Kränze, Bouquets und ein Gewitter – Richard Wagner im Musikverein
Von Clemens Hellsberg
19.04.2026
Als Richard Wagner am 12. Mai 1872 zum ersten Mal im Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes am Dirigentenpult stand, war er den Orchestermitgliedern des k. k. Hofoperntheaters, die seit 1842 in Eigenverantwortung „Philharmonische Concerte“ veranstalteten, bestens bekannt, hatte doch die Hofoper im Mai 1861 den Schauplatz eines berührenden Geschehens gebildet: Elf Jahre nach der Weimarer Uraufführung seines „Lohengrin“ konnte der seit 1849 im Exil lebende Meister erstmals einer Aufführung dieses Werks beiwohnen! Aufgrund seiner Teilnahme an der Dresdener Mairevolution aus Sachsen geflohen, war er auch in Österreich lange „Persona non grata“: Fünf Jahre zuvor habe man noch geglaubt, dass im Hofoperntheater „eher eine Oper von Meister Satan als eine von Richard Wagner“ gespielt werde, wie es in der Presse hieß.
Wagners Besuch in Wien galt nicht ausschließlich dieser Aufführung. Er beabsichtigte vielmehr, hier jene „Handlung in drei Aufzügen“ zur Uraufführung zu bringen, welche die weitere Entwicklung der Musik maßgeblich bestimmen sollte: Im September 1861 begann die Einstudierung, und laut Wagner war das Orchester „enthusiasmirt und behauptet, daß die Musik von ‚Tristan und Isolde‘ die meiner anderen Partituren übertreffe.“ Wegen Erkrankung einiger Protagonisten musste die Produktion wiederholt verschoben werden, Wagners Enttäuschung wurde jedoch durch vier Konzerte mit den Philharmonikern gemildert, die zwischen Dezember 1862 und Dezember 1863 im Theater an der Wien und im Großen Redoutensaal stattfanden. 1864 wurde das „Tristan“-Projekt endgültig aufgegeben, worauf der hochverschuldete Komponist aus Wien fliehen musste, während die „Welthauptstadt der Musik“ sich eines Meilensteins der Musikgeschichte begeben hatte. In der Folge wurde Wagner von Bayerns 18-jährigem „Märchenkönig“ Ludwig II. gerettet: Dieser tilgte die Schulden des Komponisten und ermöglichte die Uraufführung von „Tristan und Isolde“ und der „Meistersinger von Nürnberg“ in München.
Als Wagner acht Jahre später das nächste Mal nach Wien kam, um ein Konzert zugunsten des Bayreuther Festspielhauses zu geben, hatte sich das Musikleben der Kaiserstadt grundlegend verändert: 1869 war die Hofoper in das neue Haus am Ring eingezogen, und am 6. Jänner 1870 hatte die Gesellschaft der Musikfreunde das Musikvereinsgebäude eröffnet. Das Konzert der Philharmoniker mit Wagner erregte ungeheures Aufsehen. Aus Berlin, München, Budapest und Prag langten Bestellungen ein, und trotz der unerhörten Preise, welche die teuersten Karten der Philharmonischen Abonnementkonzerte bis zum Zehnfachen übertrafen, war der Goldene Saal gedrängt voll, als Wagner am 12. Mai 1872 Beethovens „Eroica“ sowie Ausschnitte aus „Tannhäuser“, „Tristan und Isolde“ und der „Walküre“ dirigierte. Bei deren Schlussszene, also just zur Beschwörung des Feuergottes Loge durch Wotan, brach ein gewaltiges Gewitter los, das sich erst mit dem Ausklingen des „Feuerzaubers“ beruhigte. Nicht mehr zu beruhigen war allerdings das Publikum, das auf eine Ansprache des Meisters hoffte. Laut Solobratschist Sigmund Bachrich blickte Wagner zunächst „unverwandt auf die Direktionsloge, in welcher Frau Cosima [Wagner] saß und halblaut schmunzelnd sagte er zu mir: ‚Ach nee! – was wird Muttern dazu sagen!‘“ Danach wandte er sich tatsächlich an das Publikum und führte aus, dass er dem Ausbruch des Gewitters „eine Bedeutung im Sinne der alten Griechen beimaß, die in solchen elementaren Momenten ein Zeichen erkannten, daß selbst die Götter an dem Werke des Menschen Wohlgefallen finden.“
„Mir kommt vor, es gefällt dem Publikum noch besser, wenn ich nicht dirigiere.“


Knapp zweieinhalb Jahre nach seiner Eröffnung war somit der Goldene Saal Schauplatz eines überwältigenden Ereignisses. „Schon die Art, wie Wagner bei seinem Erscheinen, nach jedem Stücke und am Schlusse gefeiert wurde, dürfte beispiellos sein in den Annalen des Concertwesens. Diese Unmassen von Kränzen und Bouquets, dieser fanatische Jubel, der sich unaufhörlich erneuerte und allen Anschein hatte, kein Ende nehmen zu wollen, dieses Tücherschwenken, das Sicherheben von den Sitzen, alles das ist in einem Concertsaale in solcher Weise wohl noch nicht erlebt worden.“
Der Triumph wiederholte sich beim nächsten Konzert Wagners im Goldenen Saal (1. März 1875). Schon Wochen zuvor befanden sich die „Wagnerianer“ in fieberhafter Aufregung, standen doch Ausschnitte aus der sagenumwobenen „Götterdämmerung“ (deren Uraufführung erst 1876 anlässlich der Eröffnung des Festspielhauses Bayreuth erfolgte) auf dem Programm. Wagner wurde von den Philharmonikern „mit stürmischen Hochrufen empfangen und begrüßte freundlichst die einzelnen […] Mitglieder“. Das Publikumsinteresse war womöglich noch größer als 1872: „Trotz der schweren Zeiten [nach dem Börsenkrach des Jahres 1873] und der ungewöhnlich hohen Preise war der Saal überfüllt, selbst die neben den Galerien hinlaufenden Gänge im Parterre waren mit Stühlen besetzt.“ Es herrschte ein derartiger Andrang, dass die Veranstaltung mit einer halben Stunde Verspätung begann. Der grenzenlose Jubel veranlasste Wagner zu einer bewegenden Geste: Am 15. März wiederholter er das Konzert „auf dringendes Ersuchen vieler minder bemittelter Anhänger seiner Musik“ zu gewöhnlichen Preisen.
Am 6. Mai 1875 gab Wagner schließlich noch ein drittes „Götterdämmerungs“-Konzert, und mit diesem vierten gemeinsamen Auftritt im Goldenen Saal endete die Zusammenarbeit der Philharmoniker mit dem Meister – den die Musiker allerdings in ihrer Eigenschaft als Angehörige des Hofopernorchesters noch einmal als Dirigent erleben sollten. Trotz größter Terminnot kam Wagner nach Wien, um am 2. März 1876 zum ersten und einzigen Mal eine Opernvorstellung zu dirigieren. Wiederum verdanken wir Sigmund Bachrich einen ebenso authentischen wie stimmungsvollen Bericht: „Bei der Generalprobe von ‚Lohengrin‘ richtete Wagner an Elsa und Ortrud wegen des Schlusses ihres Duetts im zweiten Akt einige Bemerkungen und ließ dann das Nachspiel vom Orchester ausführen. Die Streicher, namentlich die Geiger, nahmen sich dermaßen zusammen, daß der Meister, erstaunt über den schönen, warmen Ton der Wiener Geiger, sich umwendete und meinte: ‚Sie haben ja das viel schöner gespielt, als ich es komponiert habe.‘ Und als am Abend der Vorstellung das Nachspiel […] kam, legte Wagner seinen Taktstock aufs Pult, ließ das Orchester selbständig allein weiter spielen und lächelte vergnügt über diesen Spaß, dem Orchester sein großes Vertrauen vor dem Publikum in dieser Form auszudrücken. Als das Nachspiel zu Ende war, brach ein solch’ stürmischer Beifall aus, daß Wagner unterbrechen, sich erheben und danken mußte. Darauf sagte er zu den ihm zunächst sitzenden Musikern: ‚Mir kommt vor, es gefällt dem Publikum noch besser, wenn ich nicht dirigiere!‘“
Dienstag, 19. Mai 2026
Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons I Dirigent
Sarah Wegener I Sopran
Klaus Florian Vogt I Tenor
Vitalij Kowaljow I Bass
Robert Schumann
Symphonie Nr. 1 B-Dur, op. 38, „Frühlingssymphonie“
Richard Wagner
Die Walküre – 1. Aufzug