„Ich bin schlecht darin, Witze zu erzählen“ – Julia Stemberger
Von Karin Cerny
23.01.2026
Ihre Mutter war Sängerin und Schauspielerin. Haben Sie schon als Kind Theaterluft geschnuppert?
Ich wusste mit 18 plötzlich, dass ich spielen möchte. Bei uns daheim stand Musik im Zentrum; ich besuchte das Musikgymnasium und lernte Querflöte. Und es gab ein Theatererlebnis, das mich sehr geprägt hat. Ich weiß gar nicht mehr, welches Stück es gewesen ist, vielleicht „Der Zerrissene“ von Nestroy. Ich war im Burgtheater irgendwo ganz oben auf der Galerie. Vorne hat Karlheinz Hackl gespielt – und plötzlich ist hinten eine Tür aufgegangen. Eine Frau, die nichts gesprochen hat, ist hereingekommen. Ich war völlig fasziniert und konnte nur mehr sie anschauen. Es war Paula Wessely.
Was hat Sie an ihr begeistert?
Diese unglaubliche Präsenz. Es ist ein Zauber von ihr ausgegangen. Ohne etwas von diesem Beruf zu wissen, war mir klar: Das möchte ich auch können. Als Flötistin war ich ohnehin nicht außerordentlich begabt. In meiner Flötenklasse auf der Hochschule habe ich gemerkt, dass andere besser waren. Als ich mich dann tatsächlich entschlossen hatte, Schauspielerin zu werden, war das wie ein Heimkommen.
Ihr erster Spielfilm hieß „Herzklopfen“ (1985) und erzählte von einer Liebesgeschichte zwischen einem Lehrling und einer Schülerin – inklusive Nacktszenen.
Eine Kollegin in einem Musicalkurs hat mir in der Umkleide gesagt, sie habe in der Zeitung einen Casting-Aufruf gelesen, der etwas für mich wäre. Das Casting absolvierte ich zwischen der schriftlichen und der mündlichen Matura – die anderen sind danach auf Maturareise gefahren, ich habe gedreht. Dass es Nacktszenen geben wird, war von Anfang an klar. Ich habe das auch mit meiner Mutter besprochen. Aber das Risiko, in das ich mich begeben habe, war mir damals nicht klar. Heute würde ich viel genauer vorher mit dem Regisseur abklären, wie diese Szenen ablaufen werden. Intimitäts-Coaches gab es damals nicht, dass man auf einer professionellen Ebene bespricht und festlegt, wo man berührt werden darf. Für mich hätte das auch ungünstig ausgehen können, man weiß ja nicht, wie seriös jemand ist. Du lieferst dich schon ziemlich aus.
Vor allem, wenn man so jung ist und keine Erfahrungen hat.
Ja, ich hatte Glück. Ich war im Leben aber auch immer mutig. Und meist ist das für mich aufgegangen. Es gab damals allerdings Versuche seitens der Presse, mich in eine Schublade zu stecken. Aber für mich war klar, ich möchte eine ernsthafte Schauspielerin sein. Im Theater habe ich dann mit vielen großartigen Leuten gearbeitet. Ich habe mich aber immer leise wie ein Mäuslein verhalten, weil ich von nichts eine Ahnung hatte. Ich hatte keine Ausbildung, musste in der Praxis lernen.
Sie haben aber auch mit schwierigen Regisseuren wie Peter Zadek gearbeitet.
Seine Kritik brachte mich zu dem Gedanken: Wenn das so ist, wie er das sagt, muss ich anerkennen, dass ich im falschen Beruf bin. Er war grässlich, vor allem zu den Jüngeren. Er hat einen irren Druck gemacht, war ein Zyniker durch und durch. Aber gleichzeitig gab es eine große Freiheit zu proben und sich auszuprobieren. Er hat uns nicht jeden Schritt vorgesagt, er hat versucht, den Raum zu öffnen, um unsere Komfortzonen zu verlassen. Aber für mich war das überfordernd, ich war ja noch nicht fest im Sattel. Heute finde ich diese Freiheit, eigene Fantasie einbringen zu können, natürlich schön.


Warum gibt es so viele Anekdoten über das Theater? Ist das ein Ventil, um schwierige Situationen zu verarbeiten?
Anekdoten beschreiben komische, unmögliche Dinge, die an Tabus rühren. Es sind Berichte und kondensierte Erfahrungen, wie unverschämt sich jemand benommen hat. Natürlich kann man das durch Humor besser in den Griff bekommen. Man lacht über Dinge, die nicht in Ordnung sind. Warum gerade Theater und nicht Film? Ich glaube, das hängt mit dem Ensemble zusammen, dass sich Leute lange beobachten und viele Erfahrungen zusammen machen. Beim Film ist ein immenser Zeitdruck, im Theater hat man wochenlang Proben und spielt dann zum Beispiel vierzig Vorstellungen gemeinsam. Das ist ein bisschen wie eine Familie. Da weiß man auch über Eigenheiten Bescheid, über die andere schmunzeln. Oder, dass jemand jetzt wieder genau das sagen wird.
Wie wichtig ist Humor im Theater?
Als junge Schauspielerin war ich ständig aufgeregt und gar nicht souverän. Ich bin oft in diesen Runden gesessen, und die haben von Peter (Zadek), George (Tabori) und Jürgen (Flimm) geredet. Ich hatte keine Ahnung, wen sie da meinen. Um mich nicht zu blamieren, habe ich halt den Mund gehalten. Auch in Sachen Literatur war ich ein Nackerpatzl, ich war in meiner Jugend keine Leseratte, habe mich mit anderen Dingen beschäftigt. Später habe ich strategisch mehrere Sommer lang Schiller, Heine, Shakespeare gelesen. Mehr Mut zum Humor habe ich interessanterweise erst durch die Geburt meines Kindes bekommen.
„Ich empfinde es als Künstlerin als meine Aufgabe, Menschen zu unterhalten. Das Leben ist ohnehin schwer genug.”
Wie das?
Da hat sich viel in meinem Leben verändert. Durchs Mamawerden habe ich eine andere Art der inneren Festigkeit gekriegt. Ich habe immer Leute geliebt, die einen guten Humor haben, weil ich einfach gern lache. Das heißt aber nicht, dass man oberflächlich durchs Leben geht. Klugheit und Humor gehören für mich zusammen. Ich empfinde es als Künstlerin als meine Aufgabe, Menschen zu unterhalten. Das Leben ist ohnehin schwer genug. Wenn ich mich deprimiert durchs Leben schleppe, dann kann ich ja auch anderen nicht helfen. Und ich helfe gern, etwa, als es darum ging, Ukrainer:innen bei mir aufzunehmen.
Wie wird Ihr Programm im Musikverein aussehen?
Ich bin gerade erst am Materialsammeln. Es gibt in der Literatur viele schöne Theateranekdoten, die Opernwelt ist ebenso eine gute Quelle – darüber werden sich Musikfreunde besonders freuen, weil diese Anekdoten immer auch prominente Personen aus der Sphäre der Oper porträtieren. Auch auf die Wiener Kaffeehausliteratur werde ich zurückgreifen, deren Vertreter zum großen Teil im Theatermilieu daheim waren. Ob private Erfahrungen einfließen, weiß ich noch gar nicht. Eher nicht. Ich bin nie lange in der Kantine gesessen, um anderen beim Anekdotenerzählen zuzuhören. Und ich bin auch ganz schlecht darin, Witze zu erzählen.
Aber eine private Anekdote müssen Sie uns schon verraten.
Eine Geschichte, die ich erlebt habe. Wir haben im Wiener Schauspielhaus „Elvis“ gespielt, Regie hat Michael Schottenberg geführt. Im großen Finale senkt sich eine Treppe, der große Auftritt von Elvis. Aber diesmal wollte die Treppe einfach nicht. Da sprang Schotti, der zufällig anwesend war, auf die Bühne und bat zehn starke Männer aus dem Publikum um Hilfe. Den Rest schickte er zum Sektrinken an die Bar. Gemeinsam haben sie die Treppe dann wieder zum Laufen gebracht. Es war ein großes Hallo und sehr lustig.
Was war die schlimmste Panne, an die Sie sich noch erinnern?
„Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal bei den Salzburger Festspielen: Karlheinz Hackl und ich haben gerade eine intensive Auseinandersetzung an der Rampe. Und ich bemerke im Publikum eine seltsame Unruhe. Ich drehe mich um und sehe: Es brennt auf der Bühne. Eine Kerze ist umgefallen. Meine Reaktion war absolut idiotisch: Ich habe den schönen Strohhut von meinem Kopf genommen und das Feuer weiter angefacht. Zum Glück warf Johannes Krisch, der einen Diener gespielt hat, ein großes Tuch über die Flammen. Die Feuerwehrmänner waren auch schon am Sprung.
Warum haben Sie so reagiert?
Ich glaube, ich war einfach zu sehr in der Rolle der vornehmen Dame.
Sonntag, 15. Februar 2026
Julia Stemberger I Lesung
Christian Altenburger I Violine
Nicolas Altenburger I Violoncello
Christopher Hinterhuber I Klavier
„Wir kennen uns nur vom Wegschauen!“
Geschichten und Anekdoten rund ums Theater
Musik von unterschiedlichen Komponist:innen