Abenteuer Interpretation – Isabelle Faust
Von Markus Siber
03.02.2026
Es ist immer eine Frage der Interpretation. Das Telefongespräch, für das sich Isabelle Faust im Trubel des Berliner Flughafens eine ruhige Ecke verteidigt hat, ist eigentlich schon zu Ende, da kommt die Geigerin, die sich gerade auf dem Weg nach Norwegen befindet, auf ein Büchlein zu sprechen, das ihr ihr musikalischer Weggefährte Philippe Herreweghe ans Herz und als Geschenk auch in die Hände gelegt hat. Es trägt den Titel „Der Fall Arnolfini“. Der Namen lässt zunächst an einen Kriminalroman denken, tatsächlich begibt sich der Autor darin jedoch auf Spurensuche in einem Gemälde von Jan van Eyck aus dem Jahr 1434. Doch der Überraschung nicht genug: Nicht von einem akademischen Experten der altniederländischen Kunst stammt das 2016 erstmals auf Französisch erschienene Buch, sondern von einem pensionierten praktischen Arzt aus Paris, der den Versuch wagte, die Methoden aufmerksamer klinischer Beobachtung auf ein Werk der Malerei anzuwenden. Das Bild, das Jean-Philippe Postel darin bis ins letzte Detail unter die Lupe nimmt, gilt als eines der rätselhaftesten Werke der Kunstgeschichte, bis dato sind weder die darauf dargestellten Personen noch die Auftraggeber eindeutig geklärt. Schon der heute geläufige Titel „Sogenannte Arnolfini-Hochzeit“ des in der National Gallery in London beheimateten Bildes deutet auf den Interpretationsspielraum hin, der über Jahrhunderte in alle möglichen Richtungen ausgereizt wurde. Mittlerweile gilt als widerlegt, dass es sich dabei überhaupt um eine Hochzeit handelt. „Dieses enorm geistreiche Buch ist eine wunderschöne Entdeckung für mich gewesen“, sagt die Geigerin. „Wie der Autor Detailabbildungen, Forschungsliteratur, eigene Überlegungen und vor allem auch Fantasie zu einer Deutung des Bildes verbindet, ist sehr anregend. Es fühlt sich bei der Lektüre so an, als würde man Sherlock Holmes über die Schulter schauen, jeder Farbtupfer könnte, hat man den Eindruck, bei der Wahrheitssuche das Blatt wenden. Vielleicht sollte man in diesem Buch nicht alles für bare Münze nehmen, aber die Art, ein Bild so anzuschauen, hat mir außerordentlich viel Spaß gemacht.
Ob das daran liegt, dass sich Isabelle Faust, die seit drei Jahrzehnten als Solistin und Kammermusikerin weltweit zu den führenden Geigerinnen zählt, selbst als akribische Spurensucherin hervorgetan hat? Sie hat sich jedenfalls als Künstlerin einen Namen gemacht, für die das genaue Studium von Manuskripten und anderen Quellen zur unabdinglichen Basis der musikalischen Interpretation zählt: „Ich halte es für unerlässlich, die verfügbaren Quellen gewissenhaft zu prüfen. Nicht jeder Komponist war etwa mit der endgültigen Fassung seines Werks vollends zufrieden, oft haben sich in die ersten gedruckten Ausgaben auch Fehler eingeschlichen. Indem ich versuche, die ,Wahrheit‘ zu finden, werde ich auch Zeuge der Entstehungsgeschichte eines Stücks. Erst wenn ich darüber eine größtmögliche Gewissheit habe, kann das Abenteuer Interpretation, bei dem wir unser eigenes Denken und Fühlen einbringen müssen, beginnen.“
„Partner in crime“ bei ihren musikalischen Erkundungen ist Isabelle Faust seit vielen Jahren der aus Russland stammende Pianist Alexander Melnikov. „Ich komme nicht umhin, ihn als Glücksfall für mein musikalisches Leben zu bezeichnen“, so die Künstlerin. „Er ist mir insofern ähnlich, als er ebenfalls für jeden Komponisten und für jede Epoche hinsichtlich des Instrumentariums einen speziellen Zugang sucht, um noch besser in die entsprechende Klangwelt einzutauchen. Er ist inzwischen stolzer Besitzer von einigen wunderbaren historischen Klavieren – und ich habe, was meine Geigen betrifft, auch entsprechend aufgestockt. So befinden wir uns in der luxuriösen Situation, programmabhängig auf das jeweils passende Material zurückgreifen zu können und uns davon inspirieren zu lassen. Das ist eine große Hilfe, weil man sich selbst dann, wenn man zum Beispiel aus pragmatischen Gründen nicht auf Darmsaiten spielen kann, sehr konkrete Klangvorstellungen erarbeiten kann.“

„Privat ist privat – ein bisschen Geheimnis ist durchaus angenehm.“
Mit Alexander Melnikov kommt Isabelle Faust im März für einen Sonatenabend in den Musikverein, dessen facettenreiches Programm Ausdruck des vernetzten musikalischen Denkens der beiden Künstler ist: „Das Programm wurde aus dem Wunsch heraus geboren, die unglaublich meisterhafte Violinsonate von Schostakowitsch, übrigens ein Geburtstagsgeschenk für David Oistrach, endlich auch einmal auf der Bühne aufzuführen. Wir haben sie vor längerer Zeit einmal für eine CD aufgenommen, dann aber nie wieder gespielt. Die Zweite Busoni-Sonate wiederum haben wir ziemlich oft aufgeführt, aber noch nicht aufgenommen, was hoffentlich bald folgen wird.“ Beiden Werken ist auf unterschiedliche Weise Johann Sebastian Bach eingeschrieben: „Busoni greift auf einen Choral aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena zurück. Bei Schostakowitsch wiederum sind starke kontrapunktische Anklänge nicht zu überhören. Und so haben wir zwei wirklich große, gewichtige Stücke in diesem Programm als zwei Zentren.“
Doch damit nicht genug der musikalischen Querverweise. Auf der Suche nach einem Stück, das sich gut mit Busoni in Beziehung setzen lässt, landete das Duo schnell bei der Phantasie op. 47 von Schönberg, der mit dem italienischen Komponisten in regem Austausch stand. „Interessanterweise weist aber auch die Schostakowitsch-Sonate eine Verbindung zu Schönberg auf“, lässt Faust weiter in die Programmwerkstatt blicken: „Sie beginnt mit dodekaphonischem Material und verlässt dieses Gebiet später wieder – ein klarer Fingerzeig auf die Kompositionslehre mit zwölf Tönen. Die Schönberg-Phantasie hingegen ist durchgehend sehr streng gearbeitet. So entsteht eine kleine Klammer zwischen den beiden Werken, die uns besonders gut gefallen hat.“
Ein reizvoller Aspekt der Schönberg/Busoni-Konstellation sei darüber hinaus auch die unterschiedliche Gewichtung der Instrumente: „Die Schönberg-Phantasie wurde als Werk für Violine mit Klavierbegleitung geschrieben. Schönberg hat zunächst die Violinstimme vollständig ausgearbeitet und erst danach den Klaviersatz hinzugefügt. Das zeigt schon, dass hier die Violine das Wort führt. Bei Busoni ist es eher umgekehrt: Seine Sonate für Klavier und Violine ist stark vom Klavier geprägt. Dadurch bildet Busoni einen spannenden Gegenpol zur Schönberg-Phantasie.“ Vervollständigt wird das Programm durch die „Fünf Melodien für Violine und Klavier“ op. 35a von Prokofjew – „ein kleines Augenzwinkern“, wie Faust feststellt: „Gerade der Beginn der Schostakowitsch-Sonate erinnert ein wenig an die erste Prokofjew-Sonate. Seine Melodien sind ein freundlicher Einstieg in ein Programm, das später mit wirklichen Schwergewichten aufwartet – gewissermaßen ein offenes, einladendes Tor zu dem, was folgt.“
Während die gefeierte Solistin und Kammermusikerin bei ihrer Arbeit vielen musikalischen Geheimnissen auf der Spur ist, hütet sie sich davor, selbst öffentlich zu viel über sich preiszugeben. Kein Social-Media-Profil, keine eigene Website, über die sie ihr Inneres hervorkehren, sich gar inszenieren möchte: „Ich mag es, ein Stück weit privat zu bleiben und nicht jeden Moment meines Lebens öffentlich zu machen – ein bisschen Geheimnis ist durchaus angenehm. Ich schätze den direkten Austausch mit meinen Fans bei Konzerten, in der Pause oder beim Signieren. Wer mir schreiben möchte, kann das über meine Agentur tun.“
Aber ein bisschen Privates lässt sie sich dann doch entlocken, bevor der „Final Call“ für ihren Flug nach Norwegen ertönt. Wonach sehnt sie sich eigentlich, wenn sie nach all ihren Reisen endlich wieder einmal daheim in Berlin ist? „Ich freue mich immer sehr auf zu Hause: vielleicht ein, zwei Tage ohne Termine, vielleicht ausschlafen, arbeiten im eigenen Rhythmus, die Geige mal beiseitelegen, kochen, spazieren gehen, mich um meinen Körper kümmern und Zeit mit der Familie verbringen – all das, was sonst oft zu kurz kommt, aber eigentlich nichts Außergewöhnliches ist.“
Sonntag, 8. März 2026
Sergej Prokofjew
Fünf Melodien für Violine und Klavier, op. 35a
Dmitrij Schostakowitsch
Sonate für Violine und Klavier G-Dur, op. 134
Arnold Schönberg
Phantasie für Violine mit Klavier-begleitung, op. 47
Ferruccio Busoni
Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 e-Moll, op. 36a