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Kompass der klassischen Musik: Sir Simon Rattle

© Oliver Helbig
Sir Simon Rattle, in diesem Jahr siebzig und mit dem Ernst von Siemens Musikpreis, dem „Nobelpreis der Musik“, für sein Lebenswerk geehrt, kehrt als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in den Musikverein zurück. Edwin Baumgartner umreißt die singuläre Laufbahn des großen Briten.

Von Edwin Baumgartner

03.09.2025

Der Komponist gilt als Enfant terrible der Neuen Musik Großbritanniens, da mag er sich noch so sehr auf die Musik des Mittelalters und der Renaissance berufen. Bisher hat er nahezu nur für kleine Besetzungen komponiert, aber jetzt ist es eine rund einstündige Symphonie für großes Orchester. Die britischen Dirigenten winken ab: Nicht realisierbar, sagen sie. Es liege nicht an den Tönen, sondern an der Schichtung der mit irrationalen Rhythmen durchsetzten Polyphonie, die kein Dirigent der Welt koordinieren könne.
Der Komponist hat die Aufführung bereits abgeschrieben, als er im Londoner Royal College of Music zufällig an einem Raum vorbeigeht, in dem Igor Strawinskys „Histoire du soldat“ geprobt wird. Gewiss, das ist ein Stück für Kammerensemble, aber der Komponist kann nicht fassen, wie der Dirigent, ein junger Kerl mit Wuschelkopf, mit zwei Händen, Blicken und Nicken jedes Instrument führt und minimale Abweichungen erkennt. Was der Komponist nicht weiß: Die rhythmische Standfestigkeit hat sich der Dirigent in Orchesterdiensten als Schlagzeuger erworben, die Deutlichkeit seiner Zeichengebung bei seinem Dirigierlehrer John Carewe und, noch mehr, in der Praxis zuerst als Assistent Conductor des Bournemouth Symphony Orchestra und nun in gleicher Position beim Royal Liverpool Philharmonic.
Der Komponist wartet die Probenpause ab, dann fragt er den jungen Dirigenten, ob er einen Blick auf die Partitur seiner Symphonie werfen wolle. So hat es der Komponist dem Autor dieser Zeilen in einem Interview geschildert, das dieser mit ihm im Jahr 1997 anlässlich der Wiener Aufführung seiner Oper „Resurrection“ führte.

Großbritannien hat den neuen Pult-Superstar hervorgebracht, einen, den die Musikwelt nach Karajan so dringend zur Koordinatenbestimmung gebraucht hat.

Der Rest ist Geschichte. Denn mit der Uraufführung der Ersten Symphonie von Peter Maxwell Davies am 2. Februar 1978 mit dem Londoner Philharmonia Orchestra beginnt der Triumphzug von Simon Rattle.
Rattles Karriere ist außerordentlich, denn sie kommt nicht über Engagements durch bedeutende Orchester in Fahrt. Zuerst macht er sich in Fachkreisen einen Namen als Dirigent von in Großbritannien mindergeliebter Musik: 1975 ist er mit gerade einmal 20 Jahren der jüngste Dirigent, der jemals beim Glyndebourne Festival dirigiert hat, auf dem Programm steht Igor Strawinskys Oper „The Rake’s Progress“. 1977 folgt am gleichen Ort Leoš Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“. 1976 leitet er einen Auftritt des Neue-Musik-Eliteensembles London Sinfonietta bei einem Promenadenkonzert. Rattle dirigiert Werke von Arnold Schönberg und Harrison Birtwistle.

Doch die Simon-Rattle-Legende beginnt 1980 in Birmingham. Und wie bei allen Legenden, so stimmt auch an dieser nicht alles. Das City of Birmingham Symphony Orchestra nämlich war, entgegen der Erzählung, bereits ein ausgezeichneter Klangkörper. Sein Chefdirigent Louis Frémaux hatte für künstlerische Höhenflüge im französischen und frankophilen Repertoire gesorgt, allerdings bei seinem Abgang 1978 ein organisatorisches und zwischenmenschliches Chaos hinterlassen, das der Schweizer Dirigent und Komponist Erich Schmid in seinem Interregnum kaum beruhigen kann. Es bedarf eines Neustarts. Durchführen soll ihn am besten ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt im Dirigentenkarussell.
Stadt, Orchestervorstand und Musiker einigen sich auf Simon Rattle. 1989 übernimmt er das seiner Aussage nach „weltbeste französische Orchester“ als „Principal Conductor and Artistic Advisor“, ein Jahr später ist er nominell Chefdirigent. Den Posten hat er bis 1998 inne.
Die britische Presse überschlägt sich vor Begeisterung: Dieser 35-Jährige strahlt nicht nur jugendliche Dynamik aus. Er sorgt für eine Birminghamer Aufbruchsstimmung: Das Orchester wird behutsam verjüngt und darf in eine neue Konzerthalle einziehen, bei deren Errichtung Rattle massiv mitgemischt hat. Obendrein ist er ein feuriger Anwalt der britischen Musik egal welchen Jahrhunderts, egal welchen Stils. Nachgerade unmöglich scheint es, als britischer Komponist von Simon Rattle nicht dirigiert zu werden. Das schmeichelt dem Nationalstolz.

© Astrid Ackermann

International freilich etabliert sich Rattle als Gustav-Mahler-Spezialist. Er zäumt ihn quasi von hinten auf, beginnt noch vor seiner Birmingham-Zeit mit der „Zehnten“ in der von Deryck Cooke komplettierten Version. Dann lässt er in Birmingham den ganzen Kosmos samt der frühen Kantate „Das klagende Lied“ folgen.
So treu er Mahler bleibt, so scheint es doch, als würde er von Komponist zu Komponist springen: Beethoven, Brahms, Sibelius, viel Strawinsky, viel Bartók, zusätzlich erforscht er das barocke Repertoire, und kaum, dass er Haydn und Mozart mit dem Originalklangensemble Orchestra of the Age of Enlightenment aufgeführt hat, spielt er Leoš Janáčeks Temperamentsausbrüche, dazu kommen Wagner, Richard Strauss, Bruckner, dann entdeckt er Karol Szymanowskys freitonale Lavaströme und Hans Werner Henzes späte Neoromantizismen, er setzt Debussy und Ravel aufs Programm und die Zweite Wiener Schule mit Schönberg, Berg und Webern und zelebriert Olivier Messiaens symphonische Erotik der „Turangalîla“. Kein Dirigent seit Leopold Stokowski hat einen vergleichbaren Appetit auf einfach alle Musik gezeigt.

Und nahezu immer steht ein führendes britisches Plattenlabel bei Fuß und verkündet mit Tonträgern Simon Rattles Ruhm auch in den Gegenden der Welt, die außerhalb der häufig gewordenen Tourneen des City of Birmingham Symphony Orchestra liegen: Großbritannien hat den neuen Pult-Superstar hervorgebracht, einen, den die Musikwelt nach Herbert von Karajan so dringend zur Koordinatenbestimmung gebraucht hat.
So ist es denn kein Zufall, dass die Berliner Philharmoniker am 23. Juni 1999 den inzwischen zum Sir geadelten Dirigenten zum Nachfolger Claudio Abbados wählen. Eigentlich hatte Rattle keine Chefdirigentenposition mehr ausfüllen wollen. Aber zu den Berliner Sonderkonditionen konnte er nicht Nein sagen. Gleich sein Einstandskonzert als Chef zeigt, wohin die Reise geht: Die Fünfte Symphonie von Gustav Mahler kombiniert er mit „Asyla“ des britischen Newcomers Thomas Adès.

In Berlin beginnt Rattle nun mehrere Projekte, die sich um Kinder und Jugendliche annehmen. Der Film „Rhythm Is It!“ dokumentiert seine Arbeit in diesem Bereich. Der Titel charakterisiert seine Überzeugung, dass jede lebendige Musik auf der Basis des Rhythmus stehen muss. Rattle setzt sein Konzept der musikalischen Entdeckungsreisen in alle Epochen und Regionen unvermindert fort, bis er 2013 ankündigt, seinen Vertrag 2018 nicht weiter zu verlängern. Altersgründe führt er an.
Doch die dürften einer momentanen Befindlichkeit entsprungen sein, denn als das London Symphony Orchestra ihn 2017 als Chefdirigent nach Großbritannien heimholen will, sagt er zu und bleibt bis 2023. Danach wechselt Sir Simon mit einem Fünfjahresvertrag zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, beginnend mit der Konzertsaison 2023/24.

Längst scheint es, er wäre ein unantastbares Glückskind. Was freilich seine Kritiker noch mehr in Weißglut versetzt. Von einem erstklassigen Dirigenten zweitklassiger Musik schäumen sie. Nur auf die faktische Begründung können sich die Gegner Rattles nicht einigen: Ist den einen seine Genauigkeit zu interventionistisch und egozentrisch, monieren die anderen unpersönliches Abarbeiten der Musikgeschichte.
Was aber wäre die internationale Musikszene ohne Sir Simon? Kaum je hat sich ein Dirigent vergleichbaren Renommees dermaßen um wenig gespielte Musik gekümmert. Ruhiger geworden ist Rattle auch mit 70 Jahren nicht: Konzerte stehen bevor, in denen er Werke von Pierre Boulez, Francis Poulenc und György Ligeti mit Ravel, Wagner und Bruckner kombiniert. Immer noch bestimmt Simon Rattle, wohin die Kompassnadel der klassischen Musik zeigt. Ein Ende seiner Erkundungsreisen ist gottlob nicht ansatzweise in Sicht.

Sonntag, 12. Oktober 2025

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle | Dirigent

Leoš Janáček
Taras Bulba. Rhapsodie für Orchester
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 7 E-Dur

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