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Ein Instrument und seine vielen Stimmen – Sechs Pianist:innen im Kurzporträt

© Julia Wesely
Von A wie Avdeeva bis U wie Uchida: Die Spielarten der Klavierkunst sind im Musikverein in den Monaten Mai und Juni besonders variantenreich. Agnes Wolf, selbst Pianistin, hat für die „Musikfreunde“ den Versuch unternommen, der Vielfalt in sechs Kurzporträts einen Namen zu geben.

Von Agnes Wolf

16.04.2026

Luise Adolpha Le Beau zitiert in ihren „Lebenserinnerungen einer Komponistin“ den Musikhistoriker Herrmann Ritter, der das Musikschaffen des 19. Jahrhunderts mit „einem großen Walde, der mit allen möglichen Baumarten bestanden ist“ verglichen hat. Ein treffendes Bild ganz besonders für die Vielfalt der Klavierwelt jener Epoche, als das Klavier vom Salon bis zum Dorfwirtshaus so selbstverständlicher Bestandteil des Mobiliars war wie heute der Flachbildfernseher. Das Klavier hatte sich einer Wechselwirkung zwischen immer ambitionierteren Kompositionen und darauf reagierendem Klavierbau innerhalb kurzer Zeit zu einer buchstäblich „alle Stückln spielenden“ Klangmaschine entwickelt, die Komponist:innen zu einer unendlichen Fülle an Repertoire für das wohl beliebteste Instrument aller Zeiten inspirierte.
Den Biotop-Gedanken weiterführend, zählt Le Beau, die auch Pianistin war, sich bescheiden nicht „zum großen Gehölz“, findet jedoch, „daß nicht nur die wenigen Riesenbäume den Wald ausmachen, sondern daß auch die kleinen Bäume, Sträucher, Gräser, Blumen und Moose nötig seien, um demselben den eigentlichen Charakter zu verleihen“ – ein schöner Gegenentwurf zum Konkurrenzdenken! Auch wenn Klavierkarrieren heute kaum noch ohne Wettbewerbsgewinne denkbar sind – im Mai und Juni sind gleich drei Warschauer Chopin-Preisträger:innen im Musikverein zu Gast –, dürfen sich einzelne Musiker:innen durchaus als Teil eines großen Ganzen betrachten: Die internationalen Bühnen bieten Raum für viele. Im Musikverein geben sich zum Saisonende sechs herausragende Pianist:innen in unterschiedlichen Stadien ihrer Laufbahn die Klinke in die Hand.

Wiener Weltenbürgerin
Mitsuko Uchidas langjährige Verbindung mit dem Musikverein wurde in der vergangenen Saison mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft neu besiegelt. In ihrem bevorstehenden Klavierabend destilliert sie die Essenz jenes Repertoires, das sowohl mit ihrer Künstlerpersönlichkeit als auch untrennbar mit der Musikstadt Wien verbunden ist. In Interviews hat sie geäußert, welche Herausforderung die Transition zwischen den unterschiedlichen Welten Mozarts und Beethovens innerhalb eines Konzerts bedeutet. Man könnte daher vermuten, die kurzen Webern-Variationen seien eingestreut, um nach den Beethoven-Variationen quasi die Geschmacksnerven für das Eintauchen in die Mozart-Welt zu neutralisieren. Doch die Künstlerin interpretiert jeden Ton der Zweiten Wiener Schule mit derselben ihr eigenen emotionalen Feinnervigkeit, als wäre er von Schubert – und die Abwesenheit des vertrauten Parameters Tonalität eine Lappalie, auf die man beinah vergessen könnte. Mozart ist der Komponist, in dessen Universum Uchida förmlich zu leben scheint. Alles, was ihn ausmacht, ist auch in der nur scheinbar „kleinen“ d-Moll Fantasie komprimiert, die leider unvollendet blieb. Auch der erste Satz der Schubert-Sonate G-Dur ist in alten Ausgaben mit dem Titel „Fantasie“ überschrieben – ist er doch trotz strenger Form alles andere als ein üblicher Sonatensatz. Die extreme Dynamik, die vom dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte reicht, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Schubert nie ein eigenes Klavier besaß und dass die Instrumente, die er bei Freunden zur Verfügung hatte, seinen orchestralen Vorstellungen nicht ansatzweise genügen konnten. Interpret:innen sind gefordert, mit den langgehaltenen Akkorden weit über die Grenzen des Klaviers hinauszudenken. Wenn eine Interpretin diese klangliche Vorstellungskraft besitzt, so ist es Mitsuko Uchida.

Intellekt und Leidenschaft
Yulianna Avdeeva konnte 2010 den Chopin-Wettbewerb in Warschau für sich entscheiden, als erste Frau nach dem Sieg Martha Argerichs und als vierte Frau in der Geschichte des Wettbewerbs überhaupt. Im Musikverein gastiert sie im Mai gleich zweimal – zunächst mit dem berühmten Zweiten Klavierkonzert Rachmaninows, den sie als besten Pianisten aller Zeiten bezeichnet. Als weiteres Vorbild nennt sie ihre große Vorgängerin Argerich. Avdeeva interpretiert Chopin kontrolliert, sensibel und mit einer Noblesse, die die Vorstellung nahelegt, dass das Klavierspiel des feinfühligen Komponisten ähnlich geklungen haben könnte. Unnötige Show-Effekte vermeidet sie, umso mitreißender und berührender sind die Momente, in denen sie die gezügelte Leidenschaft kraftvoll freilässt oder eine in den Mittelstimmen versteckte, besonders schöne harmonische Wendung auf dem Silbertablett serviert. Ihre Programme gestaltet sie durchdacht und mit viel Hintergrundwissen über Komponisten und historischen Kontext. Neben Chopin präsentiert sie in ihrem Klavierabend Werke ihrer russischen Heimat, außerdem eine Mazurka von Władysław Szpilman, dessen Name vielleicht nicht jedem so geläufig ist wie der auf seinen erschütternden Lebenserinnerungen basierende Film „Der Pianist“. Das ein wenig an Chopin erinnernde Kleinod greift ans Herz – Szpilman komponierte es 1942 im Warschauer Ghetto. Yulianna Avdeeva hat kürzlich unter dem Titel „Resilience“ ein Album vorgelegt, in dem sie sich mit ebendieser Thematik befasst: Der scheinbar übermenschlichen Kraft, die Komponisten befähigte, der Unterdrückung durch totalitäre Regime etwas entgegenzusetzen und Werke zu schaffen, die von Lebenswillen, Hoffnung und Glauben an die Menschlichkeit zeugen – eine Botschaft, wichtiger denn je!

© Dieter Nagl
© Julia Wesely

Fließende Leichtigkeit
Bruce Liu möchte einer Welt zunehmender Gleichförmigkeit mit Mut zur eigenen musikalischen Persönlichkeit begegnen. Während einer pandemiebedingten Auszeit fand er zu individueller interpretatorischer Freiheit und überzeugte damit auch die Jury des Chopin-Wettbewerbs 2021! Seither musste er sich an ein neues Lebenstempo, Reisen und Jetlags gewöhnen. „Sei wie Wasser“, das berühmte Filmzitat des Kampfkünstlers, der Bruce Liu zu seinem Künstlernamen inspirierte, regt dazu an, auf Veränderungen mit Flexibilität zu reagieren. Dass Liu den nötigen Ausgleich beim Schwimmen findet, überrascht also nicht. Auch in seinem fließenden und technisch geschmeidigen Spiel lassen sich Analogien dazu erkennen. Sein Programm bietet neben bekannten virtuosen Highlights wie Liszts „Rhapsodie espagnole“, die Bruce Liu mit mitreißender Leichtigkeit interpretiert, auch Raritäten: Beethovens „Mondschein-Sonate“ kombiniert der Pianist mit zwei „Clair de lune“ genannten Stücken, jedoch nicht erwartbar aus der Feder Debussys, sondern des Spaniers Mompou.

Weite und Tiefe
Seong-Jin Cho hat mit seinem Sieg beim Chopin-Wettbewerb 2015 einen fulminanten Karrierestart hingelegt. Dabei möchte er mit geschätzten Kolleg:innen eigentlich nicht konkurrieren und teilt diese Sicht mit Béla Bartók, von dem der vielzitierte Satz stammt: „Wettbewerbe sind für Pferde, nicht für Künstler:innen!“ Um sich nicht auf ein Label reduzieren zu lassen, verzichtete er zunächst eine Saison lang ganz auf Chopin, legte stattdessen eine Ravel-Gesamteinspielung vor und beschäftigte sich mit Händel. Seine bereits als Kind angelegte, umfangreiche Repertoire-Wunschliste hat er immerhin bereits zur Hälfte abgearbeitet. Doch das eigentliche Ziel des jungen Pianisten mit scheinbar unendlicher Kapazität gilt nicht der Quantität, sondern dem Wunsch, durch lebenslange Beschäftigung mit den einstudierten Werken zu immer größerer musikalischer Tiefe zu finden. Im Konzert fühlt er sich frei und energetisiert – wer ihn auf der Bühne bewundert, würde kaum vermuten, dass er sich privat als introvertiert empfindet.
Für seinen Klavierabend im Musikverein hat er Bachs erste Partita gewählt, gefolgt von der berüchtigt anspruchsvollen Schönberg-Suite und Schumanns „Faschingsschwank aus Wien“. Und glücklicherweise dürfen wir ihn im Musikverein auch wieder mit seinen pianistisch makellosen, eleganten und musikalisch beglückenden Chopin-Interpretationen erleben!

Puristischer Poet
Sir András Schiff beginnt sein Tagwerk seit seinem 17. Lebensjahr immer zunächst mit einer halben Stunde Bach. Auch die Partiten begleiten ihn schon ein halbes Leben. Zweimal hat er sie bereits eingespielt und im Laufe seiner Karriere immer wieder zyklisch aufgeführt – eine Reise voller Entdeckungen in diesem Meisterwerk, das laut Schiff „immer größer ist als der Interpret“. Die unterschiedlichen Charakteristika der Tonarten, zu Bachs Zeit eine physikalische Tatsache, nehmen wir auch auf dem modernen, gleichschwebend gestimmten Flügel noch deutlich wahr. András Schiff hat dazu ganz persönliche, synästhetische Empfindungen: G-Dur ist für ihn ein frisches Grün, a-Moll hingegen blutrot. Polyphone Werke denkt er orchestral, hört Holzbläser und vor allem auch die menschliche Stimme: „Bei Klavier denke ich nie an Klavier!“ Seine hochassoziative Herangehensweise, gepaart mit umfangreichem Wissen, wirkt in seinen Konzertmoderationen erfrischend und macht vielleicht auch das gewisse Etwas von András Schiffs Interpretationen aus. Fans haben Mühe mit Schubladisierungen: Für die einen ist er Purist, für die anderen Poet. Aber ist das überhaupt ein Widerspruch, gerade in Bezug auf Bachs Musik? Architektonisch perfekt konstruiert, ist zugleich jeder Ton voller Emotion. Schiff äußert sich im musikalischen Kontext übrigens auch gern politisch: „Bei Bach ist kein Ton einfach nur Begleitung – alle sind gleich wichtig, wie in der Gesellschaft!“ Spricht Schiff über die verschiedenen Tanzsätze der Suiten – die spanische Sarabande, die französische Courante, die schottisch/irische Gigue – wird er noch deutlicher: „Bach war kein Nationalist, er war Kosmopolit!“ András Schiff wünscht sich eine europäische Flagge mit Bachs Portrait darauf – ist das nicht ein schöner Gedanke?

Singen und Atmen
Lukas Sternaths Interesse galt als Kind zunächst dem Jazz. Als Wiener Sängerknabe lernte er die klassische Musik kennen und lieben und entschied sich schließlich für eine Pianistenlaufbahn. Für seinen Klavierabend hat er die große A-Dur-Sonate von Franz Schubert gewählt, den er als seinen Herzenskomponisten bezeichnet. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ihm die Klaviermusik des großen Liedkomponisten scheinbar so mühelos aus den Fingern strömt, hat er doch bei den Sängerknaben Atmen, Singen und damit natürliches Phrasieren gelernt. Es zählt zu den größten pianistischen Herausforderungen, eine langgezogene Kantilene zu gestalten, wird doch ein einmal angeschlagener Ton am Klavier immer leiser und gilt es, diese physikalische Gegebenheit zu überlisten. Sternath gelingt es, die wunderbaren Schubert’schen Gesangslinien direkt und ungekünstelt auf das Klavier zu projizieren, „sein“ Schubert klingt natürlich, frei und unmanieriert. Doch auch Virtuoses liegt Sternath, dessen Hände wie speziell für seinen Beruf designt scheinen: Auf dem weiteren Programm stehen Liszts „Funérailles“ und Prokofjews Achte Sonate – die letzte der drei „Kriegs-Sonaten“, die zwar nicht dezidiert programmatisch konzipiert wurden, aber dennoch ihre Entstehungszeit während des Zweiten Weltkriegs musikalisch reflektieren. Im ersten Satz ist mehrmals eine Reminiszenz an den ersten Komponisten des Abends zu hören: Nur wenig verfremdet, erkennt man Schuberts „Leiermann“ aus der „Winterreise“. Schubert-Fans mögen die Ohren spitzen, um diese magischen Momente nicht zu verpassen.

Samstag, 16. Mai 2026
Mitsuko Uchida I Klavier

Ludwig van Beethoven
32 Variationen über ein eigenes Thema für Klavier c-Moll, WoO 80
Anton Webern
Variationen für Klavier, op. 27
Wolfgang Amadeus Mozart
Fantasie für Klavier d-Moll, KV 397
Franz Schubert
Sonate für Klavier G-Dur, D 894

Montag, 18. Mai 2026
Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons
I Dirigent
Yulianna Avdeeva I Klavier

Sergej Rachmaninow
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll, op. 18
Dmitrij Schostakowitsch
Symphonie Nr. 10 e-Moll, op. 93

Dienstag, 19. Mai 2026
Yulianna Avdeeva I Klavier

Frédéric Chopin
Barcarolle für Klavier Fis-Dur, op. 60
Dmitrij Schostakowitsch
Präludium und Fuge D-Dur, op. 87/5
Władysław Szpilman
Mazurka f-Moll
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Dumka. Russische Dorfszene e-Moll, op. 59
Sergej Rachmaninow
Prélude für Klavier Ges-Dur, op. 23/10
Frédéric Chopin
Polonaise für Klavier As-Dur, op. 53

Samstag, 30. Mai 2026
Bruce Liu I Klavier

György Ligeti
Études, premier livre: 4. Fanfares
Johann Sebastian Bach
Französische Suite Nr. 5 G-Dur, BWV 816
Frédéric Chopin
Nocturnes für Klavier cis-Moll und Des-Dur, op. 27
Maurice Ravel
„Alborada del gracioso“ für Klavier
Claude Debussy
Rêverie
Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier cis-Moll, op. 27/2, „Mondschein-Sonate“
Federico Mompou
Glossa sobre „Au clair de lune“
Fantasia sobre „Au clair de la lune“
Franz Liszt
Rhapsodie espagnole

Sonntag, 31. Mai 2026
Seong-Jin Cho I Klavier

Johann Sebastian Bach
Partita für Klavier Nr. 1 B-Dur, BWV 825
Arnold Schönberg
Suite für Klavier, op. 25
Robert Schumann
Faschingsschwank aus Wien. Fantasiebilder für Klavier, op. 26
Frédéric Chopin
14 Valses

Montag, 8. Juni 2026
Sir András Schiff I Klavier

Johann Sebastian Bach
Partiten Nr. 1–6, BWV 825–830

Dienstag, 9. Juni 2026
Lukas Sternath I Klavier

Franz Schubert
Sonate für Klavier A-Dur, D 959
Franz Liszt
„Funérailles“ aus „Harmonies poétiques et relegieuses“
Sergej Prokofjew
Sonate für Klavier Nr. 8 B-Dur, op. 84

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