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Else, Fräulein? – Mavie Hörbiger und Clara Frühstück bringen Schnitzlers „Fräulein Else“ auf die Bühne

© Irina Gavrich
Musik ist Schnitzlers berühmter Novelle „Fräulein Else“ über Doppelmoral, Geld und weibliche Selbstbestimmung regelrecht eingeschrieben, im Finale durchbricht der Autor die Sätze sogar durch Notenzeilen aus Schumanns „Carnaval“. Daran knüpft die Komponistin und Pianistin Clara Frühstück im Gläsernen Saal an, wenn sie für die Lesung von Burgschauspielerin Mavie Hörbiger eigene Musik entwirft. Die Literaturwissenschaftlerin Kira Kaufmann hat den Text anlässlich der bevorstehenden Performance im Musikverein neu gelesen.

Von Kira Kaufmann

08.07.2026

Als Anrede ist das „Fräulein“ inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen. Für die neunzehnjährige Else, die gemeinsam mit ihrer Tante und Cousin Paul in einem mondänen Hotel in den Dolomiten kurt, bedeutet es allerdings viel. Das „Fräulein“ vor ihrem Namen ist in der Anrede ein Zeichen der Distanz, wohlgemerkt eines, von dem auffällt, wenn es wegfällt, wie eine Schranke, die man in ihrem Beisein übertritt.
Arthur Schnitzlers Novelle aus dem Jahr 1924 war ein großer Publikumserfolg. Mehr als zwanzig Jahre nach dem „Leutnant Gustl“ greift er die erprobte Technik des Inneren Monologs wieder auf und perfektioniert sie. Diesmal aus der Sicht einer jungen Frau. Innen und außen verbinden sich im Sprechen einer einzigen Figur.
Noch mit dem Tennisschläger unterm Arm begegnet Else auf dem Weg vom Sportplatz dem älteren Herrn von Dorsday, einem vermögenden Kunsthändler, der auch unter den Hotelgästen weilt. Ob sie vom Tennis käme, fragt er. Sie attestiert ihm Scharfblick. Sie sieht, dass er sie sieht. „Spotten Sie nicht, Else“, entgegnet der Mann. „Warum sagt er nicht ‚Fräulein Else?‘“, fragt sich die junge Frau. – Und er: „Wenn man mit dem Rakett so gut ausschaut, darf man es gewissermaßen auch als Schmuck tragen.“ – „Esel, darauf antworte ich gar nicht“, hören wir Else denken. Die Blicke des fast fünfundsechzigjährigen Dorsay bereiten ihr Unbehagen. Auch seine Stimme. Sie hat einen so merkwürdigen Klang, wenn er ihren Namen ausspricht.

„Schauen Sie mich nur an, mein Herr“

Die Handlung der Novelle umfasst einen spätsommerlichen Abend im September. Wir sind nicht nur nahe an Elses Gedanken, sondern erleben ihren Kummer und ihre Aufregungen sogar zeitgleich mit, wir fiebern mit ihr. Was ist geschehen? – Auf dem Weg zu ihrem Hotelzimmer erreicht sie ein Expressbrief der Mutter aus Wien: Um die Schulden des Vaters zu begleichen, soll Else Herrn Dorsday um 30.000 Gulden bitten. Elses Mutter zeichnet ein düsteres Bild und weiß Druck aufzubauen. Die Zeit drängt, gelangt das Geld nicht binnen zweier Tage bei Doktor Fiala, dem Leihgeber, ein, droht dem Vater Kerker. Oder Schlimmeres, denn die Mutter schließt einen Suizid nicht aus. Die Familie wäre ruiniert. Die letzte Hoffnung wird an die Tochter, Else, delegiert.
Diese versteht, was von ihr verlangt wird, und fängt an zu überlegen und abzuwägen: Wie viel ist die Tochter wert? Wie viel die Frau? Soll sie sich für die Familie, ja für den Vater, opfern? Die Familie war schon öfter in einer ähnlichen Situation. Ist es recht, das von ihr zu verlangen? Immer wieder schieben sich Sätze aus dem Telegramm zwischen Elses Gedanken. Der Adressat ist klar, von der Mutter im Namen des Vaters festgelegt. Doch was geschieht mit ihr? Bereits hier, zu Beginn der Novelle, ist Else froh, ihr Veronal im Gepäck zu haben, ein Schlaf- und Beruhigungsmittel, das sie für gewöhnlich gegen ihre Regelschmerzen einnimmt, die sich dieser Tage anzukündigen beginnen.

Else, die sich als feig wahrnimmt, wagt es schließlich doch: Sie wählt ihr Kleid und spricht Herrn von Dorsday noch vor dem Dinner an. Dieser willigt ein, doch er nennt eine Bedingung. Er möchte sie ansehen, und zwar eine Viertelstunde lang, entweder auf seinem Zimmer oder auf einer Lichtung im Wald, wo, so sagt er, nur das Sternenlicht sie kleiden soll. Else versteht wieder sofort, und die Vorstellung davon, nackt gesehen zu werden, versetzt sie in Aufruhr. Dorsdays Gesuch – ein Handel, von den Eltern angestoßen – diskreditiert ihn eindeutig als Schmutzian. Zugleich entfesselt die geforderte Entblößung auch eine ganze Reihe an Fantasien. Else soll sich ihm zeigen, im Geheimen. Doch sie fragt sich: „Warum sollte nur Herr von Dorsday zahlen?“ Auf die Verlogenheit der Geheimnistuerei antwortet sie mit einem radikalen Exhibitionismus, der die Bloßstellung in ihrer Vorstellung auf die arrivierten Kurgäste überträgt und ihr abwechselnd ebenso verheißungsvoll wie erniedrigend erscheint.
Wirft sie nun ihren Körper in die Waagschale – und wer würde davon profitieren? Ja, was hätte sie davon? Selbstbewusst knüpft sie an die Forderung ihre eigenen Bedingungen. Kurz scheint es, als könne sie die Situation drehen und für sich entscheiden, doch dann folgt erneut ein Schreiben von zuhause: Die geforderte Summe beträgt nun doch 50.000 Gulden. „Adresse bleibt Fiala“.

© Filmarchiv Austria

„Alles habe ich in meiner Hand“

Hat man sich beim Lesen von Schnitzlers Text daran gewöhnt, dass sich ein über sechzigjähriger Mann beim Schreiben in eine noch nicht zwanzigjährige Frau hineinversetzt, ist die Darstellung bei aller Tragik nicht ohne Ironie. Zugleich ist auch für heutige Leser:innen bemerkenswert, wie plastisch sich Elses Dilemma entfaltet und zuspitzt. Mit großem diagnostischem Geschick schildert Schnitzler ihre Zerrissenheit und Lust, aber auch das Unwohlsein und die Anspannung einer Symptomlage, die heute als Prämenstruelles Syndrom gehandelt wird. Zugleich lässt der Brief der Mutter keinen Zweifel daran, dass Else von ihrer eigenen Familie instrumentalisiert wird. Abseits weiblicher Klischees wie der „Hysterika“, der „femme fatale“ oder „femme fragile“ zeichnet Schnitzler das Bild einer jungen Frau, die auf ihrem Weg, sich selbst zu entdecken, von familiären und gesellschaftlichen Ansprüchen eingeholt wird. Wir treffen auf eine kalkulierende Protagonistin, die ob der Spekulation (und die Spekulation des Vaters hat die Familie in ihre missliche Lage gebracht) auch ins Träumen gerät. Schnitzler, der mit Sigmund Freuds Psychoanalyse vertraut war, lässt uns über die Tagträume an ihren Wünschen, auch den abwegigen, teilhaben. Sie geben Einblick in ihr Begehren, das letztlich aber nicht ausgedeutet wird. Es darf widersprüchlich bleiben, wie die Situation, aus der sie sich zu befreien versucht.
Nicht nur Schnitzler, sondern auch Else beobachtet ihr Umfeld genau: Die Beziehung zwischen ihrem Cousin Paul und Cissi ist nicht so unschuldig, wie sie tun. Auch die Wirkungsweisen des Veronal kennt sie gut. Ob sie mit der Dosierung ebenso gekonnt verfährt? Furchtlos imaginiert sie wiederholt ihren eigenen Tod. „Alles habe ich in meiner Hand“, sagt sie sich, und es klingt nicht so, als hinge alles von ihr ab, sondern als stünde sie knapp davor, die Kontrolle wieder zu erlangen. Der Text kann somit auch als Gesellschaftsanalyse einer jungen Frau gelesen werden, die die Mechanismen der Prostitution bis hinein in die Eheschließung – die gute Partie – durchschaut.
Als sich Else in ihrem Zimmer entkleidet und in einen großen, schwarzen Mantel steigt, ist sie zu vielem bereit. Aber werden es auch die anderen sein?

„Schumann? Ja, Karneval. Die oder der spielt ganz schön.“

Es gehört zu den Besonderheiten dieses Textes, dass wir uns einerseits den Gedankenströmen der Else fügen müssen, andererseits aber noch einer weiteren Einflusssphäre begegnen: nämlich der Musik. Else kann Klavier spielen, das Musizieren ist Teil ihrer bürgerlichen Bildung, die nun durch den korrumpierten Ruf des Vaters mit auf dem Spiel steht. Ihre Leidenschaft für Musik ließ sie seinerzeit sowohl für einen Opernsänger als auch eine Opernsängerin schwärmen. Als gegen Mitternacht Klavierspiel aus dem Musikzimmer des Hotels ertönt, sind es zunächst die Klänge, die dem Kreisen ihrer Gedanken eine Richtung verleihen. Sie folgt ihnen, wenngleich sie in der Zuordnung unsicher ist. Hört sie Chopin? Nein, Schubert. Wer hier spielt, ein Mann oder eine Frau, kann aus dem Gehörten nicht eruiert werden. Es ist ihr aber auch gleich. Schön ist es, dieses Spiel. Sie will es sehen und folgt der Musik. Und so folgt auch der Text diesen Klängen, die in Elses Gedanken dringen und sich dabei der geschlechtlichen Zuordnung entziehen. Schnitzler wechselt im großen Finale der Novelle dreimal unvermittelt ins Notenbild und zitiert Auszüge aus Schumanns „Carnaval“. Seinen Verleger, Samuel Fischer, bat er ausdrücklich, die Zeilen aus dem Musikstück für sein „Monodram“ zu berücksichtigen. Dort, wo der Schriftsteller den Raum für die Noten freilässt, öffnet sich der Text. Wenn Schnitzler an diesen Stellen das Zeichensystem ändert, klingen neue Räume durch, wird Else, das Fräulein, auf andere Weise sichtbar. Es ist der Klang, der sich in der Schrift nicht vernehmen, nur notieren lässt. So auch die Bewegungen der Psyche einer Figur, deren Gedanken man zwar aufschreiben kann, sie zu begreifen, aber, muss an einem anderen Ort geschehen. Im perzeptiven Zwischenraum von Sprechenden und Zuhörenden, Interpret:innen und ihrem Publikum ist es möglich. Hier fallen die Hüllen und auch die Masken. Es ist der Raum der Kunst, der letztlich nicht beschrieben, sondern nur erfahren werden kann.

Dienstag, 22. September 2026

Mavie Hörbiger I Rezitation
Clara Frühstück I Klavier

Arthur Schnitzler
Fräulein Else
Arthur Schnitzlers berühmte Novelle, musikalisch verwoben mit einer von Clara Frühstück eigens für dieses Programm komponierten Klangwelt, inspiriert von Schumanns „Carnaval“

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