Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

Eine Träne für das Paradies Robert Schumanns – „Das Paradies und die Peri“

© Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Das Tor zum Paradies öffnet sich wieder! Robert Schumanns Meisterwerk „Das Paradies und die Peri“ ist nach längerer Pause wieder im Musikverein zu erleben – prominent besetzt mit den Wiener Symphonikern, ihrem Chefdirigenten Petr Popelka und Julia Kleiter als Peri. Und mit dem Singverein – dem Chor, der das Werk einst mit Clara Schumann am Klavier studierte.

Von Joachim Reiber

20.04.2026

Eduard Hanslick saß versonnen im Goldenen Saal. Sicher, den Bleistift hatte er gespitzt, das war er sich schuldig als Wiens oberster Musikkritiker. Seine Leserschaft durfte wie immer ein scharfes Urteil und blitzende Pointen erwarten. Aber versonnen war er – und ein wenig nostalgisch, als er so dasaß am 15. Jänner 1888 und „Das Paradies und die Peri“ hörte. Hans Richter dirigierte, es spielte das „Gesellschaftsorchester“, es sang der Singverein nebst einer erlesenen Solistenschar. Und das „Publicum“, so Hanslick, „lauschte den Klängen Schumann’s mit einer Andacht, welche beinahe die Sänger um ihren wohlverdienten Beifallslohn verkürzte. Niemand wagte die strenge Einheit der Composition zu unterbrechen; erst am Schlusse jeder Abtheilung entlud sich der lange aufgesparte Applaus.“ Berührend war es, ganz offenkundig auch für den gewieften Kritiker, sich in diese Andacht einzufügen, und persönliche Erinnerungen mischten sich drein. 1846 – er war noch ein Jungspund als Kritiker – hatte Hanslick in Prag „Das Paradies und die Peri“ gehört und mit Schumann selbst über seinen Eindruck sprechen können. „Meister Florestan“ sei „ein bisschen alt geworden“, das war damals Hanslicks forsches Urteil, gemünzt auf den dritten Teil des Werks, den er zu langatmig fand. Schumann aber widersprach: „Mir ist er der liebste und vielleicht meine beste Musik.“

Mehr als vierzig Jahre später zitierte Hanslick den Satz aus dem Gedächtnis und stellte nachdenklich sein Urteil nochmals auf den Prüfstand. Hatte er sich getäuscht und Schumanns „beste Musik“ überhört? Oder irrte Schumann? Hanslick blieb bei seiner Wahrnehmung. „Einzelne blühende Oasen“, fand er, könnten nichts ausrichten „gegen die erdrückende Monotonie des Ganzen“ im dritten und letzten Teil des Werks. „Nicht nur die Inspiration, auch der unentbehrliche praktische Blick verließ den Meister, indem er auf eine Belebung des … Rhythmus, auf eine Steigerung der formlos zerfließenden Melodik, auf eine Abwechslung zweitheiliger mit dreitheiligen Tactarten nicht Rücksicht nahm. Und dennoch“ – ja, dieses Dennoch war ihm wichtig! – „wer möchte trotz dieser Schwächen die Peri in unserem Concertleben vermissen? Wer vermöchte aus den neueren Compositionen dieser Gattung auch nur Eine zu nennen, gegen welche die ,Peri‘ nicht ein ,Paradies‘ wäre?“

Ein besonderes, außergewöhnliches Werk: herausfordernd durch all das, was es sich versagt und den Hörenden vorenthält. Kontrast, Dramatik, aufrüttelnde Effekte und pikante Reize: Schumann bleibt sie schuldig. Und tatsächlich: Gegen Schluss lenkt seine Kunst immer entschiedener in eine Sphäre, die alles Äußerliche hinter sich lassen will. Man kann das, wie Hanslick, durchaus „monoton“ finden. Wer sich aber anders dafür aufschließt, wer Konventionen abstreift und sich hingibt, darf sich beglücken lassen von zartester, fragilster Innerlichkeit. Die Musik, die Schumann für seine „beste“ hielt, führt an den Rand der Stille. Und mehr noch: „Das Paradies und die Peri“ riskiert eine Leere, um sich von innen her wunderlich neu zu füllen. Offene Räume tun sich auf, die sich beseelen mit strömender Musik – so wie in der drittletzten Nummer, dem Chor mit Solo-Quartett „O heil’ge Tränen“. Aus ganzen und halben Notenwerten, hohl im Erscheinungsbild, entsteht da ein schier endloses Fluten und Fließen, bevor sich Schumann noch kühner an den Abgrund des Nichts heranwagt. Wie aus magischer Ferne tönt ein Hornruf, einsam im Pianissimo: Melos des schmerzlichen Vorhalts, weitergetragen, immer noch voll Zerbrechlichkeit, von den Streichern. Dann der Gesang der Peri – und wieder wird von Tränen gesungen, werden Tränen verwandelt in Musik.

Wer „Das Paradies und die Peri“ lieben lernen will, darf sich der Tränen nicht schämen. Es gibt, will das Werk uns lehren, nichts Kostbareres als die Träne – die Träne eines argen Sünders, der sie reuig weint im Angesicht eines unschuldigen Kindes. Sie ist es, diese Träne, die der Peri wieder das Paradies aufschließt. Doch wer ist die Peri? In der Erstausgabe des Klavierauszugs wird es so erläutert: „Die Peri’s sind nach der orientalischen Sage anmuthige Wesen der Luft; sie waren einmal im Paradies, aus dem sie aber eines Fehltritts halber verwiesen wurden.“ Das also ist die Ausganglage der Handlung: Eines dieser Wesen findet sich vor den Toren Edens. Verstoßen ist diese Peri, ausgeschlossen vom Paradies. „Schuld“ habe sie auf sich geladen, wird gesagt, „voll Sünden“ sei sie – doch im Dunkeln bleibt, was denn ihr Fehlverhalten gewesen sei. Genug: Ein Weg zur Rückkehr wird ihr offenbart. Wenn sie auf Erden findet, was „des Himmels liebste Gabe sei“, dann öffnet sich ihr neu das Paradiesestor. So macht sie sich auf die Suche. Was könnte dieses Höchste sein? Blut, im Freiheitskampf gegen einen Tyrannen vergossen? Das ist ihr erster, vergeblicher Versuch. Der Kuss einer aufopferungsvollen Liebe, todesbereite Treue in ärgster Krankheitsnot? Auch damit öffnet sich ihr nicht die Himmelstür. Erst im dritten Anlauf gelingt’s: Die Träne, in der sich die Reue löst, ist das Kostbarste – diese Gabe, hymnisch besungen, löst die Sperre. Und die Peri ist erlöst.

© Frank Schemann

„Schumanns, Das Paradies und die Peri´ ist für mich eines der schönsten Stücke überhaupt und gewiss ein Höhepunkt unserer Saison.“ Petr Popelka

Ach, was doch dieses Zeitalter, der Vormärz wohlgemerkt, von Schuld und Unschuld fantasierte! Und wie tief der Drang war nach Erlösung! Richard Wagner, der Erlösungsmeister par excellence, hatte schon den „Fliegenden Holländer“ aus Fluch und Not befreit und schrieb nun am Erlösungswerk des „Tannhäuser“. Auch über die Peri-Geschichte hatte er schon nachgedacht. 1843 teilte er es Schumann persönlich mit: „Ich kenne dieses wundervolle Gedicht nicht nur, sondern es ist mir auch schon durch meine musikalischen Sinne gefahren: ich fand aber keine Form, in welcher das Gedicht wiederzugeben sei, u. wünsche Ihnen daher nun Glück, die richtige gefunden zu haben.“
Robert Schumann war überzeugt von seinem Glück. Jenseits von Oper und Oratorium glaubte er, „beinah ein neues Genre für den Concertsaal“ entwickelt zu haben. Die „Idee des Ganzen“ faszinierte ihn, und so versenkte er sich schaffenstrunken in einen Text, der, für sich genommen, voll sentimentaler Manierismen steckt und sprachlich zum Verschwurbelten, ja zum Kitsch tendiert. Aber: Man kann und darf diesen Text nicht „für sich“ nehmen – er geht auf in einer Musik, die zu Schumanns eigenwilligsten und besten Schöpfungen zählt.

Glück brachte sie ihm auch in aller Welt. „Das Paradies und die Peri“ erzielte neben der „Frühlingssymphonie“ die höchsten Aufführungszahlen zu Schumanns Lebzeiten. Nach der Premiere, die der Komponist selbst 1843 in Leipzig dirigierte, gab es bis zu seinem Todesjahr 1856 rund fünfzig Aufführungen in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz, in Dublin, Kapstadt und New York. Die Musikstadt Wien ließ sich Zeit. Erst im März 1858 kam „Das Paradies und die Peri“ im Musikverein heraus. „Es ist“, schrieb Hanslick damals, „eine alte Schuld, welche die ,Gesellschaft der Musikfreunde‘ durch ihre jüngste Procution getilgt hat.“ Ganz fleckenrein gelang die Tilgung nicht – man lud neue Schuld auf sich, nämlich die einer unzureichenden Aufführung. Mit nur zwei Proben (!) hatte man das Werk auf die Bühne gebracht. Kein Wunder, dass die Kritik wenig Paradiesisches im Klang entdeckte: „Jeder, der der Aufführung beigewohnt, wird sich mit Entsetzen an jenen Chor im ersten Theil erinnern, wo die Soprane so naturalistisch kühn einsetzten, daß ihr ,weh!‘ uns wie mit Messern durch Ohr und Seele fuhr“, referierte Hanslicks Kollege Ludwig Speidel.
Mit dieser Art Singerei war dann auch wirklich Schluss bei der Gesellschaft der Musikfreunde. Noch 1858 wurde das Chorwesen im Musikverein auf eine ganz neue Basis gestellt und der Singverein gegründet – mit Johann Herbeck als phänomenalem Chormeister. Im Dezember 1858 gab dieser Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde dann auch sein glänzendes Debüt in den Gesellschaftskonzerten, und das gleich wieder mit Schumanns „Das Paradies und die Peri“. Die Einstudierung war von höchster Stelle autorisiert: Clara Schumann, die zur selben Zeit für Konzerte in Wien war, beehrte den Singverein bei einer Probe, setzte sich ans Klavier und korrepetierte. Sie war, wie sie auch ihrem Tagebuch anvertraute, hoch beeindruckt vom Chor. Und der wieder feierte sie frenetisch. „Anhaltender Jubel“, berichtete die „Wiener Zeitung“, „mochten der Künstlerin ein Beweis sein, welch großes Gewicht der Singverein auf ihr musikalisches Urteil legte.“
Dieses Wien und der Musikverein machten Clara überhaupt große Freude in diesen Tagen. „Du glaubst gar nicht“, schrieb sie an Johannes Brahms, „welch großen Anhang Robert hier gewonnen, wie das Verständnis für ihn gewachsen.“
Höchste Zeit also, mit der Peri wieder ein verlorenes Paradies zu betreten!

Samstag, 13. Juni 2026
Sonntag, 14. Juni 2026

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Petr Popelka | Dirigent
Julia Kleiter | Sopran (Peri)
Andrew Staples | Tenor (Erzähler)
Marie Smolka | Sopran
Wiebke Lehmkuhl | Alt
Patrick Grahl | Tenor
Matthias Goerne | Bass

 

Robert Schumann
Das Paradies und die Peri. Oratorium, op. 50

Weitere Artikel

0%