„Mit dem Sehen wird man eigentlich nie fertig“ — Felix Kammerer im Interview
Von Markus Siber
06.10.2026
Sie geben im November Ihr Musikvereinsdebüt. Als Sohn von Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer kennen Sie das Haus wohl aber schon aus Ihrer Kindheit. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Ort?
Ich habe hier unglaublich viel Zeit verbracht – unzählige Stunden in den Garderoben, im Goldenen Saal, auf diesen Gängen, durch die ich schon als kleines Kind gelaufen bin. Heute fühlt sich das fast wie eine vergangene Welt an.
Sie haben als Kind mehrere Instrumente gelernt. Spielt diese musikalische Erfahrung heute noch eine Rolle für Ihre Arbeit als Schauspieler?
Als Kind habe ich Geige, Klavier und Cello gelernt – allerdings nichts davon besonders lange und mit unterschiedlich großem Interesse. Durch meine Familie war mir Musik so nahe, dass ich davon vielleicht sogar ein bisschen übersättigt war. Vor allem das Üben war für mich oft eine Qual. Geblieben ist trotzdem einiges: das genaue Auseinandersetzen mit einer Materie, aber auch ein Gefühl für Rhythmus und Musikalität. Beides hilft mir heute sehr bei der Arbeit mit Sprache und bei der Dramaturgie einer Rolle.
Welches musikalische Genre entspricht Ihnen heute am meisten?
Als Jugendlicher habe ich sehr viel Jazz und klassische Musik gehört. Mittlerweile gilt mein Interesse vor allem elektronischer Musik. Ich mag die Analytik dahinter, ich mag die Struktur, die Systematik.
Man hört, dass Sie sich auf Ihre Rollen mit selbstzusammengestellten Playlists einstimmen. Zuletzt standen Sie für den Spionagefilm „Legacy of Spies“ vor der Kamera. Was war ihr persönlicher Soundtrack für diesen Streifen?
Bei „The Legacy of Spies“ kam ich auf das Genre eher durch Zufall. In dieser Serie verkörpere ich eine Figur, die hoch gewalttätig, schwer manipulativ und extrem skrupellos ist, dabei aber großen Spaß empfindet und wahnsinnig effektiv ist. Dafür fand ich Big Beat sehr passend: Musik, die zum Teil hart und gewaltvoll klingt, mit harten Rhythmen, aber gleichzeitig eine gewisse Form von Funk, Energetik und Freude ausstrahlt.
Sie wählen Ihre Projekte sehr bewusst aus. Im Musikverein werden Sie gemeinsam mit Katharina Lorenz aus dem Briefwechsel von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé lesen. Was reizt Sie daran?
Rilke hat mich immer schon fasziniert, vor allem in seiner Zerrissenheit zwischen weichen, romantischen Tönen, die aber die Härte und das Chaos des Lebens nicht negieren. Da steckt sehr viel Schmerz und sehr viel Verlorenheit drin, die aber immer auch das Gute und die Schönheit in allem sieht. Eine gewisse Form von Verwunderung darüber, wie ein so grausames Leben auch so viele schöne Momente in sich tragen kann. Und das fasziniert mich auch privat bis heute. Man sieht so viel Durcheinander und Verstrickung und Chaos überall, und trotzdem liegt in so vielen Momenten etwas Ästhetisches, Schönes, Ruhevolles, Liebevolles. Diesen Widerspruch hat Rilke meiner Meinung nach auch in seinen Briefen perfekt zu Papier gebracht.
Die Altersdifferenz zwischen Ihnen und Katharina Lorenz entspricht in etwa jener zwischen den Protagonisten. Macht das für eine solche Lesung einen Unterschied? Was schätzen Sie an Katharina Lorenz besonders?
Der Reiz von Lesungen liegt ja unter anderem darin, dass ihnen das szenische Element fehlt. Wenn die beiden Lesenden allerdings den Altersunterschied relativ gut repräsentieren, entsteht dadurch automatisch ein gewisses szenisches Moment, das der Lesung einen Mehrwert geben kann, der über den Text hinausgeht. Ich habe schon mehrmals mit Katharina Lorenz zusammengearbeitet und war immer fasziniert von ihrer ruhigen, besonnenen Art, ihrer liebevollen Sprache, die aber nicht davor zurückschreckt, auch ins Absurde und Harte zu gehen.
Rilke wird erstaunlich viel von jungen Menschen gelesen und zitiert, wird vielfach auch als eine Art Ersatzreligion verstanden. Hatten Sie selbst einmal eine Rilke-Phase?
Ja, am Anfang meines Studiums, als ich ungefähr 21 war, habe ich sehr viel von ihm gelesen. Vor allem die „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ haben mich beschäftigt. Das war eine Phase in meinem Leben, in der ich selbst sehr auf der Suche war und vieles von den Umständen und Strukturen, in denen ich mich bewegt habe, hinterfragt habe. Diese Verlorenheit bei Malte, dieses genaue Beobachten der Welt und gleichzeitig das Gefühl, keinen selbstverständlichen Platz darin zu haben, hat mich damals sehr angesprochen. Heute fühle ich mich dem Buch nicht mehr auf dieselbe Weise verbunden. Aber wenn ich darauf zurückblicke, merke ich, dass es für mich eine sehr jugendliche und gleichzeitig wichtige Leseerfahrung war, die mir in dieser Zeit tatsächlich geholfen hat.
Gibt es einen Satz von Rilke, an dem Sie tatsächlich einmal hängen geblieben sind – vielleicht sogar einen, der Ihnen irgendwann geholfen hat?
Ja, es gibt einen sehr einfachen Satz aus dem „Malte“, der mir geblieben ist: „Ich lerne sehen.“ Der klingt zunächst fast banal, aber ich finde, dass darin unglaublich viel steckt. Dieses Bewusstsein, dass Sehen eben nicht nur bedeutet, die Augen aufzumachen, sondern dass man lernen muss, genauer hinzuschauen, Dinge auszuhalten und vielleicht auch Widersprüche wahrzunehmen, ohne sie sofort auflösen zu wollen. Das hat für mich natürlich auch sehr viel mit Schauspiel zu tun. Im Grunde besteht ein großer Teil der Arbeit darin, Menschen zu beobachten und immer wieder festzustellen, dass die erste Wahrnehmung einer Figur oder einer Situation selten die interessanteste ist. Auch privat finde ich den Gedanken übrigens schön, dass man mit dem Sehen eigentlich nie fertig ist.


“Mode ist für mich nicht nur, wie für Rilke, eine Schutzhülle gegen die Umwelt, sondern auch ein Ausdruck meiner selbst in unterschiedlichsten Situationen.”
Rilke legte großen Wert auf seine Kleidung, sah sie geradezu als eine Art ästhetischen Schirm gegen die Umwelt und betrachtete die aufkommende Massenmode als Verlust an Individualität. Welches Verhältnis haben Sie selbst zu Kleidung und Mode?
Mode ist für mich seit Langem ein Steckenpferd. Sie ist für mich nicht nur, wie für Rilke, eine Schutzhülle gegen die Umwelt, sondern auch ein Ausdruck meiner selbst in unterschiedlichsten Situationen. Meine Art, mich zu kleiden, kann sich jeden Tag verändern. Jeden Tag habe ich die Möglichkeit, ein anderes Gesicht aufzusetzen. Fühle ich mich stark und selbstbewusst, werde ich mich anders anziehen, als wenn ich unsicher oder schlecht gelaunt bin. Dann möchte ich mich vielleicht eher verstecken. Diese Fähigkeit, sich mit Mode auszudrücken, sich zu schützen, aber sich auch zu unterstützen, ist für mich eine der spannendsten kulturellen Techniken, die ich kenne.
Das Schreiben von Briefen ist in Zeiten von Chats und permanenter Erreichbarkeit aus der Mode gekommen. Trotzdem gibt es Menschen, die Briefe ganz bewusst mit der Hand schreiben. Gehören Sie dazu?
Briefe auf Papier schreibe ich keine mehr, wichtige Gedanken notiere ich mir aber ganz bewusst handschriftlich, um sie besser zu verstehen – besonders bei der Arbeit an Rollen. Das ist unmittelbarer, für mich leichter zu verstehen und der direkteste Weg aus dem Kopf aufs Papier. Bei allem, was ich schreibe, auch in der digitalen Kommunikation, achte ich jedenfalls auf orthographische Richtigkeit. Vor allem das Setzen von Punkten ist mir wahnsinnig wichtig. Ich glaube, es verändert das Denken, wenn man, wie so oft in Chats, keinen Punkt mehr hinter Sätze setzt.
Sind Sie eigentlich, der unglaublich schnelle Erfolg legt es nahe, ein Glückskind?
Meine Eltern sagen immer wieder, dass ich ein unglaubliches Glückskind bin. Schon der Name Felix legt es nahe: der Glückliche – wobei das weniger mit Glückhaben als mit Glücklichsein zu tun hat. Fest steht, dass ich das unglaubliche Glück hatte, mit meiner ersten Filmrolle in „Im Westen nichts Neues“ einen enormen Erfolg zu haben, der mir im weiteren Verlauf alle Türen zu Räumen geöffnet hat, in denen ich heute arbeiten darf.
Privat ist privat, aber eine Frage sei am Ende dennoch erlaubt: Ihre Mutter hat auf den Bühnen dieser Welt immer wieder gerne Wiegen- und Kinderlieder in ihre Programme eingestreut. Singt sie diese als Großmutter für Ihre kleine Tochter heute manchmal wieder?
Ja, ich glaube, meine Mutter singt gelegentlich mit meiner Tochter. Allerdings eher, weil meine Tochter, die sehr von Musik fasziniert ist, zu singen beginnt. Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt.
Samstag, 7. November 2026
Felix Kammerer I Rezitation
Katharina Lorenz I Rezitation
Dominik Ilisz I Klavier
„Durch Dich will ich die Welt sehen.“
Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé, ergänzt durch ausgewählte Texte und Gedichte sowie Klaviermusik von Tschaikowskij, Rachmaninow, Bach/Busoni, Pejačević, Poulenc u. a.