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Klang, Verantwortung, Zukunft – Esa-Pekka Salonen

© Benjamin Suomela
Eine giftgelbe Algenplage am Finnischen Meerbusen regte ihn 1999 zur Gründung des „Baltic Sea Festival“ an. Wenn Esa-Pekka Salonen im März an der Spitze des Swedish Radio Symphony Orchestra im Großen Musikvereinssaal Debussys „La Mer“ dirigiert, schillert das Wasser wie gewohnt, schwingt aber wohl auch die Sorge des gesellschaftlich engagierten Musikers um das ökologische Gleichgewicht mit. Anschließend an das Konzert mit Werken aus Frankreich und Finnland, in dem Yuja Wang als Solistin auftritt, nimmt Salonen an einer Gesprächsrunde zum Thema „Nachhaltige Orchesterkultur“ teil.

Von Marc Zitzmann

20.02.2026

Im Sommer 1999 gab es am Finnischen Meerbusen eine schlimme Algenplage. „Das Wasser an dem Küstenabschnitt, wo ich mit meinen beiden Töchtern während der Sommerferien jeden Morgen schwimmen ging, hatte sich in giftig gelben Glibber verwandelt“, erinnert sich Esa-Pekka Salonen schaudernd. „Anja und Ella fragten, was da geschehen sei. Ich setzte zu Erklärungen an, aber sie unterbrachen mich sogleich: ‚Das ist kriminell, da muss die Polizei eingreifen.‘ Ich holte weiter aus, gab zu bedenken, dass es da divergierende Interessen gebe, dass der Einsatz von Düngemitteln in der Landwirtschaft durch die EU gefördert werde und es daher zu Überverbrauch komme, dass der Anrainerstaat Russland keinerlei Interesse am Reinigen von Abwasser zeige … Aber ich fühlte mich unglaublich lahm, während ich so sprach – im Grunde war ich dabei, die Zerstörung der Umwelt zu rechtfertigen. So sagte ich mir: Vielleicht kann ich ja dazu beitragen, dass die Situation ein wenig besser wird.“
Vier Jahre später lancierte Salonen das in Stockholm beheimatete, aber in den ganzen baltischen Raum ausstrahlende Östersjöfestivalen. Mitgründer des Ostseefestivals waren Michael Tydén, seinerzeit Intendant des Konzertsaals Berwaldhallen in Schwedens Hauptstadt und ausgewiesener Ornithologe, sowie der Dirigent Valery Gergiev. Gleichsam an die Hansezeit anknüpfend, bildet das Ostseefestival seit 2003 jeden Spätsommer eine Plattform nicht nur für musikalische, sondern auch für umweltpolitische Begegnungen.
An den live ausgestrahlten Diskussionsrunden in Riga, Helsinki oder Kopenhagen nahmen und nehmen so neben Musiker:innen auch Wissenschaftler:innen, Vertreter:innen indigener Völker wie der Samen oder von Umweltorganisationen sowie amtierende oder ehemalige Präsidenten und Premierminister teil. Salonen, der nach fünfzehn Jahren die künstlerische Leitung 2018 abgegeben hat, tritt weiterhin jedes Jahr beim Ostseefestival auf. Und überträgt die dort erprobte Programmgestaltung mit ihrem oftmaligen Fokus auf „Naturstücke“ auch in andere Rahmen. So dirigierte er beim Nobelpreiskonzert 2023 neben Boccherini/Berio, Brahms und Ravel auch das Werk „Tumblebird Contrails“ der wanderbegeisterten und vogelliebenden jungen Kalifornierin Gabriella Smith: eine knappe Viertelstunde Geräuschmusik, inspiriert durch die tönende Landschaft der Küste von Smiths Heimatstaat.
Der Dirigent ist selbst auch Komponist – und in beiden Sparten gleichermaßen gefragt. Sein Name steht heute für zehn- bis über dreißigminütige Kompositionen für großes Orchester. Salonens Doppelbegabung lässt sich mit jener von Gustav Mahler und Leonard Bernstein, vor allem jedoch mit jener von Pierre Boulez vergleichen. Wie der Franzose dirigiert der Finne neben eigenen Werken häufig jene von Zeitgenossen, freilich mit auffälligen Vorlieben und Abneigungen. Die Hauptvertreter der europäischen Avantgarde (Furrer, Holliger, Lachenmann, Neuwirth, Rihm, Sciarrino, George Benjamin, …) fehlen in seinem Repertoire fast ganz, dafür findet man darin etliche Skandinavier, die wie er selbst unter dem Einfluss der Musique spectrale stehen (etwa Anders Hillborg, Magnus Lindberg und Kaija Saariaho), sowie Exponenten der multikulturellen Szenen von Amerikas Ost- und Westküste. Und wie bei Boulez bilden Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts das Herz von Salonens Konzertprogrammen – auch da mit eigener Akzentsetzung: lieber Bartók und Strawinsky als Berg und Webern, lieber Ligeti und Lutosławski als Carter und Feldman. Diesem Kernrepertoire nimmt der Dirigent mit Flüssigkeit, Flexibilität und Verfeinerung das für manche Zuhörer Sperrige, lässt ihm aber, rhythmus- und strukturbetont, die Sprengkraft

© Mika Ranta

Auch Salonens längere Bindungen zeugen von seiner internationalen Gefragtheit in beiden Sparten. Das Tonhalle-Orchester Zürich schuf für ihn 2014/15 einen Creative Chair; Composer in Residence war er in den drei darauffolgenden Spielzeiten bei den Philharmonikern in New York sowie 2022/23 in Berlin. Als Chefdirigent stand Salonen zwischen 1984 und 1995 dem Swedish Radio Symphony Orchestra vor und zwischen 1992 und 2009 dem Los Angeles Philharmonic. Letzteres machte er zum aufregend innovativen kulturellen Aushängeschild der Stadt und verhalf ihm zu einer spektakulären Konzerthalle von Frank Gehry. Als Leiter des Philharmonia Orchestra zwischen 2008 und 2021 setzte der Finne auf multimediale Installationen, um die Orchesterarbeit zu vermitteln und so Hemmschwellen abzubauen. „Re-Rite“ und „Universe of Sound“ machten mit Nahaufnahmen einzelner Instrumentalisten oder ganzer Gruppen auf Riesenbildschirmen sowie mit Touchscreens und bewegungsgesteuerten Interaktionen von innen erlebbar, wie die Londoner Musiker Strawinskys „Sacre du printemps“ beziehungsweise Holsts „Planeten“ aufführen.
Salonen hat auch – bereits 2012! – eine App mit dem selbstsprechenden Namen „The Orchestra“ mitgeschaffen und 2020 an Finnlands Nationaloper ein interaktives Musiktheater, „Laila“. „Darin werden“, erklärt der Komponist, „in einem Raum mit 360-Grad-Lichtprojektionen alle Besucher individuell durch eine Künstliche Intelligenz identifiziert. Führt einer von ihnen eine bestimmte Bewegung aus, ruft das in der Umgebung eine bestimmte Reaktion hervor, etwa die Geburt eines Schwarms von Vögeln. Peu à peu werden die virtuellen Kreaturen rebellisch, bekämpfen einander; die Dystopie endet mit einem Weltuntergang. Aber dann verkündet eine Kinderstimme zu ‚gurreliederschen‘ Klängen eine Auferstehung.“
2020 wurde Salonen mit der Leitung der San Francisco Symphony betraut. Um deren Zukunft mitzuschmieden, versammelte er acht junge Kreative um sich. Diese „Collaborative Partners“ hatten sich zu Lockdown-Zeiten mit dem aus Einzelaufnahmen montierten Video eines Gelegenheitsstücks von Nico Muhly vorgestellt: Jeder der acht wirkte darin als Solist oder als Ko-Komponist mit. Doch der Versuch des technologieaffinen Dirigenten, die wenig klassikbegeisterte Elite des Silicon Valley für sogenannte E-Musik zu erwärmen, wurde 2025 nach bloß einer Amtszeit abgebrochen. Salonen bedauerte öffentlich, dass der Aufsichtsrat seine Vision der Zukunft des Orchesters nicht mittrage; Musiker:innen und Teile des Publikums protestierten gegen seinen Abgang. In Paris und Los Angeles rieb man sich derweil die Hände: Sogleich wurde der Finne hüben als Chef Principal des Orchestre de Paris sowie als Inhaber eines neuen Lehrstuhls für Kreativität und Innovation an der Philharmonie de Paris verpflichtet (von 2027/28 an), drüben als Creative Director des Los Angeles Philharmonic (ab nächster Spielzeit).
Ohnehin setzt Salonen, auch was seine Auftritte angeht, auf Nachhaltigkeit. „Sich innerhalb von siebzehn Tagen in siebzehn Städten zu produzieren ist schwer zu rechtfertigen, ökologisch wie kulturell“, findet er. Mit den Realitäten des Gastdirigenten-Alltags mag er sich indes anfreunden, wenn ein einzelner Auftritt, wie das Konzert am 21. März im Musikverein, nicht nur in einen größeren Zusammenhang eingebunden ist, sondern auch noch verlängert wird durch ein Podiumsgespräch im Rahmen des Programmschwerpunkts „Fokus Klima: ZERO?“ zum Thema „Nachhaltige Strukturen in der Organisation von Orchestern“. „Dann wird es aufregend“, freut sich Salonen.

Samstag, 21. März 2026

Samstag, 21. März 2026

Jean Sibelius
Symphonie Nr. 7 C-Dur, op. 105
Einojuhani Rautavaara
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1, op. 45
Maurice Ravel
Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester D-Dur
Claude Debussy
La Mer. Drei symphonische Skizzen für Orchester

Im Anschluss an das Konzert:
TALKRUNDE
Von den Besten lernen!

Esa-Pekka Salonen | Dirigent und Komponist
Staffan Becker | Concert Hall Director, Berwaldhallen (Stockholm)
Nicola Bramkamp | Moderation

Esa-Pekka Salonen und der Orchestermanager Staffan Becker über nachhaltige Orchesterkultur (Eintritt frei)

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