Musik als Erinnerung und Gegenwart: Igor Levit im Interview
Von Markus Siber
24.09.2025
Was ist die Grundidee Ihres Schwerpunkts, der das Erinnern und Gedenken in der Musik zum Thema hat?
Den Ausgangspunkt bildete ein Konzert, das ich am 7. Oktober 2024 zusammen mit Christian Thielemann in Berlin gab, der damals seinen Einstand als Generalmusikdirektor der Staatskapelle Berlin feierte. Es war ein sehr bitterer Tag für mich, da sich der schreckliche und folgenschwere Angriff auf Juden in Israel zum ersten Mal jährte. Ich habe mich, so gut es ging, auf den Abend mit Mendelssohns Zweitem Klavierkonzert vorbereitet, auch mental. Ich war froh, dass Christian dabei war, dass das Konzert in meiner Heimat Berlin stattfand und dass wir Mendelssohn spielten. Während der Vorbereitung auf dieses Konzert stieß ich zum ersten Mal auf Maurice Ravels „Kaddisch“, ein für mich tief berührendes Werk, das auch in einer Fassung für Klavier solo existiert. Seitdem beschäftigt mich dieses Stück – aus künstlerischer Sicht, aber auch im Hinblick auf mein jüdisches Selbstverständnis, da es sich um eines der zentralen jüdischen Gebete handelt. Im zeitlichen Umfeld des Konzerts begannen Intendant Stephan Pauly, Benedikt Müller vom Planungsteam des Musikvereins und ich über eine thematische Woche in Wien nachzudenken. Von allem Anfang an stand „Kaddisch“ im Zentrum meiner Überlegungen, und ich schlug daher vor, einen Großteil des Programms diesem Thema zu widmen. Ich bin sehr froh, dass uns das gemeinsam gelungen ist.
„Ich trage das Angedenken buchstäblich im Gesicht. Seit dem Tod meines besten Freundes Hannes bin ich Bartträger.“
Igor Levit
Das Kaddisch-Gebet wird zwar gemeinhin mit Tod und Trauer assoziiert. Als Lobpreisung Gottes strahlt es aber auch Hoffnung und Zuversicht aus. Ist das die Verbindung zu den positiv konnotierten Stücken in der Konzertreihe wie Schuberts „Großer C-Dur-Symphonie“, die unter der Leitung von Adam Fischer erklingen wird?
Mir ging es nie darum, eine Trauerveranstaltung auf die Bühne zu bringen. Im Gegenteil: „Kaddisch“ ist für mich eine Feier des Lebens – inmitten von Trauer und Erinnerung. Das Wort „feierlich“ bedeutet mir übrigens viel, ich habe es als Student besonders durch Bruckners Symphonien kennen und schätzen gelernt. Das „Kaddisch“ als Urzelle hat schnell zu den anderen Werken des Schwerpunkts geführt – etwa zu Schostakowitschs selten gespielter Zweiter Klaviersonate, die er während seiner Evakuierung vor der Wehrmacht aus dem damaligen Leningrad schrieb, im Gedenken an seinen Klavierlehrer. Für mich hat dieses Stück den Charakter eines Kaddischs, ohne wörtlich eines zu sein. Auch Rachmaninows Zweites Klaviertrio ist Teil des Programmschwerpunkts – eine Hommage an Tschaikowskij, der wiederum sein berühmtes Trio Nikolai Rubinstein, dem Gründer des Moskauer Konservatoriums, zugeeignet hatte. Diese Werke blicken nach vorn, ins Leben – und zugleich zurück, in Dankbarkeit und Erinnerung.
Von Schostakowitsch gibt es relativ viele eigene Aufnahmen. Was zeichnet sein Klavierspiel aus?
Da gibt es etwas sehr Unmittelbares, Schnelles, sehr Unkompliziertes. Ich mag das. Ich mag eine Tongebung und eine Spielweise, die klar und schnörkellos ist und das Wesentliche in den Fokus rückt. Auf einem nochmal ganz anderen pianistischen und auch gestalterischen Niveau gefällt mir das bei György Cziffra, Swjatoslaw Richter, Thelonious Monk und Friedrich Gulda. Das ist eine Art des Spielens, die mir sehr entspricht.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Günther Groissböck?
Ich hatte zuvor noch nie mit Günther Groissböck gearbeitet, kannte ihn auch nicht persönlich. Aber die Aufführung von Hans Pfitzners „Palestrina“ an der Wiener Staatsoper unter Christian Thielemann – eine der bisher wohl eindrücklichsten Opernerfahrung meines Lebens – brachten uns zusammen. Groissböcks kurzer, aber fulminanter Auftritt als Papst – eine Partie von gefühlt 90 Sekunden – bleibt mir unvergessen. Die Präsenz, mit der er die Rolle gestaltete, führte dazu, dass ich regelrecht überwältigt war und ihn fragte, ob er sich auf ein gemeinsames Projekt einlassen würde. So nahm alles seinen Lauf.
Sie gestalten gemeinsam ein Liederprogramm, das sich von Ravels „Kaddisch“ in der Originalbesetzung für Stimme und Klavier über Schostakowitschs „Michelangelo-Suite“ bis zu den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ von Mahler spannt. Aber auch bei Ihrem Soloabend, der den Schwerpunkt eröffnet, spielt die Gattung Lied eine Rolle …
Wenn es um das Thema des Angedenkens geht, dürfen Schubert und Liszt von meiner Warte aus nicht fehlen. Schuberts Liedern ist das Erinnern in so mannigfaltiger Weise eingeschrieben. Liszt wiederum, dieser große Bearbeitungskünstler, verneigt sich vor Komponisten wie Beethoven und Schubert, indem er ihre Werke für sein eigenes Instrument neu erschließt und sie somit weiterträgt: in seine Zeit, in die Welt und in die Zukunft.
Einer Ihrer konstanten Lebensbegleiter ist Beethoven. Er bekommt auch im Festival Raum. Wie ist Ihr aktueller Beziehungsstatus?
Es gab Jahre, da war Beethoven mindestens mit einem Werk in meinen Programmen vertreten. Das ist jetzt ein bisschen anders. Aber ein Leben ohne Beethoven ist sinnlos. Seine Musik hält meine Neugierde am Leben, verblüfft mich immer von Neuem.
Gibt es für Sie Menschen abseits der großen Öffentlichkeit, denen Sie ein persönliches Angedenken wahren wollen?
Ich trage das Angedenken buchstäblich im Gesicht. Seit dem tragischen Tod meines besten Freundes Hannes vor bald neun Jahren bin ich Bartträger. Der Bart ist inzwischen zu einem Teil von mir geworden. Ein paar wenige Male habe ich ihn mir abrasiert, aber es fühlte sich nie richtig an. Immer, wenn ich in den Spiegel sehe, denke ich an meinen Freund. Und ja, es gibt noch ein paar andere Menschen, die ich immer in und mit mir trage und an die ich im Grunde an keinem Tag nicht denke.
Sammeln Sie Erinnerungsstücke in irgendeiner Form?
Nein. Ich bin kein Vergangenheitsmensch. Ich konzentriere mich darauf, was ich hier und jetzt spüre und denke.
Sie sind viel unterwegs. Gibt es in den Städten, in denen Sie sich aufhalten, öffentliche Orte, die Sie regelmäßig aufsuchen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, zu besinnen?
Nein, öffentliche Orte im klassischen Sinne sind es nicht – aber in den Städten, die ich regelmäßig besuche, habe ich eine Handvoll vertrauter Plätze, an denen ich mich sicher und aufgehoben fühle. In Wien gehören dazu zwei, drei Restaurants, wo es vor allem um die Menschen geht – um den Betreiber, zu dem ich Vertrauen habe. Eine besonders enge Freundschaft verbindet mich mit einem Wiener, der mein wahrscheinlich liebstes Modegeschäft auf der ganzen Welt führt und inzwischen auch ein kleines Hotel besitzt, in dem ich nun auch wohne, wenn ich in dieser Stadt bin. Diese Orte sind wichtig für mich – sie geben mir Halt, verhindern, dass ich mich verloren fühle. Ohne solche Rückzugsorte könnte ich gar nicht funktionieren.
Einen Überblick über die Konzerte im Programmschwerpunkt mit Igor Levit finden Sie hier.