Zusammenhänge hörbar machen – Petr Popelka lädt in die „Hör-Bar“ ein
Von Ljubiša Tošić
09.12.2025
Um Meisterwerke gewinnbringend erleben zu können, um sich hörend in sie hineinzuleben – dazu ist eine entschleunigte Grundhaltung wertvoll. Traditionelle Konzerte sind diesbezüglich eine erprobte, etablierte Möglichkeit. Großwerke laden in ihrer Komplexität allerdings durchaus dazu ein, sich über das emotionale Erfasstwerden hinaus gleichsam in den „Maschinenraum“ der Struktur zu begeben, um Wissen zu vertiefen. Auch wenn es um subtile Kammermusik, Raritäten oder moderne Kompositionen geht, können ungewöhnliche Konzertformen das Verständnis vertiefen – das neue Format „Hör-Bar“ verfolgt genau dieses Ziel. Distanz zwischen Bühne und Publikum, die Distanz zu den Inhalten der Werke, beides soll möglichst aufgelöst werden.
Petr Popelka, der die neue Musikvereinsreihe mit seinen Wiener Symphonikern – denen er als Chefdirigent vorsteht – initiiert hat, erklärt den Ursprung seiner Idee: „Da ich die zeitgenössische Musik sehr liebe, habe ich mich immer gefragt, warum es oft eine gewisse Distanz zwischen Neuer Musik und Publikum gibt. Manchmal entsteht sogar eine seltsame Stimmung im Raum; diese Distanz habe ich auch bei Kammermusik erlebt.“ Wenn er etwa an Aufführungen zu Zeiten von Robert Schumann oder Franz Liszt denkt, „glaube ich, dass diese Distanz gar nicht existiert hat. In den Salons herrschte wohl eine viel offenere Atmosphäre, und auch die Konzertprogramme waren kreativer konzipiert.“ Heute würden wir, so Popelka, zu einem gewissen Schema neigen: „Ouvertüre, Solist, dann eine Symphonie, das ist oft die Standardform. Auch in der Kammermusik ist es nicht mehr wie früher, wenn man etwa an die Akademien von Ludwig van Beethoven denkt“, so Popelka.
Der Länge der damaligen Veranstaltungen wird natürlich nicht nachgeeifert, da beruhigt der Tscheche, der als Kontrabassist fast zehn Jahre lang Mitglied der Sächsischen Staatskapelle Dresden war. „Keine Sorge, unsere Hör-Bar-Abende werden nicht fünf Stunden dauern!“
Jeder Abend, der zu einem tieferen Erlebnis durch Wissenszuwachs führen soll, wird um ein Thema kreisen und eine Art Reise darstellen. Was Popelka dabei besonders interessiert, „ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen Stücken. Auch wird der Einfluss der Komponisten untereinander erhellt. Jeder Komponist nimmt ja Einflüsse auf, die in seiner Epoche dominant waren. Natürlich gehört der historische und politische Rahmen dazu“, erzählt der 1986 in Prag geborene Musiker.
Die erste Folge der Hör-Bar wird sich dem Thema „Prag – Wien – Budapest“ widmen: „Es wird eine musikalische Reise entlang einer spannenden Achse der Musikgeschichte in diesem geographischen Raum. Wir spielen nicht ganze Werke, sondern einzelne Sätze aus Kompositionen, so wie es früher üblich war. Es werden Kompositionen von Antonín Dvořák, Johannes Brahms, Emánuel Moór, Ondřej Adámek, Olga Neuwirth und Péter Eötvös vorgestellt. Es geht also um einen künstlerischen Raum, der sich über verschiedene Zeiten hinweg erstreckt.“ Das zweite Programm widmet sich dem Thema „Wanderung“ und führt auch in die Barockzeit: „Heinrich Ignaz Franz Biber ist dabei mit seinen ,Rosenkranz-Sonaten‘, die sich auf Stationen von Christi seelischer Reise beziehen. Wir kombinieren sie mit Bedřich Smetana, George Crumb, Tōru Takemitsu und Igor Strawinskys ,L’Histoire du soldat‘.“


Was muss man nicht alles wissen, um Shakespeares Dramen wirklich interessant zu finden? Bei Musik ist es ähnlich.
Zukünftige, mögliche Pläne für die Hör-Bar? „Was mich immer fasziniert hat, ist die Form der Triosonate – auch von meinem Landsmann Jan Dismas Zelenka, der im Barock wahnsinnig populär und in Dresden tätig war. Es ist auch denkbar, für diese Form Auftragswerke schreiben zu lassen, vielleicht gibt es auch ein Stück von mir“, so Popelka, der ja sogar als Komponist aktiv ist.
Natürlich: Seine Rolle ist in den ersten beiden Teilen vielgestaltig: Popelka fungiert als Dirigent, Pianist, Bassist und als Erklärer. „Essenziell ist auch der musikalische Kontakt zur Kollegenschaft im Orchester der Wiener Symphoniker. Ich bin mit Kammermusik aufgewachsen und weiß, wie wichtig sie für uns alle ist. Deshalb wollte ich mit den großartigen Kolleginnen und Kollegen spielen, das ist für unsere Beziehung wahnsinnig wichtig. Die Teilnahme, das Mitspielen ist freiwillig, das muss schon von Herzen kommen.“
Spielen wir aber kurz den „Advocatus diaboli“ und behaupten: Man kann zu den Werken viel erklären – aber wenn jemand von der Musik wirklich emotional erfasst ist, hat er nicht bezüglich der Musik eigentlich schon das Wesentliche verstanden? Braucht er noch Erklärungen? Popelka bringt hier Nikolaus Harnoncourt ins Spiel: „Er hat viel zu diesem Thema gesagt. Man kann Musik natürlich emotional auf sich wirken lassen, ohne etwas über die Form und weitere Aspekte zu wissen. Aber laut Harnoncourt bleibt man dann immer nur an der Oberfläche. Was muss man nicht alles wissen, um Shakespeare und seine Dramen wirklich interessant zu finden? Dazu gehört einfach eine gewisse Bildung, genauso ist es in der Musik.“ Es sei schön, Musik als akustisches Ornament zu genießen. „Das ist legitim. Aber wenn man die rationalen Zusammenhänge versteht – wie ein Werk gebaut ist, wie die ‚Maschine‘ funktioniert –, wird es noch spannender. Wir wollen das ohne erhobenen Zeigefinger tun, in Form eines höflichen Angebots.“ Die Grenze ein wenig durchbrechen, Kontakt mit dem Publikum schaffen? Um diesem Ziel näherzukommen, sei der Gläserne Saal übrigens ideal. „Der Raum passt gut für das Aufbrechen der Distanz.“
Popelka lag das Vermitteln von Musik „eigentlich immer schon am Herzen. Wenn er in eine Partitur schaue, finde er es schade, dass die Menschen nicht bei dieser Tiefenarbeit mitgenommen werden können. Wobei Ausnahmen hier auch die Regel bestätigen können, Popelka war selbst bei einer dabei – als Kontrabassist: „Einmal habe ich erlebt, wie Christian Thielemann ein Stück von Ferruccio Busoni wiederholt hat – ein kleines, kompliziertes, zehnminütiges Stück: das Nocturne symphonique, op. 43. Er hat sich zum Publikum umgedreht – wir Musiker wussten nichts davon – und gesagt: ‚Wissen Sie, solche Musik lohnt, noch einmal gehört zu werden. Beim ersten Mal kann man sie nicht begreifen – also spielen wir sie nochmal.‘ Wir waren alle etwas überrascht, aber es kam wahnsinnig gut an.“
Da passierte wohl genau das, was Popelkas Ziel ist, nämlich, Vertiefung zu ermöglichen samt einem besonderen Erlebnis. „Wenn das Publikum nach dem Konzert sagt: ‚Wir freuen uns wiederzukommen‘ – dann ist etwas gelungen.“
Dienstag, 13. Jänner 2026
Mitglieder der Wiener Symphoniker
Petr Popelka I Leitung, Klavier
Werke von Antonín Dvořák, Johannes Brahms, Emánuel Moór, Ondřej Adámek, Olga Neuwirth und Péter Eötvös
Freitag, 24. April 2026
Mitglieder der Wiener Symphoniker
Petr Popelka I Leitung, Klavier
Werke von Heinrich Ignaz Franz Biber, Bedřich Smetana, George Crumb, Tōru Takemitsu und Igor Strawinsky