Verbunden in der Musik – Der Freundeskreis der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Von Joachim Reiber
15.12.2025
Im Juni 1896 erhielt die Gesellschaft der Musikfreunde Post von Johannes Brahms, der gerade auf Sommerfrische in Bad Ischl weilte. Es seien ihm, schrieb Brahms, 6000 Gulden übergeben worden, „mit dem Auftrag, sie der Direktion der Gesellschaft als Geschenk anzubieten“. Der Musikverein könne völlig frei über den Betrag verfügen, ließ Brahms wissen, mit Ausnahme von 1000 Gulden. Die wolle der Geber – als „besonderer Bücher-Liebhaber und ihres so überaus kostbaren Schatzes gedenkend“ – dem Archiv des Hauses zuwenden. „Sollte die geehrte Direktion geneigt sein das Geschenk anzunehmen“, so Brahms weiter, dann sei „die einzige Bedingung, daß es einfach genannt u(nd) gebucht werde als ,von einem Freunde der Gesellschaft‘“. Wer aber war dieser großzügige „Freund der Gesellschaft“? Niemand anderer als Brahms selbst.
Die Episode ist eine der schönsten in der Geschichte der Gesellschaft, die natürlich auch immer eine Geschichte des Geldes war. Es konnte gar nicht anders sein bei diesem Verein, der sich 1812 aus privater Initiative gebildet hatte. „Von oben“ war da nichts zu fordern. Der Musikverein, hervorgegangen aus der bürgerlichen Mitte von Musikbegeisterten, hing nicht am Ärar des kaiserlichen Hofes und später nicht am Geldhahn der Republik. Was ihm notwendig schien zur Erreichung seines ehrgeizigen Ziels – und das war nichts weniger als die „Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“! –, musste er selbst aufbringen. Fantasievolle Initiative war gefordert, Begeisterungsfähigkeit und eine Hingabe, die auch die Geberlaune einschloss.

Man könnte die Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde auch als Geschichte ihrer Finanzierung schreiben – und es käme eine reizvolle, spannende Erzählung heraus, in der prominente Figuren überraschende Auftritte liefern. Unter ihnen: Franz Grillparzer. Der Dichter gehörte nicht nur zu den Gründungsmitgliedern des Musikvereins und betätigte sich hier als ausübender Sänger – er schrieb 1839 auch einen Zeitungsartikel als Anreiz für neue Mitglieder und Unterstützer der Gesellschaft. Die Situation dafür war günstig. Soeben hatte der Musikverein Haydns „Jahreszeiten“ mit Riesenkräften glanzvoll aufs Podium gebracht – nun durfte die Frage gestellt werden, was denn hinter einem so fantastischen Ereignis alles stecke an institutioneller Arbeit und kostspieligem Aufwand. Grillparzer legte es dar, Punkt für Punkt, um die Lesenden für eine klare Einsicht zu gewinnen: Was „hier durch die Kunstliebe einzelner“ an Großartigem geschaffen werde, sei nur möglich durch großzügige private Unterstützung. „Mögen daher sämtliche Kunstfreunde, die der Anstalt noch nicht angehören, in diesen Andeutungen einen Sporn finden, sich so edlen Zwecken anzuschließen …“ So Grillparzer, der Dichter, als Werbetexter.
Die Diktion hat sich geändert, aber ein Wesentliches ist gleichgeblieben: Es ist die „Kunstliebe einzelner“, die sich in diesem Verein verbindet, und das große Ganze entsteht nicht anders als aus dem Zusammenwirken all der einzelnen Kräfte mit ihrer Begeisterung, ihrer Beteiligung und, ja, auch ihren Beiträgen in Form von Geld. Um diesem individuellen Engagement einen Rahmen zu geben, hat die Gesellschaft der Musikfreunde nicht nur die reguläre Mitgliedschaft um ein spezielles Angebot für Jugendliche erweitert – sie lädt auch dazu ein, sich dem Musikverein in besonderer Weise zuzuwenden. Angelehnt an die lange Geschichte der Institution und inspiriert von klangvollen historischen Begriffen, bietet sie die Möglichkeit, sich als „Unterstützer“, „Förderer“, „Mäzene“, „Donatoren“, „Patrone“ oder „Stifter“ einzubringen. Dass ihnen der Musikverein wieder dankbar spezielle Benefits bietet, versteht sich –, aber entscheidend für dieses Engagement ist die Zugewandtheit zur Gesellschaft. Das zeigt sich aufs Schönste, wenn man Mitgliedern dieses Freundeskreises begegnet: Immer ist es die ganz persönliche Lebensgeschichte, die sich mit der Liebe zur Musik und einer besonderen Nähe zum Musikverein verbindet.
Es ist die „Kunstliebe einzelner“, die sich in der Gesellschaft der Musikfreunde verbindet, und das große Ganze entsteht nicht anders als aus dem Zusammenwirken all der einzelnen Kräfte mit ihrer Begeisterung, ihrer Beteiligung und, ja, auch ihren Beiträgen in Form von Geld.
Bei Dr. Susanna Bultmann-Horn – um mit diesem Beispiel zu beginnen – ist der Gedanke des Förderns von wesentlicher Bedeutung, und das im umfassendsten Sinn. Als pensionierte Ärztin und Dozentin an medizinischen Hochschulen in Wien und Schweden beschäftigt sie sich beruflich mit „Public Health“ und damit mit der Frage: „Wie bauen sich Resilienzen auf? Und was tun wir in einer immer herausfordernderen Welt? Klagen wir, jammern wir? Oder tun wir etwas dagegen?“ Musik hat das Potenzial, den Menschen zu stärken: als eine positive, heilende Kraft. Aus Sicht der Medizin kann es nur gut sein, Musik zu fördern und durch die Musik zu fördern – Erkenntnisse, die sich bei Susanna und Peter Bultmann-Horn freilich noch mit ganz persönlichen Erfahrungen verbinden.
„Eigentlich begann es damit, dass vor zwanzig Jahren am Heiligabend ein 18-jähriger Kolumbianer vor unserer Tür stand, in Sandalen und mit übergeworfenem Sakko, ein Musikstudent ohne Mittel, aber mit großem Talent. Man hatte Geld zusammengekratzt, dass er nach Europa fliegen konnte. Die Aufnahmeprüfung an der Musikuniversität bestand er, seine Professorin nahm ihn sogar daheim bei sich auf, aber über Weihnachten war er ohne Bleibe …“ Und so kam es, dass sich das Ehepaar Bultmann-Horn über Jahre des jungen Mannes annahm und ihn unterstützte. „Man sieht einfach, was es bedeutet, wenn man Menschen ein förderndes Umfeld schafft.“ Dass sie diese Haltung auch beim Musikverein antreffen – Konzerte für Flüchtlinge, wie sie 2015 stattfanden, sind ihnen da besonders in Erinnerung –, ist für das Ehepaar Bultmann-Horn ein Grund dafür, die Gesellschaft der Musikfreunde als Donatoren zu unterstützen. „Für uns“, sagt sie, „ist es sehr wichtig, dass der Musikverein sensibel mit diesen Themen umgeht und nicht sagt: ,Ja, wir sind elitär, und alles herum interessiert uns nicht‘, sondern da ist auch sehr viel Mitgefühl spürbar.“
Als „etwas ganz Besonderes“ hat Bettina Mantz, heute Förderin des Musikvereins, das Haus schon erlebt, als sie im Kindesalter hierherkam. Mit allen Sinnen nahm sie auf, was allein schon der Raum an Schönheit ausstrahlte, und dann erst das Berührende, Erhebende der Musik! Es war die Großmutter, die da gern einmal eine philharmonische Abonnementkarte an die Enkelin weitergab, sie selbst lernte klassische Gitarre bis zur Hochschulreife. „Das war damals mein Leben“, erzählt Bettina Mantz, „die Gitarre hat mich durch meine Sorgen, meine Freuden, meine Emotionen getragen.“ Aber immer war und ist Musik für sie auch ein großes Ganzes, so wie sie es im Musikverein erlebte: „ein Gesamtkunstwerk, an dem unendlich viele mitwirken. Und da ich heute selbst nicht als Musikerin auf der Bühne sitze, keine Sängerin bin, keine Vergolderin und keine Stukkateurin, beteilige ich mich anders. Denn für all das, für den laufenden Betrieb, das Bewahren wie das Fördern von Neuem, braucht es einen Rahmen – und schlichtweg auch Geld.“
Doch wer gibt, bekommt im Musikverein für seine Großzügigkeit auch etwas zurück. Und so weiß Bettina Mantz die regelmäßigen Veranstaltungen des Freundeskreises sehr zu schätzen, bei denen sie sich mit Gleichgesinnten austauschen und hinter die Kulissen des Musikvereins oder befreundeter Institutionen blicken kann – in jüngerer Vergangenheit etwa bei einer Führung zu Musiker-Ehrengräbern auf dem Wiener Zentralfriedhof durch Archivdirektor Johannes Prominczel oder einem Besuch des Beethoven Museums mit Intendant Stephan Pauly. Besondere Einblicke gewann sie kürzlich auch bei einer exklusiven Orgelpräsentation im Großen Musikvereinssaal durch Martin Haselböck: „Durch ihre optische Präsenz glauben wir die Orgel im Musikverein alle zu kennen – aber erst als ich in dem schmalen Gang hinter den Pfeifen stand, habe ich ermessen können, was die Königin der Instrumente eigentlich ausmacht.“
Die Prosa, auch jene des Geldes, gehört zur Poesie, das Elementare ist eine Bedingung des Schönen. Was dieses Schöne sein kann, wie tief es im Leben verankert ist und vorhanden auch dort, wo Schmerz, Leid und Tod beherrschend scheinen, hat Bettina Mantz in Beruf und Berufung viel erfahren und reflektiert. Als Begleiterin von Schwerkranken und Sterbenden arbeitete sie in Extremsituationen des Lebens. Die Musik ist da alles andere als „Ablenkung“ – sie ist Hinlenkung aufs Schöne, das es im Leben immer wieder neu zu erfahren gilt.
Der Musikverein gibt dem eine Form. In seiner Geschichte folgen Namen auf Namen, die sich mit seinem Bemühen um die Kunst verbinden. Die Tafeln im Foyer halten einige davon fest, eingraviert sind die der Stifterinnen und Stifter, die den Musikverein mit besonders hohen Beiträgen unterstützt haben. „Ing. Franz Schneider“ lautet die jüngste Eintragung auf diesen Tafeln. Dahinter verbirgt sich die berührende Geschichte eines Menschen, der das Leben liebte wie die Musik „in allen ihren Zweigen“. Im Zivilberuf Elektrotechniker bei der ÖBB, reiste er gern mit seiner Lebensgefährtin. Die beiden waren viel mit dem Rucksack unterwegs, und wo immer sie auf Musik trafen, regte sich die Leidenschaft, ins Konzert oder in die Oper zu gehen – und sei’s in Bergschuhen. In Wien war es dann der Musikverein, zu dem sich die beiden besonders hingezogen fühlten, ein Ort auch der schönen Erinnerung: 1976 hatten sie gemeinsam den Philharmonikerball eröffnet. Die Gesellschaft der Musikfreunde mit einem größeren Betrag zu unterstützen war ein Gedanke, den Franz Schneider schon lange hegte. Ganz in die Tat umsetzen konnte er ihn nicht mehr. Er starb überraschend früh. Seine Lebensgefährtin Silvia Schlossnickel schloss die Stiftung für ihn ab und in seinem Gedenken. „Wenn das Leben eine andere Wendung nimmt als geplant, ist eine Stiftung etwas Sinnvolles“, sagt sie. Das Andenken an einen Menschen verknüpft sich so mit zukunftsweisenden Projekten. Die Brücke führt über die Zeiten hinweg.
Ja, man könnte die Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde auch als Geschichte ihrer Finanzierung schreiben. Aber treffender ist’s, sie als Geschichte der Menschen zu schreiben. Ein Gesamtkunstwerk, komponiert aus der „Kunstliebe einzelner“.