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Momente, die ein Leben verändern: Lisa Batiashvili

© Courtesy of Audi AG
Lisa Batiashvili betritt als erste Solistin in der neuen Saison das Podium des Großen Musikvereinssaals und spielt Beethovens Violinkonzert mit den Münchner Philharmonikern unter Lahav Shani. Für die „Musikfreunde“ sprach sie mit Judith Hecht über Erinnerungen an ihre alte Heimat Georgien, ihren Neustart in Deutschland und die Herausforderungen im modernen Konzertwesen.

Von Judith Hecht

17.07.2025

Sie sind in Georgien geboren und haben Ihre ersten zwölf Lebensjahre dort verbracht. Kurz vor Beginn des Bürgerkriegs zogen Ihre Eltern mit Ihnen nach Deutschland. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in Georgien?
Ich habe sehr starke Erinnerungen an den Umzug und die Zeit davor, in der klar wurde, dass wir Georgien verlassen müssen. Aber ich kann mich auch an vieles andere erinnern: Ich habe schon als kleines Kind sehr viel Zeit mit Musik verbracht. Mit zwei Jahren habe ich begonnen, Klavier und Geige zu spielen. Mein Vater (Anm.: der Geiger Tamas Batiashvili spielte im Georgischen Staatsquartett) hat entweder zu Hause Schüler unterrichtet oder mit seinem Quartett geprobt. Musik war also allgegenwärtig. Ich weiß auch noch, dass ich das Klima in Georgien als so angenehm erlebt habe. Das warme Wetter vermisse ich immer noch sehr. Eigentlich konnte man acht Monate im Jahr im T-Shirt herumlaufen. Ich kann mich an sehr schöne Ferien in Abchasien am Schwarzen Meer erinnern. Das ist jener Teil, der 1991 von den russischen Truppen okkupiert wurde. Abchasien ist ein Paradies, und dort haben wir jeden Sommer verbracht. Aber ich kann mich natürlich auch an die politischen Spannungen erinnern.

Wie haben Sie diese Spannungen als Kind erlebt?
Sehr intensiv. Der Zerfall der Sowjetunion fand in einer Zeit statt, in der mir langsam bewusst wurde, was Sowjetunion bedeutet. Mein Vater hat viel von dem Leben in Europa und dem Wohlstand dort erzählt. Und wir haben als Familie davon geträumt, wie es wohl wäre, dort gemeinsam zu leben. Mein Vater gehörte als Musiker zu den wenigen privilegierten Leuten, die in den Westen reisen und Konzerte geben durften. Aber er kam immer mit leeren Taschen zurück. 50 Prozent der Gage musste sein Streichquartett gleich einmal an die russische Agentur abgeben. Der Rest wurde durch vier geteilt, und von dem wenigen, das ihm blieb, hat er mir Bonbons, eine Barbie oder ein Puppenkleid mitgebracht. Sachen, die für jedes Kind in Europa eine Selbstverständlichkeit waren, aber für mich etwas ganz Besonderes. „Papa kehrt aus einer Welt zurück, die ganz anders ist als unsere“, dachte ich.

So war es ja auch.
Ja, so war es. Sehr einschneidend war für mich das Jahr 1989, als es zur politischen Wende kam und Georgien für seine Unabhängigkeit gekämpft hat. Wir haben mitten im Zentrum von Tiflis gewohnt und deshalb hautnah miterlebt, wie die Menschen auf der Straße friedlich demonstriert haben. Und auch wie die Panzer kamen und diese Demonstranten umgebracht wurden. Das sind Eindrücke, die mich heute noch verfolgen, die ich heute noch in mir trage.

Dieses Gefühl, „Wir müssen wahrscheinlich bald von hier weg“, muss Sie als Kind doch sehr belastet haben?
Ja, wenngleich meine Eltern das gut vorbereitet haben. Zum Schluss wollten wir alle weg, auch ich. Wir haben verstanden, dass die Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in diesen neuen, kleinen Staaten sehr schwierig und chaotisch werden würden. Und dass die Kriminalität und die Korruption aufblühen werden, bis sich wirklich ein neues System etabliert hat. Uns war auch klar, wenn ich wirklich mit meiner Musik weiterkommen will, dann muss ich raus nach Europa und irgendwo studieren.

„Mir ist die Verbindung mit anderen Musikern das Wichtigste, eine kollegiale Freundschaft mit Menschen, mit denen ich gemeinsam wachsen kann.“

Lisa Batiashvili

Als Sie 1991 nach Hamburg kamen, sprachen Sie kein Wort Deutsch. Die einzige Konstante in Ihrem Leben war die Musik.
Ja, und über die Musik habe ich mich im Gymnasium mit meinen Mitschülern verbunden. Ich muss sagen, ich wurde großartig aufgenommen. Aber trotzdem war diese Mentalität so anders. Es war schon ein schwerer Kampf, mich in die Gesellschaft zu integrieren als jemand, der ein Teil von ihr ist. Und das war mir sehr wichtig. Ich wollte dazugehören, darum habe ich die Sprache so schnell gelernt.

Gab es bald den Moment, in dem Sie wussten: „Dieser Kampf war es wert. Die Entscheidung, unsere Heimat zu verlassen, war richtig“?
Ja, Gott sei Dank! Das war der Tag, als ich in München an der Musikhochschule aufgenommen wurde und in die Klasse von Ana Chumachenco kam. Das war der Moment, in dem sich mein Leben entschied. „Es hat sich gelohnt. Dafür haben wir das alles gemacht“, das wusste ich schon nach der ersten Unterrichtsstunde. Ich habe gespürt, dass ich in den Händen einer ganz besonderen, wunderbaren Person bin.

Was hat Ana Chumachenco als Lehrerin so einzigartig gemacht?
Dass sie es verstand, jeden Schüler individuell zu fördern. Man muss als Lehrer erst den Menschen erkennen, um ihn aufbauen zu können. Und das konnte sie – im Unterschied zu so vielen anderen Pädagogen. In unserer Klasse herrschte auch eine so gute Stimmung, wir hatten sehr viel Respekt vor und Bewunderung füreinander, weil es in unserem Jahrgang so viele tolle Geiger gab. Wir dachten, das sei normal. War es aber nicht.

„Toll“ ist viel mehr als technisch perfekt zu spielen. Ist das richtig?
Absolut. Wenn ich „toll“ sage, meine ich vor allem die menschliche Ebene dieser Musiker. Geiger und auch Pianisten tendieren oft dazu, zu obsessiven Studenten zu werden. Sie üben jeden Tag stundenlang, weil sie perfekt werden wollen. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Aber heute wissen wir: Das ist nicht genug. Wir müssen früh anfangen, mit den jungen Musikern über das Leben zu sprechen, über die Wege, die sie einschlagen wollen, und die Entscheidungen, die sie treffen müssen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Lehrers und Mentors, die Studierenden immer wieder darauf hinzuweisen: „Überlege, was du machen willst und vor allem warum.“ Ich mache das bei meinen Stipendiaten (Anm.: mit ihrer Stiftung fördert Lisa Batiashvili seit 2021 junge hochbegabte Musiker aus Georgien) und sage zu ihnen: „Auf diese Fragen Antworten zu finden ist genauso wichtig, wie dein Instrument zu üben.“

Haben Sie den Eindruck, dass sich die jüngere Künstlergenerationen in ihrer Herangehensweise an den Künstlerberuf von Ihrer sehr unterscheiden?
Der Vorteil der neuen Künstlergeneration ist, dass sie viel besser informiert und freier im Geist ist. Aber sie hat es natürlich auch schwer, weil sie durch die sozialen Medien mit Informationen überflutet wird. Da ist es nicht leicht, den Überblick zu bewahren und herauszufinden, welche Quellen zuverlässig sind. Manchmal ist das alles einfach zu viel.

Und dann verliert man womöglich den Fokus?
Das ist eine Gefahr. Andererseits haben junge Künstler die Möglichkeit, sich viel freier zu entwickeln. Ich kenne viele Musiker, die nicht nur Klassik oder nur ein Instrument spielen, sondern auch sehr früh Dirigieren und Komponieren lernen. Das war früher nicht so, weil man sich immer nur auf „das Eine“ konzentriert hat. Heute ist das Talent vielseitiger geworden. Und ich denke, unsere Szene muss und wird sich auch langsam verändern.

Inwiefern?
Sie wird flexibler werden, indem man die musikalischen Persönlichkeiten in ihrer Vielseitigkeit und nicht nur eine Seite von ihnen wahrnimmt. Das zeigt sich auch schon, es entwickeln sich neue, interessante Konzertformate. Das heißt: Das Publikum hat es sehr gut. Als ich mit 18 Jahren angefangen habe, mit großen Orchestern zu spielen, war das Konzertleben ganz anders. Es gab einen klassischen Rahmen, und den hat man kaum verlassen. Heutzutage haben die Zuschauer schon sehr hohe Erwartungen. Darum erlebt man in den meisten Konzerten eine sehr hohe Qualität und dazu auch noch Überraschungen.

Der Druck auf die Künstler, immer mehr zu bieten, wächst demnach?
Ja, es ist extrem druckvoll. Und es kommen immer wieder ganz neue Künstlerpersönlichkeiten nach. Darum müssen jene Künstler, die schon länger im Geschäft sind, eine ganz klare Sprache haben, um mit den Menschen zu kommunizieren. Und sie müssen für sich Prioritäten setzen: Möchte ich populär sein? Möchte ich nur ernsthafte Musik spielen? Wo fühle ich mich in dieser Musikwelt am wohlsten?

Wie lautet Ihre Antwort?
Die kenne ich längst: Mir ist die Verbindung mit anderen Musikern das Wichtigste, eine kollegiale Freundschaft mit Menschen, mit denen ich gemeinsam wachsen kann.

Samstag, 20. September 2025

Münchner Philharmoniker
Lahav Shani | Dirigent
Lisa Batiashvili | Violine

Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und Orchester D-Dur, op. 61
Sergej Rachmaninow
Symphonische Tänze, op. 45

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