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Im Sturm der Zeit Egon Wellesz’ — „Prosperos Beschwörungen“

© Jacques Descloitres
Das ORF RSO Wien spielt im November unter der Leitung von Ingo Metzmacher „Prosperos Beschwörungen“ von Egon Wellesz. Das im Musikverein uraufgeführte, von Shakespeares Drama „Der Sturm“ inspirierte Meisterwerk entstand zwischen 1934 und 1936 am Vorabend jenes Sturms, der bald darauf ganz Europa erschüttern sollte.

Von Thomas Leibnitz

03.10.2026

„The Tempest“ – „Der Sturm“. Das letzte Theaterstück William Shakespeares bringt ein bewegtes Geschehen auf die Bühne, ein Geschehen, in dem neben menschlichen Leidenschaften auch übernatürliche Kräfte zum Zug kommen. Denn wie auch immer Prospero, der als Herzog von Mailand von seinem Bruder gestürzt und auf eine Insel verbannt wurde, sich dort Zauberkräfte zulegen konnte – er nutzt sie, indem er mit Hilfe seines Geistesdieners Ariel einen mächtigen Sturm entfacht, das Schiff seiner Feinde zur Landung auf der Insel zwingt und die Oberhand über das folgende dramatische Geschehen gewinnt; nicht Rache aber ist sein Ziel, sondern die Herstellung von Gerechtigkeit, und so verzeiht er am Ende großmütig seinen Gegnern, entsagt seiner Zauberkraft und kehrt nach Mailand zurück.
Es mutet doch etwas eigenartig an: Shakespeare, der große Kenner der Psyche und der Abgründe der menschlichen Seele, erachtet es für nötig, eine Handlung mit Hilfe von „Zauberei“ voranzutreiben, einem dramatisch eher bedenklichen Element? Wir tun wohl gut daran, hier nicht simple „Magie“ zu sehen, sondern die dramatische Versinnbildlichung gewaltiger, das menschliche Maß überschreitender Kräfte.
Es verwundert nicht, dass „The Tempest“ im Laufe seiner Wirkungsgeschichte die Menschen bewegte und begeisterte und auch so manchen Musiker inspirierte. So trägt etwa Beethovens Klaviersonate op. 31 Nr. 2 den Beinamen „Der Sturm“; als Anton Schindler den Komponisten nach der Bedeutung des dramatisch bewegten Werkes fragte, antwortete dieser knapp: „Lesen Sie Shakespeares Sturm!“

Mehr als ein Jahrhundert später war es wieder der „Sturm“, der in einem jungen Komponisten musikalisch-dramatische Bilder generierte. Egon Wellesz fasste seine Faszination von Shakespeares letzter dramatischer Aussage in eine Folge symphonischer Bilder und gab ihr den Namen „Prosperos Beschwörungen“. Es ist sicherlich sinnvoll, aber nicht zwingend notwendig, Shakespeares Drama zu kennen, um Wellesz’ musikalischen Bildern folgen zu können. Wir lernen Prospero selbst kennen, erleben die Entfachung des Sturms durch den Luftgeist Ariel, vernehmen „Ariels Gesang“ in zarten Klängen, erhalten in einem rhythmisch markanten Satz ein Bild des Inselbewohners Caliban und dürfen uns zum Schluss an der Besiegelung der Liebe zwischen Ferdinand und Miranda und der weisen Entsagung des Prospero freuen. Wellesz schließt hier – durchaus im Sinne der Tradition – an die Symphonischen Dichtungen Franz Liszts und Richard Strauss’ an, an Musik, die aus literarischen oder bildlichen Vorlagen ihre Inspiration bezieht. Man mag in dieser Musik, die bei aller Modernität nicht die radikalen Konsequenzen des Schönberg-Kreises zieht, den Einfluss Gustav Mahlers feststellen, sicherlich auch den Arnold Schönbergs, und doch ist es eine sehr eigene Musiksprache, die die Visionen Shakespeares in charakteristische Klangbilder fasst.

© Samlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

“Prosperos Beschwörungen” sollten sich für Egon Wellesz als schicksalhaft erweisen. Bei einer Aufführung in Amsterdam im März 1938 wurde er vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich überrascht und kehrte nicht mehr nach Wien zurück.

Als Wellesz in den Jahren von 1934 bis 1936 an „Prosperos Beschwörungen“ arbeitete, war der politische Sturm, der bald darauf über Europa hereinbrechen sollte, wohl erst erahnbar. Am Tag der Uraufführung im Wiener Musikverein, am 19. Februar 1938, hatte dieser Sturm bereits beträchtliche Stärke erreicht und wirbelte die Blätter auf: Nur wenige Tage davor, am 12. Februar, war der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg von Hitler auf dem Obersalzberg massiv unter Druck gesetzt und zu Zugeständnissen gezwungen worden, die dem „Anschluss“ die Tore öffneten. „Prosperos Beschwörungen“, dirigiert von Bruno Walter am Pult der Wiener Philharmoniker, erzielte großen Erfolg.
Eine Folgeaufführung in Amsterdam wurde vereinbart – für den 13. März 1938. Wellesz reiste zur Aufführung und entging damit den Ereignissen, die Österreich und die Welt erschütterten; am 11. März beugte sich Schuschnigg dem deutschen Druck und trat zurück; dem Einmarsch deutscher Truppen folgte der von vielen herbeigesehnte, von anderen gefürchtete „Anschluss“. Was er für die Opfer der neuen Herren bedeutete, schildert Stefan Zweig, und der Schrecken hallt in seinen Worten nach: „Ich meinte, alles Furchtbare vorausgefühlt zu haben, was geschehen könnte, wenn Hitlers Hasstraum sich erfüllen und er Wien, die Stadt, die ihn als jungen Menschen arm und erfolglos von sich gestoßen, als Triumphator besetzen würde. Aber wie zaghaft, wie klein, wie kläglich erwies sich meine, erwies sich jede menschliche Phantasie gegen die Unmenschlichkeit, die sich entlud an jenem 13. März 1938, dem Tage, da Österreich und damit Europa der nackten Gewalt zur Beute fiel!“
Wellesz kehrte nach der Amsterdamer Aufführung des „Prospero“ nicht nach Österreich zurück; wie viele Zeitgenossen jüdischer Herkunft musste er hier Schlimmes befürchten. Er reiste nach England und konnte nach kurzer Frist seine Familie nachkommen lassen; hier erwies es sich als Glücksfall, dass er als Musikhistoriker mit dem Spezialgebiet der Byzantinistik ein zweites Standbein besaß, das ihm zu einer neuen Existenz als Universitätsprofessor in Oxford verhalf.
Und wie ging es mit dem Komponisten Wellesz weiter, der sich im europäischen Musikleben durchaus einen Namen gemacht hatte? Der die international beachteten Opern „Alkestis“ und „Die Bakchantinnen“ geschrieben hatte? Der eben erst in der Musikzeitschrift „Der Anbruch“ als einer der wichtigsten Komponisten der Gegenwart vorgestellt worden war? Der Komponist Wellesz schwieg, fünf Jahre lang. Erst ab 1943 trat er wieder mit Kompositionen hervor, aber die Richtung seines Schaffens hatte sich geändert. War er vor 1938 vorwiegend Bühnenkomponist gewesen, so faszinierte ihn nun das strengere Medium der reinen Orchestersprache, in besonderem Maße die Symphonie. Auch nach Kriegsende blieb Wellesz in Oxford, wo man ihm bereits 1932 – als erstem österreichischen Komponisten nach Joseph Haydn – das Ehrendoktorat verliehen hatte.
„Prosperos Beschwörungen“ – ein Werk im Zeichen des „Sturmes“, ein Werk aus einer stürmischen Epoche, in mancher Hinsicht verwandt der konfliktreichen Gegenwart. Es bietet Gelegenheit zur neuerlichen Begegnung mit einem Großen des 20. Jahrhunderts, den die Stürme der Zeit nicht zerbrachen.

Donnerstag, 5. November 2026

ORF RSO Wien
Ingo Metzmacher | Dirigent
Tabea Zimmermann | Viola

Felix Mendelssohn Bartholdy
Ouvertüre zur Schauspielmusik „Ein Sommernachtstraum“, op. 21
Egon Wellesz
Prosperos Beschwörungen. Fünf symphonische Stücke nach Shakespeares „Der Sturm“, op. 53
Hector Berlioz
Harold in Italien. Symphonie in vier Sätzen mit Soloviola, op. 16

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