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Musik – und Krieg? Joseph Haydns „Nelson-Messe“

© Lemuel Francis Abbott
Ende November, Anfang Dezember dirigiert der ausgewiesene Haydn-Spezialist Andrea Marcon am Pult der Wiener Symphoniker Joseph Haydns „Nelson-Messe“. Thomas Leibnitz geht der Frage auf den Grund, weshalb das „in Bedrängnis“ komponierte Werk heute den Namen eines Kriegshelden trägt.

Von Thomas Leibnitz

08.11.2025

Jährlich eine Messe zum Namenstag der Gattin des Fürsten Esterházy zu schreiben – das zählte zu Joseph Haydns Verpflichtungen, nachdem er als Kapellmeister des Fürsten seinen Ruhestand angetreten hatte. Es mochte ihm 1798 etwas schwer gefallen sein, dieser Pflicht nachzukommen, denn eben erst hatte er seine großangelegte „Schöpfung“ vollendet, und ein wenig Erholung hätte der Mittsechziger wohl zu schätzen gewusst. Aber sein Wort zu halten war Haydn selbstverständlich, und so entstand eine weitere seiner großen Messen, mit einem ungewöhnlich düsteren, von Trompetensignalen durchsetzten Beginn in d-Moll – eine Messe in Kriegszeiten. „In angustiis“, in Bedrängnis, schrieb der Komponist auf das Titelblatt; auch das Motto der Messe weist auf die schwierigen Zeitumstände hin. Vielleicht hätte er sie auch „in tempore belli“ genannt, wenn er dieses Motto nicht bereits zwei Jahre zuvor verwendet hätte, für seine „Paukenmesse“.

„In Bedrängnis“ befand sich Österreich in diesen Zeiten allemal. Und es ist auch zu fragen, was damals „Österreich“ war: ein schwer zu fassendes Konglomerat aus habsburgischen Erblanden, dessen Herrscher Franz II. nach wie vor die Krone des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation trug, eines Reiches, das deutliche Auflösungstendenzen zeigte. Erst 1804 sollte es zur Proklamation des „Kaisertums Österreich“ kommen. Zerfalls- und Umbruch­erscheinungen im Inneren, militärische Bedrohung von außen, durch das französische Heer unter dem Befehl des äußerst energischen und machtbewussten Generals Napoleon Bonaparte. Was, wenn dieser Napoleon Österreich, selbst Wien, direkt bedrohen würde? Die Furcht war nicht unbegründet, wie sich 1805 und 1809 zeigen sollte.
1798, im Entstehungsjahr der „Missa in angustiis“, wurde die Welt Zeuge einer neuen, geradezu tollkühnen Unternehmung Napoleons. Er führte ein Expeditionsheer nach Ägypten, um von dort aus das britische Kolonialreich unter Druck zu setzen. Nach anfänglichen Erfolgen musste er allerdings einen schweren Rückschlag einstecken: Seine Flotte erlitt im Kampf mit der englischen Flotte in der Bucht von Abukir eine vernichtende Niederlage. Den Befehlshaber der englischen Seemacht kannte man daraufhin in ganz Europa: Horatio Nelson.

Zwei Jahre später reiste Admiral Nelson mit seiner Geliebten, Lady Emma Hamilton, durch österreichisches Gebiet und war Gast des Fürsten Esterházy; ihm zu Ehren wurde die „Missa in angustiis“ aufgeführt, und dieses Ereignis dürfte sie zur „Nelson-Messe“ gemacht haben, unter welchem Namen sie weithin bekannt ist. Zweifellos lernte der Admiral den Komponisten kennen, und es wird von einer goldenen Uhr berichtet, die Haydn im Tausch für die Feder erhalten habe, mit der er eine kleine Komposition eigens für Lady Hamilton geschrieben hatte, die „Lines from the Battle of the Nile“.
So viel Galanterie einer Dame gegenüber, die doch zum Admiral in einer zweifellos skandalösen Beziehung stand? Haydn mag dieses Faktum gelassen gesehen haben, denn was Nelson offen praktizierte, tat er selbst im Geheimen; jahrelang tröstete ihn die Sängerin Luigia Polzelli über die Entbehrungen einer freudlosen Ehe hinweg.

© Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Eine Messe, benannt nach einem Kriegshelden? Haydns Zeit sah darin keinen Widerspruch, und er selbst wohl auch nicht. Und immer wieder zeigten Kriegshelden große Affinität zur Kunst, zum Musischen; unter ihnen ist Prinz Eugen von Savoyen wohl der berühmteste, aber keineswegs der einzige. Selbst Napoleon, der Metternich gegenüber die erschütternde Bemerkung machte, ein Mann wie er schere sich nicht um das Leben einer Million Menschen, hatte Sinn für Musik und Dichtung. Der Weg war noch weit bis zu Willy Brandts Aussage von 1971, Krieg sei nun nicht mehr die „ultima ratio“, sondern die „ultima irratio“ der Menschheit.
Ein Jahr vor der Komposition der „Nelson-Messe“, 1797, schrieb Haydn seine „Kaiserhymne“, die ihm breiteste Popularität eintrug; die zweite Strophe – dem Textdichter Lorenz Leopold Haschka hatte man sehr genaue Vorgaben gemacht – beginnt mit den Worten: „Lass von Seiner Fahnen Spitzen strahlen Sieg und Furchtbarkeit!“ Es war wohl ausgemacht, dass der weise Monarch nur um der „gerechten Sache“ willen „das Schwert ziehen“ würde, aber wenn er es tat, so stand ihm die begeisterte Gefolgschaft seiner Untertanen bis zum Sieg zu, an dem nicht gezweifelt werden durfte.
Unter denen, die bereits im 19. Jahrhundert dennoch Zweifel an der staatsoffiziellen Kriegs- und Siegesglorie anmeldeten, befand sich Franz Grillparzer, der in seinem Nachfolgetext für die Kaiserhymne den Vers wagte: „Doch verschmähend Lorbeerreiser sei der Friede sein Geschick“. Nun, damit hatte er die Chance auf offizielle Akzeptanz seines Textes gründlich verwirkt. Auch geht Grillparzers König Ottokar in seinem letzten Auftritt reuig in sich, spricht von den Schrecken des Krieges und klagt sich an, junge Menschen „schockweis’ hingeschleudert“ zu haben. Auf das allgemeine Bewusstsein hatte all das wenig Einfluss, und 1914 jubelte nicht nur das „Volk“ dem Krieg zu, sondern auch Dichter, Musiker und Gelehrte wurden von der Euphorie erfasst, bis hin zum nüchternen und von menschlichen Abgründen wissenden Sigmund Freud.
Zurück zu Haydns „Nelson-Messe“, deren „Kyrie“ mit seinen martialischen Trompetenstößen das Bedrohliche des Krieges versinnbildlicht. Allerdings spielten hier auch profane Umstände mit: Der Fürst hatte die Holzbläser seiner Kapelle entlassen, und Haydn hatte zur Ergänzung des Streicherkörpers nur drei Trompeten mit Pauken zur Verfügung. Nicht bedrohlich, sondern festlich und glanzvoll klingen die Trompeten im „Benedictus“ der Messe, einem Abschnitt, der in Messkompositionen meist ein lyrisches Intermezzo darstellt. Die Fama will wissen, dass Haydn eben bei der Vertonung des „Benedictus“ vom Sieg Nelsons bei Abukir erfahren und sogleich seiner Freude musikalisch Ausdruck gegeben habe. Man darf solche Deutungen im Reich des Hypothetischen belassen.

1798 entstand eine von Joseph Haydns großen Messen, mit einem ungewöhnlich düsteren, von Trompetensignalen durchsetzten Beginn mit d-Moll – eine Messe in Kriegszeiten. “In angustiis”, in Bedrängnis, schrieb der Komponist auf das Titelblatt.

Vom weiteren Schicksal Admiral Nelsons bleibt nachzutragen, dass ihm noch zahlreiche Erfolge im Seekrieg beschieden waren, Erfolge, die auf mutige persönliche Entscheidungen zurückzuführen waren. So verwandelte er 1801 die Seeschlacht von Kopenhagen aus einer verfahrenen Situation heraus in einen Sieg, indem er die Weisung seines Oberbefehlshabers ignorierte und in eigener Verantwortung die richtige Entscheidung traf. In die Geschichtsbücher trug er sich 1805 mit der Schlacht von Trafalgar ein, deren für England glücklicher Ausgang ihm gemeldet wurde, als er – von einem Geschoß getroffen – im Sterben lag. Nelsons Leichnam wurde in Branntwein eingelegt und nach London überführt, wo man ihm ein feierliches Staatsbegräbnis bereitete.
Siege prägen sich den Nationen besser ein als Niederlagen, und es mag an der Hoffnung auf Siege liegen, dass der Krieg, die „ultima irratio“, nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden ist. Feiert die „Nelson-Messe“ kriegerisches Geschehen? Die Antwort gibt der Text der Messe selbst, der mit den Worten endet: „Dona nobis pacem“. Friede war wohl auch der tiefe Wunsch des unerschütterlich gläubigen Joseph Haydn.

Samstag, 29. November 2025
Sonntag, 30. November 2025
Montag, 1. Dezember 2025

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Andrea Marcon | Dirigent
Katharina Konradi | Sopran
Yajie Zhang | Alt
Mauro Peter | Tenor
Florian Boesch | Bass

Wolfgang Amadeus Mozart
Symphonie g-Moll, KV 550
Joseph Haydn
Missa in angustiis d-Moll, Hob. XXII:11, „Nelson-Messe“

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