt und verkörpert, wofür sie steht: „Politisch bewegen wir uns wieder stark in Extremen. Meine Liebe geht zu den Zwischenräumen. Ich möchte sagen, dass sie eine Berechtigung haben. Dass es eine Schönheit hat, wenn man nicht gleich weiß, woran man ist. Das möchte ich mittels Musik hörbar machen.“
Der Mensch Sophie Abraham ist von der Musikerin Sophie Abraham nicht zu trennen, Leben und Arbeit gehen fließend ineinander über. Was so entsteht, ist technisch vollendete, immer aufs Neue überraschende Musik, die bei aller Komplexität tief berührt. Wer in ihre Klangwelten eintaucht, lernt das Cello neu kennen. „The Beauty in Between“ ist ein bewegender Soundtrack zu gelebten und ungelebten Leben.
Donnerstag, 4. Juni 2026
Sophie Abraham | Violoncello
The Beauty in Between
Musik von Sophie Abraham