Präzision war erst der Anfang – Ein Vierteljahrhundert Klangkultur: Franz Welser-Möst und das Cleveland Orchestra
Von Eric Sellen
27.07.2026
Mit Beginn der Saison 2026/27 ist Franz Welser-Möst zum am längsten amtierenden Musikdirektor in der Geschichte des Cleveland Orchestra geworden – und hat damit jeden seiner berühmten Vorgänger übertroffen. Bei seinem Abschied im Mai 2027 wird er das Orchester in mehr als 1.200 Konzerten geleitet haben. In einem Vierteljahrhundert als künstlerischer Leiter hat er mehr als die Hälfte der Musikerinnen und Musiker des Cleveland Orchestra berufen, darunter drei Viertel der Stimmführer. Er wird 23 Opern dirigiert haben (darunter sechs von Richard Strauss), die Uraufführungen von fast 30 neuen Kompositionen betreut und Einspielungen von mehr als 50 Werken mit dem Cleveland Orchestra veröffentlicht haben.
Die sich stetig weiterentwickelnde künstlerische Partnerschaft von Welser-Möst und Cleveland wurde auf mehr als zwanzig internationalen Tourneen sichtbar, mit Auftritten in 50 Städten in zwei Dutzend Ländern Europas und Asiens. Spitzenreiter unter den meistbesuchten Städten ist Wien, wo Welser-Möst und das Cleveland Orchestra gemeinsam 49 Konzerte gegeben haben werden. Weltweit haben nur die Heimatstadt Cleveland und Miami (mit einer jährlichen mehrwöchigen Residenz) mehr Auftritte des Orchesters unter seiner Leitung erlebt.
Franz Welser-Möst wurde im Juni 1999 als siebter Musikdirektor Clevelands bekanntgegeben, während Christoph von Dohnányis Amtszeit noch drei Spielzeiten andauerte. Es war ein reibungsloser und sorgfältig geplanter Übergang zu einer neuen Generation. Dohnányi, drei Jahrzehnte älter, hatte das Cleveland Orchestra erneuert, Disziplin und Integrität wiederhergestellt und zugleich neue Ansätze von Flexibilität in George Szells legendäre Präzision eingebracht.
Um den Aufbruch in eine neue Ära zu signalisieren, wurden Musiker, Mitarbeitende und sogar das Publikum von Anfang an gebeten, den neuen Dirigenten beim Vornamen zu nennen: Franz statt „Maestro“ oder „Herr Welser-Möst“. Es entstand ein neues Gefühl von Kollegialität und Zusammenarbeit, verstärkt durch das spürbare Empfinden, mit dem Verantwortlichen zu arbeiten statt für ihn. Der neue Chefdirigent war jung, freundlich, dynamisch und zugänglich.
Doch selbst inmitten der Feierlichkeiten zu Franz’ erster Saison war allen Beteiligten klar, dass Veränderungen Zeit brauchen, dass es vielleicht Jahre dauern würde, bis das Cleveland Orchestra jenes Potenzial ausschöpfen würde, das den Ausschlag für seine Wahl gegeben hatte. Franz hatte das Auswahlkomitee durch die Direktheit seiner Antworten auf die Frage nach seinem Interesse am Amt des Musikdirektors beeindruckt. Andere Finalisten konzentrierten sich darauf, Clevelands makellose Artikulation als Ensemble zu bewahren. Franz hingegen sagte, das Cleveland Orchestra könne noch besser werden. Sein Interesse galt nicht der Bewahrung, sondern der Weiterentwicklung.
Indem er Verantwortung für die Zukunft übernahm, war Franz überzeugt, seine Aufgabe bestehe darin, die Musiker dazu zu ermutigen, noch aufmerksamer aufeinander zu hören und noch unmittelbarer miteinander zu agieren – Qualitäten, für die Cleveland ohnehin schon berühmt war –, sowie neue Farbwelten und eine natürliche Flexibilität zu erschließen, die nur aus größerer Offenheit, Zusammenarbeit und Vertrauen entstehen können.
Eines war bereits anders: der Konzertsaal selbst. Die Severance Hall war 2000 nach umfangreichen Renovierungen wiedereröffnet worden. Die Arbeiten hatten die intime, kammermusikalische Qualität des Saals bewahrt und zugleich behutsam Resonanz und Tiefe hinzugefügt. Und obwohl Franz’ Vorgänger die Renovierung beaufsichtigt hatte, war es Franz, der dem Orchester helfen musste, die Feinheiten des Hörens und Spielens im neuen Glanz des Saals zu erlernen.
Bereits von seiner ersten Saison, 2002/03, an programmierte Franz Oper als festen Bestandteil des jährlichen Angebots in Cleveland, um seine Ziele zu erreichen – nicht nur, um dem Publikum musikalisches Erzählen nahezubringen, sondern auch als Mittel des Orchesteraufbaus.
„Oper aufzuführen ist ein unverzichtbarer Bestandteil für jedes große Orchester“, sagt Franz, „denn das Spielen dieser Art dramatischer Musik macht ein Orchester besser. Allein durch das Hören großer Sänger und das gemeinsame Musizieren lernen die Musiker eines Ensembles zu atmen, flexibler zu sein und auf den jeweiligen Moment nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen zu reagieren. Im besten Fall verschmelzen Sänger und Orchester zu einem Ensemble – sie denken, musizieren und atmen als Einheit.“
Opernproduktionen sind jedoch teuer – besonders in einem Konzertsaal, der ganz auf orchestrale Akustik ausgerichtet ist und nur wenige Möglichkeiten für theatrale Inszenierungen bietet. Zugleich eröffneten neue Technologien neue Möglichkeiten. Durch eine Vielzahl jährlicher Produktionen lernten Franz und die kostenbewussten Verantwortlichen eine alte Lektion neu: Nicht jede Oper muss vollständig szenisch aufgeführt werden. Viele wirken erstaunlich stark, wenn das Drama und die Szenerie der Fantasie des Publikums überlassen bleiben.
Andere Opern hingegen, deren Handlung vielschichtig oder rätselhaft ist, profitieren von kreativen Inszenierungen. Das Geld sollte dort eingesetzt werden, wo es wirklich einen Unterschied macht – wo Licht und Technik das Unmögliche real werden lassen. In der Praxis wechselten sich in Cleveland konzertante und szenische Aufführungen in schöner Regelmäßigkeit ab, stets mit gleichermaßen faszinierenden Ergebnissen.
Ein Beispiel für eine erweiterte Präsentation ist die allegorische Erzählweise in Janáčeks „Das schlaue Füchslein“. Diese 2014 für Cleveland von Regisseur Yuval Sharon entwickelte Produktion verband live agierende Sänger mit projizierten Animationen. Diese nahezu magische Inszenierung wurde 2017 im Wiener Musikverein wiederaufgenommen und gezeigt – einem weiteren legendären Saal, der für Opernproduktionen nicht leicht zu bespielen ist.
Zum Abschluss seiner letzten Saison in Cleveland hat Franz für Mai 2027 Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ gewählt – eine rätselhafte Oper par excellence –, in einer neuen Inszenierung von Frederic Wake-Walker, die die zeitlosen Fragen des Werks ausloten und gewiss manches Geheimnis bestehen lassen wird. Zentrale Themen der „Frau ohne Schatten“ stehen auch im Fokus des neuen interdisziplinären Festivals für Kunst und Geisteswissenschaften in Cleveland, das seit fünf Jahren jeweils von der aktuellen Opernproduktion ausgeht.


Franz begegnet der Musik mit offenem Herzen und offenem Geist – intellektuell, spirituell und emotional. Er führt einen dichten Terminkalender, reserviert sich jedoch stets Wochen zum Studium und zur Kontemplation. Er findet tiefe menschliche Verbundenheit im Dirigieren, tut dies aber nur mit klarer Zielsetzung und an Orten, an denen er das Leistungsniveau erreichen kann, das jedes Werk seiner Überzeugung nach verdient.
Er programmiert mit Bedacht und vermeidet oft das Offensichtliche zugunsten überraschender musikalischer Verbindungen über Jahrhunderte hinweg, in denen sich emotionale Tiefe und geistige Klarheit vereinen. Mit etwas Vermittlung und Zuspruch hat er gezeigt, dass das Publikum durchaus bereit ist, sich auch auf die anspruchsvollsten Werke einzulassen und ihnen mit offenen Ohren zu begegnen.
Als sich das Jubiläum 100 Jahre Cleveland Orchestra im Jahr 2018 näherte, wurde Franz gebeten, aus Popularitätsgründen einen Zyklus der neun Beethoven-Symphonien zu programmieren. Zunächst sagte er Nein. Doch statt die Bitte einfach abzulehnen, entwickelte er einen Plan, die Symphonien philosophisch neu zu betrachten – nicht nur als Musik, sondern als klangliche Zeugnisse sich wandelnden philosophischen Denkens. Das daraus entstandene „Prometheus Project“, mit Programmanmerkungen von Franz sowie Essays über die Aufklärung, griechische Götter und den sich verändernden Platz der Menschheit im Universum, wurde nicht nur in Cleveland, sondern international – in Wien und Tokio – präsentiert.
Während seiner Jahre in Cleveland hat sich Franz Welser-Möst als ein äußerst menschlicher Musikdirektor erwiesen. In vieler Hinsicht ist er ein Sohn – oder vielmehr Ur-Ur-Ur-Enkel – der Aufklärung: geboren lange nach jener geistigen Bewegung, die den Menschen dazu ermutigte zu erwachen, Fragen zu stellen, vernünftig zu denken und Hoffnung zu stiften. Trotz der zahlreichen Erschütterungen, die die Gegenwart prägen, glaubt Franz daran, dass die Menschheit fähig ist, sich zum Guten weiterzuentwickeln. Und dass die Künste dabei eine entscheidende Rolle spielen können – indem sie Menschen miteinander verbinden.
Denn Musik ist nicht bloß Notentext oder die Anzahl der gespielten Konzerte. Musik hat Gehalt. Musik entsteht im Jetzt, im Augenblick. Man hört zu, man reagiert aufeinander, man versteht. Franz und die Musiker des Cleveland Orchestra beherrschen dies auf brillante Weise – sie treiben einander gegenseitig an und erreichen gemeinsam höchste musikalische Regionen, scheinbar völlig mühelos und über jegliche denkbare Grenze hinweg.
Erfüllt von den Emotionen eines ganzen Musikerlebens wird Franz die Leitung des Cleveland Orchestra an seinen gewählten Nachfolger übergeben. Doch es wird immer nur einen Franz Welser-Möst geben, der nach allen Maßstäben weit mehr erreicht hat, als selbst er sich vor einem Vierteljahrhundert hätte vorstellen können.
Donnerstag, 15. Oktober 2026
The Cleveland Orchestra
Franz Welser-Möst I Dirigent
Franz Liszt
Orpheus. Symphonische Dichtung
Bohuslav Martinů
Symphonie Nr. 2
Johannes Brahms
Symphonie Nr. 2 D-Dur, op. 73
Freitag, 16. Oktober 2026
The Cleveland Orchestra
Franz Welser-Möst I Dirigent
Richard Strauss
Suite aus der Oper „Daphne“
Dmitrij Schostakowitsch
Symphonie Nr. 8 c-Moll, op. 65