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Hören, was möglich ist — Fokus-Künstler Maxime Pascal

© Julia Wesely
Als „Künstler im Fokus“ der aktuellen Saison wird der Franzose Maxime Pascal, bereits mehrfach am Pult des ORF RSO Wien im Musikverein zu Gast, insgesamt vier Konzerte dirigieren. In den November fallen zwei Klangereignisse der besonderen Art. Auf Aufführungen des Requiems von Berlioz mit den Wiener Symphonikern und dem Singverein folgt, in Kooperation mit Wien Modern, das Wien-Debüt von Pascals eigenem Ensemble „Le Balcon“.

Von Christian Merlin

06.10.2026

Alles begann im Jahr 2008. Gemeinsam mit Freunden des Pariser Konservatoriums gründete ein sehr junger Dirigent ein Ensemble, das seinesgleichen suchte. Die ersten Konzerte fanden in der Pariser Kirche Saint-Merri statt, doch das ungewöhnliche, in variabler Besetzung auftretende Orchester erregte auch die Aufmerksamkeit der traditionsreichen Pariser Musikstiftung Singer-Polignac. Da man vor nichts zurückschreckte, lud man den legendären Pierre Boulez ein, und er kam tatsächlich! Als besagter junger Dirigent kurz darauf plante, Boulez’ Werk „Le Marteau sans maître“ aufzuführen, bat er den Komponisten um dessen Rat. So kam es, dass sie – kaum dem Konservatorium entwachsen – dessen Musik unter den Augen des Meisters spielten. Als er Maxime Pascal – so der Name des jungen Mannes – beim Dirigieren beobachtete, sagte Boulez: „Gut, Maxime, aber es muss straff sein.“ Der junge Maestro versuchte, seine Dirigierweise zu schärfen. Boulez’ Urteil: „Gut, Maxime, aber jetzt muss es geschmeidig werden.“ Mit diesen zwei Sätzen hatte er ihm das A und O des Dirigierens vermittelt: Kontrolle und Freiheit, Strenge und Flexibilität.
Dies ist nicht die einzige Lektion, die Maxime Pascal aus dieser entscheidenden Begegnung zog. Boulez’ erste Bemerkung lautete: „Sie werden Erfolg haben, weil Sie außerhalb der Institutionen stehen.“ Tatsächlich war „Le Balcon“ – so der Name des Ensembles – völlig unabhängig. Doch Pascal war sich durchaus bewusst, dass Boulez keineswegs gegen Institutionen eingestellt war; er hatte sich im Gegenteil stets darum bemüht, sie von innen heraus zu reformieren. Von Anfang an existierten diese beiden Dimensionen nebeneinander: In der Kirche Saint-Merri mussten die Musiker selber Notenständer aufstellen und Stühle rücken, während die Fondation Singer-Polignac bereits seit 1928 gut ausgestattet war. „Le Balcon“ steht jedenfalls von Anbeginn für schöpferische Fantasie auf höchstem musikalischen Niveau.
Wie es dazu kam? Maxime Pascal wurde 1985 in Nantes geboren, wuchs jedoch in Carcassonne im Südwesten Frankreichs auf – und zwar auf dem Land, unweit eines Waldes, in dem das Einzelkind seiner Fantasie und Neugier freien Lauf lassen konnte. Er liebt das Fantastische und Skurrile. Als begeisterter Comic-Leser zeichnet er gerne Monster. Schon früh entwickelte er eine innige Beziehung zur Materie und zu den Elementen. Diese doppelte Faszination für Natur und Magie ebnete den Weg für eine Spiritualität, die sich in seiner Musikauswahl widerspiegelt, von Messiaen bis Stockhausen.

© Julia Wesely

Schon früh entwickelte Maxime Pascal eine innige Beziehung zur Materie und zu den Elementen. Seine doppelte Faszination für Natur und Magie ebnete den Weg für eine Spiritualität, die sich in seiner Musikauswahl widerspiegelt.

Er wächst in einem musikalischen Umfeld auf. Der Vater ist Jazzposaunist, die Mutter Klavierlehrerin. Schon hier zeigt sich das Zusammenspiel zweier Welten: auf der einen Seite die Freiheit der improvisierten Musik, auf der anderen Seite der Respekt vor der Notation und dem akkuraten Studium. Von frühester Kindheit an – und zweifellos schon im Mutterleib – ist ihm die überwältigende Kraft der Blechbläser vertraut; stets bleibt er empfänglich für das Klangerlebnis, für die körperliche Dimension des Klangs. Doch er hört auch gerne seiner Mutter zu, während sie ihre Schüler unermüdlich dieselben Stellen üben lässt.
In Carcassonne besucht er eine einfache Musikschule. Dort spielt er Klavier, Geige und Schlagzeug – allerdings eher dilettantisch, ohne so recht zu wissen, wohin die Reise gehen soll. Das erste Schlüsselerlebnis hat er, als er seinem Geigenlehrer an das städtische Konservatorium in Tarbes folgt: Dort spielt er zum ersten Mal in einem Orchester. Erst durch das Orchesterspiel gewinnt das Musizieren für ihn an Sinn; er begreift seinen Platz in einem Gefüge, in dem die zweite Oboe genauso wichtig ist wie sein eigener Part. Als er sich mit 16 Jahren am Regionalkonservatorium von Bayonne immatrikulieren lässt, ist seine Neugier grenzenlos. Mit geradezu unstillbarem Wissensdurst belegt er alle nur möglichen Fächer: „écriture“, Musikanalyse, alte sowie zeitgenössische Musik. In der Musikbibliothek darf man täglich sechs CDs ausleihen – er hört alles, liest alles. Entscheidend ist für ihn die Entdeckung der Musik von Morton Feldman und vor allem von Gérard Grisey: Ersterer vermittelt ihm die spirituelle Dimension des Hörens, Letzterer das Erlebnis, mitten in den Klang einzutauchen.

Während eines Dirigierkurses freundet er sich mit dem Pianisten Alphonse Cemin und dem Komponisten Arthur Lavandier an. Die drei jungen Männer werden bei der Aufnahme in das Pariser Nationalkonservatorium zu Mitbewohnern einer Wohngemeinschaft – dies bildet bereits das Fundament für „Le Balcon“. In Paris besucht Pascal die Musikanalyseklasse von Michaël Lévinas sowie den Einführungskurs für Dirigieren bei François-Xavier Roth. Als er erlebt, wie Ersterer die Werke bis ins Detail seziert, denkt er sich: „Er hört Dinge, die ich nicht höre“, und gelangt zur Überzeugung, dass er selbst nicht genau genug hinhört. Von Letzterem lernt er, dass die Dirigiergeste aus dem Hören heraus entsteht.
Hier entstand die Idee für „Le Balcon“ – ein Instrumentalensemble, das außerdem auf Beschallungstechnik setzen sollte. Denn Maxime Pascal, der sich als Student vom Pariser Musikleben berauschen lässt und allabendlich Konzerte besucht, ist mit der Klangqualität in Konzertsälen und Theatern selten zufrieden. Warum sollte man auf die neuen Möglichkeiten verzichten, die moderne Beschallungstechnologien bieten? Zum Gründungsteam von „Le Balcon“ gehören in der Tat nicht nur ein Dirigent, ein Pianist und zwei Komponisten, sondern mit Florent Derex auch ein Toningenieur. Es gilt, ein Klangkonzept zu entwickeln, das auf die jeweilige Raumakustik abgestimmt ist und das Werk mit dem Raum in Resonanz treten lässt. Die theatrale Komponente spielte von Anfang an eine wichtige Rolle; der Name des Ensembles ist übrigens von einem Theaterstück Jean Genets inspiriert, das Peter Eötvös als Oper vertont hat.
Dies alles ist Patrice Martinet, dem Leiter des Théâtre de l’Athénée in Paris – einem kleinen Theater im italienischen Stil –, nicht entgangen. Werke wie Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“, Brittens „The Rape of Lucretia“ und Schönbergs „Pierrot lunaire“ tragen dort dazu bei, dass „Le Balcon“ aus der Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken ist. Dabei zeichnet sich die Gruppe durch eine besondere Eigenheit aus: Unter der künstlerischen Leitung von Maxime Pascal deckt das Kollektiv die gesamte Produktionskette ab. So ist etwa Produktionsleiterin Iris Zerdoud zugleich Klarinettistin des Ensembles.
Zunehmend lenkte der Erfolg die Aufmerksamkeit bedeutender Häuser – Opéra de Lille, Opéra Comique, Philharmonie de Paris – auf das Vorhaben und ermöglichte die Realisierung eines waghalsigen Projekts, das Aufsehen erregte: der Gesamtaufführung von „Licht“, dem Zyklus aus sieben Opern von Karlheinz Stockhausen, in dem visionäre Spiritualität auf sinnliche Erfahrung trifft. Vor dem Maßlosen schreckt man nicht zurück, obwohl sich der Abenteurer Pascal als immer noch im Lernprozess betrachtet. Bei ihm geht Kühnheit mit Ehrfurcht vor der Partitur einher.
Bald weckte Maxime Pascals persönliche Ausstrahlung auch ohne „Le Balcon“ das Interesse von Institutionen wie den Salzburger Festspielen: Dort feierte er im Sommer 2026 – drei Jahre nach Bohuslav Martinůs „Griechischer Passion“ – einen sensationellen Erfolg mit Olivier Messiaens monumentalem Werk „Saint François d’Assise“ am Pult der Wiener Philharmoniker, unmittelbar bevor er seine Aufgaben als Erster Gastdirigent an der Deutschen Oper Berlin und als „Künstler im Fokus“ im Musikverein in Angriff nahm.

Sonntag, 8. November 2026
Montag, 9. November 2026
Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Maxime Pascal
I Dirigent
Andrew Staples I Tenor
Hector Berlioz
Requiem für Tenor-Solo, Chor und Orchester, op. 5, „Grande Messe des Morts“

Donnerstag, 26. November 2026
Le Balcon
Maxime Pascal
I Dirigent
Augustin Muller I IRCAM Live-Elektronik
Claudio Abbado Konzert
Jonathan Harvey
„Bhakti“ für Kammerensemble aus 15 Spieler:innen und quadrophonischem Tonband (oder CD-ROM)

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