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Eine starke Stimme für das Lied — Lise Davidsen

© James Hole
Lise Davidsen, international gefeierte norwegische Sopranistin, gibt Anfang November ihr Musikvereinsdebüt mit einem Liederabend im Großen Saal. Walter Weidringer zeichnet ihr Porträt in musikalischen Höhepunkten.

Von Walter Weidringer

05.10.2026

„Die Künstlerin aber“, so war es vor einem halben Jahr in der Zeitschrift „Opernwelt“ zu lesen, „die dieser Isolde ihre Stimme, ihr ganzes Sein leiht, sie hat sich gleich mit ihrem Rollendebüt eingereiht zu ihren größten Ahnen, zu Kirsten Flagstad, Birgit Nilsson oder Waltraud Meier.“ Denn, so setzte der Kritiker seine Eloge fort: „Lise Davidsen gestaltet mit größter Freiheit in ihrer großen, biegsamen, goldenen Stimme und mit größter Authentizität im Spiel. So zieht sie die Aufmerksamkeit magnetisch auf sich, sei es als pubertär-hibbelige, auf das verabredete Liebesduett mit ihrem heiß ersehnten Tristan Wartende, sei es als gebieterische Königstochter gleich zu Beginn, die ihrem Entführer Tristan erstmal die Leviten lesen muss und sich dafür das volle Ornat ihres Standes anlegt […]. Und wenn sie den Abend mit ihrer magisch schwebenden Darbietung des ‚Liebestodes‘ beschließt, scheint es fast, dass ihr kostbares pianissimo den Saal bis in den letzten Winkel hinein nachbeben lässt.“

So feierte Stephan Knies Lise Davidsens Rollendebüt als Isolde in Wagners „Tristan und Isolde“, das im Jänner 2026 über die Bühne des Gran Teatre del Liceu Barcelona ging – und er war damit keineswegs allein. Im Oktober 2024 hatte die Sopranistin den zweiten Aufzug konzertant unter Sir Simon Rattle in München beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ausprobiert, im März 2026 war sie neben Michael Spyres der Star einer Neuinszenierung an der Metropolitan Opera in New York, dirigiert von Yannick Nézet-Séguin. Die Reaktionen von Publikum und Fachwelt waren durchwegs begeistert. Die Kritikerin No’a L. bat Miri beschrieb Davidsens Stimme auf Bachtrack als „dunkel und brillant“, sie sei „ein schwarzer Diamant unter den Sopranen“.

Ja, die bedeutendsten Dirigenten, großen Opernhäuser und Konzertpodien reißen sich längst um diese Sängerin. Bei den Osterfestspielen Salzburg 2027 ist sie für ihre erste Brünnhilde in der „Walküre“ angekündigt – mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko im Orchestergraben der Felsenreitschule, in der Kirill Serebrennikov seine Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ in diesem Jahr begonnen hat. Und mittlerweile wird das Gerücht immer lauter, dass Davidsen auch bereits für alle drei Brünnhilden-Partien in jenem neuen „Ring“ vorgesehen sei, der an der Wiener Staatsoper ab 2027/28 herauskommen wird: mit Christian Thielemann am Pult und in der Regie von Ersan Mondtag. Das spricht für sich.

Überragend: Das ist wohl das passendste Epitheton für Lise Davidsen. Nicht nur wegen ihrer Körpergröße von etwa 1,85 Meter. Wann ist zuletzt einer jungen jugendlich-dramatischen Sopranistin – oder sagen wir mittlerweile getrost: einer genuinen Hochdramatischen! – ein Triumphzug über die Opernbühnen und Konzertpodien der Welt mit so einhellig jubelndem Echo gelungen?

So richtig begonnen hat es wohl in Bayreuth. Auf dem Grünen Hügel kam es schon öfter vor, dass Inszenierungen über kurz oder lang zum Kult avancieren. Der „Tannhäuser“ in der Regie von Tobias Kratzer ist so ein Fall. Bei der Premiere 2019 mit dabei war damals Festspiel-Debütantin Lise Davidsen. Als Elisabeth begrüßte sie ihren Ex Tannhäuser mit einer Ohrfeige – und starb dann im dritten Akt einen der tristesten, herzzerreißendsten Bühnentode der jüngeren Wagner-Vergangenheit. Schon bei diesem umjubelten Auftritt spitzte die Fachwelt die Ohren – oder legte sie an, je nachdem: Denn das Stimmvolumen der damals 32-jährigen Norwegerin war enorm. Und die größten Erwartungen wurden geweckt.

© James Hole

Wann ist zuletzt einer jungen jugendlich-dramatischen Sopranistin – oder sagen wir mittlerweile getrost: einer genuinen Hochdramatischen! – ein Triumphzug über die Opernbühnen und Konzertpodien der Welt mit so einhellig jubelndem Echo gelungen?

Dieser Bayreuther „Tannhäuser“ ist Lise Davidsen doppelt in bester Erinnerung: „Er ist ein Beispiel dafür, wie Besetzung und Regieteam harmonisch zusammenarbeiten und dadurch etwas Wunderbares zustande bringen können“, schwärmt sie. „Tobias hat die Dualität im ‚Tannhäuser‘ wirklich verstanden – und ich liebe es, dass Elisabeth dabei auch ein Mensch sein kann und nicht nur als vielfältiges Symbol herhalten muss.“ Dabei hat sie in Opernproben durchaus schon manch hitzige Diskussionen geführt, aber: „Das ist auch gar nicht anders denkbar, wenn der Regisseur für die gesamte szenische Produktion verantwortlich ist – und dann komme ich mit meinen Gedanken und Sichtweisen. Es wäre überraschend, würden wir immer alle übereinstimmen.“
Davidsen scheut sich also nicht, wenn nötig auch Regisseuren Paroli zu liefern. „2019 sowohl in Bayreuth als auch an der Metropolitan Opera erstmals auf der Bühne zu stehen war etwas wirklich Besonderes. Aber mir haben sich auch die erste Elisabetta in ‚Don Carlos‘, die Marschallin im ‚Rosenkavalier‘, die Tosca und die Salome eingeprägt.“

Dass sie diesen großen, unvergesslichen Momenten mittlerweile etwas Großes, Unvergessliches auf privater Ebene zur Seite gestellt hat, ist bekannt: Im Jänner 2025, als sie gerade an der Wiener Staatsoper wieder die Titelpartie in Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ gegeben hatte – als Einspringerin für Anna Netrebko –, überraschte Lise Davidsen die Opernwelt mit „big news and double news“, wie sie es in einer Videobotschaft formulierte: Sie war schwanger und erwartete Zwillinge.
In ihrer Karriere war das vermutlich gar kein schlechter Zeitpunkt, einmal beruflich innezuhalten und sich aufs Leben zu konzentrieren. Dabei sind Schwangerschaften für Sängerinnen nicht risikofrei: Hormonelle und muskuläre Umstellungen vor und nach der Entbindung können nicht nur neue Stimmfarben bedeuten, sondern auch unangenehme Überraschungen. Die Sängerin und Gesangspädagogin Hedwig Fassbender rät etwa zu mindestens drei Monaten Erholung, spricht von sechs Monaten bis zur Wiederkehr eines normalen Körpergefühls – und im Optimalfall von mehr Rundung, Volumen und Leuchtkraft in der Stimme ab neun Monate danach.

Genau so ist es offenbar gekommen: Die Pause zwischen der letzten „Fidelio“-Leonore an der Met im März 2025, also im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, und der Rückkehr auf die Bühne als Isolde in Barcelona 2026 hat Lise Davidsen nicht nur unbeschadet, sondern gereift überstanden. Zumal sie auch schon vor der neuen Rolle als Mutter Ordnung, Struktur und Planung geliebt hat. „Auch wenn es immer wieder einige freie Wochen gibt, lege ich fest, wo ich in diesen Zeiten sein werde und was ich dort mache. Ich liebe die Berge, zum Wandern und zum Schifahren, auch wenn dafür nicht viel Zeit bleibt. Wenn ich Urlaub mache, dann sehr gerne mit meiner Familie. Kürzere Auszeiten verbringe ich am liebsten einfach zu Hause.“ Seit fünf Jahren hilft ihr beim inneren Aufräumen ein Mental Coach, Yoga macht sie schon seit zehn Jahren: „Im Yoga bin ich zwar nicht sonderlich gut, aber ich finde es hilfreich für meine Arbeit und auch für meinen Körper, also bleibe ich dabei.“
Bleiben will die Sopranistin auch beim musikalischen Leben abseits der hochdramatischen Wagner- und Strauss-Partien – und unbedingt auch beim Lied. Wenn sie am 7. November mit ihrem Klavierpartner James Baillieu für ein reines Schubert-Programm erstmals in den Musikverein kommen wird, dann ist der Große, der Goldene Saal dafür gerade groß genug. Unmittelbar zuvor sind in ihrem Terminkalender weitere Met-Auftritte unter Yannick Nézet-Séguin als Lady Macbeth in einer Neuproduktion von Verdis düsterer Oper geplant; ab Mai ist sie dann an der Deutschen Oper Berlin als Leonora in Verdis „Forza del destino“ zu erleben, inszeniert von Vasily Barkhatov und dirigiert von Philippe Jordan.

In Wien aber heißt es sozusagen: „Alles Schubert“. Vom Lyrischen, Heiter-Beschwingten des „Musensohns“ bis ins Dramatische des „Zwerges“ oder des „Erlkönigs“, von der schwebenden Entrücktheit in „Du bist die Ruh’“, die höchste Atemkontrolle verlangt, bis zu den hymnischen Entfaltungen der „Allmacht“ erstreckt sich eine enorme Ausdruckspalette, in der das gebannte Publikum „ertrinken, versinken“ darf, um „unbewusst, höchste Lust“ zu erleben.

Samstag, 7. November 2026

Lise Davidsen | Sopran
James Baillieu | Klavier

Lieder von Franz Schubert

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