„Ich gehe lieber meinen eigenen Weg“ – Julia Hagen
Von Christoph Irrgeher
16.02.2026
Divenhaft, launisch, abgehoben? Julia Hagen ist nichts davon. Dass sie Cellovirtuosin ist, lässt bei dem Zusammentreffen im Kaffeehaus nur der riesige Koffer auf ihrem Rücken ahnen. Hat sie den einmal abgelegt und Platz genommen, ist sie vor allem eines: ein Gegenüber, mit dem man stundenlang über Gott und die Welt plaudern könnte.
Und natürlich über die Musikwelt. Erstaunlich, aber: Mit ihren 30 Jahren ist die Salzburgerin in der ersten Reihe der Branchengrößen angekommen – und wird diesen Platz wohl so bald nicht räumen. Asse wie Igor Levit und Renaud Capuçon zählen zu ihren Arbeitspartnern, Orchester wie die Wiener Philharmoniker teilen mit ihr die Bühne.
Aufstrebende Klassikstars haben oft aber auch einen unangenehmen Begleiter: Stress. Um nur ja keinen Auftraggeber zu verprellen, scheuen sie das Nein gegenüber Konzertanfragen – was zu einem verheerenden Dickicht im Terminkalender führen kann. Ist Hagen dieses Problem vertraut? Sie hat jedenfalls Erfahrung mit Überlastung, hat 2024 „wahnsinnig viel, zu viel“ gespielt. „Ich bin gefühlt jeden Tag von einem Termin zum nächsten gehetzt.“ Schlussendlich war es ihr Körper, der sie zu einer Unterbrechung gezwungen hat. Seither hat Hagen über das Thema Work-Life-Balance nachgedacht und geht mit Auftrittsangeboten heute selektiver um.
Eine mutige Entscheidung, hat sie aus der Branche doch den gegenteiligen Rat erhalten. „Mir haben Freunde gesagt, ich müsste erst einmal fünf Jahre alles machen, was man mir vorschlägt, danach könne ich dann selbst wählen. Aber ich will mich nicht kaputtspielen, bis diese Zeit gekommen ist. Mein Ziel ist Qualität und die Zusammenarbeit mit tollen Partnerinnen und Partnern auf der Bühne, nicht Quantität.“ Dass ihr dieses Credo Unmut in der Klassikszene hätte einbringen können, war ihr bewusst. „Aber ich hatte Glück, es wurde gut aufgenommen.“
Es war nicht das erste Mal, dass Hagen Courage bewies. Vor einigen Jahren hatte ein großes Label angeklopft und ihr eine langfristige Partnerschaft unterbreitet – ein Angebot, nach dem sich Jungtalente in der Regel sehnen. Doch schon bald traten die Schattenseiten des Vertragsentwurfs zutage. Da ging es um sehr konkrete Repertoirewünsche, auch um Zugriff auf die Social-Media-Accounts der Künstlerin. Die winkte deshalb ab. „Natürlich hätte das meinen Weg beschleunigt, aber ich gehe ihn lieber auf meine Art.“
Überhaupt lässt sich Hagen ungern vor einen Marketing-Karren spannen – und schätzt es auch nicht, wenn sie in eine Image-Schublade gesteckt werden soll. „Ich habe es gehasst, als am Anfang meiner Karriere immer wieder die Frage kam: ‚Was ist deine Story?‘ Natürlich muss man ein Produkt vermarkten, vielleicht auch einen Künstler und eine Künstlerin. Aber ich hatte bei dieser Frage immer das Gefühl, ich müsste mir was ausdenken.“ Bis heute gibt es sie nicht – die eine „Story“, die das Wesen von Julia Hagen in wenigen, knackigen Worten markant auf den Punkt bringt.
Dafür gibt es eine Anekdote aus ihrem Leben, die verlässlich für Schmunzeln sorgt und schon in etlichen Medienberichten aufgetaucht ist. Es ist die Geschichte, wie die kleine Julia Hagen in ihrem Elternhaus verstecken spielt und sich dabei im Cellokasten ihres Vaters verbirgt, des berühmten Musikers Clemens Hagen. Spricht man Julia Hagen heute darauf an, redet sie weiterhin gern darüber. „Die Geschichte stimmt ja auch“, sagt sie. Gab es in ihrer Entwicklung nie so etwas wie eine Rebellion? Eine Zeit des Aufbegehrens gegen den Vater und eine Familie, die weitgehend aus Musikern besteht, gegen die Tonkunst an sich? Nein, dafür fehlte ein Grund. „Das Erstaunliche ist: Meine Eltern haben die Musik nicht zu einem großen Thema gemacht. Sie wollten, dass meine Geschwister und ich ein Instrument lernen, aber nicht, dass wir Profis werden.“ Der Leistungsdruck, ein Dasein als „Tochter von“ sollten dem Nachwuchs erspart bleiben.
„Julia Hagen zählt zu jenen Musikerinnen und Musikern der jüngeren Generation, die phänomenal spielen können, sich aber trotzdem Bescheidenheit und Menschlichkeit bewahrt haben.“ Jakub Hrůša

Julia Hagen wollte den Weg dennoch gehen. Spätestens, als sie mit zwölf Jahren unter die Fittiche ihres charismatischen Lehrers Enrico Bronzi kam, war der Berufswunsch Cellistin für sie in Stein gemeißelt. „So etwas wie eine Rebellion gab es auch deshalb nicht mehr, weil sich meine Eltern aus meiner Ausbildung rausgehalten haben. Das war sehr geschickt von ihnen.“ Erst mit 20 – Hagen hatte inzwischen bei Heinrich Schiff studiert, war zur weiteren Ausbildung nach Berlin gezogen – kam es zu ersten musikalischen Begegnungen mit dem Vater. Julia Hagen ging auf ihn mit Fragen zu. Das war der Beginn einer künstlerischen Freundschaft, die bis heute anhält – und zu gemeinsamen Auftritten führen sollte. Aber Hand aufs Herz: War es der Tochter je unangenehm, auf den Vater angesprochen zu werden? „Ein, zwei Jahre hat es mich genervt. Mittlerweile finde ich es aber schön, weil er so ein toller Cellist ist. Außerdem habe ich nicht mehr den Eindruck, mich beweisen zu müssen, darum gehe ich mit der Frage entspannt um.“
Auch ein anderes Thema betrachtet Hagen heute lockerer: Fehler im Konzert. „Früher hat mich das auf der Bühne sehr gestresst. Mir gingen Gedanken durch den Kopf wie: ‚Gott, der Lagenwechsel muss jetzt gut gehen!‘“ Natürlich: Noch heute ist Hagen Präzision wichtig. Mehr Bedeutung als Makellosigkeit misst sie mittlerweile aber einem intensiven Spiel bei – und geht darum in der Hitze des musikalischen Gefechts mitunter auch Risiken ein. „Mir ist es lieber, ich gehe voll in der Musik auf, als ich agiere gehemmt auf der Bühne und bin bei gefühlten 50 Prozent. So berührt man die Menschen nicht.“ Ein weiteres Schlüsselelement für ein fesselndes Spiel ist laut Hagen: eine präzise Klangvorstellung. „Wenn mir nicht klar ist, wie ich etwas hören will, wird es nicht gut rüberkommen. Ohne eine genaue Vorstellung geht nix.“
Solche Erkenntnisse gibt sie mittlerweile an Studierende weiter. Seit 2025 hat Julia Hagen eine Professur an der Wiener Musikuniversität inne und unterrichtet einmal pro Woche. Spießt sich das nicht mit ihrer Konzerttätigkeit? „Nein, ich habe das Semester zu Beginn genau durchgeplant. Mir ist wichtig, den Studierenden die 90 Minuten pro Woche zu geben, die ihnen zustehen. Würde ich nur ab und zu reinschneien, wäre es ihnen gegenüber unfair.“
Und was hört Hagen für Musik, wenn sie weder auf der Konzertbühne arbeitet noch an der Universität? „Meine Spotify-Playlist ist die am buntesten durchmischte, die man sich vorstellen kann!“, lacht sie und kramt ihr Handy hervor. Tatsächlich: Tracks der DJs Avicii und Kygo stehen hier neben Volksmusik des Hecki Trio, Poprock von Maroon 5 und Meisterwerken aus der Feder Johannes Brahms’. „Ich höre alle Musik, die etwas in mir auslöst, ich schließe nur Heavy Metal, Techno und Schlager aus“, sagt Hagen.
Erstaunlich vielfältig sind ihre Hörneigungen aber auch innerhalb des Klassikgenres. Selbstredend, dass sie das packende Cellokonzert von Antonín Dvořák liebt – ein Stück, „in dem so viele Melodien drinstecken und Möglichkeiten, diese Musik zu interpretieren“. Ebenso verehrt sie aber auch Franz Schubert, von dem ihr Lieblingslied „Du bist die Ruh“ stammt, liebt die Symphonien Gustav Mahlers, hat ein Herz für die Oper – und weiß, dass es abseits des Klassikrepertoires noch etliche hinreißende Raritäten zu entdecken gibt. „Ich kenne eigentlich noch viel zu wenig!“, sagt die 30-Jährige. „Aber“, lacht sie, „ich hab’ ja noch etwas Zeit.“
Mittwoch, 25. März 2026
Bamberger Symphoniker
Jakub Hrůša I Dirigent
Julia Hagen I Violoncello
Antonín Dvořák
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll, op. 104
Vítězslava Kaprálová
Suita rustica, op. 19
Bohuslav Martinů
Symphonie Nr. 2
Samstag, 6. Juni 2026
Julia Hagen I Violoncello
Sir András Schiff I Klavier
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sonate für Violoncello und Klavier B-Dur, op. 45
Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier und Violoncello D-Dur, op. 102/2
Leoš Janáček
„Pohádka“ (Märchen) für Violoncello und Klavier
Johannes Brahms
Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 1 e-Moll, op. 38