Mit Kleinigkeiten Großes bauen – Riccardo Muti dirigiert Haydn
Von Walter Weidringer
09.04.2026
Maestro Muti, der Name Joseph Haydn ist in den Programmen der großen Orchester selten geworden …
… und das, obwohl er der Vater der Symphonie ist. Aber alle wollen Mahler und Schostakowitsch dirigieren, Bruckner hingegen schon weitaus weniger. Mahler ist zwar genau genommen sehr schwierig zu realisieren – aber trotzdem kommt man mit ihm immer davon. Selbst wenn die Aufführung eigentlich gar nicht so besonders war: Das Publikum findet sie auf jeden Fall aufregend. Bei Bruckner kann man solche Spielchen schon nicht mehr spielen. Und bei Haydn schon gar nicht.
Warum nicht? Und ist das bei Mozart anders?
Mozart macht es einem auf gefährliche Weise schon wieder leichter. Denn wenn eine Mozart-Aufführung nicht so gelungen ist, verzeiht es die Musik den Interpreten trotzdem. Mozart hilft uns – Haydn nicht! Er schreibt Musik um der Musik willen, das ist ganz ähnlich wie bei Luigi Cherubini. Haydn versucht nie, sich dem Publikum anzudienen …
Aber er verwendet doch so oft populäre Melodien, Volksliedanklänge, macht musikalische Scherze …
Ja, schon, aber all das geht auf in seinem übergeordneten musikalischen Geist, seiner Intelligenz. Natürlich wollte auch Mozart Erfolg haben, und zugleich biedert auch er sich nicht an. Der Unterschied ist, dass Mozarts Musik per se … – sagen wir: von Gott gesegnet ist. Führt man Haydn schlecht auf, hat man keine Chance.
Wie wenn man als Anwalt sein Plädoyer schlecht vorträgt oder bei Witzen die Pointe vermasselt?
Genau! Dann hat man einfach verloren. Und in der heutigen Welt, in der alles und alle immer lauter werden, damit man sie bloß nicht überhört, wird das nicht leichter. Das gilt auch für den Konzertsaal: Ich habe Ihnen ja bei anderer Gelegenheit schon gesagt, dass ich nicht verstehe, wie Dirigenten Sängerinnen und Sängern erlauben können, hinter ihrem Rücken an der Rampe zu stehen, damit sie nur ja gut gehört und vor allem gesehen werden. Aber so kann man nicht kommunizieren! Und das arme Orchester wird zu einer bloßen Begleitung, ohne eine musikalische Beziehung eingehen zu können. Ein Streichquartett setzt sich ja auch nicht so auf die Bühne, dass keiner den anderen anschauen kann. In so einem Umfeld hat es ein Haydn immer schwerer. Und auch, weil es einfach mehr Zeit erfordert, seine Partituren zu studieren und gut zum Klingen zu bringen.
Haydns Musik kommt von Gott – aber zugleich aus einem menschlichen Gehirn.
Woran liegt das?
Haydn ist ein Architekt der Musik. Deshalb bildet auch Haydn die Brücke zu Beethoven – und nicht Mozart. Und aus demselben Grunde hat Beethoven, der Haydn-Schüler, auch Cherubini so bewundert, denn der gehört in die gleiche Kategorie. Wie sagten die alten Römer? „Cum parvis componere magna“: mit Kleinigkeiten etwas Großes bauen. Und als Neapolitaner bin ich natürlich besonders stolz, dass Porpora, der Vater der Neapolitanischen Opernschule, Haydns Lehrer war. Haydn erinnert sich später dankbar daran, wie viel er bei Porpora gelernt hat.
Trotzdem, und so maßstabsetzend Haydns Symphonien auch waren: Als Opernkomponist stand er doch auch seinerzeit in Mozarts Schatten. Was fehlt seinen Opern?
Ich kenne sie zu wenig, um darauf erschöpfend antworten zu können. Aber Haydns „La creazione“, sein Oratorium „Die Schöpfung“, ist doch in vielerlei Hinsicht durchaus opernhaft. Die musikalischen Schilderungen von Sonne, Mond und all den Tieren: Seine Musik besitzt eine enorme Bildkraft. Aber eigentlich hat doch jede musikalische Geste etwas Opernhaftes – „ogni azione è teatro“. Wir alle auf diesem schmutzigen Planeten sind Schauspieler, wir produzieren uns auf verschiedenen Bühnen. Und das Stück, das wir dabei spielen, wird immer mehr zur Tragödie … Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Mozart und Haydn, und da spreche ich wieder mehr über die Symphonien oder allgemein über die Instrumentalwerke: Bei Mozart gewinnt man immer, sobald die nächste begnadete Melodie erklingt, mit der er auf seine typische Weise zärtlich umgeht. Mozarts Musik kommt von Gott. Haydns Musik kommt auch von Gott – aber zugleich aus einem menschlichen Gehirn.
Hat Haydn in Ihrem Musikstudium in Italien eine große Rolle gespielt?
Viel mehr noch als es heute der Fall ist! In Neapel gab es damals ein sehr gutes Kammerorchester der RAI, das nach Alessandro Scarlatti benannt war. Dieses Orchester hat viel Haydn gespielt. Heute haben die historischen und historisch informierten Ensembles solchen Klangkörpern den Rang abgelaufen, und auch aus den Programmen der großen Symphonieorchester verschwinden die Werke der Klassik. Das ist eine Katastrophe. Ich spreche jetzt sicher nicht von den Wiener Philharmonikern, aber: Wir laufen Gefahr, dass den großen Orchestern mit diesen Werken, die in den Besitz der Barockensembles übergehen, auch das entsprechende Stilbewusstsein und die Spielkultur verloren geht.
Die Forschungen zur historischen Aufführungspraxis haben aber viele wichtige Erkenntnisse gebracht …
Absolut, sie waren ungemein wichtig und haben Generationen gelehrt, viel aufmerksamer auf die Unterschiede der Klangsprache zwischen Epochen und Komponisten zu achten. Aber wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Wir können Autos, Flugzeuge, Fernsehen und all den modernen Krach nicht aus unserem Leben und aus unserem Erfahrungsschatz eliminieren und Mozart so hören, wie das Publikum zu Mozarts Zeit Mozart gehört hat. Wir kleiden uns auch ganz anders, essen ganz anders. Ich bin überhaupt nicht gegen diese Ensembles und ihre Erkenntnisse – aber es darf nicht dazu kommen, dass die großen Orchester die Klassik und sogar Schuberts Symphonien aus ihrem Repertoire verlieren. Als ich Musikdirektor in Chicago wurde, habe ich, um an der Klangqualität vor allem der Streicher zu arbeiten, einen kompletten Zyklus der Schubert-Symphonien angesetzt. Wann hört man schon die Erste oder die Zweite? Und genau in diesem Sinne habe ich sofort zugestimmt, die letzten drei Symphonien Joseph Haydns aufzuführen. Das sind Meisterwerke, Kathedralen der klassischen Musik! Und ich weiß jetzt schon, dass die Wiener Philharmoniker und ich da harte Arbeit werden leisten müssen – es geht nicht nur um den sogenannten Stil, um Phrasierung, Dynamik und Artikulation und so weiter, sondern auch um die Güte des Klangs. Etwa, wie man auf die unterschiedlichen Modulationen reagiert. Das ist eine Herausforderung, die ich aber unbedingt noch annehmen will, bevor ich auf dem Friedhof lande. (lacht)
Sie haben auch Beethovens „Missa solemnis“ fast fünf Jahrzehnte lang studiert, bevor Sie sie erstmals dirigiert haben …
… weil ich zuvor nicht den Mut dazu hatte. Toscanini hat gesagt, den Takt schlagen könne „ogni asino“, jeder Esel. Es kommt darauf an, Musik zu machen! Und je älter ich werde, desto mehr begreife ich, wie schwierig das ist. Dinge, die mit dreißig oder vierzig selbstverständlich waren, erscheinen mir jetzt viel herausfordernder. Dazu gehört auch Haydn. Zugleich ist es ein Paradox und klingt vielleicht despektierlich, aber: Haydns Musik ist wie eine Dusche am Morgen – erfrischend und unverzichtbar.

Donnerstag, 14. Mai 2026
Donnerstag, 21. Mai 2026
Wiener Philharmoniker
Riccardo Muti | Dirigent
Joseph Haydn
Symphonie B-Dur, Hob. I:102
Symphonie Es-Dur, Hob. I:103, „Symphonie mit dem Paukenwirbel“
Symphonie D-Dur, Hob. I:104, „Salomon“