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Wie füreinander bestimmt – Sir Antonio Pappano und das London Symphony Orchestra

© Mark Allan
Ende April führt Sir Antonio Pappano das London Symphony Orchestra für zwei Konzerte in den Großen Musikvereinssaal. Die britische Journalistin Jessica Duchen wirft einen Blick auf diese außergewöhnliche Zusammenarbeit.

Von Jessica Duchen

31.03.2026

Manchmal sind die besten Partnerschaften nicht jene, die scheinbar „im Himmel geschlossen“ wurden, sondern solche, die aus dem richtigen Timing und nötigen Glück entstanden sind. Die Zusammenarbeit des London Symphony Orchestra (LSO) mit seinem derzeitigen Chefdirigenten Sir Antonio Pappano könnte als ein glänzendes Beispiel für Letzteres gelten.
Pappanos Ernennung war keineswegs allgemein erwartet worden, obwohl er seit 1996 regelmäßig als Gastdirigent mit dem LSO gearbeitet hatte. 2002 wurde er zum Musikdirektor des Royal Opera House Covent Garden London berufen und blieb dort bis 2024 – länger als jeder seiner Vorgänger. In Interviews während dieser Zeit hatte er kaum Ambitionen erkennen lassen, für die Zukunft noch einmal eine vergleichbare Position in Betracht zu ziehen.

Was jedoch niemand vorausgesehen hatte, war der vorzeitige Abschied Simon Rattles vom Amt des Musikdirektors des LSO nach nur sechs Jahren, nachdem er – nach dem Tod von Mariss Jansons – eingeladen worden war, die Leitung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu übernehmen. Londons Musikliebhaber:innen hätten sich durchaus im Stich gelassen fühlen dürfen. Rattles Zusammenarbeit mit dem LSO war reich an musikalischen Höhepunkten, doch hatte sie ihr Potenzial nie vollständig ausschöpfen können, vor allem weil diese Jahre mit einer Reihe von Turbulenzen für das Vereinigte Königreich und sein Musikleben zusammenfielen.
Zunächst kam der Brexit, der britischen Musiker:innen mit internationaler Tätigkeit einen verheerenden Schlag versetzte. Dann folgte die Covid-19-Pandemie, und schließlich wurde auch noch der seit Langem geplante Bau eines Centre for Music in der City of London – gedacht als hochmodernes neues Domizil des LSO – ersatzlos abgesagt. Für Orchester und Publikum mochte Rattles Weggang wie der sprichwörtliche Tropfen erscheinen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Doch eine solche Einschätzung hätte die Wirkung seines Nachfolgers unterschätzt.

Antonio Pappano, heute 66 Jahre alt, ist vielleicht der Inbegriff des Londoners: in jeder Hinsicht international. Geboren in Essex östlich von London als Sohn süditalienischer Eltern, zog er im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie nach Connecticut. In den USA erhielt er eine praxisnahe musikalische Ausbildung: Er lernte sein Handwerk als Assistent und Begleiter seines Vaters, eines Gesangspädagogen, und wurde bereits mit 21 Jahren Korrepetitor an der New York City Opera. Frühe Stationen als Dirigent führten ihn unter anderem nach Bayreuth, wo er Daniel Barenboim assistierte, nach Oslo und Brüssel. Parallel zu seiner intensiven Operntätigkeit wirkte er von 2005 bis 2023 als Chefdirigent des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom.
London blieb dennoch ein Magnet für ihn: Die Stadt hat nie aufgehört, begabte und dynamische Persönlichkeiten aus aller Welt anzuziehen. Sie ist ein Schmelztiegel, der vor Kreativität brodelt, befeuert durch die stetige Erfordernis, neue Ideen für ein modernes, vielfältiges Publikum zu entwickeln. Nichts ist einfach in London; die Stadt kann zu groß, zu chaotisch und zu teuer erscheinen, geplagt von einer überalterten Infrastruktur und nicht zuletzt von einer gewissen post-brexitbedingten Identitätskrise. Doch ihr kulturelles Leben macht diese Unannehmlichkeiten mehr als wett; vielleicht erklärt gerade die Bereitschaft, sich solchen Herausforderungen zu stellen, die unerschütterlich hohe Qualität ihrer führenden künstlerischen Institutionen – das LSO eingeschlossen.

© Mark Allan

Während seiner Jahre am Royal Opera House war Antonio Pappano nahezu zum Synonym für das Haus geworden. Er entwickelte sich zu einer charismatischen Leitfigur, zu einem überzeugenden und meinungsstarken Kommunikator sowie zu einem wirkungsvollen Fernsehmoderator. Zugleich zog seine künstlerische Autorität einige der bedeutendsten Stimmen der Gegenwart an und band sie an das Haus, darunter Nina Stemme, Jonas Kaufmann, Ermonela Jaho, Bryn Terfel, Lise Davidsen und viele andere.
Pappanos hochenergetische, scharf konturierte Interpretationen erstreckten sich über ein ebenso großes wie vielfältiges Repertoire – von Verdi, Puccini, Wagner und Strauss bis zu Szymanowski, Mussorgskij und Massenet, um nur einige zu nennen. In das Programm seiner Abschiedsgala, ein Divertissement aus Opernhöhepunkten mit einer ganzen Reihe von Stars, nahm er unter anderem ein Duett aus Johann Strauß’ Operette „Die Fledermaus“ auf, auch weil er dieses Werk zuvor nie dirigiert hatte. Die Musik sprühte und funkelte, und die Sänger:innen – Jonas Kaufmann und Sonya Yoncheva – schienen die Zeit ihres Lebens zu haben.

Am Dirigentenpult entfaltet Antonio Pappano eine geradezu explosive Dynamik. Kritiker sprechen von seiner „glühenden Überzeugungskraft“ (The Guardian) und von Aufführungen von „überwältigender Wucht“ (The Times). Geoff Brown, Kritiker der „Times“, schrieb kürzlich nach einem Konzert des LSO unter Pappano mit Tschaikowskijs Vierter Symphonie: „Am Ende hätte man mich auf einer Trage aus der Barbican Hall hinaustragen können. Ein Arzt hätte die Diagnose mühelos stellen können: zu viel Tschaikowskij – zu brillant gespielt.“
Die Tätigkeit beim LSO ist äußerst fordernd, mit dichtem Terminplan und umfangreicher Tourneetätigkeit. Die jüngste USA-Tour von Küste zu Küste etwa umfasste 13 Konzerte in 16 Tagen. In diesem Kontext kommen Pappano sein legendäres Energieniveau und seine unerschöpfliche musikalische Neugier klar zugute. Darüber hinaus hat er neben einem vielfältigen symphonischen Repertoire – mit Werken von Mahler, Bernstein, Vaughan Williams, Elgar und Copland – konzertante Opernaufführungen zu einem zentralen Bestandteil der Programmgestaltung gemacht. Die vergangene Saison endete mit einer mitreißenden „Salome“ mit Asmik Grigorian und Michael Volle, die vom „Guardian“ als „schlichtweg überwältigend“ bezeichnet wurde. Im Juli 2026 wird Wagners „Tristan und Isolde“ das Sommerprogramm beschließen.
In den beiden Konzerten im April im Großen Musikvereinssaal präsentiert das London Symphony Orchestra ein farbenreiches Programm aus dem 19. und 20. Jahrhundert, in dem Pappanos emotionale Intensität und erzählerische Gestaltungskraft besonders zur Geltung kommen dürften. Den ersten Abend eröffnet das selten gespielte Werk „Persephone“ der britischen Komponistin Imogen Holst, der Tochter von Gustav Holst, deren atmosphärisch eindringliche Musik viel zu lang vernachlässigt worden ist. Anschließend ist die norwegische Geigerin Vilde Frang Solistin im Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold – eine Rückkehr nach Wien für einen Komponisten, der hier aufwuchs und berühmt wurde, bis der Aufstieg der Nationalsozialisten ihn ins lebensrettende Exil nach Hollywood zwang. Das Konzert verbindet sehnsuchtsvolle Nostalgie mit Spielfreude, Virtuosität und großherzige Extrovertiertheit. Nach der Pause erklingt ein glänzendes orchestrales Schaustück: Schostakowitschs Fünfte Symphonie.
Im zweiten Konzert verbindet Pappano Bernsteins Zweiter Symphonie, „The Age of Anxiety“, in der Denis Kozhu­khin den Klavier-Solopart spielt, mit Tschaikowskijs Sechster Symphonie, der „Pathétique“, die diesen Abend zugleich beschließt.

Antonio Pappano vereint die Hitze und Leidenschaft seiner italienischen Herkunft, die Energie eines New Yorkers, die unermüdliche Arbeitsdisziplin eines Einwanderers, wie er in Interviews oft betont, und ein tiefes Verständnis für die Herausforderungen, vor denen Musiker:innen in Großbritannien stehen. All diese Eigenschaften tragen dazu bei, das Beste aus dem Orchester herauszuholen. Vielleicht sind er und das London Symphony Orchestra am Ende ja doch füreinander bestimmt.

Montag, 27. April 2026

London Symphony Orchestra
Sir Antonio Pappano | Dirigent
Vilde Frang | Violine

Imogen Holst
Persephone
Erich Wolfgang Korngold
Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 35
Dmitrij Schostakowitsch
Symphonie Nr. 5, op. 47

Dienstag, 28. April 2026

London Symphony Orchestra
Sir Antonio Pappano | Dirigent
Denis Kozhukhin | Klavier

Leonard Bernstein
Symphonie Nr. 2 für Klavier und Orchester, „The Age of Anxiety“
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 6 h-Moll, op. 74, „Pathétique“

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