Wählen Sie Ihre Cookie-Einstellungen:

Cookies sind kleine Textdateien, die von Websites auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Sie enthalten Informationen über Ihr Surfverhalten, z. B. Login-Daten, Spracheinstellungen oder Warenkörbe. Cookies helfen dabei, Webseiten nutzerfreundlicher zu machen und personalisierte Inhalte oder Werbung anzuzeigen. Sie können in Ihrem Browser verwalten, welche Cookies gespeichert werden dürfen.

Am Puls der Stadt – Gustavo Dudamel mischt New York neu auf

© Danny Clinch
Dirigenten wie Leonard Bernstein, Pierre Boulez, Zubin Mehta und Lorin Maazel prägten das New York Philharmonic in den vergangenen Jahrzehnten. Nun ist nach Jahren in Los Angeles der Venezolaner Gustavo Dudamel in ihre Fußstapfen getreten und führt das Orchester gleich zu Beginn seiner Ära für zwei Konzerte in den Musikverein.

Von Paul-Henri Campbell

22.07.2026

Aufbruchstimmung in der Stadt, die niemals schläft: Das New York Philharmonic hat mit Beginn der Saison 2026/27 einen neuen Music and Artistic Director, der über vergleichbar viel Energie zu verfügen scheint wie der Big Apple selbst. „Our New Era Starts Now“ verheißen die Plakate und Citylights in den Straßen, die den Venezolaner Gustavo Dudamel in großer Dirigierpose zeigen. Zwanzig Jahre ist es bereits her, dass der 1981 geborene Dirigent zum ersten Mal beim legendären New York Philharmonic gastierte. Auf dem Programm stand damals Prokofjews Fünfte Symphonie, die das neue Dreamteam auch auf der ersten gemeinsamen Europa-Tournee im Gepäck haben wird. „Ich bin sehr stolz darauf, das New York Philharmonic nach einer fast zehnjährigen Abwesenheit wieder nach Europa zu bringen“, sagt Gustavo Dudamel im Hinblick auf seine nun anstehende Tournee, „noch dazu in den historisch so bedeutenden und gefeierten Wiener Musikverein. Das verleiht dieser Reise einen tiefen Sinn. Ich habe das Gefühl, ich begegne Wien ganz neu.“
Die Ernennung von Gustavo Dudamel ist selbst für das multikulturelle New York mehr als eine Personalie, schließlich ist er der erste Lateinamerikaner an der Spitze des Orchesters seit der Gründung im Jahr 1842. Darauf angesprochen, führt er im Interview aus: „Ich trage dies mit großer Demut. Für mich ist jedoch vor allem wichtig, was dies für junge Menschen bedeutet – insbesondere für jene aus Gemeinschaften, die sich auf den Bühnen der klassischen Musik historisch kaum repräsentiert sehen.“ Für Dudamel ist es vor allem ein Zeichen dafür, wie weit die Musik Menschen tragen kann: „Als Kind in Venezuela habe ich in dem, wohin die Musik den Menschen führen kann, keine Grenzen gesehen“, erzählt er im Vorfeld der Europa-Tournee. „Musik gab uns Würde, Vorstellungskraft und Möglichkeiten.“

Im Oktober kommt Dudamel erstmals als Music and Artistic Director des New York Philharmonic in den Musikverein. Wien und New York sind für den Weltstar eng verbunden, auch durch das Faktum, dass die philharmonischen Orchester beider Städte im selben Jahr gegründet wurden: 1842. „Obwohl sie aus sehr unterschiedlichen kulturellen Welten hervorgegangen sind, verbindet die Wiener Philharmoniker und das New York Philharmonic das gleiche Bekenntnis zu Tradition, Exzellenz und zur Musik als lebendige menschliche Kraft.“
Für Gustavo Dudamel ist diese Europa-Tournee deshalb mehr als ein Gastspiel. Sie ist eine Begegnung zweier musikalischer Traditionen, die seit Generationen miteinander verwoben sind. Namen wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini und Leonard Bernstein bilden die historischen Brücken zwischen den beiden Städten. Zugleich ist die Reise nach Wien für Dudamel eine Rückkehr an einen Ort, der ihn seit vielen Jahren begleitet. „Einer der unvergesslichsten Momente meines Lebens war das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017“, erinnert er sich. „Im Musikverein zu stehen, im Zentrum einer Tradition, die so tief mit der musikalischen Identität Wiens verbunden ist, war für mich überwältigend. Was mich besonders berührt hat, war die Erfahrung, dass Musik in Wien nichts Unnahbares oder Zeremonielles ist. Sie gehört zum emotionalen Leben der Stadt dazu.“

Diese Verbindung von Geschichte und Gegenwart prägt auch die Programme der beiden Abende im Musikverein. „Wenn wir nur die Vergangenheit bewahren“, sagt Dudamel, „ohne sie mit der Gegenwart ins Gespräch zu bringen, kann Tradition fragil werden. Die große Musikgeschichte Wiens existiert gerade deshalb, weil Generationen von Komponist:innen immer wieder neu erdacht haben, was Musik sein kann. Beethoven, Mahler oder Schönberg erweiterten zu ihrer Zeit die Kunstform, stellten sie in Frage und brachten neue Ideen und emotionale Wirklichkeiten hervor.“ Am ersten Abend begegnen einander zwei Komponisten, die auf den ersten Blick weit voneinander zu liegen scheinen: die kubanisch-amerikanische Komponistin Tania León und Gustav Mahler. Leóns Werk „Imágenes Mestizas“ erklingt als österreichische Erstaufführung. Der Titel verweist auf kulturelle Vermischungen und Identitäten sowie auf die Geschichte eines vielstimmigen Kontinents. Dudamel empfindet eine besondere Nähe zu León: „Ihre Lebensgeschichte, von Kuba bis in die Vereinigten Staaten, zeugt von Widerstandskraft und Verwandlung – und genau das hört man in ihrer Musik.“

Warum ein solches Werk im Musikverein? „Wien ist eine der großen Musikhauptstädte der Welt. Die Tradition lebt hier mit besonderer Intensität“, antwortet Gustavo Dudamel. „Zeitgenössische Stimmen damit zu verbinden erscheint mir nicht nur schön, sondern notwendig.“ So erscheint Leóns Werk vor Mahlers Fünfter Symphonie als Teil einer Bewegung über Zeit, Erinnerung und Identität. Mahlers Fünfte selbst gehört zu den zentralen Werken in Dudamels Repertoire. Zugleich besitzt sie für das New York Philharmonic eine besondere Bedeutung. Gustav Mahler führte von 1909 bis 1911 das Orchester und gehört in den geistigen Schmelztiegel des Klangkörpers: „Wenn wir mit New York Philharmonic Mahler spielen, spüren wir das Erbe“, sagt Dudamel und fügt auf die Frage, ob im späten Gustav Mahler vielleicht ein heimlicher Yankee hauste, noch hinzu: „Mahler wurde zwar in Europa geboren, und Wien hat ihn tief geprägt, doch in dieser Symphonie liegt auch etwas ausgesprochen Modernes. Mahler verstand Widersprüche: Dunkelheit und Licht, Verletzlichkeit und Triumph existieren bei ihm gleichzeitig. Das erscheint mir sehr newyorkisch.“

Der zweite Abend schlägt einen anderen Ton an. Mit John Adams’ „On the Transmigration of Souls“ steht eines der bewegendsten amerikanischen Werke der Gegenwart auf dem Programm. Die Komposition entstand als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 und verbindet Orchester, Chor, Kinderchor und Tonbandaufnahmen zu einem musikalischen Erinnerungsraum. Dass der Chor Orfeó Català und der Kinderchor des Orfeó Català mitwirken, besitzt für Dudamel besondere Bedeutung. Seine gesamte künstlerische Biographie ist mit musikalischer Bildung verbunden. Als Kind wurde er selbst durch die Förderung von jungen Musiker:innen, „El Sistema“, in Venezuela geprägt. „Musik wurde uns nie als etwas Elitäres vermittelt“, erinnert er sich. „Musik war etwas Menschliches, etwas Gemeinschaftliches. Musik lehrte uns Disziplin, aber auch Solidarität, Zuhören und Empathie.“ Der Kinderchor ist mehr als ein klangliches Bonmot: „Kinder erinnern uns daran, warum Musik überhaupt existiert: um uns miteinander und mit uns selbst zu verbinden.“

„Mahler verstand Widersprüche: Dunkelheit und Licht, Verletzlichkeit und Triumph existieren bei ihm gleichzeitig. Das erscheint mir sehr newyorkisch.“

Zwischen Adams und Prokofjew steht die österreichische Erstaufführung eines neuen Werks der kanadischen Komponistin Zosha di Castri. Wie León gehört sie zu jenen Stimmen, die Dudamel bewusst ins Zentrum rückt. Er bewundert ihre „Furchtlosigkeit, ihre Offenheit und ihren Mut, wichtige Fragen zu stellen“. Sowohl León als auch di Castri legen für ihn ein wesentliches Zeugnis ab, über das, was die Amerikas im 21. Jahrhundert zusammengenommen ausmacht: „Tania und Zosha sprechen mit Stimmen, die unverkennbar unserer Zeit angehören und zugleich tief mit Erinnerung, Identität und Menschlichkeit verbunden sind. Die Amerikas sind kein einzelner Klang. Sie bestehen aus vielen Klängen, die nebeneinander existieren.“ Den Abschluss bildet Prokofjews Fünfte Symphonie, entstanden während des Zweiten Weltkriegs und bis heute eines der eindrucksvollsten Bekenntnisse zur schöpferischen Kraft des Menschen. Auch hier speist die Vergangenheit die Zukunft: Sie streitet jedoch auch mit ihr, droht sie zu verschlingen, inspiriert sie allerdings auch. Dudamel sieht darin eine Aufgabe kultureller Institutionen überhaupt: Geschichte nicht als Museum zu begreifen, sondern als Quelle neuer Energie.

Vielleicht nährt dies die eigentliche Schönheit der beiden Abende: Sie führen Wien und New York zusammen, Europa und Amerika, Erinnerung und Gegenwart. Sie schenken uns Mahler, Prokofjew und Adams neben León und di Castri. Und sie machen hörbar, was Gustavo Dudamel unter Musik versteht: nicht allein die Bewahrung einer abgeschlossenen Geschichte, sondern stets auch Neubeginn und Zukunft.

Mittwoch, 21. Oktober 2026
New York Philharmonic
Gustavo Dudamel I Dirigent

Tania León
Imágenes Mestizas (ÖEA)
Gustav Mahler
Symphonie Nr. 5

Donnerstag, 22. Oktober 2026
New York Philharmonic
Orfeó Català
Cor Infantil de l’Orfeó Català
Gustavo Dudamel I Dirigent

John Adams
„On the Transmigration of Souls“ für Orchester, gemischten Chor, Kinderchor und voraufgezeichnetes Tonband
Zosha di Castri
Invisible House (ÖEA)
Sergej Prokofjew
Symphonie Nr. 5 B-Dur, op. 100

Weitere Artikel

0%