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Großen Geheimnissen auf der Spur – Markus Poschner vermittelt musikalische Meilensteine

© Julia Wesely
Dass die Chemie zwischen dem Maestro und dem Orchester stimmt, lässt sich schon seit Längerem im Goldenen Saal beobachten. Nun tritt Markus Poschner am 3. Oktober im Musikverein erstmals als neuer Chefdirigent ans Pult des ORF RSO Wien. Es ist dies zugleich der Auftakt zur neuen Reihe „Poschners Meilensteine“.

Von Oliver Láng

15.07.2026

Manche scheinen mehr als nur ein Leben zu haben. Oder zumindest: Lebensenergie für drei. Betritt man etwa die Welt des Markus Poschner, eröffnet sich schnell ein ungemein weiter und vielschichtiger Kosmos. Im Zentrum steht natürlich die Musik, also Konzerte und Aufführungen quer über die Kontinente. Dazu aber auch: ein öffentliches Nachsinnen über die (musikalische) Welt. Eine moderierte Probe. Podcasts. Dann wiederum Interviews und Texte, und selbstverständlich Aufnahmen. Jazz. Neue Formate. Ein Buch. Gerade noch im Goldenen Saal des Musikvereins, hört man ihn in der Wiener Staatsoper, in Zürich und Tokio, in den USA und in Salzburg, in Bayreuth, Berlin und Paris. Das Bruckner Orchester Linz führt er zu grandiosen Erfolgen, ab kommender Spielzeit ist er Music Director des Utah Symphony Orchestra, er ist Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel und neuer Chef des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Angetrieben von Begeisterung und Hingabe, von Handwerkskunst und Kommunikationsfähigkeit.
Das erlebt man übrigens auch im Gespräch, denn wenn Poschner erzählt, beschleunigt er in Sekunden von null auf hundert: Wortgewaltig geht es um Steinzeithöhlen und das Gemeinschaftliche, um die Wahrheit in der Kunst, um Fragen der Interpretation oder einfach ums Fachsimpeln über einen Komponisten. Immer ist es da: das vollkommene Einlassen auf das aktuelle Thema, aber auch der große gedankliche Bogen. Kunst, das ist nicht klein abgezirkelt, das ist kein Feinschmeckerthema und vor allem nichts, was man nur abends zwischen halb acht und halb zehn konsumiert. Kunst ist der Schlüssel: Sie erklärt das Leben, stellt Fragen, verbindet Menschen.

Sein beständiges Arbeiten ist jedoch kein reines Tätigwerden, vielmehr ein Bekenntnis zur stetigen Auseinandersetzung mit dem Schöpferischen. Arbeiten: Das bedeutet für Poschner auch, dass ein Kunstwerk in einem, bewusst oder unbewusst, laufend weiterwirkt. Nicht loslässt, unter der Oberfläche köchelt. „Ich muss ja fast sagen: Nicht man, sondern ,es‘ arbeitet immer“, schwingt sich der Dirigent auf das Thema ein. Und schnell verdichtet er die Unterhaltung, leitet über zu einer umfassenden Kunst- und Lebensverschränkung: In der künstlerischen Arbeit verarbeite er auch seine persönlichen Lebensideen, Einsichten und Ansichten. Still dasitzen – „das Schlimmste!“ – wäre für ihn ein Stillstand auf allen Ebenen. Das würde fast einem Nicht-mehr-Denken entsprechen.
Fließt aber auch umgekehrt alles, was ihn bewegt, in die Musik ein? Wird eine Beethoven-Interpretation etwa durch das Nachdenken über die geopolitische Weltlage beeinflusst? „Eine große Frage“, meint Poschner. „Aber was wäre Kunst, wenn nicht Ausdruck unserer selbst? Was in großen Werken verhandelt wird, ist nichts weniger als unser Dasein, unser Zusammenleben, unser Bezug zur Welt. Jedes Mal also, wenn wir Beethoven, Mozart, Schostakowitsch oder Bartók spielen, verlebendigen wir Werke, die nicht nur auf eine historische Zeit verweisen, sondern direkt mit unserem Menschsein an sich zu tun haben. Kurzum: Kunst ist nichts anderes als die Auseinandersetzung mit dem großen Geheimnis, das uns alle umtreibt: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Dabei geht es um keinen Austausch technischer Informationen, vielmehr um menschliche Erfahrungen.“

© Julia Wesely

„Schostakowitschs Neunte Symphonie ist ein Schicksalswerk des Komponisten und gleichzeitig einer der größten Schätze, die die Menschheit verwalten darf.“

Nun ist ein zentrales Wort gefallen: Erfahrungen. Um diese geht es ihm, und diese möchte er weitergeben. Auch in einer neuen Konzertreihe („Poschners Meilensteine“), in der er gemeinsam mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien jeweils ein zentrales Werk der Musikgeschichte zur Diskussion stellt, es durchleuchtet, bespricht, vermittelt und dem Publikum so einen Weg zum Kunstwerk weist. Das aber weniger im Stil einer klassischen Werkeinführung denn als Offenlegung von Leidenschaften für ein Werk. „Es geht dabei um Dinge, die mich an einer Komposition begeistern, die die Musikerinnen und Musiker begeistern, Dinge, die oftmals ganz persönlich sind und in keinem musikalischen Reiseführer stehen. Denn das Wissen um ein musikalisches Betriebssystem oder um den Aufbau eines Werks – das kann man ja in Konzertführern und Programmtexten nachlesen.“ Zwar darf es auch ein wenig um Strukturen und das Demonstrieren der Meisterschaft eines Komponisten gehen, im Wesentlichen aber will Poschner weit mehr als das. Er will den Blick lenken auf das Spüren, das Erspüren eines Werks, auf Schlüsselmomente. Dass das natürlich auch durch das Spielen solcher geschieht, ist klar: Schließlich vermittelt er nicht allein, sondern gemeinsam mit Musikerinnen und Musikern. Ein Auffächern der Leidenschaften, gewissermaßen, ein kollektives Beschreiben und kollektives Erfahren. Den ersten Meilenstein gibt es im Musikverein am 3. Oktober mit Schostakowitschs Neunter Symphonie, „einem Schicksalswerk des Komponisten“, wie Poschner meint. „Und einer der größten Schätze, die die Menschheit verwalten darf, ein extrem verdichtetes, verklausuliertes, symbolisiertes Werk“.
Doch damit nicht genug. Zusätzlich zu den „Meilensteinen“ lädt der Dirigent jeweils eine Stunde vor Beginn der von ihm geleiteten Abonnementkonzerte des ORF RSO Wien zu Einführungen, die in Kurzform Besonderheiten des Programms erläutern.
Aber tut er das alles, weil er immer schon gerne wissen wollte, wie Dinge funktionieren, und das auch vermitteln will? Hat er schon als Kind Radioapparate auseinandergeschraubt, um ihr Innenleben zu erforschen? Ist es die Freude am Verstehen der Zusammenhänge? „Natürlich“, lacht Poschner, „auch wenn ich keine elektrischen Geräte zerlegt habe.“ Selbstverständlich brauche er als Künstler das umfangreiche Wissen, um die Chiffre eines Werks zu verstehen. Wobei, und da sind wir wieder bei Erfahrung und Emotionalität: Die wirklich großen Zusammenhänge sind mit der reinen Ratio nicht zu begreifen, nur mit dem Herzen. „Gerade Künstlerinnen und Künstler bewegen sich ja immer in einem Grenzbereich des Erklärbaren. Man kann ein Musikstück in seiner Struktur erläutern, das wirkliche Verstehen findet jedoch auf einer anderen Ebene statt. Es passiert, wenn Musik uns ergreift, die Zeit stillsteht, man das Gespür für den Alltag verliert. Das ist der Moment eines unfassbaren Geheimnisses, wenn ein paar Schwingungen in der Luft, genannt Klänge, das Potenzial haben, unser Leben zu verändern.“ Meilenstein-Momente, eben.

Samstag, 3. Oktober 2026

ORF RSO Wien
Markus Poschner
I Dirigent und Moderation

Poschners Meilensteine
Dmitrij Schostakowitsch
Symphonie Nr. 9 Es-Dur, op. 70

 

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