Mehr als bloße Begleitung: Kammermusik mit Jewgenij Kissin
Von Edith Jachimowicz
20.08.2025
Als Solist gehört der Pianist Jewgenij Igorewitsch Kissin zu einer Liga, in der die Luft ganz dünn ist. Seine Liebe zum Musizieren im kleinen Format, als Duo- oder Liedpartner etwa, entdeckt das Publikum eher durch jahrelange kontinuierliche Beobachtung. „Ich spiele sehr gerne alle Musik, die gut ist, so einfach ist es“, sagt Kissin. Es gibt für ihn nur eine Einschränkung: „Wichtig ist mir, dass der Klavierpart nicht bloße Begleitung ist. So ein Repertoire vermeide ich. Bei Schubert-Liedern beispielsweise, wenn ich nur Begleitung habe, sind sie für mich zum Spielen nicht interessant. Aber ich höre sie natürlich gerne. Ähnliches lässt sich über die Erste Violinsonate von Johannes Brahms sagen. Die spiele ich nicht, im Gegensatz zu seiner Zweiten und Dritten Sonate.“
Als die „Musikfreunde“ Jewgenij Kissin vor dem Sommer zu Hause in Prag besuchen, stehen noch Proben für das Musikvereinskonzert Anfang Oktober bevor, zu denen der Geiger Joshua Bell und der Cellist Steven Isserlis erwartet werden. Eine bereits erprobte Partnerschaft, das sei natürlich wichtig, so Kissin, „aber von ausschlaggebender Bedeutung ist die Musik selbst“. Kissin sucht sich Partner aus, „die ich persönlich für ein Programm am besten finde, die mir nahestehen, mit denen ich ein Stück gerne machen möchte“. Ein Programm entsteht gewöhnlich, indem der Pianist selbst etwas vorschlägt. „Sie stimmen zu, oder nur teilweise, dann besprechen wir das, oder sie schlagen umgekehrt etwas vor etc. Nur bei den Liederabenden, die ich mit Renée Fleming und Matthias Goerne mache, haben sie vor allem bestimmt. Natürlich habe ich ihnen vorher das wegen des Klavierparts gesagt. Bei Goerne wollte ich außerdem unbedingt Schumanns ‚Dichterliebe‘ machen, dafür hat er sich im Gegenzug einige Brahms-Lieder gewünscht.“ Zu hören war dieses Programm im vergangenen Jahr in Wien im Musikverein sowie in weiteren Städten.
„Mir fehlt einfach die Zeit, mich mit dem Umfeld eines Werkes, das ich spiele, zu beschäftigen, mir dazu auch alles das zu merken. Das überlasse ich den Historikern.“
Jewgenij Kissin
Immer noch nehmen Jewgenij Kissins Auftritte als Solist den größten Teil seiner Konzerttätigkeit ein. Es könne aber schon sein, meint er, dass er mittlerweile etwas mehr Kammermusik als früher spiele. Ein langjähriger Fixpunkt seiner Auftritte als Kammermusiker ist jedenfalls das Verbier Festival in den Schweizer Alpen, das „einfach ideale Bedingungen“ biete. Jeden Sommer ist er dort „Stammgast“, wohnt mit der Familie in einem Chalet und musiziert neben den offiziellen Konzerten ad hoc mit Gleichgesinnten aus Freude, ohne Zwang.
Das für Prag, Wien und weitere Städte geplante Kammermusikprogramm mit Kompositionen für Klaviertrio ist in mancher Hinsicht bemerkenswert: Alle diese Stücke sind in memoriam bedeutender musikalischer Persönlichkeiten komponiert, von Kissin aber nicht deswegen zusammengestellt, sondern „weil sie einfach geniale Musik sind“. Tschaikowskij schrieb sein Trio „À la mémoire d’un grand artiste“, nämlich seines Mentors, des Pianisten und Rektors des Moskauer Konservatoriums Nikolai Grigorjewitsch Rubinstein. Schostakowitsch trug Trauer um seinen engen Freund Iwan Iwanowitsch Sollertinskij, einen bekannten Moskauer Musikwissenschaftler und Autor. Und Solomon Rosowsky, ein vor allem in den USA bekannt gewordener lettischer Komponist, widmete seinen „Fantastischen Tanz über ein hebräisches Thema“ op. 6 dem Andenken seines Vaters, eines angesehenen Kantors an der Hauptsynagoge von Riga.
Spürt man als Interpret den besonderen Hintergrund bei diesen Werken, auch, dass etwa Tschaikowskij diese Komposition besonders schwerfiel, weil er mit dem Trioformat nicht gut zurechtkam – nachzulesen in seinem Briefwechsel etwa mit Nadeschda von Meck? „Nichts von alldem ist zu spüren“, sagt dazu Kissin. „Beim Aufführen eines wahren Kunstwerkes dürfen weder Zuhörer noch Interpreten merken, ob den Komponisten dabei etwas belastete. Auch wenn wir selbst schwierige Stücke spielen, sollen die Zuhörer spüren, es sei ganz leicht und fällt uns nicht schwer.“

Neben den „Klassikern“ im Programm des Trioabends steht, es ist bereits angeklungen, auch der Name Solomon Rosowsky, ein Vorschlag von Joshua Bell und Steven Isserlis. Wie Jewgenij Kissin erzählt, hatten er und seine Partner 2022 in Spanien an einem Programm mit hebräischer Musik gearbeitet, darunter auch Rosowskys „Fantastischer Tanz“ op. 6. Zur Aufführung kam es damals wegen eines Unfalls in Kissins Familie nicht – nun soll sie nachgeholt werden, zuerst in Prag und Wien.
Auch unter Kissins eigenen Kompositionen findet sich ein Trio op. 6: „mein letztes Opus, für mich mein bisher bestes Werk. Schon vor einigen Jahren kam mir eine musikalische Idee, nur einige Takte. Ich war damals in Luzern, schrieb diese Idee auf einem Notizblock nieder und steckte den Zettel in die Rocktasche. Es vergingen einige Jahre. Dann kam mir der Gedanke zu einem Trio zu dem, was derzeit in der Ukraine passiert. Da dachte ich mir, dass diese paar Takte ein guter Anfang für eine Komposition über den Krieg wären. Sie geben die düstere Atmosphäre Russlands vor dem Ukrainekrieg wieder.“
Bei seinen Kompositionen mit Streichinstrumenten holt Jewgenij Kissin immer den Rat der Kollegen ein. Bisher waren dies ein Streichquartett (für das Kopelman Quartett) und eine Sonata-Ballade für Violoncello und Klavier (für Steven Isserlis). „Wichtig ist mir vor allem, mich bezüglich Glissandi von Violine und Cello beraten zu lassen. Wir probieren eine Passage aus, um zu sehen, wie Violine und Cello zusammenpassen. Die sagen mir dann, was möglich ist und was nicht.“ Ein großes Vorbild dabei ist ihm Schostakowitsch. „Er hat sich noch in seinen letzten Lebenstagen im Krankenhaus, als er fieberhaft an den Korrekturen seiner Bratschensonate arbeitete, anhand von Fragmenten daraus bei Fjodor Druschinin (Anm.: dem Bratschisten des legendären Moskauer Beethoven-Quartetts) Rat geholt.“ Dieser ist dann auch Widmungsträger von dieser letzten Komposition Dmitrij Schostakowitschs geworden.
Gerade hinsichtlich der Trios von Tschaikowskij und Schostakowitsch mit deren komplexer Historie drängt sich die Frage auf, ob für den Interpreten auch deren Umfeld von Interesse ist. „Mir fehlt einfach die Zeit, mich mit dem Umfeld eines Werkes, das ich spiele, zu beschäftigen, mir dazu auch alles das zu merken. Das überlasse ich den Historikern.“ Man muss nur einen Blick auf seinen Terminkalender werfen, um das zu verstehen.
Alte Aufnahmen von Kammermusik mit den Großen der Vergangenheit interessieren ihn natürlich. An erster Stelle nennt er Swjatoslaw Richter. Bei Arthur Schnabel und Wilhelm Backhaus fällt ihm auf, dass sie völlig gegensätzlich sind, obwohl sie beide der deutschen Schultradition angehören. Kissin hält es für wenig bedeutungsvoll, wo die Künstler, mit denen er spielt, musikalisch verankert sind. Wichtig ist ihm, bei aller Individualität eine gemeinsame Sprache zu finden.
Pläne für die Zukunft hat der Pianist reichlich, mit einem Caveat: „Ich muss meine Kräfte berücksichtigen, jetzt noch Stücke spielen, bei denen es für mich physisch noch nicht zu spät ist.“ Ein warnendes Signal hat es vor einigen Jahren schon gegeben. „Aber wenn ich es kräftemäßig schaffe, möchte ich einige Klavierkonzerte mit Orchester, die ich bisher noch nicht aufgeführt habe, spielen: das Zweite von Saint-Saëns, das von Gershwin, das Dritte von Bartók.“ Auffallend ist das Fehlen des Namens Franz Liszt. „Seine Kompositionen lassen mich kalt. Sie haben in sich mehr poetische Intentionen als echte kreative Stärke, mehr Farben als zeichnerische Qualitäten. – Danach, später, wenn ich über 55 sein werde, Konzerte von Mozart. Ich habe früher schon welche gespielt, möchte aber noch mehr davon. Es gibt ja noch viele, und alle sind sie Meisterwerke!“ Die Vorfreude des Publikums auf solche Vorhaben darf also wachsen – zunächst aber jene auf Jewgenij Kissin als Kammermusiker.
Freitag, 3. Oktober 2025
Jewgenij Kissin | Klavier
Joshua Bell | Violine
Steven Isserlis | Violoncello
Solomon Rosowsky
Fantastischer Tanz über ein hebräisches Thema für Klaviertrio, op. 6
Dmitrij Schostakowitsch
Klaviertrio Nr. 2 e-Moll, op. 67
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Klaviertrio a-Moll, op. 50, „À la mémoire d’un grand artiste“