Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

Träumen und Wachen – Mit dem Singverein durch „Nacht und Morgen“

© Caspar David Friedrich
„Waldesnacht, du wunderkühle, die ich tausend Male grüß’“ … Schöner kann die Nacht nicht klingen als bei Johannes Brahms, musikalisch pur im vierstimmigen Satz eines A-cappella-Chors. Der Singverein spürt diesen Tönen nun nach, in einem fein komponierten Programm, das durch „Nacht und Morgen“ führt. Chordirektor Johannes Prinz dirigiert, Burgschauspielerin Sylvie Rohrer rezitiert ergänzend Lyrisches.

Von Joachim Reiber

19.01.2026

Und immer ist da: dieses Singen. Das reine Schweigen gibt es nicht, nicht die vollkommene Stille, auch dann nicht, wenn die Stimmen des Tages verstummt sind. „Und kecker rauschen die Quellen hervor,/ Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr/ Vom Tage,/ Vom heute gewesenen Tage.“ Eduard Mörike hat diese Verse gefunden, in einem Gedicht, das zu den schönsten in deutscher Sprache zählt: „Um Mitternacht“. Das Klingen ist da und das Singen. Ein Poet wie Mörike kann es sich gar nicht anders denken, nicht anders in den Fluss der Worte bringen. Die Nacht ist voll Musik. Und der Chor hat die Töne dafür. Was wäre die Chormusik ohne das Singen und Klingen der Nacht? Der Singverein und sein künstlerischer Leiter Johannes Prinz widmen ihm nun ein eigenes Programm: „Nacht und Morgen“ ist das Thema eines Konzerts, in dem sich der Chor, dirigiert von Johannes Prinz, ins Klangreich der Nacht begibt. Und, naturgemäß, auch in die geschwisterliche Welt des Morgens. Denn auch das hellste Leuchten gehört dem Chor, göttlicher Morgenklang wie bei Haydn und Schubert. Nun treffen sie in einem fein komponierten A-cappella-Programm aufeinander: Nacht und Morgen.
„Ich liebe thematisch gestaltete Konzertprojekte“, sagt Johannes Prinz, „und schon lange schwebt mir vor, mit dem Singverein einmal durch Nacht und Morgen zu streifen. Die Wege dürfen da ganz frei und offen sein, traumwandlerisch, fantasievoll und assoziativ, musikalisch vielfältig – und auch reich an Begegnungen, die außerhalb des Gängigen liegen. Ich freue mich sehr darauf! Denn ein großer Reiz liegt natürlich auch darin, dass der Chor, der in der großen Konzert- und Oratorienliteratur immer wieder im vollen Chor-Orchester-Klang von Nacht und Morgen singt, diese Sphären nun einmal ganz gezielt erkunden kann: mit A-cappella-Chormusik, der intimsten Form des Ensemblesingens.“ Ein zartes, poetisches Programm also. Eines, das sich auch ideal mit Lyrischem ergänzen lässt. Wortkunst rankt sich so, hübsch dialogisch, um die Musik: Gedichte zu Nacht und Morgen, gelesen von niemand Geringerem als Burgschauspielerin Sylvie Rohrer.
„Waldesnacht, du wunderkühle,/ Die ich tausend Male grüß’“ – ja, das ist der Klang der Romantik! Wie die Nacht ja überhaupt den Romantikern gehört. Nach der nüchternen Aufklärerei, nach all dem streberhaften Mühen um verstandeshelle Klarheit, fanden sie den Mut, hinters Augenscheinliche zu blicken und sich ins Abgründige zu wenden. „Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht“ – das ist romantisches Wissen, formuliert von Friedrich Nietzsche. Novalis begab sich weit hinunter, schwindelerregend tief in seinen „Hymnen an die Nacht“, Richard Wagner tat es ihm gleich in der romantischsten aller Opern, „Tristan und Isolde“.
Aber auch die weniger Radikalen unter den Kunstschaffenden dieser Zeit waren Nachtgeweihte. Johannes Brahms, Melancholiker durch und durch, fühlte sich den Nachtseiten von Natur aus nahe, auch wenn er, was seine Schaffensfreude anging, ein Morgenmensch war. Aber das Tagesgeschäft des Kunstbetriebs? Taugte er dafür? Er versuchte es und nahm 1872 die Wahl zum „artistischen Director“ der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an. Er wurde nicht glücklich damit – und auch nicht die, die ihn bestellt hatten. Der administrative Kram lag ihm nicht, seine Programmvorschläge kamen viel zu spät, und was er dann auf den Konzertplan setzte, war dem Wienerherz oft zu ernst, zu protestantisch düster und nächtlich schwer.
Versuchte er den Befreiungsschlag, als er 1874 die Musikvereinssaison mit dramatischer Wucht eröffnete? Von Anton Rubinstein setzte er die Ouvertüre zur Oper „Dimitri Donskoi“ aufs Programm und von Berlioz „Harold in Italien“, dazu noch Beethovens Fünftes Klavierkonzert, für das er auch selbst am Flügel Platz nahm. Starke Stücke – dazwischen aber, ganz fein und zart, drei A-cappella-Chöre, die er gerade erst geschrieben hatte. Der Singverein sang sie unter seiner Leitung, darunter die „Waldesnacht“: „Nach dem lauten Weltgewühle,/ O wie ist dein Rauschen süß!“ Und genau so wurde es auch aufgenommen in diesem denkwürdigen Konzert, dieses wunderherrliche Raunen und süße, befriedende Rauschen. Man ging, wieder einmal, hart ins Gericht mit dem Programmplaner Johannes Brahms. Völlig verfehlt sei es gewesen, dieses Gesellschaftskonzert „mit einer so hohlprunkenden, phrasenhaften Orchesterlärmmache“ zu beginnen, las man sogar in Berlin – und Brahms als Konzertpianist? Nun ja, der sei „nicht ganz Herr seiner Aufgabe gewesen“. Aber diese Chöre, gesungen vom Singverein: „ein umfassender Glückswurf“!

© Frederick Platt
© Frederick Platt

Wo sonst gibt es solche Resonanzen wie im Musikverein? Die „Waldesnacht“, einer der schönsten Chorsätze überhaupt, wird auf der ganzen Welt gesungen – aber es schwingt noch so viel mehr mit, wenn der Singverein ihn singt, im Großen Musikvereinssaal, dort, wo er 1874 erstmals unter Brahms erklang. Der Singverein war Brahms’ Chor – eine Liebe fürs Leben. Als er die Position des „artistischen Directors“ im Musikverein annahm, galt ihm die Leitung des Singvereins als die attraktivste, lohnendste Aufgabe dieser Tätigkeit. Mit Herzenslust ging er an die Arbeit, probte viel und intensiv – und pflegte, auch als Schulung für die Klangkultur, das A-cappella-Singen. Johannes Prinz folgt ihm auch darin nach. Als Chordirektor darf er keine Repertoirevorlieben haben – was immer auf dem Spielplan steht, wird mit größtem Engagement erarbeitet –, aber wenn Johannes Prinz selbst ein Konzert mit seinem Chor konzipiert, dann darf man schon auch spüren: „Brahms ist eigentlich mein Lieblingskomponist!“
Die „Waldesnacht“ also steht auf dem Programm, dazu zwei weitere Chöre von Brahms, aber der Bogen spannt sich weit im Horizont von Nacht und Morgen. Haydn und Schubert sind dabei, Gabriel Fauré und Claude Debussy, ein Lied von Alma Mahler („Laue Sommernacht“), arrangiert für Chor, Zeitgenössisches von Herwig Reiter, Martin Evanzin und Morten Lauridsen – und natürlich auch das Chorwerk, das die Themenfelder schon kompositorisch verknüpft, „Nacht und Morgen“ von György Ligeti.

„Nach dem lauten Weltgewühle,/ O wie ist dein Rauschen süß!“ Der Singverein streift mit Brahms durch die Nacht und grüßt den Morgen.

Ein wenig innehalten darf man schon jetzt beim Namen Gerhard Prinz. Sein Chorsatz „Was ruft der Hahn“ eröffnet morgenfrisch den zweiten Programmteil. Ein köstliches Stück Musik, zugleich auch, im Stillen, eine Hommage an den Vater von Johannes Prinz, der 2024 verstarb. Wer immer sich Gedanken macht, wie denn das wundervolle Wirken von Johannes Prinz zu „erklären“ sei, der darf auch an ihn denken, an den leidenschaftlichen Lehrer und Chorleiter Gerhard Prinz und überhaupt an das musische Elternhaus in Kärnten, in dem Johannes Prinz aufwuchs, liebevoll umgeben und fantasievoll ermutigt, die Kreativität als Kraft fürs Leben zu entdecken. Aus diesen Quellen schöpft er bis heute und gibt die Lebenskunst weiter – seit bald 35 Jahren als passionierter Leiter des Singvereins, elektrisierend und inspirierend wie eh und je.
Der Chor steht heute prächtig da, fantastische junge Sängerinnen und Sänger kommen laufend hinzu – die Erfolgsgeschichte des Singvereins wird beeindruckend weitergeschrieben. In der laufenden Saison 2025/26 erarbeitet der Chor nicht weniger als zwanzig verschiedene Programme, die in 37 Konzerten präsentiert werden. Die meisten davon finden selbstverständlich „daheim“ statt, im Wiener Musikverein, doch gefragt ist der Singverein auch bei anderen Konzertveranstaltern nah und fern.
Und wie fern! Erst vor kurzem reisten 65 Sängerinnen und Sänger nach Taiwan, um dort einen 40-köpfigen Profi-Chor aus Los Angeles zu unterstützen: Mahlers Zweite stand auf dem Programm, mit dem Los Angeles Philharmonic unter Gustavo Dudamel. In Prag singt der Wiener Singverein in dieser Saison noch das Verdi-Requiem mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Daniele Gatti, und bevor die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hrůša zum Gastspiel nach Wien reisen, ist der Singverein schon für ein Konzert mit Dvořáks „Stabat Mater“ in der Franken-Stadt. Gleich nach dem Saisonschluss im Musikverein geht es dann weiter im Festspielreigen: Bei den Salzburger Festspielen ist der Singverein mit Mahlers Zweiter zu Gast – diesmal mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel. Und in Grafenegg bestreitet er die Festivaleröffnung an der Seite des Philharmonia Orchestra London unter Cristian Măcelaru mit Orffs „Carmina Burana“.
„Dies, nox et omnia michi sunt contraria“, säuselt der Baritonsolist in Orffs großem Sinnentheater, „Tag und Nacht und insgesamt alles ist zuwider mir“. Aber nein! Tag und Nacht, „Nacht und Morgen“ machen die größte Freude, wenn sie so lustvoll besungen werden wie vom Singverein am 15. Februar im Großen Musikvereinssaal.

Sonntag, 15. Februar 2026

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Johannes Prinz | Dirigent
Gernot Schedlberger | Klavier
Sylvie Rohrer | Rezitation

Nacht und Morgen

Weitere Artikel

0%