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Alles eine Frage der Balance ‒ Patricia Nolz

© KLara Leschanz
Mezzosopranistin Patricia Nolz widmet sich in zwei Konzerten den vielen Facetten der Liebe – vom spielerischen Umgang damit über die absolute Sinnlichkeit bis zu den tragischen Schattenseiten. Ein Gespräch über musikalische Erdbeben und Seelenwege sowie darüber, was das Singen mit Bonsais und Bürsten zu tun hat.

Von Judith Belfkih

26.01.2026

Es sind zwei Leidenschaften, die in Patricia Nolz lodern. Im Idealfall sind sie in Balance, dürfen beide Raum einnehmen in ihrem Leben. Brennt eine der Flammen zu stark, fordert die andere ihr Recht. Dann kommt die Sehnsucht. Entscheiden könnte sie sich nicht zwischen den beiden: „Wenn ich längere Strecken nur Oper mache“, erzählt Patricia Nolz im Gespräch, „sehne ich mich extrem nach einem Liederabend oder einem Konzert. Und wenn es umgekehrt ist, sehne ich mich wieder danach, ein Kostüm anzuziehen und etwas darzustellen.“

Ihre Vielseitigkeit hat die Mezzosopranistin früh erkannt: „Schon während des Studiums war mir klar, dass ich nicht der Typ dafür bin, jemals nur eine einzige Sache zu machen.“ Auch ihre beiden Programme im Musikverein zeigen, dass sich die Sängerin nicht festlegen lassen will auf ein Genre, einen Stil, ein bestimmtes Repertoire.

Mit den musikalischen Partnern des ersten Konzertes im Februar ist Nolz bestens vertraut, schließlich spielen die Musiker des Ensemble Wien als Philharmoniker alle im Orchester der Staatsoper, an der die Sängerin zuletzt engagiert war: „Wir waren uns schnell einig, dass wir eine Mischung machen möchten aus Oper und Lied.“ Der erste Teil sind quasi „Hit-Arien aus dem Mezzo-Repertoire“ – von Mozarts „Figaro“ bis Rossinis „Cenerentola“. Der zweite Teil ist Camilla Frydan gewidmet, einer kaum bekannten, aus Wiener Neustadt stammenden Komponistin. Patricia Nolz war bei den Chansons aus den 1920er Jahren „sofort Feuer und Flamme“, hat sie um Werke von Oscar Straus erweitert, die ebenso augenzwinkernd mit Geschlechterklischees spielen. Steht hier der „spielerische Umgang mit der Liebe im Vordergrund“, so ist das zweite Programm „deutlich schmerzvoller – beide sind sie jedoch absolut sinnlich“.

Der zweite Abend ist ein klassischer Liederabend. Klavier und Stimme, Schumann, Mahler, Brahms und Zemlinsky. Für Nolz sind Abende wie dieser der Inbegriff von Freiheit: „Man kann sich aussuchen, auf welche Reisen man sich begeben möchte mit dem Publikum. In der Oper gibt es immer Parameter, auf die man keinen Einfluss hat –Regisseure und Dirigenten haben ihre Vorstellungen. Da muss man kompromissbereit sein. Das bin ich auch – aber bitte nicht das ganze Jahr!“ Die Reise, auf die Nolz das Publikum bei ihrem Liederabend mitnehmen möchte, beginnt bei Mahler, bei Alma Mahler: „Sie fasziniert mich seit meiner Jugend. Mit 15 habe ich ihre Autobiographie geschenkt bekommen – da habe ich auch zum ersten Mal mehr über Gustav Mahler erfahren oder über Alexander Zemlinsky. Damals war ich noch nicht so tief in der klassischen Musik drinnen. Aber diese literarisch-historische Perspektive hat mein Interesse geweckt.“

Bei Alexander Zemlinsky gerät Patricia Nolz ins Schwärmen: „Seine Klangsprache ist einfach unwiderstehlich, der Farbenreichtum unglaublich! Dazu kommt: Die Gedichte und seine Kompositionen stimmen für mich total zusammen. Die Texte klingen so, wie ich sie mir in Musik vorstelle. Das ist reine Gefühlssache – passiert mir aber nicht bei allen Komponisten.“

Dramaturgisch ist der erste Teil rund um Alma Mahler gebaut, wirkt erst wie ein Zwiegespräch zwischen ihr und ihrem Mann – bis Zemlinsky in Erscheinung tritt: „Noch lange bevor Alma Gustav kennengelernt hat, war Zemlinsky ihr Klavier- und Kompositionslehrer. Sie war noch ein Teenager, dürfte aber schon bewusst mit ihren Reizen gespielt haben. Sie muss Zemlinsky verrückt gemacht haben, er war komplett besessen von ihr. Die Lieder von Johannes Brahms trennen diese beiden Lebensbereiche – und leiten atmosphärisch zum zweiten Teil über.“

© Klara Leschanz

„Das Ziel von sehr guter Technik ist, dass man die maximale Freiheit im Moment des Auftritts hat.“

Schumanns Eichendorff-Vertonungen decken für Nolz die Themen Lieben und Leiden auf eine ganz andere Art ab: „Jedes der Lieder ist ein Mikrodrama für sich. Gleichzeitig kann man einen kollektiven Bogen dahinter sehen. Das macht die Genialität dieser Stücke aus: Sie sind sehr introspektiv, haben kaum Handlung, bestehen mehr aus Gefühl. Trotzdem kann man diesen Seelenweg als Bogen erzählen – wie bei einer Bilderstation, die man abgeht.“

Dass Patricia Nolz einmal Sängerin werden würde, hat sich schon in ihrer Kindheit abgezeichnet: „Ich wusste nichts von der Oper, aber ich wollte singen, solange ich denken kann.“ Lachend erinnert sie sich an die erste Staffel der Gesangsshow „Starmania“, in der ihr späterer Chef und Staatsoperndirektor Bogdan Roščić in der Jury saß. Jede Woche hat Nolz damals mit ihrer besten Volksschulfreundin die neueste Folge geschaut: „Das war unser Ritual. Und am nächsten Tag führten wir unseren Eltern unsere eigene Show vor. Mit Choreographie und Bürsten als Mikrofonen.“ Damals kam der 1995 geborenen Künstlerin erstmals die Erkenntnis: „Man kann so etwas also wirklich beruflich machen!“

Mit dem Erwachsenwerden wurde das musikalische Interesse breiter, Nolz begann Querflöte zu spielen. Im Musikgymnasium kamen die ersten Berührungspunkte mit der Bühne, mit Oper. Den großen Schockmoment brachte Maria Callas, genauer gesagt die Butterfly-Arie „Un bel dì, vedremo“: „Das war wie ein Erdbeben in mir! Der Klang dieser Stimme! Ich habe kein Wort Italienisch verstanden, kannte Puccinis Musik nicht. Aber dieser Klangeindruck und die Emotionen! Ich konnte nicht aufhören zu weinen, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es geht.“

Nach diesem Erlebnis hat Nolz begonnen, sich intensiver mit ihrer Stimme zu beschäftigen. Auf die Musikuniversität hat sie sich nach der Matura nicht gleich getraut, hat erst ein Jahr Medizin studiert. „Aber der Ruf war dann doch so stark, dass ich zumindest die Aufnahmeprüfung probiert habe.“ Mit Erfolg: Studium in Wien, Aufnahme ins Opernstudio der Staatsoper, dann Ensemblemitglied im Haus am Ring, mittlerweile freiberuflich gefragte Solistin. Die Stationen in Patricia Nolz’ Karriere klingen nach Bilderbuch.

Und doch, erzählt sie, war die erste Zeit in der Ausbildung herausfordernd: „Man bekommt wahnsinnig viel gesagt, wie man zu sein hat, wenn man es zu etwas bringen möchte. Ich hab’ mich gefühlt wie ein Bonsai, der an allen Ecken beschnitten wird. In diese Richtung darfst du wachsen, in diese aber nicht! Da war es anfangs schwierig, meine eigene Vision zu entwickeln, aber auch einfach mich selber kennenzulernen.“ Durch diese Zeit getragen hat sie ihre Lehrerin Claudia Visca, mit der sie heute noch arbeitet.

„Es eine Frage der Balance“, dieser Satz kehrt immer wieder im Gespräch mit Patricia Nolz. Wenn es um Social-Media-Präsenz geht, um Perfektionismus beim Training, um das Schonen des Instruments Stimme. Technik dürfe bei allem Perfektionismus jedoch nie zum Selbstzweck werden, erzählt sie: „Das Ziel von sehr guter Technik ist, dass man die maximale Freiheit im Moment des Auftritts hat, in jedem Moment jegliche Entscheidungsfreiheit zu haben, ohne von irgendwelchen technischen Standpunkten eingeschränkt zu sein.“ Um selbst nicht aus der Balance zu kommen, meditiert die in Wien lebende Sängerin täglich, betreibt Yoga und Sport als Ausgleich.

Ob Oper oder Lied: Was macht für die Sängerin einen gelungenen Abend aus? „Eine spezielle Verbindung mit dem Publikum! Da passieren plötzlich Dinge, die ich eigentlich gar nicht kann – stimmlich, interpretatorisch, energetisch. Da öffnet sich mit dem Publikum, mit den musikalischen Partnern ein Raum, der Unmögliches möglich macht. Diese Momente machen diesen Beruf so magisch.“

Sonntag, 15. Februar 2026
Ensemble Wien
Patricia Nolz I Mezzosopran
Werke von Carl Maria von Weber, Wolfgang Amadeus Mozart, Gioacchino Rossini, Camilla Frydan, Friedrich Cerha und Oscar Straus

 

Freitag, 29. Mai 2026
Patricia Nolz I Mezzosopran
Malcolm Martineau I Klavier
Lieder von Gustav Mahler, Alma Mahler-Werfel, Johannes Brahms, Alexander Zemlinsky und Robert Schumann (Liederkreis, op. 39)

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