Hinter den sieben Türen — Klaus Mäkelä dirigiert Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“
Von Anne-Catherine Simon
19.10.2026
Es war eine Horrorgeschichte, die zu Zeiten des „Sonnenkönigs“ durch die Pariser Salons ging und durch die langen Fluchten von Versailles: Einem reichen Mann mit hässlichem bläulichem Bart gelingt es, eine junge Frau mit seinem Luxus zu blenden, sie heiratet ihn. Vor einer Geschäftsreise überlässt Blaubart ihr alle Schlüssel zu seinen mit Schätzen gefüllten Räumen, sie solle sich „gut amüsieren“ – nur einen davon dürfe sie auf keinen Fall benutzen. Natürlich kann die junge Ehefrau der Neugier nicht widerstehen, schließt die Kammer auf – und sieht über einem blutüberströmten Boden die Leichen ihrer Vorgängerinnen an der Wand hängen. Vor Schreck lässt sie den Schlüssel fallen, das Blut darauf lässt sich nicht mehr entfernen und verrät dem heimkehrenden Ehemann, was passiert ist. Überraschenderweise gibt es ein Happy End: Die zum Tod bestimmte Ehefrau schafft es, ihre Geschwister zu alarmieren, im letzten Moment durchstoßen die Brüder Blaubart mit ihren Schwertern.
Dieses von Legenden aus dem bretonischen und romanischen Raum inspirierte Gruselmärchen hatte sich Charles Perrault ausgedacht, der oberste Kulturbeamte unter Ludwig XIV. In die Geschichte ist er allerdings als Vater des Märchens eingegangen. Von ihm stammen auch einige der bis heute berühmtesten, von „Dornröschen“ bis „Aschenputtel“.
Perrault war den Gebrüdern Grimm, die er inspiriert hat, um ein Jahrhundert voraus. Aus seinen 1697 veröffentlichten „Geschichten oder Erzählungen aus vergangenen Zeiten“, sticht „Blaubart“ als besonders blutrünstig hervor. Aber auch seine übrigen Geschichten waren für Erwachsene gedacht. Man kann vermuten, dass vor allem Frauen damit unterhalten und beeindruckt werden sollten, die Widmung des Buchs gibt einen Hinweis darauf: Sie gilt der 20-jährigen königlichen Nichte Élisabeth Charlotte von Orléans. Am Ende fügte Perrault noch eine zweifache Moral für sein Publikum hinzu, erstens: Weibliche Neugier lohnt sich nicht. Zweitens: Das ist eine Geschichte aus alten Zeiten – der moderne Mann verlangt nicht Unmögliches von seiner Frau.
Diese „Geschichte aus alten Zeiten“ taucht bis heute in immer neuen Bearbeitungen auf, in den vergangenen Jahrzehnten vor allem feministisch, zuletzt besonders mit dem Fokus auf häusliche Gewalt. Ursprünglich dürfte sie freilich weniger Grauen denn wohlige Angstlust erregt haben. Auch ins Burleske wurde sie im 19. Jahrhundert gewendet, etwa bei Jacques Offenbach. Hier schafft es die aktuelle Ehefrau, Blaubart zu zähmen; und die früheren Frauen waren gar nicht tot, sondern nur betäubt.
Im zur Jahrhundertwende entstandenen, von Paul Dukas vertonten Drama „Ariane et Barbe-Bleue“ hat Blaubarts Frau sogar die Mission, seine früheren Ehefrauen zu retten. Sie verkündet den Ungehorsam der Frau gegenüber dem Ehemann als oberste Pflicht, wenn Beunruhigendes geschieht und der Mann keine Erklärung dafür liefern kann. Doch siehe da, sie findet ihre Vorgängerinnen an Ketten gefesselt, die diese selbst geschmiedet haben. Und selbst als sie wieder frei sind, wollen sie aus Angst das Schloss nicht verlassen. Hier verbindet sich eine emanzipatorische Botschaft mit der Kritik an Frauen, die ihre eigene Unterdrückung mit verschulden. Der äußere Kerker ist eigentlich ein innerer.

Bartók sah im Bemühen, aus alten Legenden “moderne, innere Erlebnisse” zu gestalten, eine Parallele zu seinem kompositorischen Streben, volkstümliche Vergangenheit und vielschichtige Moderne zu verbinden.
Es war der belgische Symbolist Maurice Maeterlinck, der dieses Libretto mit seiner damaligen Geliebten, der Sängerin Georgette Leblanc, schrieb. Hier schon ist angedeutet, was in der Oper „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók zum bestimmenden Prinzip wird. Die unheimlichen Räume von Blaubarts Burg sind psychische Räume. Alles, was darin passiert, symbolisiert innere Zustände und die Beziehung der zwei Figuren, aber auch das Verhältnis der Geschlechter überhaupt. Nicht nur diese Vereinigung von Innenwelt und Außenwelt macht aus „Herzog Blaubarts Burg“ ein charakteristisches Werk des Symbolismus; auch der Hang zum Mysterium und der Zug ins Allgemeingültige, „Ewige“. Dazu kam das von Sigmund Freud beflügelte Interesse der Zeit an der Erkundung psychischer Abgründe.
Béla Balázs (mit bürgerlichem Namen Herbert Bauer), der das Libretto für Bartók schrieb, war ja auch ein Schüler Maeterlincks und von dessen Drama inspiriert. Er war Schriftsteller und Filmkritiker bzw. -theoretiker, floh 1919 aus Ungarn nach Wien und arbeitete später in Deutschland. Dort schrieb er Drehbücher etwa für Leni Riefenstahl oder für G. W. Pabsts Verfilmung der „Dreigroschenoper“ (was zum erbitterten Zwist mit Bertolt Brecht führte). Ab 1933 lebte der überzeugte Kommunist Balázs in Moskau, 1945 kehrte er nach Budapest zurück, wo er bald starb.
Sein Blaubart-Drama aber schrieb er noch als junger Mann vor dem Ersten Weltkrieg. In seiner Version geht es nicht um einen, sondern um symbolträchtige sieben verschlossene Räume. Vor allem aber rückt plötzlich der Mann in den Mittelpunkt, was dem Stoff eine völlig neue Wendung gibt. Blaubart ist hier nicht einfach der Bösewicht, sondern eine tragische, erlösungsbedürftige Figur. Seine junge Ehefrau wiederum hat hier einen Namen, bei dessen Klang gebildete Herren damals alarmiert aufhorchen mussten: Balázs nannte sie Judit, wie die Judit aus dem Alten Testament. Judit, die sich in die sexuelle Gewalt des assyrischen Feldherrn Holofernes begibt, um ihn zu töten und damit ihr Volk zu befreien. Judit, deren erster Ehemann impotent war. Eine starke, opferbereite, aber auch potenziell für Männer gefährliche Frau. Auch Sigmund Freud hat sie in der Richtung gedeutet, Gustav Klimt sie so gemalt.
In „Herzog Blaubarts Burg“ bleibt Judit nicht aus Zwang; ihr Mann bietet ihr ausdrücklich an, das Schloss wieder zu verlassen. Aber Judit hat alles für ihn aufgegeben, ist entschlossen, bei ihm zu bleiben. Und sie will ihn ganz kennen, will unbedingt alle verschlossenen Räume sehen – auch aus Liebe. Blaubart wiederum versucht, ihrem Drängen zu widerstehen, das Verhängnis zu verhindern – ebenfalls aus Liebe. Judit setzt sich durch, ein Raum nach dem anderen wird geöffnet. Jeder enthüllt eine neue Facette von Blaubarts Psyche: Da ist die Folterkammer, dann die Waffenkammer, dann die Schatzkammer. Da ist aber auch, hinter der vierten Tür, der geheime Garten, hinter der fünften die Sicht auf Blaubarts herrliches, riesiges Reich. Im sechsten Raum schließlich: ein Tränensee.
Die siebte Tür will Blaubart auf keinen Fall mehr öffnen, Judit beharrt aber unerbittlich darauf. Schließlich bekommt sie auch hier ihren Willen – und aus der geöffneten Türe treten ihre drei Vorgängerinnen hervor, jede mit den Insignien einer Tageszeit geschmückt. Er habe seine erste Frau am Morgen gefunden, die zweite zu Mittag, die dritte am Abend, sagt Blaubart. Judit, „die Allerschönste“, muss nun den Platz der Nacht einnehmen. Doch auch für Blaubart, das machen die Schlussworte der Oper klar, gibt es nun keine Hoffnung mehr: „Nacht bleibt es nun ewig.“ Der Moment, in dem Judit ihren Mann ganz und gar (er)kennt, ist zugleich das Ende ihrer Liebe und – auf je unterschiedliche Weise – ihr beider Untergang.
Balázs widmete sein dunkles Drama sowohl Zoltán Kodály als auch Béla Bartók und präsentierte es beiden 1910 bei einer privaten Lesung in Kodálys Wohnung. Der Gastgeber war an einer Vertonung nicht interessiert, Bartók sehr wohl. Er sah im Bemühen, aus alten Legenden „moderne, innere Erlebnisse“ zu gestalten, eine Parallele zu seinem kompositorischen Streben, volkstümliche Vergangenheit und vielschichtige Moderne zu verbinden. So entstand die kurze, 1918 uraufgeführte Zwei-Personen-Oper „Herzog Blaubarts Burg“. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand sie allmählich Eingang ins internationale Repertoire, in diesem Jahrtausend hat sie eine regelrechte Renaissance erlebt, wohl auch, weil der Symbolismus den Text offen für unterschiedlichste Deutungen und Bearbeitungen macht. Vor allem dank Bartóks Partitur, in der sich Spätromantik, Expressionismus und Elemente ungarischer Volksmusik verbinden, entfaltet dieses Seelendrama eine verhaltene und doch gewaltige Intensität. Kein Wunder, dass das Werk auch in konzertantem Rahmen Triumphe feiert.
Donnerstag, 19. November 2026
Royal Concertgebouw Orchestra
Klaus Mäkelä I Dirigent
Gustav Mahler
Symphonie Nr. 7 e-Moll
Freitag, 20. November 2026
Royal Concertgebouw Orchestra
Klaus Mäkelä I Dirigent
Jennifer Johnston I Mezzosopran
Gerald Finley I Bariton
Antonín Dvořák
Symphonie Nr. 7 d-Moll, op. 70
Béla Bartók
Herzog Blaubarts Burg. Oper in einem Akt, Sz 48 (konzertante Aufführung in ungarischer Sprache)