Selbstporträt mit Ahnen – Über den Autor Saša Stanišić
Von Lukas Meschik
17.03.2026
Saša Stanišić ist ein Phänomen. Nur wenigen zeitgenössischen Schriftsteller:innen des deutschsprachigen Raums gelingt es, die Grenzen zwischen U- und E-Literatur aufzulösen – anders als im angloamerikanischen Raum hat diese Unterscheidung in unseren Breiten weitgehend Bestand. Bloß Kollegen wie Daniel Kehlmann oder Wolf Haas spielen in einer ähnlichen Liga. Stanišić, 1978 in Višegrad geboren, veröffentlicht kommerziell erfolgreiche Bücher, die nicht nur Bestseller sind, sondern über deren künstlerischen Wert Konsens herrscht. Der Preis der Leipziger Buchmesse und der Deutsche Buchpreis sind nur die prestigeträchtigsten von zwei Dutzend Auszeichnungen.
Seine Souveränität im spielerischen Umgang mit der Sprache ist umso eindrücklicher, wenn man bedenkt, dass das Deutsche nicht seine Muttersprache ist, sondern er es sich nach seiner Flucht aus Jugoslawien erst aneignen und dessen Grenzen ausloten musste – was für Stanišić wohl schon zu pathetisch ausgedrückt wäre. „Das Biest Sprache hat mich in seinen Fängen“, legt er einem seiner Protagonisten in den Mund, spricht von einer „Verwortung“, und als Autor hat er dieses Biest sehr bewusst nicht gezähmt, sondern hält sich geschickt daran fest und vollzieht mit ihr einen wilden Ritt.
In seinen Romanen und Erzählungen bürstet er herkömmliche Fluchtgeschichten und Flüchtlingsliteratur gegen den Strich, er räumt auf mit „Zugehörigkeitskitsch“ und verbindet Ironie mit existenzieller Tiefe. Stanišić ist durchaus Mainstream, stellt aber keine seelenlose Massenware her, sondern hat sich Experimentierfreude und Eigensinn erhalten. So darf man sich von seinen Geschichten ohne schlechtes Gewissen prächtig unterhalten fühlen und erhält gleichzeitig berührende Einblicke in menschliche Schicksale. Er erzählt moderne Märchen, die so traurig sind, dass sie schon wieder lustig sind, bei denen man nur lacht, um nicht zu weinen.


„Wie der Soldat das Grammofon repariert“, erschienen 2006, ist das fulminante Debüt, mit dem Stanišić bereits all das zeigt, was er später weitertreiben und verfeinern sollte. Der autobiographische Roman erzählt vom Krieg, von Vertreibung und Ankommen, von verschwindenden Gewissheiten und gekappten Verbindungen, all das aus der Sicht eines Kindes, das vieles nicht versteht, sondern sich nur atemlos weiterwundern kann. Düster ist dieser Text selten, oft verdammt komisch. Im Gedächtnis bleibt der liebevolle Blick auf schrullige Familienmitglieder, etwa Tante Taifun, die mit Höchstgeschwindigkeit plappert. Und wo seitenweise die Gerichte eines Festmahls aufgezählt werden, da wird einem angenehm schwindlig. Ein Sprachkunstwerk, das selbstbewusst seine Sprachmuskeln spielen lässt – aber immer im Dienst an der Sache, das große Ganze unterstützend. Die kunstvolle Collage aus Erzähl- und Zeitebenen, das Spiel mit literarischen Formen, all das ist durchaus postmodern, aber nie angestrengt oder anstrengend, es bleibt federleicht und schlüssig.
„Ich sammle die deutsche Sprache“, heißt es wo, und diesem Postulat sollte Stanišić später treu bleiben. An anderer Stelle liest man: „Man müsste, schreibe ich später ins Als-alles-gut-war-Buch, man müsste einen ehrlichen Hobel erfinden, der von den Geschichten die Lüge abraspeln kann und von den Erinnerungen den Trug. Ich bin ein Spänesammler.“ Einen solchen Erinnerungshobel setzt der Autor auch bei seinem zweiten autobiographischen Roman „Herkunft“ an. Erschienen 2019, markiert er für manche den vorläufigen Höhepunkt dieses schriftstellerischen Werdegangs.
Jene Themen und Motive, die im Debüt oft nur angerissen werden, kann Stanišić hier vertiefen und ausbreiten. Wieder geht es um Krieg und Flucht, diesmal allerdings aus der Sicht des Erwachsenen. Und wo Stanišić „ich“ sagt, da meint er diesmal tatsächlich sich selbst. Wir erfahren nicht nur konkrete familiäre Hintergründe und lesen politische Reflexionen, wir begleiten ihn auch bei der Entstehung des vorliegenden Buches. Der Autor reist zurück in seine alte Heimat, macht sich Gedanken über den Schreibprozess, lässt sich selbst auftreten als Figur. Mittendrin stoßen wir auf programmatische Sätze, die dem Projekt auch als Motto vorangestellt sein könnten: „Das alles ist eine Art Urszenerie geworden für mein Selbstporträt mit Ahnen. Es ist auch ein Porträt meiner Überforderung mit dem Selbstporträt.“ Das Eingeständnis einer Überforderung kann einen Schriftsteller nur sympathisch machen. Wer weiß, dass er nichts weiß, der weiß bekanntlich viel mehr als so mancher, der glaubt, alles zu wissen.
„Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Višegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss.“ Hier plaudert nicht nur ein Autor aus dem Nähkästchen, er lässt uns wirklich nah dabei sein, wo er sich grundlegende Gedanken zu seiner Berufung macht, die für ihn zum Beruf geworden ist. „Dass ich diese Geschichte überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben.“ Neben Ausgrenzungserfahrungen werden auch genau solche Menschen beschrieben, die bei der Auflösung von Landes- und Sprachgrenzen mitgeholfen haben. Stanišić verewigt sich als Jugendlicher an der Provinztankstelle, der mit Gleichaltrigen herumhängt, plaudert, philosophiert, auch mal Blödsinn macht. Seiner demenzkranken Großmutter setzt er als todgeweihter Heldin in einem Fantasy-Abenteuer ein Denkmal, die wir auf der Suche nach einem würdigen Abschluss durch ein Choose-Your-Own-Adventure-Puzzle lotsen dürfen.
Der Roman „Vor dem Fest“ (2014) erzählt wahrgelogene Dorfgeschichten aus der Uckermark, der Gang ins Heimatmuseum wird zum spannenden Abstieg ins deutsche Unterbewusstsein. In seinen beiden Erzählbänden „Fallensteller“ (2016) und „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ (2024) beweist Stanišić, dass er für markante Figurenzeichnung und lustvolle Abschweifung nicht viel Platz braucht. Innerhalb nur weniger Seiten gelingt es ihm, ein Milieu inklusive dazugehörigem Personal zu etablieren, etwa die Belegschaft eines Sägewerks oder christliche Menschenrechtsaktivisten. „Der Hochsitz“ und „Neue Heimat“, jene zwei Kurzgeschichten, die Stanišić im Musikverein lesen wird, hängen zusammen – wie alle Texte dieses Bandes, die subtil und raffiniert verwoben und verstrickt sind. Er lässt die Melancholie einer brütenden Hitze hochleben, in der Jugendliche über einen Proberaum für Versionen des Lebens schwadronieren; und er etabliert einen verlassenen Hochsitz als Rückzugsort für einen passionierten Leser – eine Reise in die eigene Vergangenheit.
„Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens“, bekannte Stanišić in seinem Lebensbuch „Herkunft“, und es ist naheliegend, dass diese unterhaltsame Abschweifungslust auch beim Gespräch vorhanden sein wird, das an seine Lesung am 17. April im Gläsernen Saal anschließen wird. So könnte aus einem Austausch über Musik und Gesellschaft durchaus einer über Gott und die Welt werden.
Freitag, 17. April 2026
Saša Stanišić I Lesung
Mitglieder des Bläserensembles Federspiel
Saša Stanišić:
„Neue Heimat“ und „Der Hochsitz“ aus: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“