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Der Wert des Schönen – Fokus Franz Welser-Möst

© Julia Wesely
In der Saison 2026/27 widmet die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ihrem Ehrenmitglied Franz Welser-Möst einen eigenen Konzertzyklus. Er führt das Cleveland Orchestra ein letztes Mal als Chefdirigent in den Musikverein und dirigiert an Beethovens 200. Todestag dessen „Missa solemnis“ am Pult der Wiener Philharmoniker und des Wiener Singvereins. Mit dem Chor des Hauses gestaltet er zum Saisonende auch Schuberts „Deutsche“ und Bruckners e-Moll-Messe.

Von Walter Weidringer

22.03.2026

„O bleib, geliebter Tag“, singt Daphne schon bei ihrem ersten Auftritt, „Nimm noch nicht Abschied! / Umgib noch nicht / Mit dem Rot der Wehmut mein Gesicht“. Am Ende macht sie eine Verwandlung durch, muss Adieu sagen – und kann dennoch bleiben, indem sie eine andere Gestalt annimmt, zum Lorbeerbaum wird.
Die Endlichkeit gehört unabdingbar zum Dasein, das Wissen um den Abschied, der irgendwann kommen wird. Abschied schwingt auch mit, wenn Franz Welser-Möst im Oktober ein letztes Mal als Chefdirigent des Cleveland Orchestra im Großen Musikvereinssaal gastiert, bevor er 2027 nach einem Vierteljahrhundert von dieser Position Abschied nimmt. Die Welt hat sich seit 2002 freilich weitergedreht und scheint dabei keineswegs sicherer geworden zu sein: „Ich glaube“, sagte Franz Welser-Möst jüngst in einem Interview, „die Kunst hat in einer Zeit, die als so angstbeladen und schwierig angesehen wird, die Aufgabe, etwas anderes zu verbreiten: Hoffnung zum Beispiel.“

Hoffnung also. Eine Hoffnung etwa, wie sie in tänzerischem Schwung und mit melodischem Charme Bohuslav Martinůs Symphonie Nr. 2 durchpulst, und das in schweren Zeiten: Die tschechische Auswandererbevölkerung Clevelands hat das Werk in Auftrag gegeben, 1943 wurde es vom Cleveland Orchestra unter Erich Leinsdorf uraufgeführt – ein liebenswürdiges Mitbringsel, und dazu die gleichfalls in strahlendem D-Dur endende Zweite von Johannes Brahms – sowie Franz Liszts „Orpheus“, der die transzendentale Kraft der Musik beschwört.
Dass das alles nicht ohne die Kenntnis von Leiden und Schmerz gehen kann und das Schöne nur Wert hat, wenn wir es als vergänglich erkennen, daran rührt der zweite Cleveland-Abend: mit einer von Franz Welser-Möst zusammengestellten Suite aus dem ganz in diesem Sinne entstandenen Alterswerk „Daphne“ von Richard Strauss  und Dmitrij Schostakowitschs düsterer Symphonie Nr. 8, zur gleichen Zeit entstanden wie Martinůs heitere Zweite.
Der Sakralmusik der Wiener Klassik und Romantik gelten die anderen beiden Abende in diesem Zyklus, selbstverständlich mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, in den Franz Welser-Möst längst als Ehrenmitglied aufgenommen ist. Das Schlichte, Innige von Franz Schuberts „Deutscher Messe“ findet da zuletzt in der herben Erhabenheit von Anton Bruckners e-Moll-Messe ihr Pendant. Zuvor aber, 200 Jahre nach Ludwig van Beethovens Tod, kommen der Singverein, die Wiener Philharmoniker und ein handverlesenes Soloquartett unter Welser-Mösts Leitung für die monumentale „Missa solemnis“ zusammen, die in ihrem durchaus von Zweifeln durchzogenen Gotteslob stilistisch die ganze Musikgeschichte zusammenfasst. Über der Partitur steht: „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen“.

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