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Musikalische Neugier. Lahav Shani

© Julia Wesely
Mit einem höchst abwechslungsreichen Programm gastiert Lahav Shani in der laufenden Saison als Künstler im Fokus mehrere Male im Musikverein. Im Dezember dirigiert er zwei Konzerte am Pult des Rotterdam Philharmonic Orchestra und gibt einen Duo-Klavierabend mit Martha Argerich.

Von Jessica Duchen

11.11.2025

Es war faszinierend mitzuerleben, wie 2013 beim Finale des Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerbs in Bamberg der Erste Preis an einen gerade einmal 24-jährigen Musiker vergeben wurde: Lahav Shani. Er war damit jünger und weniger erfahren als viele der anderen Kandidaten, doch seine natürliche Musikalität und seine gewinnende, selbstbewusste Bühnenpräsenz stachen hervor.

Der Bamberger Wettbewerb ist ein mächtiges Sprungbrett. Lahav Shanis Karriere nahm bald einen kometenhaften Aufstieg. Bereits 2015 gab er – als Dirigent und Solist am Klavier – mit den Wiener Philharmonikern sein Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, zwei Jahre später band er sich als Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker enger an die Donaumetropole. 2018 wurde er zum Chefdirigenten des Rotterdam Philharmonic Orchestra ernannt – der jüngste Dirigent, der je dieses Amt innehatte –, und in der Saison 2020/21 trat er die Nachfolge von Zubin Mehta als Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra an. Nun, mit 36 Jahren, steht er kurz davor, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker zu werden. Als Fokus-Künstler des Musikvereins führt er in der laufenden Saison die beiden Orchester aus Rotterdam und München nach Wien.

© Julia Wesely

Lahav Shani wurde in eine musikalische Familie hineingeboren: Sein Vater, Michael Shani, unterrichtete Chorleitung an der Universität Tel Aviv und gründete 1987 den Tel Aviv Chamber Choir. Beide Eltern wurden in Israel geboren; frühere Generationen waren aus der Grenzregion Polen/Ukraine, aus Ungarn und der Slowakei eingewandert. Schon im Kindergarten begann Lahav mit dem Klavierunterricht. Im Schulalter begab er sich durch die Videosammlung seiner Eltern auf Entdeckungsreise in die Welt der Musik. Dem Rat von Zubin Mehta folgend, unter dessen Leitung er im Israel Philharmonic Orchestra Kontrabass gespielt hatte, ging Shani zum Studium ins Ausland: An der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin wurde Christian Ehwald sein Dirigierlehrer und, so Shani, „wie ein zweiter Vater für mich“.

Ebenfalls in Berlin begegnete Lahav Shani 2010 dem Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim, der ihn zu seinen Proben einlud und ermutigte, Fragen zu stellen und musikalische Probleme zu diskutieren. Im Gegenzug beobachtete der Maestro später Shanis Dirigieren und gab ihm seither als Mentor wichtige Impulse. In jüngerer Zeit dirigierte Shani mehrfach das West-Eastern Divan Orchestra mit Barenboim als Klaviersolist.

Wie Barenboim verfolgt auch Shani eine parallele Karriere am Klavier – und nicht jeder Pianist hat die Chance, Duos mit der legendären Martha Argerich zu spielen. Nach mehreren gemeinsamen internationalen Klavierabenden Anfang dieses Jahres treten die beiden zusammen am 10. Dezember im Musikverein auf. Ihre enge musikalische Beziehung beschrieb Shani in einem Interview mit Presto Classical so: „Manchmal schauen wir uns am Ende eines Konzerts an, und es ist, als hätten wir die letzten dreißig Minuten denselben Gedanken geteilt.“ Solo-Klavierabende gibt er heute eher selten, doch er leitet weiterhin gelegentlich Klavierkonzerte vom Instrument aus – selbst so anspruchsvolle wie Prokofjews Drittes. Als er dieses Werk 2024 bei den Londoner Proms spielte, schrieb der Kritiker Tim Ashley, es sei „eine Tour de Force, die ans Erstaunliche grenze“, und lobte die „furchtlose Brillanz und freche Eleganz“, das Ergebnis sei „atemberaubend“.

Neben Shanis pianistischen Aktivitäten ist ein weiteres „Geheimnis“ seines Erfolgs die frühe Erfahrung als Kontrabassist: Sie verschaffte ihm einen besonderen Vorteil im Verständnis des Orchesters von innen heraus. In einem Interview mit der Autorin dieses Beitrags sagte Shani dazu: „Das ist wichtig, nicht nur in der Art, wie man über Musik nachdenkt, sondern auch im Wissen, was es bedeutet, Teil dieser großen Gruppe von Menschen zu sein. Es gibt mir Einblicke, wie ich mit ihnen kommunizieren kann.“

Dasselbe tiefe Verständnis für das Orchester fließt auch in seine Begeisterung für Orchesterbearbeitungen von Klavierwerken ein. Drei seiner Orchestrierungen von „Liedern ohne Worte“ Felix Mendelssohn Bartholdys sind auf einem Album mit Werken des Komponisten zu hören, das er mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra aufgenommen hat. Es erschien Anfang dieses Jahres und zeigt eine Fülle bezaubernder orchestraler Farben und Details.

Die lebendigen und abwechslungsreichen Programme, die Lahav Shani als Künstler im Fokus im Musikverein präsentiert, lassen deutlich seine musikalische Neugier erkennen. Er hat oft betont, dass das Rotterdam Philharmonic Orchestra gerne Risiken eingehe und er selbst Freude daran habe, Interpretationen spontan zu verändern, statt jedes Werk stets gleich aufzuführen. Am Pult benutzt er keinen Taktstock und dirigiert oft auswendig, wobei er auf die Präzision seiner flexiblen, expressiven Gesten und die spürbare Chemie mit seinem Orchester setzt – ein Prozess intensiven Zuhörens und spontanen Reagierens. Seine Aufführungen wurden für ihre atmosphärische Dichte, ihr organisches Strukturgefühl und ihre reine Eleganz gelobt.

Lahav Shanis Nähe zu Daniel Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra, der vielleicht bedeutendsten musikalischen Initiative im Bestreben, durch kulturelle Zusammenarbeit die Völkerverständigung im Nahen Osten zu verbessern, zeigt, dass ihm dieses Thema am Herzen liegt – ein Thema, das in unserer Zeit allzu aktuell ist. In einem Gespräch, das die Autorin dieser Zeilen Anfang 2022 mit Lahav Shani führte, noch bevor der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern das heutige Ausmaß erreicht hatte, fand er ermutigende Worte darüber, wie Musik Brücken zwischen Menschen und Kulturen bauen könne: „Wir leben in einer Welt, die immer gespaltener wird“, sagte er. „Musik erinnert uns daran, dass man stolz auf die eigene Kultur und Herkunft sein kann. Das bedeutet nicht, dass wir vom Rest der Welt abgekoppelt sind; es geht um Verständnis und Offenheit. Man kann die Musik anderer spielen, ohne die eigene Identität zu verlieren. Es gibt nichts Menschlicheres und Verbindenderes als Musik.“

Man kann die Musik anderer spielen, ohne die eigene Identität zu verlieren.

Dies zu betonen wird Lahav Shani nicht müde, auch und gerade wenn politische Konflikte heute selbst vor Konzertsaaltüren nicht mehr Halt machen, wie die Geschehnisse während Shanis Tournee mit den Münchner Philharmonikern zum Saisonbeginn zeigten, als das Flandern Festival in Gent das Orchester und seinen designierten Chefdirigenten auslud und es bei einem der beiden Konzerte im Musikverein zu einer Störaktion mit „Free Gaza“-Rufen kam, die in weniger als zwei Minuten beendet werden konnte.

Was auch immer die Zukunft bringen mag: Lahav Shanis außergewöhnliche Talente sollten ihm die Kraft geben, seinen Weg weiterzugehen. Die Fokus-Konzerte im Musikverein sind schöne und wichtige Schritte auf diesem Weg.

Samstag, 6. Dezember 2025
Rotterdam Philharmonic Orchestra
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Lahav Shani | Dirigent
Martha Argerich | Klavier
Elza van den Heever | Sopran
Gerhild Romberger | Alt
Daniel Behle | Tenor
Kostas Smoriginas | Bass

Johan Wagenaar
Cyrano de Bergerac. Ouvertüre, op. 23
Robert Schumann
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 54
Anton Bruckner
Te Deum

Sonntag, 7. Dezember 2025
Rotterdam Philharmonic Orchestra
Lahav Shani | Dirigent
Patricia Kopatchinskaja | Violine

Dmitrij Schostakowitsch
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll, op. 77
Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 3 Es-Dur, op. 55, „Eroica“

Mittwoch, 10. Dezember 2025
Martha Argerich | Klavier
Lahav Shani | Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart
Sonate für zwei Klaviere D-Dur, KV 448
Franz Schubert
Fantasie für Klavier zu vier Händen f-Moll, D 940
Sergej Prokofjew
Symphonie Nr. 1 D-Dur, op. 25, „Symphonie classique“, Fassung für zwei Klaviere
Maurice Ravel
Ma mère l’oye. Cinq pièces enfantines für Klavier zu vier Händen
La Valse. Poème chorégraphique für zwei Klaviere

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