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Keep moving! Bleiben Sie in Bewegung! – Die Konzertreihe „night flowers“

© Amar Mehmedinovic
Die von Marino Formenti kuratierten „night flowers“ gehen im Rahmen des Musikverein Festivals heuer ins zweite Jahr. Passend zum Thema des Festivals – „Beethovens Spazierstock“ – gibt es bei den „Nachtklängen“, die im Anschluss an ausgewählte Abendkonzerte stattfinden, diesmal die Möglichkeit, in ferne Klangwelten zu reisen.

Von Eleonore Kratochwil-Zisler

13.03.2026

„Flowers open every night across the sky“ – nimmt man Verse des Dichters Rumi als Deutungshilfe, so sind es Stern-Stunden der Musik, die Marino Formenti mit seinen „night flowers“ auch heuer wieder konzipiert hat. Der aus Italien stammende Wahlwiener ist nicht nur Kurator dieses jungen Konzertformats im Musikverein, sondern ein äußerst vielseitiger Künstler: Pianist, Dirigent, Komponist, Filmemacher, Performer. Einer, der sich nicht einordnen lässt und der Einordnungen gegenüber skeptisch ist. „Klassisch“, „zeitgenössisch“, „Volksmusik“. Ihm geht es immer um die Musik, um Veränderung und Bewegung. Aufbrechen: alte Zuordnungen, starres Schubladendenken verlassen – Musik hineinlassen.

In Anlehnung an das Festivalthema – „Beethovens Spazierstock“ – lädt Formenti mit seinem kleinen, feinen Nachtmusik-Programm die Besucher:innen ein, in Bewegung zu bleiben, physisch wie mental zu migrieren. Es sind sowohl inter- als auch transkulturelle Reisen, bei denen mit Fahrrädern (wirklich), Schiff (gedanklich) und einem „Silver Streetcar“ (Überraschung!) nicht nur Österreich und Italien angesteuert werden, sondern heuer über den Horizont der europäischen zeitgenössischen Musik hinausgehorcht wird – bis in die Klangwelten Alaskas, Indiens und Japans; bis zu den afroamerikanischen Sehnsuchtsorten.

Das Konzept der „night flowers“: kompakte, kurze Konzerte als Blitzlichter auf avantgardistische oder zeitgenössische Werke und vor allem auch auf die live performenden Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, die Formenti zusammengerufen hat. Sie und das Publikum gehen heuer gemeinsam auf „Wanderschaft“, bewegen sich durch die nach den Abendkonzerten leer gewordenen Säle des Musikvereins. Foyers, Durchgänge, Durchfahrten werden erstmals bespielt, vorhandene Konzertbühnen umgedeutet.

So beginnt die Reise durch Welt und Zeit am ersten „night flowers“-Tag mit einer künstlerischen Interaktion vor den Toren des Musikvereins: Eine Dreiviertelstunde vor dem Hauptkonzert startet im Freien die Performance von Mauricio Kagels „Eine Brise. Flüchtige Aktion für 111 Radfahrer“, die Lust aufs Mitmachen macht. Anmeldungen sind über den QR-Code rechts möglich. Einen solchen musikalischen „Prolog“ – Formenti hat jedem Konzert einen Namen gegeben – gibt es auch vor dem zweiten „Nachtklang“: Auch hier ist alles in Bewegung, wenn Studierende der mdw John Luther Adams’ raumgreifendes Percussion-Werk „Inuksuit“ auf dem Musikvereinsplatz zur Aufführung bringen.

© Amar Mehmedinovic
© Amar Mehmedinovic

Die Festival-Nächte sind hochkarätig besetzt. Schon für die ersten „night flowers“ wurde eine Riege exzellenter Musiker engagiert: der Grazer Komponist und Organist Klaus Lang, der italienische Cellist und „Klangmeister“ Leo Morello und – bestbewährt – Samuel Toro Pérez, die gemeinsam mit Formenti das Konzert bestreiten. Zur Aufführung kommt „historische“ zeitgenössische Musik: Werke von Philip Glass und John Cage – die ehemaligen „enfants terribles“ der sich in den 1960er Jahren elitär gebärdenden neuen Strömungen – sowie von Cages Kompositionsschüler Toshi Ichiyanagi. Am Ende des Tages gibt es ein musikalisch-gastronomisches Novum: An allen Samstagen des Festivals geht es in die neu geschaffene „night flowers bar“! Im Gottfried-von-Einem-Saal gibt es speziell für die spätabendliche Konzertreihe gemixte Drinks und musikalische „Betthupferln“: Die anwesenden Musiker:innen performen ausgewählte Werke. Dazwischen „intelligente“ (Formenti) Club-Musik von und mit DJ Hans-Jürgen Hauptmann (von E+T).

Auch die zweiten „night flowers“ führen zunächst „back to the future“; zurück in Giacinto Scelsis Italien der 1970er Jahre, das zukunftsweisender nicht hätte sein können. Der in La Spezia geborene, in Rom 1988 verstorbene Scelsi hatte als Verfechter des „reinen Klangs“ in nächtlichen Tonbandimprovisationen mit elektronischen Instrumenten experimentiert. Formenti hat dem Konzert den Titel „Voyages: Urklang“ gegeben. Die Reise führt in eine ferne, fremde Welt, sozusagen ins „Innere des Klanges“. Der als „esoterisch“ gebrandmarkte und verkannte römische Aristokrat hatte sich seinerzeit außerdem mit indischer Philosophie beschäftigt. Scelsis Ur-Klang-Sprache trifft bei den „Nacht-Blumen“ stimmig mit südindischen Gesängen zusammen. Koryphäe auf dem Gebiet der karnatischen Musik: Anuradha Genrich.

Die Zusammenarbeit verschiedener Kunstrichtungen und Künstler:innen ist für Marino Formenti – ebenso wie die Interaktion mit dem Publikum – eine Herzensangelegenheit. So wird der Gast des dritten nächtlichen Zusatzkonzerts – der nigerianische Sänger und Tänzer Mani Obeya – zu einem wichtigen „Mitreisenden“. Seine einsame Stimme verwebt sich mit Formentis Spiel und dem des Black Page Orchestra, wenn der Abend unter dem Titel „Voyages: Solitary Peaks“ steht und John Luther Adams’ „The Light That Fills the World“ erklingt – ein Werk, das wie kein anderes dazu imstande ist, die dünne Luft der Höhe sogar in einen Konzertsaal zu bringen. Von den Bergen geht es schließlich zu „The Sea“. Neue Nacht, neuer Saal (Gläsern!), neue Klangwelt: Ein Sizilianer, der, geboren in Palermo, das Meer gut gekannt hat, wird bei den „night flowers“ zum „capitano“ auf der Fahrt über das Wasser. Es handelt sich um den Komponisten Salvatore Sciarrino, dessen Musik in einen spannenden Dialog mit traditionellen sizilianischen Volksweisen tritt. Im Bauch des gläsernen Schiffes: vier Klaviere und Mezzosopranistin Anna Clare Hauf. Mittendrin: das Publikum.

Der Geheimtipp des Festivals ist die fünfte Musiknacht der „night flowers“: Festspiele in den Festspielen in den Festspielen. Toshio-Hosokawa-Festspiele. Zu Recht ist der aus Japan stammende Komponist ein gefeierter Star der zeitgenössischen Musikszene. In aller Kürze: In seinen Werken verbinden sich moderne Kompositionsweisen und europäische Musiktradition mit dem „Gagaku“, einer japanischen Zeremoniellmusik bei Hof. Markenzeichen dieser Klangsprache ist die Reduktion: wenige Töne, viel Stille (aber jähe, starke Emotionen), die Langsamkeit bestimmt das Tempo. Zur Gitarre von Florian Palier und zum Sopran von Kaoko Amano – mit japanischen Volksliedern – gesellt sich im Brahms-Saal ein Instrument, das Hosokawa gut kennt. Naomi Sato spielt die Shō – und ist eine der begnadetsten Künstlerinnen auf der japanischen Mundorgel. Der Klang: schwebend, sphärisch. Stern-Stunde.

Im Metallenen Saal öffnet sich schließlich der Raum für die sechsten und letzten „night flowers“ für die Besucher:innen. Formenti hat das Hauptprogramm mit „Future Motions“ übertitelt. Zukünftige Bewegungen als Prophezeiung? Vision? Oder Utopie? Wer sich auf das Werk von Alvin Lucier einlässt – mit Schwingungen experimentierende Musik –, geht auf Entdeckungsreise. Zwischen Lucier und Lucier: Entschwingung mit Georg Nussbaumer, der „Weiss/Weisslich 11b“ des erst 2025 verstorbenen Peter Ablinger vorträgt, eine zwischen Ironie und Genie vazierende Geräuscherzählung. Dann letztes Versinken in der „night flowers bar“, wohin uns Formenti & Friends ein letztes Mal einladen. Mit Glass geht es in die metallisch-kristalline, sternenbesetzte letzte Nacht der „night flowers“.
Die nächste folgt erst wieder 2027. Daher: Wenn Sie nachts schlaflos sind und eine Ausrede brauchen, um „noch nicht“ heimgehen zu müssen, dann kommen Sie und bleiben Sie in Bewegung! Sitzen kann man übrigens beim Besuch der „night flowers“-Hörorte in den Foyers: Drei Stühle laden hier mit Klanginstallationen von Peter Ablinger zur Hörübung ein. Ganz im Sinne von John Cages „4’33”“: „Until I die there will be sounds. […] One need not fear about the future of music.“

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