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Ein starkes Paar – Magdalena Kožená und Sir Simon Rattle

© Julia Wesely
Beim Mai-Gastspiel des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks steht neben Werken von Haydn, Schumann, Brahms und Strawinsky auch der Liederzyklus „Where are You?“ des tschechischen Komponisten Ondřej Adámek auf dem Programm. Ans Pult tritt Chefdirigent Sir Simon Rattle, Solistin ist Magdalena Kožená. Nicholas Kenyon, Erster Opernkritiker des „London Telegraph“ und Rattle-Biograph, wirft für die „Musikfreunde“ einen Blick auf die so außergewöhnliche wie erfolgreiche künstlerische und persönliche Partnerschaft der beiden.

Von Nicholas Kenyon

09.04.2026

Im Dezember des vergangenen Jahres wurde im Spanischen Saal der Prager Burg der renommierte Antonín-Dvořák-Preis 2025 an zwei herausragende Künstlerpersönlichkeiten verliehen: an das Ehepaar Magdalena Kožená und Sir Simon Rattle. Es war in vielerlei Hinsicht ein denkwürdiger Abend, denn ganz ihrer typischen Manier folgend, feierten die beiden die Auszeichnung im Kreise ihrer musikalischen Freunde, die spielten, während sie den Preis entgegennahmen.

Mit dieser Ehrung wurde zugleich eine Partnerschaft gewürdigt, die mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte währt. Sie nahm ihren Ausgang, als Magdalena Kožená 2003 an der Glyndebourne Festival Opera den Idamante in Mozarts „Idomeneo“ sang – dirigiert von Simon Rattle. Es ist dies eine Partie, die sie unter seiner Leitung erst jüngst wieder übernommen hat, sowohl in Aufführungen als auch in einer neuen Einspielung mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Die Wege, die die beiden Künstler hierher führten, hätten unterschiedlicher kaum sein können – doch sie mündeten in eine außergewöhnliche künstlerische und persönliche Beziehung, die sich in verschiedensten Genres entfaltet hat: in ihrer Zusammenarbeit an tschechischer Musik ebenso wie im zeitgenössischen Repertoire, etwa im hinreißenden Liederzyklus „Where are You?“ von Ondřej Adámek, den sie gemeinsam zur Uraufführung gebracht haben und nun auch im Musikverein präsentieren.

Wie Magdalena Kožená kürzlich in einem Interview erzählte, tauchte sie bereits in frühester Kindheit in das tschechische Repertoire ein: Mit sechs Jahren begann sie Klavier zu spielen und sang parallel dazu im Kinderchor der Brünner Philharmonie, mit dem sie oftmals in Produktionen des Janáček-Theaters involviert war. Ihr als Tschechin erschlossen sich rasch die idiomatische Musiksprache und die ungewöhnlichen Vokallinien der Opern Leoš Janáčeks. Während ihrer Studienzeit am Brünner Konservatorium gründete sie ein Ensemble für Alte Musik, und mit barockem Repertoire von Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach erlangte sie auch erste breite Aufmerksamkeit. Bis heute ist deutlich spürbar, wie selbstverständlich ihr die ältere Musik liegt – etwa in ihrer vor einiger Zeit erschienenen, vielbeachteten Aufnahme von Händels „Alcina“ unter Marc Minkowski.

Simon Rattle wiederum wuchs im englischen Liverpool auf. Die lebendige Orchesterszene der 1960er Jahre ließ in ihm den Wunsch reifen, Dirigent zu werden. Als begeisterter Konzertgänger und leidenschaftlicher Partiturleser von jungen Jahren an, stellte er spontan Orchester zusammen, um das Repertoire zu erkunden. Bemerkenswert an diesem Repertoire ist, wie sehr es vom 20. Jahrhundert geprägt war: Für Simon Rattle standen nicht Beethoven oder Brahms im Zentrum, sondern Gustav Mahler, Igor Strawinsky, Béla Bartók, Dmitrij Schostakowitsch – und Janáček. Zugleich wandte er sich auch früherer Musik zu, etwa mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment in Werken von Rameau und Bach. Die Aufführung von Mozarts „Idomeneo“ 1987 war das erste große Projekt des Ensembles.

Gemeinsame Bezugspunkte – die tschechische Musik und ein Repertoire jenseits des klassischen Mainstreams – führten die beiden Künstler zusammen, und wohl nirgends berührten sich ihre Wege so intensiv wie bei Janáček. Schon vor Jahrzehnten geriet die „Glagolitische Messe“ unter dem Dirigat Simon Rattles zu einem Ereignis von berauschend roher Vitalität. Er setzte sich für Janáčeks frühe Oper „Osud“ ein und dirigierte bei seinem Debüt am Royal Opera House Covent Garden in London „Das schlaue Füchslein“.
Magdalena Kožená wiederum hielt neben Opernengagements stets das tschechische Liedrepertoire lebendig. Sie genießt geradezu die Natur der tschechischen Sprache, die es ihr ermöglicht, den emotionalen Kern der Musik unmittelbar zum Ausdruck zu bringen.
Während sie als vielgefragte Solistin um die Welt reiste, legte Simon Rattle den Fokus bewusst auf einige zentrale Partnerschaften mit ausgewählten Orchestern: Von 1980 an formte er das City of Birmingham Symphony Orchestra über achtzehn Jahre hinweg zu einem Ensemble von Weltrang. 1999 wurde er als Nachfolger von Claudio Abbado zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker gewählt, für eine Amtszeit, die sich von 2002 bis 2018 erstreckte und in der er insbesondere das zeitgenössische Profil und die Musikvermittlungsprogramme des Orchesters stärkte. Anschließend leitete er ab 2017 das London Symphony Orchestra, bevor er 2023 Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wurde.

Nach ihrer ersten Begegnung in Glyndebourne – damals waren beide noch anderweitig gebunden – heirateten Simon Rattle und Magdalena Kožená 2008 in Brünn und haben heute drei gemeinsame Kinder. Simon Rattles Konzentration auf wenige enge Orchesterbindungen erwies sich als fruchtbar: Sie ermöglichte gewachsene Beziehungen und eine vertiefte Repertoirearbeit. Als Conductor Emeritus des London Symphony Orchestra führt er seine jährliche Aufführungsreihe von Janáček-Opern fort, aus der hochgelobte Neueinspielungen von „Jenůfa“ und „Katja Kabanowa“ – mit Magdalena Kožená als Varvara – hervorgegangen sind; „Die Sache Makropulos“ steht kurz bevor.
Die Zusammenarbeit der beiden hat sich weiter vertieft, insbesondere seit Simon Rattle 2024 das Amt des Ersten Gastdirigenten der Tschechischen Philharmonie übernommen hat. Mit ihr nahm er Dvořáks beliebte „Slawische Tänze“ auf sowie zwei Alben mit Magdalena Kožená: „Folk Songs“ mit Musik von Bartók, Berio, Ravel und Montsalvatge sowie „Czech Songs“ mit Werken von Martinů, Dvořák und Hans Krása – von der Kritik gerühmt für die „unprätentiöse Schlichtheit, mit der Kožená ihren fragilen Zauber bewahrt“.

Ganz in der Gegenwart angekommen ist ihre Partnerschaft im Dienste der tschechischen Musik durch ihren Einsatz für Ondřej Adámeks Auftragswerk „Where are You?“, gemeinsam initiiert von „musica viva“, der Konzertreihe für zeitgenössische Musik des Bayerischen Rundfunks, und dem London Symphony Orchestra. Die höchst ungewöhnlichen Klangfarben des Komponisten geben Magdalena Koženás dramatischer Ausdruckskraft freien Raum – von entrücktem Atem bis hin zu schneidender Deklamation. Das Werk, das mittlerweile beim Lucerne Festival und beim Musikfest Berlin sowie an weiteren bedeutenden europäischen Spielstätten Furore macht, ist auf dem Weg, ein zeitgenössischer Klassiker zu werden. Adámeks Faszination für Sprachen und kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in Projekten wie der Einbindung koreanischen Pansori-Gesangs oder seiner A-cappella-Oper „Seven Stones“, die 2022 beim Festival d’Aix-en-Provence zur Uraufführung gelangte.

Weshalb erhielten Magdalena Kožená und Sir Simon Rattle den Antonín-Dvořák-Preis? Gewiss, weil beide unermüdlich Neues wagen, das Repertoire erkunden und die Kunstform Musik weiterdenken. Die Internationalisierung des Musiklebens hat vieles bereichert, doch man wirft ihr bisweilen vor, kulturelle Eigenheiten einzuebnen. Wer jedoch Magdalena Kožená und Simon Rattle in ihrer leidenschaftlichen Hingabe an die unverwechselbaren Klangfarben tschechischer Musik erlebt – ebenso wie in den Gipfelwerken des europäischen Repertoires mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –, wird kaum bezweifeln, dass diese vitale Partnerschaft das Musikleben in immer neue, abenteuerliche Gefilde führt.

Dienstag, 12. Mai 2026
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle | Dirigent
Magdalena Kožená | Mezzosopran

Joseph Haydn
Symphonie D-Dur, Hob. I:86

Ondřej Adámek
„Where are You?“ für Mezzosopran und Orchester

Johannes Brahms
Symphonie Nr. 4 e-Moll, op. 98

Mittwoch, 13. Mai 2026
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle | Dirigent

Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur, op. 61

Igor Strawinsky
Der Feuer-vogel

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