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Liebe ist die Seele des Genies – Mozart, Karl und Co: Über Väter, Söhne und den Eigensinn der Kunst

© Martina Berger
In einem dramaturgisch wohldurchdachten Wort-Musik-Programm widmen sich Vater und Sohn Fritz und Aaron Karl der Beziehung von Vater und Sohn Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart – und entdecken spannende Parallelen zwischen damals und heute.

Von Albert Seitlinger

09.02.2026

Zwei Väter, zwei Söhne, zwei Jahrhunderte – und dazwischen ein Stapel Briefe. Hier Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart, dort Fritz Karl – Publikumsliebling aus Theater, Film und Fernsehen – und Sohn Aaron, Pianist, Schauspieler, „Dancing Star“ und längst selbst Bühnenprofi mit eigenem Kopf. Aus dieser Konstellation entsteht kein gewöhnliches Konzert, sondern eine szenische Lesung mit Musik: Briefe, komödiantische, fiktive Dialoge, Kommentare, Quartette, Opernfragmente und Kanons erzählen gemeinsam von Familie, Kunst, Risiko – und jener Portion Humor, ohne die weder die Mozarts noch die Karls besonders lange miteinander ausgekommen wären.

Leopold schreibt, als hinge alles an seinen Briefen. Zwischen Koseworten und Kindheitserinnerungen – Sessel, Nasenspitzenkuss und „Oragna figata fa“, des jungen Wolfgangs Fantasie-Italienisch – reiht er Namen, Stellen, ärztliche Ratschläge und Hofintrigen aneinander. Immer wieder läuft es auf dasselbe hinaus: eine sichere Anstellung für Wolfgang, ein geregeltes Einkommen, ein Platz im System statt waghalsiger Pläne mit „honorigen“ Sängerfamilien, denen er nicht recht traut. „An euerem Leben hängt das meinige“, schreibt er einmal, und deutlicher lässt sich elterliche Abhängigkeit kaum formulieren.
Wolfgangs Briefe laufen heiß. Unter der höflichen Anrede turnen Späße, Reime, Bäsle-„dreck! schmeck! leck!“, Essenslisten, Beobachtungen über Könige auf Schemeln und plötzliche Ernstfälle. Aus Mannheim meldet er Opernpläne, die „ungemeinen Reize“ der Stadt, Aloysia Weber – und: „Ich folg meinem Herzen! Und das hat seinen eigenen Schädel.“ In diesem Schädel-Sturkopf-Rhythmus steckt bereits die ganze Geschichte: ein Sohn, der den Vater liebt und doch seinen Weg nicht aus der Salzburger Kanzlei heraus buchstabieren lassen will.
Die Lesefassung von Michaela Dorothée Wolf und Susanne Felicitas Wolf behandelt den mozartischen Briefwechsel wie Drama und Familienroman zugleich. Michaela Dorothée Wolf bündelt und ordnet die gesamte Vater-Sohn-Korrespondenz an den Stellen, an denen sich die Beziehung verdichtet: von der Erfindung des Wunderkindes und den frühen Reisen über die Italien-Jahre als Lehrzeit bis zu Mannheim und Paris als emotionale Brennpunkte – und schließlich zum Bruch mit Salzburg und zur Wiener Zeit, in der Freiheit und Schuldgefühl hart aneinander reiben. Susanne Felicitas Wolf ergänzt diese Auswahl durch knappe Kommentare, Monolog- und Dialogsplitter im mozartischen Ton – wie das bereits zitierte, aber fiktive „Herz mit eigenem Schädel“. Manchmal werden daraus kleine „entre nous“-Momente der Karls, die Vergangenheit und Gegenwart überblenden. In Mannheim schwärmt Wolfgang von Aloysia Weber, der jungen Sängerin, und von Opern, die er für sie schreiben will; die Briefe klingen nach Aufbruch, nach einem anderen Leben. Leopolds Antwort beschwört die Kinderjahre, schildert die Salzburger Misere – und wischt die ganze Weber-Geschichte mit einem Satz vom Tisch: „Dein Brief ist nicht anders wie ein Roman geschrieben.“
In Paris wird der Ton dunkler. Die Mutter liegt im Fieber, Wolfgang schreibt nach Hause, ohne gleich vom Schlimmsten zu sprechen; später nennt er seine vorsichtige Briefstrategie einen „kleinen und sehr notwendigen Betrug“. Als sie stirbt, versucht er, dem Vater zu erklären, warum der Arzt so spät kam, warum nichts mehr zu machen war. Leopold antwortet mit Schmerz, mit der Frage, ob man ihr „zu wenig Blut gelassen“ habe, und klammert sich zugleich an praktische Dinge, damit die Welt nicht ganz auseinanderfällt.
So entsteht ein Bogen, in dem Nähe und Distanz, Vertrauen und Kränkung nicht kommentiert, sondern als Situationen erfahrbar werden.
An mehreren Stellen kippt die Perspektive hin zu den Karls. Fritz spricht über nur zu verständliche Sorgen: „Die Parallele ist natürlich die Sorge des Vaters. Wirst du in diesem Beruf bestehen, schaust du, dass du Engagements kriegst, wo ist ein Posten?“ Er kennt die Unsicherheit aus eigener Biographie – „ich war (…) immer freischaffend“ – und formuliert den Satz, der wie eine Klammer über dem Abend steht: „Man kann schon Ratschläge erteilen, das heißt aber nicht, dass sie angenommen werden. Jeder muss letztendlich seine eigenen Erfahrungen machen.“
Aaron beschreibt die Doppelbödigkeit auf dem Podium: „Die Zuschauer machen sich einen großen Spaß daraus zu interpretieren, was aus unserem Leben kommt und was aus dem Leben der Mozarts.“ Und es gibt diese Momente, in denen Text und Gegenwart plötzlich ineinanderfallen: „Wir hatten neulich eine Diskussion, und dann kamen wir während des Lesens in einer Textpassage drauf, dass es eigentlich genau dasselbe ist, was die hier verhandeln (…) das ist ganz witzig auf der Bühne, wenn man live draufkommt: Hey, ach so, das haben auch wir gerade diskutiert.“
Wenn es um den berühmten Brief über den Tod geht, diesen „wahren, besten Freunde des Menschen“, rückt Aaron sehr nahe an Wolfgang heran: „Ich habe sehr früh angefangen zu philosophieren darüber, wie das ist, wenn Menschen sterben. Mozart spricht das ja auch an; dass er viel darüber nachdenkt, wie das ist, dass man am nächsten Tag stirbt oder dass jemand nicht ist. Da empfinde ich ihn sehr nahe und sehr ehrlich.“ Fritz ergänzt dazu den anderen Pol: „Du hast einerseits dieses Dreck-schleck-schleck und diese anale Fixierung. Und dann kommt plötzlich so ein Text daher, der eine ganz tiefe Auseinandersetzung ist mit dem Leben, mit dem Sterben (…) Auch das ist Mozart.“
Zwischen diesen Stimmen – dem Vater, der um Posten und Halt ringt, und dem Sohn, der in historischen Sätzen die eigene Gegenwart erkennt – schreibt sich die Mozart-Geschichte leise in die Karls weiter.

© Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Unter den Briefen liegt die Musik, die Peter Gillmayr mit seinem Streichquartett Sonare als zweite Erzählebene anlegt. Das Programm spannt einen weiten Bogen: vom Quartett in B-Dur KV 458 und dem Divertimento in D-Dur KV 136 zu „Eine kleine Nachtmusik“, dem „Alla Turca“ und der „Figaro“-Ouvertüre. Später wird es dunkler: Adagio und Fuge in c-Moll, das Andante des C-Dur-Quartetts KV 157, „Der Hölle Rache“ und das „Lacrimosa“ aus dem Requiem; am Ende steht ein C-Dur-Quartett von „Papa“ Haydn.
Die Musik antwortet auf die empfindlichsten Punkte der Briefe: Auf die Leichtigkeit der frühen Reisen folgen helle, bewegliche Sätze. Doch nach dem Pariser Todesbrief kippt die Stimmung – wenn das Adagio in c-Moll erklingt, legt sich eine Schwere über den Raum, die tiefer reicht als alle Worte. Das „Lacrimosa“ trägt die Trauer weiter, klagend, innig, unausweichlich.
Dazwischen blitzt ein liebevoller Generationenwitz auf: In Leopolds „Schlittenfahrt“ – einem glänzenden, effektvollen Stück – tritt der Komponisten-Vater selbst auf, und wenn Aaron mit dem Schellenbaum den Puls vorgibt, steht der Dialog zwischen Vater und Sohn plötzlich nicht mehr im Brief, sondern im Klang.
Der Abend kreist um die große Frage: Wie viel Nähe erträgt die Freiheit? Leopolds Briefe voller Sorge und Kontrolle, Wolfgangs Beharren auf dem „Herzen mit eigenem Schädel“. Im Moment der größten Entfremdung – Leopold hat den Briefverkehr fast gänzlich eingestellt, Constanze „hat ihn in der Hand“, wie der Vater bitter konstatiert – spricht Wolfgang einen Satz aus, der wie ein trotziges Bekenntnis klingt: „Liebe, Liebe, Liebe ist die Seele des Genies.“ Ausgerechnet hier, im Bruch, beharrt er auf der Liebe – gegen die väterliche Ablehnung, für Constanze, für seinen Weg.
Am Ende bleibt ein Klang im Raum: Die Langsamkeit der alten Briefe, in denen Antworten Wochen brauchten, trifft auf eine Gegenwart, in der Nachrichten im Sekundentakt wechseln – die Unsicherheit des Künstlerlebens und das Eigengewicht eines eigensinnigen Herzens sind in beiden Zeiten erstaunlich ähnlich. Genau in dieser Reibung aus Liebe, Tempo und Trotz findet der Abend seinen Funken.

Dienstag, 10. März 2026

Fritz Karl | Rezitation
Aaron Karl | Rezitation
Streichquartett Sonare

Mon très cher Père, Allerliebester Papa!“
Lesung aus den Briefen zwischen Vater Leopold und Sohn Wolfgang Amadeus Mozart

Musik von Wolfgang Amadeus und Leopold Mozart, Joseph Haydn und Carl Philipp Emanuel Bach

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