In 80 Tagen zur Freundschaft – Nils Strunk im Gespräch
Von Markus Siber
09.04.2026
Wenn wir über Jules Verne sprechen, stellt sich unweigerlich die Generationenfrage. Mittlerweile sind seine Bücher aus den Beständen der öffentlichen Bibliotheken fast verschwunden. Haben Sie seine Werke als Kind noch gelesen, oder ist dieser Kanon für Sie eher eine retrospektive Entdeckung?
Ganz klar Zweiteres. Der Name ist mir in meiner Jugend zwar von den großen Hollywood-Verfilmungen her ein Begriff gewesen, aber gelesen habe ich ihn damals nicht. Zu Verne fand ich erst über eine literarische Brücke: Stefan Zweig kommt in seinen Schriften immer mal wieder auf ihn zu sprechen, und so schloss sich für mich erst spät ein Kreis. Ich bin diesbezüglich also ein Spätberufener.
Wenn man Jules Vernes Werke heute liest, springt einem der „Zeitstempel“ förmlich ins Gesicht: Kolonialismus, veraltete Gesellschaftsmodelle … Wie gehen Sie als Theatermacher damit um, noch dazu in einem Projekt für Kinder?
Wenn man einen Stoff bearbeitet, tut man das ja oft auch deshalb, weil man ihn durch die eigene, heutige Brille betrachten will. Aber ich halte wenig davon, deshalb Dinge einfach verschwinden zu lassen. Das ist für mich das Phänomen der Lueger-Statue in Wien: Soll man sie abreißen, schräg stellen oder die Beschmierungen dranlassen? Ich bin in der Regel dafür, den Großteil dessen, was wir als Gesellschaften mühsam dazugelernt haben, bloß nicht zu vergessen. Man muss verstehen, warum man heute anders denkt. Dafür muss man wissen, wie es vorher war. In Bezug auf das Lueger-Denkmal fand ich es beispielsweise grandios, dass die Stadt Wien die „Schande“-Graffiti zunächst stehen ließ. Das lud zum Gespräch ein. Selbst mein sechsjähriger Sohn wollte wissen, was es damit auf sich hat. Das ist lebendige Geschichte.Für unsere Bearbeitung von „In 80 Tagen um die Welt“ heißt das: Wir nehmen uns die Freiheit, den Stoff durch unsere heutige Brille zu betrachten, das bedeutet aber nicht, dass wir Dinge streichen, die anstößig, unkorrekt oder veraltet erscheinen. Das wäre opportun. Wir fragen uns eher: Wie erzähle ich das einem Kind? Und: Warum finden wir das heute noch spannend?
Apropos spannend: Sie haben da eine neue Figur im Gepäck, die im Original gar nicht vorkommt.
Genau! Wir haben Nellie Bly eingebaut, eine Zeitgenossin von Jules Verne, die als Erfinderin des Investigativjournalismus gilt. Sie war eine echte Pionierin. Sie hat sich sogar selbst in ein „Asyl für Nervenkranke Frauen“ einweisen lassen, um über die Zustände zu berichten – und kam fast nicht mehr raus! Sie ist damals tatsächlich nach Jules Vernes literarischer Vorlage in 72 Tagen um die Welt gereist – im Wettlauf mit einer anderen Journalistin. In unserem Stück ersetzt sie die Rolle des Detektivs Mister Fix. Sie ist vermeintlich eine Journalistin, die die Reise begleitet, aber eigentlich ermittelt sie. Das bricht das Gefüge der beiden Herren wunderbar auf.

„Es gibt nichts Ätzenderes als diese bedingungslose Bereitschaft, sich von allem runterziehen zu lassen.“ Nils Strunk
Phileas Fogg, die Hauptfigur, ist ja ein Charakter für sich. In der Vorlage wirkt er fast mechanisch.
Absolut! Wir würden ihn heute einen Autisten nennen. Er feuert seinen Diener, weil das Rasierwasser 29 statt 31 Grad hatte. Es geht ihm um Sekunden und Mobilitäts-Check-ups. Wir wollen aber auch von Freundschaft erzählen. Dass Fogg seinen Diener Passepartout im Wilden Westen mit einer ganzen Kavallerie rettet, statt ihn einfach zu ersetzen – das ist der humanistische Kern bei Verne. Zwei Männer, die als Fremde starten und als Freunde ankommen. Das könnte doch herrlich witzig und rührend zugleich sein.
Jules Verne hat viele Ideen, die er von Erfindern oder Naturforschern aufgeschnappt hat, in Zettelkästen gesammelt, um sie dann nach Bedarf aus der Lade ziehen zu können. Wie organisieren Sie Ihre sprudelnden Einfälle?
Lukas Schrenk und ich arbeiten schon immer mit klassischen Notizheften, also ähnlich analog. Wir „jammen“ eigentlich wie Musiker. Wir gehen spazieren, spielen uns Szenen vor und führen eine „Momenteliste“, auf die wir dann jederzeit zurückgreifen können. Das ist wie Jazz. Wir improvisieren, bis am Ende dann ein erstes Skelett von Gewissheiten und Ungewissheiten entsteht. Das wird dann ausgearbeitet. Für dieses Projekt konnten wir außerdem den großartigen Henry Morales als Dritten im Bunde ins Boot holen. Er ist ebenso Schauspieler, und das macht es noch reicher! Eine kleine Jazzband also!
Es ist ja ein großer Trend, Romane für die Bühne zu adaptieren. Was geht bei dem Transfer eventuell verloren, was wäre als Gewinn zu sehen?
Der Gewinn ist die Komprimierung. Aber die Gefahr ist groß, dass man den „Sprachtunnel“ verliert – diesen Zustand, den man beim Lesen hinter dem Auge erlebt. Viele Theateradaptionen machen den Fehler, dem Zuschauer stolz zu präsentieren: „Schaut mal, wir haben verstanden, was das Buch sagen will!“ Das ist öde. Der Zuschauer muss den „Aha-Moment“ selbst erleben, genau wie der Leser. Deshalb haben wir Nellie Bly als Erzählerin, um diesen Sog möglichst beizubehalten.
Es gibt Schauspieler, die nicht nur als Regisseure reüssieren, sondern auch Romane schreiben. Kann das bei Ihnen auch noch kommen?
Da wage ich keine Prognose, aber das reine Schreiben ist bisher nicht mein Steckenpferd. Ich bewundere diese Fähigkeit bei Lukas und Henry, Szenen aus dem absoluten Nichts zu erschaffen – bei mir passiert dieser kreative Zugriff eher über die Musik. Für einen Roman müsste ich wohl erst noch ein Stück älter und eitler werden.
Jules Verne war in technischer Hinsicht ein Visionär, konnte aber die Künstliche Intelligenz noch nicht vorhersehen. Braucht es in 10, 15 oder 20 Jahren noch Theaterautoren, oder schreiben dann längst KI-Modelle für die Bretter, die die Welt bedeuten?
Das liegt ganz in unseren Händen. Wir haben die Wahl. Ähnlich wie bei Bio-Produkten, für die wir uns bewusst entscheiden müssen. Ich nehme aber im Augenblick wahr, dass die Menschen nahezu digital überfressen sind und der Durst nach dem Analogen wieder größer wird. Klar, KIs können hilfreich sein. Wenn ich meine Steuererklärung mache, bin ich ChatGPT dankbar für die Begründung, warum ich diesen Kaffee, den ich mit Ihnen trinke, absetzen kann. Aber beim Schreiben? Da siegt oft die Faulheit. Wer mehr in weniger Zeit produzieren will, nutzt sie. Aber Qualität braucht meistens doch den menschlichen Reibungswiderstand. Lukas sagte neulich: „Was ist das Gegenteil von künstlicher Intelligenz? – Intelligente Künstler!“
Sie haben Ihr erstes Projekt im Musikverein. Wie blicken Sie als Theatermensch auf die klassische Musikszene? Kann man sich als Schauspieler etwas vom Dirigenten abschauen?
Ich liebe die klassische Musik über alles! Durch meinen Zivildienst an der Staatsoper Berlin hat sich mir als 18-Jährigem eine wichtige Tür geöffnet. Die Klassikwelt hat noch diese herrlichen „Wände aus Stein“ und Tabus. Im Theater gilt heute oft die Devise „Anything goes“ – aber wenn alles möglich ist, fühlt sich das manchmal wie eine Gummizelle an. Man weiß gar nicht, gegen welche Wand man springen soll. In der Welt der klassischen Musik mit ihren unglaublich wertvollen Konventionen ist hingegen noch echte Reibung möglich.
Dazu kommt die enorme darstellerische Kraft, die in dieser Welt steckt. Nehmen wir nur die Dirigenten: Diese Gestik ist natürlich hochgradig theatralisch! Da steht jemand im Zentrum, der allein durch körperliche Präsenz und Bewegung ein riesiges Kollektiv steuert. Das ist pure Inszenierung. Ich sitze oft in der Oper und beobachte fasziniert den Bassisten: „Hat der jetzt seit neun Minuten echt kein einziges Mal hochgeguckt? Spürt der die Bewegung einfach, oder ist das eine geheime Übereinkunft?“ Zu sehen, wie diese physischen Signale in Klang übersetzt werden, ist für mich als Theatermensch ein totales Faszinosum.
Sie haben vorhin erwähnt, dass Ihr Sohn sechs Jahre alt ist – genau die Zielgruppe für die „Allegretto“-Produktion von „In 80 Tagen um die Welt“. Was wünschen Sie ihm für die Zukunft in dieser doch recht turbulenten Welt?
Dass er sich seinen Frohsinn bewahrt. Es gibt nichts Ätzenderes als diese bedingungslose Bereitschaft, sich von allem runterziehen zu lassen. Wir sind ja fast schon masochistisch: Wir lesen morgens die erste Schlagzeile über Trump und nehmen sie als Peitsche, um uns zu sagen: „Die Welt ist eh im Arsch.“
Aber das ist sie nicht! Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten wie heute. Ich wünsche meinem Sohn, dass
er sich – wie Ernst Bloch schrieb – „aktiv ins Werdende hineinstürzt“. Kinder können das: Die weinen gerade noch, und im nächsten Moment kreischen sie vor Begeisterung beim Fangenspielen. Diese Begeisterungsfähigkeit müssen wir uns zurückerobern!
Samstag, 9. Mai 2026
Sonntag, 10. Mai 2026
Nils Strunk I Schauspiel, Musik und Regie
Lukas Schrenk I Schauspiel, Text und Regie
Henry Morales I Text
Lilith Häßle I Schauspiel
Martin Ptak I Posaune und Harmonium
Hans Wagner I Bass und Gitarre
Jörg Mikula I Schlagzeug und Percussion
In 80 Tagen um die Welt
Musik von Nils Strunk, Martin Ptak, Hans Wagner und Jörg Mikula
Konzert für Publikum ab 6 Jahren