Aufbruch, Aufruhr, Avantgarde – Das ORF RSO Wien als Uraufführungsorchester
Von Karlheinz Roschitz
08.02.2026
„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit“: Deutschlands damals frischgewählter Bundeskanzler Willy Brandt charakterisierte dieses Jahr 1969, in dem der Amerikaner Neil Armstrong am 21. Juli als erster Mensch den Mond betreten hatte, als Jahr der entscheidenden Veränderungen. General Charles de Gaulle trat ab. Die Stonewall-Aufstände in New York gelten als Beginn der LGBTQ-Bewegung. Das Woodstock-Festival wurde zum „Kulturmeilenstein“. Letzter Live-Auftritt der Beatles. Die Wiener Kulturszene brodelte schon seit dem Krisenjahr 1968. Studentenproteste! Der Wiener Aktionismus, ein Begriff Peter Weibels, sorgte mit „Tabubrüchen“ wie der „Uni-Ferkelei“ für Aufruhr. Polizei und Gerichte schritten ein. Heute gefeierte Künstler wie Brus und Muehl wurden wegen Herabwürdigung der Staatssymbole und Gotteslästerung verurteilt. Die Emigrationswelle der Künstler nach Berlin begann. Die Freiheit der Kunst stand auf dem Spiel.
Auch für die Neue Musik protestierten Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, Friedrich Cerha, Roman Haubenstock-Ramati, Dieter Kaufmann und HK Gruber erbittert, vor allem gegen das Desinteresse der Kulturpolitik und gegen die „erbärmliche Förderung der Avantgardekunst“ – und stiegen in der Folge zu Kultfiguren der internationalen Festivals von Darmstadt und Donaueschingen bis zum Grazer Musikprotokoll auf. ORF-Generalintendant Gerd Bacher erkannte die Notwendigkeit, im Rahmen der Rundfunkreform von 1967, wie dringend die Musikszene Erneuerung und neue Impulse brauchte: Otto Sertl wurde 1967 beauftragt, nach deutschem und englischem Vorbild ein Rundfunkorchester aufzustellen. Sertl, Freund und Förderer der längst unter die Kultensembles aufgestiegenen, von Friedrich Cerha und Kurt Schwertsik gegründeten „die reihe“ und von Peter Keuschnigs „Kontrapunkten“, schwebte ein großes Ensemble für zeitgenössische Musik vor, das in Wien endlich die monumentalen Werke der Avantgarde und ihre Experimente realisieren sollte.
1969 wurde das vom Komponisten Max Schönherr 1945 gegründete RAVAG-Orchester, das zuletzt Großes Orchester des Österreichischen Rundfunks hieß, in ORF-Symphonieorchester umbenannt und reorganisiert. Der erste Chefdirigent, der kroatisch-österreichische Dirigent Milan Horvat, erwies sich in seinem Debütkonzert noch als etwas zaghaft gegenüber dem Auftrag zur Förderung des Neuen: Er führte neben Strawinskys „Petruschka“ Gottfried von Einems 1960 entstandene „Philadelphia Symphony“ auf. Aber er leitete schon 1968 die erste Konzertreise des im selben Jahr von Emil Breisach und Peter Vujica im Rahmen des „steirischen herbsts“ gegründeten Musikprotokolls, das „dem immer Neuen und noch Ungehörten“ gewidmet war, nach Ljubljana.
Heute ist das Orchester, das 1996 in Radio-Symphonieorchester Wien (RSO Wien) und 2009 in ORF Radio-Symphonieorchester Wien umbenannt wurde, mit Ur-, Erst- und Wiederaufführungen Neuer Musik im Musikverein – auch mit einem eignen Zyklus –, im Konzerthaus, im Theater an der Wien und selbstverständlich bei Österreichs wichtigsten Festivals Neuer Musik präsent.
Wie viele Werke das RSO Wien bei rund 63 Konzerten pro Jahr in Wien, Österreich und international in den 56 Jahren seines Bestehens ur- und erstaufgeführt hat, ist merkwürdigerweise nie gezählt worden. Neun Chefdirigenten leiteten bisher das RSO Wien: Milan Horvat brachte seit 1969 bis zu seinem Abschied 1975 „Schlüsselwerke“ der Wiener Avantgarde zur Uraufführung – Marksteine waren Friedrich Cerhas „Spiegel IV“ und Erstaufführungen von Luigi Nonos „Intolleranza“-Suite und Krzysztof Pendereckis „Kosmogonia“; Cerha, der zu einem der wichtigsten Gastdirigenten wurde, betreute selbst die Uraufführung einiger seiner Werke, darunter die Gesamturaufführung aller seiner „Spiegel“ 1972 in Graz. 1975 trat der damals 31-jährige Finne Leif Segerstam als Chef an und sorgte für skandinavische Musikeinflüsse. Segerstam brachte Otto M. Zykans „Drei unterschiedliche pathetische Sätze auf der Suche nach konventionellen Gefühlen“ zur Ur- und Pendereckis Violinkonzert zur Erstaufführung. Der Bayer Lothar Zagrosek, von Karajan gefördert, übernahm das Orchester 1982. Er setzte auf Reformen: So gründete er die in der Besetzung flexible ORF-Sinfonietta; die Präsenz des RSO Wien in den Sendezeiten stieg um 80 Prozent, es entstanden TV-Produktionen und Unterhaltungsmusikprojekte. Ein Höhepunkt seiner Chefdirigentenzeit: Leonard Bernstein dirigierte das RSO 1986 in der Wiener Staatsoper bei der Erstaufführung seiner Oper „A Quiet Place“. Zagrosek ging 1987 früher als geplant und wurde Direktor der Pariser Grande Opéra und Chief Guest Conductor des BBC Symphony Orchestra London.

Friedrich Cerha, der zu einem der wichtigsten Gastdirigenten des ORF RSO Wien wurde, betreute selbst die Uraufführung einiger seiner Werke, darunter die Gesamturaufführung aller seiner „Spiegel“.
Ab 1987 sprangen deshalb Dirigenten wie Miltiades Caridis, Heinz Wallberg, Zdenek Kosler, Charles Mackerras und Michael Gielen ein. Unter dem Israeli Pinchas Steinberg (1989 bis 1996) wurde der ORF-Zyklus im Wiener Musikverein gegründet. Tourneen führten das Orchester drei Mal nach Japan, dann nach Spanien, zu Radio France. Das internationale Renommee als hervorragendes Ensemble stieg. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien vergab von nun an mehr Werkaufträge. Die Zahl der Ur- und Erstaufführungen, von denen hier nur die wichtigsten zu nennen sind, stieg deutlich an. Eine Bilanz dieser Aufträge kann sich international sehen lassen: Francis Burts „Blind Vision“, Chaya Czernowins „Atara“, Bernd Richard Deutschs Orgelkonzert „Okeanos“, Clemens Gadenstätters „Fluchten / Agorasonie I“, Sofia Gubaidulinas „Der Zorn Gottes“, das Klavier- und das Violinkonzert von Georg Friedrich Haas, Ernst Kreneks „Opus sine nomine“, Herbert Lauermanns „An die Sonne“, Thomas Pernes’ „Gleichsam eine Sinfonie“, Marcel Rubins „Oh ihr Menschen. Ein Heiligenstädter Testament“ und die Oratorien „Auferstehung“ und „Licht über Damaskus“ und Siebte Symphonie, Gerhard Schedls „Tango“, Kurt Schwertsiks „Baumgesänge“, Johannes Maria Stauds „Über trügerische Stadtpläne und die Versuchungen der Winternächte“, Egon Wellesz’ Suite (op. 16) u. v. a. Das RSO Wien hat sich mit diesen Werken, darunter vielen Auftragsarbeiten der Gesellschaft der Musikfreunde, in der Wiener Musikszene und in der Geschichte der Neuen Musik einen bemerkenswerten Platz erspielt.
1996 trat der Amerikaner Dennis Russell Davies an. Er engagierte sich für amerikanische Avantgarde wie Philip Glass, einen der wichtigsten Repräsentanten der Minimal Music der 1960er Jahre, und führte das Orchester auf seine erste US-Tournee, nach Brasilien und China. Zur Uraufführung brachte er u. a. Herbert Willis Trompetenkonzert „Eirene“ aus dem „Montafon“-Zyklus und Kurt Schwertsiks „Sinfonia – Sinfonietta“ (op. 73), ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde.
Unter der Ägide des Parisers Bertrand de Billy (2002 bis 2010), der besonders auf exquisite Klangkultur und Kammermusikqualitäten schaute, stieg das Orchester zu einem der führenden Klangkörper Österreichs auf. Unbeirrt und mit viel Energie und internationalen Kontakten kämpfte de Billy um das Weiterbestehen des RSO, als der Klangkörper 2008 aus Budgetgründen aufgelöst werden sollte. Zu de Billys wichtigsten Uraufführungen zählen Gerd Kührs „Movimenti“ und „Linie Punkt Fläche Raum“, Johannes Maria Stauds „Polygon“, Michael Jarrells Akkordeonkonzert „Épigraphe“ und Thomas Larchers Violinkonzert.
De Billy folgte der Deutsche Cornelius Meister (bis 2018), der das Fortbestehen des RSO Wien weiter sicherte. Ihm sind die Uraufführungen von Olga Neuwirths „Hommage a Klaus Noemi“, Cerhas „Drei Sätze“, ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde, Rainer Bischofs „Wozu? Deshalb!“ und Klaus Langs „Siebzehn Stufen“ zu danken.
Erneut folgten Einsparungsversuche. Sie wurden unter der Amerikanerin Marin Alsop (ab 2019), der ersten Chefdirigentin in der Geschichte des RSO Wien, erneut abgewehrt. Alsop setzte sich für Friedrich Cerha, Chaya Czernowin und Georg Friedrich Haas besonders ein. Seit 2025 steht fest, dass der Münchner Markus Poschner, seit 2017 Chefdirigent des Linzer Bruckner Orchesters, 2026/27 beim ORF RSO Wien die Position des Chefdirigenten übernimmt. Und wie seine Vorgänger betont er im Gespräch, sich besonders der Pflege zeitgenössischer Musik, der „Musik unserer Zeit für Menschen unserer Zeit“ widmen zu wollen. 2024 stellte Marin Alsop sieben Ur- und sechs Erstaufführungen mit dem RSO zur Diskussion. Auch Poschner ist der Ansicht, dass das Orchester in Zukunft „für eine Welt von morgen“, d. h. ohne stilistische, geographische Grenzen und politische Einflüsse spielen muss.
Freitag, 27. Februar 2026
ORF RSO Wien
Marin Alsop I Dirigentin
Bruce Liu I Klavier
Friedrich Cerha
Drei Sätze für Orchester
Frédéric Chopin
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll, op. 11
Sergej Prokofjew
Romeo und Julia. Auszüge aus den Ballettsuiten, opp. 64a, 64b und 101